Tagesarchiv für den 23. Oktober 2011

Eine gefühlte Niederlage, die Hoffnung macht

23. Oktober 2011

Ich hasse Verlieren. Und das Spiel gegen Wolfsburg war für mich eine gefühlte Niederlage – weil der HSV seine Überlegenheit nicht genutzt hat und somit zwei Punkte verschenkt hat. 59 Prozent Ballbesitz, 20 zu sieben Torschüsse (davon hatte Guerrero mit acht die meisten auf dem Platz) – all das führte „nur“ zu einem einzigen Punkt. Allerdings, und diese Niederlage gestehe ich mir ein, es war nicht so schlecht wie mein gestriger, sehr hastig verfasster Blog es vermittelt hat. Nein, bis auf ein, zwei Ausnahmen spielte der HSV leidenschaftlich und hatte bis zur 70. Minute allemal Chancen genug, um das Spiel für sich zu entscheiden.

„Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie will“, resümierte Thorsten Fink nach seinem ersten Bundesliga-Punkt als Trainer zufrieden. Der neue Cheftrainer hatte ein Team gesehen, dass sich nach dem frühen Schock durch Mandzukic nicht hängen ließ und zum allemal verdienten Ausgleich kam. „Man hat schon deutlich die Handschrift des neuen Trainers gesehen“, waren sich die Spieler nach dem Spiel einig. Allein, Fink sah das anders. „Nach vier Einheiten wäre es vermessen, von einer deutlichen Handschrift zu sprechen. Aber es gab schon einige Dinge, die ganz gut geklappt haben“, so Fink, „aber eben auch einige Dinge, die noch verbessert werden müssen.“

Klar. Wäre es anders, würde der HSV nicht auf dem vorletzten Tabellenplatz stehen. „Ich gehe davon aus, dass es nur eine Momentaufnahme ist. Wir stehen auf dem Platz auf dem wir stehen, weil wir schlecht in die Saison gestartet sind. Wir müssen uns zukünftig stabilisieren, das wissen wir“, sagte Vorstandsboss Carl Jarchow heute morgen beim KIA-Doppelpass in München. Und erlegte noch nach: „Gegen Wolfsburg haben wir vom System her anders gespielt – mit zwei Sechsern. Kacar hat das gut gemacht. Wir haben nach vorne gut gearbeitet. Die Statistik zeigt es ja auch. Man sieht eine positive Entwicklung.“

Stimmt. Jaroslav Drobny gewinnt zunehmend an Sicherheit. Der Tscheche rettete mit einer starken Parade sogar unmittelbar vor Ultimo den einen Punkt. Die Defensive stand bis auf die Szene zum 0:1 gut. Das Mittelfeld gefiel mir persönlich nur partiell, aber es produzierte Torchancen en masse. Hätten Mladen Petric und Paolo Guerrero noch wenigstens einmal etwas genauer gezielt, der HSV hätte das Spiel gewonnen. Locker. Aber gut, das hatte ich ja bereits eingangs erwähnt.

Dennoch war es ein Spiel, das Hoffnung geweckt hat. Auch bei mir. So sah es auch Sportchef Frank Arnesen: „Es war sicherlich unser bestes Spiel der Saison gegen eine starke Mannschaft. Diego Benaglio war bei Wolfsburg sicherlich am besten, denn er musste viele Chancen parieren. Mir hat besonders die Mentalität unserer Spieler gefallen. Sie haben nie aufgegeben und um jeden verlorenen Ball gekämpft. Da konnte man den Stil von Thorsten Fink erkennen: Wir wollen unsere Spiele dominieren.“ Was sich auch in den enttäuschten Worten einiger Spieler wiederspiegelte – der Anspruch und das Selbstverständnis sind gewachsen. „Ich bin enttäuscht, weil wir keinen Dreier Zuhause geholt haben. Ich freue mich aber auch darüber, wie wir gespielt haben. Wir hatten viel Ballbesitz und haben den Gegner früh attackiert. Der Trainer hat seine Philosophie in den wenigen Tagen gut rübergebracht, was man in unserem Spiel sehen konnte“, sagt Petric. Die Mannschaft habe begriffen, dass sie aktiv sein muss, dass sie das Spiel führen muss, um zu gewinnen. Es wird offensiv gesprochen – und eben so agiert. „Man hat gesehen, dass wir uns mehr zugetraut haben“, sagte Petric am Sonnabend nach dem Spiel, „und das werden wir so beibehalten.“

Ein Test dafür folgt am Dienstag im DFB-Pokal in Trier, wo Fink rotieren lassen will. Wie viel er im Vergleich zum Wolfsburg-Spiel verändern will, ließ er allerdings noch offen. „Ich werde im Training genau hinsehen und mich dann entscheiden. Denn das Spiel ist gut für uns. So können sich auch die präsentieren, die gegen Wolfsburg auf der Bank saßen. Da können wir erneut gewisse Automatismen üben und verfestigen.“

Einer, und darüber freue ich mich besonders, ist das defensive Mittelfeld mit Tomas Rincon und Gojko Kacar. Der Serbe erhielt nach dem Spiel viel Sonderlob von seinen Mitspielern – und von Fink. „Gojko hat ein starkes Spiel gemacht. Er war sehr präsent, hat versucht, das Spiel zu lenken“, so der HSV-Coach mehr als zufrieden. Zwar hatte Rincon mit 82 Ballkontakten den meisten Ballbesitz aller Akteure auf dem Platz, aber den entscheidenden Pass zum 1:1. „Gojko sollte in der zweiten Halbzeit auch als Spielmacher fungieren“, so Fink, der mit diesem Schachzug sehr zufrieden war.

Kacar und Drobny dürfen sich als die großen Gewinner des Unentschiedens fühlen. Zwei Spieler, die in ihrer Zeit beim HSV bislang nicht allzu viel zu Lachen hatten. Und zwei Spieler, für die ich mich auch deshalb besonders freue, weil sie beide tadellose, bescheidene und ehrliche Sportsmänner sind.

Und nachdem ich meinen Rechner sehr zeitaufwendig und komplett restauriert habe (besser gesagt: es machen lassen), freue ich mich über den kleinen HSV, der gerade den FC Bayern besiegt hat. In diesem Sinne, morgen melde ich mich nach der Runde mit dem Trainer bei Euch.

Euch noch einen schönen Restsonntag! Bis morgen!

Scholle (19.40 Uhr)