Tagesarchiv für den 24. Oktober 2011

Fink lässt im Pokal rotieren – gleich auf sieben Positionen?

24. Oktober 2011

Oha. Dass Thorsten Fink über ein gesundes Selbstvertrauen verfügt, war und ist uns wohl allen bekannt. Auch, dass er im Pokalspiel am Dienstag beim Favoritenschrecke Eintracht Trier rotieren will. „Es geht mir dabei auch darum, den Spielern auf der Bank zu zeigen, dass ich ihnen vertraue. Nur auf der Bank sitzend können sie sich nicht entwickeln, sich mir nicht optimal präsentieren. Und ich bin mir sicher, dass sie das machen werden.“

So weit, so gut. Dass Fink allerdings auf gleich sieben Positionen Änderungen einplant, erscheint dann trotz des Drei-Ligen-Unterschiedes gegenüber Trier sehr mutig. Gojko Kacar, Gökhan Töre (beide Knieprobleme) und Mladen Petric (Prellung auf dem Spann) werden aller Voraussicht nach nicht mit nach Trier reisen. Fink: „Sie könnten theoretisch spielen. Aber ein Teil meiner Philosophie ist, angeschlagene Spieler in Englischen Wochen draußen zu lassen.“ Zudem sieht Fink keine Gefahr darin, der zweiten Reihe eine Chance zu geben. „Wir haben einige Spieler, die sehr viel Geld gekostet haben und die dem Verein etwas zurückgeben sollen. Trier ist ihre Chance, sich zu empfehlen.“

Und Trier ist die mit Sicherheit größte Chance für den HSV, kommende Saison international dabei zu sein. „Der Pokal ist ein wichtiger Wettbewerb für uns“, stellte Sportchef Frank Arnesen zuletzt heraus, „und wir nehmen den Pokal sehr ernst.“ Eine Aussage, die durchaus weiter Bestand haben kann, sollte der HSV in Trier gewinnen. „Unsere Vorgabe ist, das Spiel zu dominieren, möglichst nichts zuzulassen und am besten schnell ein Tor zu erzielen.“

Und das mit Marcus Berg und Heung Min Son im Sturm. Zumindest wäre dem so, wenn das heutige Training als Generalprobe hergehalten hat. Dort ließ Fink Jaroslav Drobny im Tor spielen, setzte Michael Mancienne auf die Rechtsverteidigerposition. Zusammen mit Heiko Westermann und Slobodan Rajkovic als Innenverteidiger sowie Dennis Aogo links bildete der Engländer die Viererkette. Davor dürften der Trainingsaufstellung zufolge David Jarolim und Robert Tesche das Zentrum bilden, flankiert von Dennis Diekmeier rechts und Zhi Gin Lam auf links. Im Angriff wirbelten – wie oben bereits erwähnt – Berg und Son.

Fink begibt sich mal wieder auf dünnes Eis. Sieben Änderungen sind schon massiv. Und das gegen Trierer, die unter Profibedingungen arbeiten und zuletzt den FC St. Pauli aus dem Pokalwettbewerb herausgekegelt haben. „Trier ist gefährlich, das müssen wir uns klar machen. Die haben einen Bundesligisten rausgehauen und glauben an die Sensation. Deshalb muss es unsere primäre Aufgabe sein, denen ihren Glauben zu nehmen.“ Und da Fink von einem dominant erzielten Sieg überzeugt ist, verzichtet der neue HSV-Cheftrainer zudem darauf, Elfmeter zu üben. Positiv ausgedrückt: der Mann ist selbstbewusst und hat Mut.

Videos vom Gegner werden ebenfalls nur kurz gezeigt. „Wir werden auf deren Stärken nur kurz eingehen. Wichtiger ist, dass wir unsere herausarbeiten und uns auf unser Spiel besinnen“, sagt Fink. Ob es nichts gibt, was den HSV in Trier aus der Bahn werfen könnte? „Wir sollten ein Spiel vor uns haben, in dem wir nicht viel hinterherlaufen. Nur wenn die sich hinten reinstellen und wir deren Konter nicht unterbinden können, könnte es uns aus der Bahn werfen. Aber dafür hat die Mannschaft zu gut trainiert.“

Knackige Worte. Knackige Entscheidungen. Fink spielt das ganz große Blatt aus. Kein Pokern, sondern gerade heraus formulierte Selbstüberzeugung. Und alles mit Weitblick. Sagt Fink selbst. „Wir haben in Trier und dann am Sonntag mit Kaiserslautern als direkten Konkurrenten zwei sehr schwierige Aufgaben vor uns, die wir unbedingt gewinnen müssen. Und die besten Chancen auf zwei Siege haben wir meines Erachtens nach, wenn alle Spieler auf dem Platz topfit sind.“ Und dafür müsse er rotieren. Ob Fink dafür die richtige Dosierung zeigen Recht hat, wird morgen das Ergebnis zeigen.

