Tagesarchiv für den 21. Oktober 2011

Lasst den Worten Taten folgen!

21. Oktober 2011

Ich muss ganz ehrlich sagen, es ist ein gutes Gefühl. Es fühlt sich sogar richtig gut an, dass beim HSV wieder offensiv gedacht wird. Und damit meine ich nicht die Taktik auf dem Platz, sondern das Selbstverständnis. Es wird nicht mehr über den Gegner als über sich gesprochen. Es heißt nicht mehr, dass der Gegner richtig stark ist und man auf der Hut sein müsste. Nein, endlich wird über die eigene Mannschaft gesprochen, die eigenen Stärken hervorgehoben. Kurzum: Endlich geht der HSV mal nicht als selbst ernannter Außenseiter in die Partie. Der neue Trainer bringt Feuer rein, fördert das Selbstvertrauen und vermittelt Aufbruchstimmung. Und er lebt sie vor. Sogar mit der Auswahl seiner Trainer-Assistenten.

Denn, einen Günter Kern in allen Ehren, aber ich glaube, ich weiß, warum Thorsten Fink auf die Dienste seines langjährigen Fitnesstrainers Nikola Vidovic zurückgreift. Genau genommen brauchte der 46-Jährige dafür heute 15 Minuten, in denen er uns seinen wahrlich sehr spannenden Werdegang aufzeigte. Als Jugendlicher in allen Sportarten zuhause, studierte der Kroate im damaligen Jugoslawien in Zagreb Sportwissenschaften. Frisch bestanden, wurde er zum Fitnesstrainer der Volleyballnationalmannschaft berufen, ehe er das gleiche Amt bei der Basketballnationalmannschaft übernahm. „Ich hatte mir alles mühsam aufgebaut und fast alles erreicht, was ich mir bis dahin erhofft hatte – und dann musste ich weg. Ich bin froh, dass ich überlebt habe.“ Zudem habe er Dinge gesehen, die ihn hart gemacht hätten. Heute sagt Vidovic: „Mich kann nichts mehr erschüttern. Ich genieße jeden neuen Tag.“

Seine Heimatstadt Rukova war zu Beginn der Jugoslawienkriege 1991 zu großen Teilen zerstört worden. „Zum Glück hat ein Großteil meiner Familie überlebt“, erzählt der Modellathlet, „aber wir mussten das Land verlassen.“ Vidovic zog es daraufhin nach Deutschland, nach München. Mit Aushilfsjobs bei McDonalds, bei einem Brotfabrikanten als Fahrer und Ausbilder von studentischen Hilfskräften sowie als Türsteher einer Promi-Disco schlug sich der heute 46-Jährige durch. Immer mit dem Augenmerk auf den Sport, den er parallel als Fitnesstrainer in einem Fitnessstudio lehrte. „Irgendwann habe ich dann Thorsten Fink kennengelernt, nachdem er sich einen Knorpelschaden hatte operieren lassen. Ich habe ihn trainiert und er war angetan“, erzählt der einstige Kickboxer. Apropos: das Kickboxen hatte Vidovic begonnen, nachdem er mit 17 von anderen Jugendlichen schwer verletzt worden war. Dass der diplomierte Sportlehrer es so lange trainierte, bis er die höchste Ehre des Landesmeisters errungen hatte – es scheint ihn als extrem ehrgeizigen Typen nur zu gut zu beschreiben.

Vidovic ist einer, der nur gewinnen kann. Zumindest hört er nie auf, bis er sein Ziel erreicht hat. Sagt er. Er scheint so zu sein, wie Fink sich selbst beschreibt – und was Fink von seinen Spielern und Trainerassistenten verlangt. „Wir verstehen uns blind“, sagt Vidovic, der sich für den koordinativen und präventiven Bereich wie Stabilisations- und Schnelligkeitstraining verantwortlich zeichnet. „Ich bin aus Basel nur deshalb gewechselt, weil wir uns zu 100 Prozent vertrauen.“

Wohl noch keine hundert Prozent, aber zumindest etwas mehr Vertrauen verspürt indes Marcell Jansen. Der Linksfuß, der zuletzt unter keinem seiner insgesamt acht Trainer beim HSV durchgehend gesetzt war, scheint dies zumindest für die Partie am Sonnabend gegen Wolfsburg (18.30 Uhr, Imtech-Arena) zu sein. Im Abschlusstraining durfte der „Nationalspieler im Wartestand“ wie schon in der Woche beim Testkick gegen die eigene U23 links offensiv agieren. „Ich bin richtig heiß. Zuletzt lief es für mich nicht so gut, ich hatte kaum komplette Spiele und es ging drunter und drüber. Aber ich habe nie gemault und mich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt. Jetzt zählt für mich nur das Spiel gegen Wolfsburg. Es ist ein Anfang.“

Und den geht nicht nur Jansen mit einer gehörigen Portion neuen Selbstvertrauens an. „Es war ein sehr positives Signal vom Verein, jetzt einen Trainer zu installieren, mit dem man langfristig plant. Davor wirkte es manchmal etwas provisorisch. Aber das jetzt war für alle eine ganz wichtige Entscheidung.“ Eine, die in der Mannschaft hervorragend aufgenommen wird, wie Jansen verrät. „Es herrscht bei uns in der Kabine schon eine Stimmung, dass alle begriffen haben, dass es jetzt richtig los geht. Alle wissen, dass es außergewöhnlich ist, dass ein Trainer, der eben noch mit seiner Mannschaft in der Champions League im Old Trafford gegen Manchester United gespielt hat, in die Bundesliga zum Tabellenletzten wechselt. Er hatte die Creme de la Creme vor sich – und hat sich trotzdem für den HSV entschieden. Das ist schon beeindruckend. Für alle von uns.“

Fink hat demnach sein erstes Etappenziel erreicht: die Mannschaft nimmt seine optimistische und sehr selbstsichere Art an und scheint sich über eigene Stärken bewusst zu werden. Nachdem der letzte Heimsieg schon mehr als sieben Monate zurückliegt, auch ein notwendiges Zeichen an die Mannschaft: „Seit Dietmar Beiersdorfer gehen musste, danach Jol und Labbadia – schon da haben viele nicht das Vertrauen gespürt. Da waren alle irgendwie nicht so überzeugt – und das kam auch rüber“, erzählt Jansen, „die Mannschaft hat das auch mitbekommen. Jetzt ist das anders, der Trainer vermittelt ein anderes Anspruchsdenken. Wir wollen das Heimspiel nicht nur gewinnen, wir wollen es bestimmen. Und wir haben einen Trainer, der Feuer reinbringt. Der hat richtig Bock, der will was. Da gibt es keinen Zweifel. Da brennt sogar richtig was…“

Hoffentlich auch im Spiel auf dem Platz. Mit voraussichtlich folgender Startelf: Drobny – Westermann, Bruma, Rajkovic, Aogo – Töre, Rincon, Kacar, Jansen – Guerrero, Petric. Wie Ihr seht, steht Rajkovic wohl doch in der Startelf. Ansonsten spielt Fink bei seiner Premiere als Bundesligatrainer mit der ersten Elf aus dem Testkick gegen die eigene U23. Zumindest, wenn man der heutigen Leibchenverteilung im knapp 80 Minuten dauernden Abschlusstraining trauen darf.

In diesem Sinne, ich habe in unserem Abendblatt-internen Tippspiel für morgen auf einen HSV-Sieg gesetzt, was an sich wenig aussagekräftig ist, denn das mache ich seit zehn Jahren ohne Ausnahme. Aber diesmal glaube ich auch wirklich daran. Ich hoffe, dass es Spiel eins auf dem Weg zu alter Stärke wird. Zu gern würde ich Jansen daher glauben: „Es war noch der richtige Zeitpunkt, um was Neues zu starten. Und wir alle haben hier den Anspruch, wieder dahin zu kommen, wo wir vor zwei Jahren schon waren.“

In diesem Sinne: niemand hat was dagegen. Es kann losgehen. Endlich. Lasst den Worten Taten folgen!

Bis morgen,
Scholle (19.17 Uhr)