Allerdings bin ich gespannt, inwieweit sich die zweite Reihe bewährt. Im Training knipst kaum ein Stürmer mehr als Marcus Berg. Der Schwede beweist von Einheit zu Einheit, dass er ein starker Vollstrecker ist. Allerdings einer, der Probleme hat, am Aufbauspiel aktiv teilzunehmen. Das wiederum kann Heung Min Son (der zudem zuletzt in Freiburg als Torschütze auftrat). Von daher kann die Paarung Berg/Son durchaus interessant und mit Sicherheit auch erfolgreich sein.

Dahinter bekommt David Jarolim eine neue (und letzte?) Chance auf das zentrale Mittelfeld. Der Tscheche war bei gefühlt allen HSV-Trainer der letzten Jahre zunächst nur zweite Wahl, ehe er sich über nimmermüden Einsatz ins Team zurückkämpfte. Ob Jarolim sich auch diesmal durchsetzen kann? Eine Frage, die ich aktuell mit nein beantworten würde. Zu stark waren Kacar und Rincon gegen Wolfsburg, zu sehr wurden die beiden von Fink und Arnesen gelobt. Berechtigterweise. Ich glaube eher daran, dass Jarolim im Laufe der Saison von einer Sperre oder Verletzung seiner Konkurrenten (was er selbst niemandem wünscht, das weiß ich) profitieren könnte.

Dass Diekmeier mit seiner Schnelligkeit – darauf legt Fink allgemein aber insbesondere bei den offensiven Außenspielern Wert – auf rechts eine Chance bekommt, ist fast schon logisch. Ebenso, dass hinten rechts Mancienne von Beginn an ran darf. Der Engländer spielte die Position in dieser Saison bereits. Er dürfte ebenso wie Tesche im zentral-defensiven Mittelfeld keine große Eingewöhnungszeit brauchen.

Ihr seht also, alle Positionswechsel sind erklärbar und in sich nachvollziehbar. Allerdings in der Quantität zu hinterfragen. Jeder, der schon mal Fußball gespielt hat, dürfte die Situation kennen. In vermeintlich weniger schweren/entscheidenden Spielen (zumeist Freundschaft- oder frühe Pokal-Spiele) testen Trainer gern die zweite Reihe. Werden dabei ein, zwei oder drei Positionen ausgetauscht, verliert die Mannschaft wenig von ihrer Eingespieltheit. Dabei können dann auch die ein, zwei oder drei Neuen schneller und besser glänzen, als wenn nur noch drei, vier Stammspieler auf dem Platz stehen und eine natürliche Gewöhnungsphase gebraucht wird.

Ich hoffe darauf, dass Finks Entscheidung richtig ist. Damit würde er einen wichtigen Etappensieg einfahren. Zum einen würde er für seinen Mut belohnt, seine eh schon relativ fraglos akzeptierten Entscheidungen würden künftig wahrscheinlich noch weniger hinterfragt. Zudem würde er die Stimmung innerhalb der Mannschaft, insbesondere bei den Reservisten, deutlich verbessern. Und ganz nebenbei würde er die nächste Pokalrunde erreichen – wodurch der HSV zusätzliche Einnahmen generieren würde.

Es ist der berühmte Ritt auf der Rasierklinge. Aber irgendwie scheint Fink den zu mögen. Und bisher hat er ihn ja gemeistert.

In diesem Sinne, morgen melde ich mich aus Trier bei Euch. Ich werde dort in Personalunion für den Printteil wie auch für den Blog arbeiten. Pünktlich mit Schlusspfiff – und dem damit verbundenen Einzug in die dritte DFB-Pokalrunde.

Bis morgen,
Scholle (17.46 Uhr)

Kurz notiert:
Angesetzt:
Robert Hartmann aus Wangen leitet die zweite Runde zwischen Trier und dem HSV. Der 32-jährige Diplom-Betriebswirt ist seit 2005 DFB-Schiedsrichter. Seit Anfang 2011 ist er auch in der Ersten, und der HSV hat gute Erinnerungen an ihn. Hartmann leitete die Heimpartie gegen den 1. FC Köln (6:2) – den bislang letzten Heimsieg in der Imtech Arena.

Ausfall: Romeo Castelen pausierte heute erneut. Den Niederländer plagt weiter eine Reizung im Kniegelenk. „Das Gelenk hat sich noch nicht beruhigt. Er hat immer noch Schmerzen, die ihn hindern“, erklärte Thorsten Fink.