Tagesarchiv für den 20. Oktober 2011

“Wo Fink ist, ist der Papst”

20. Oktober 2011

Still und leise sollte er sein, der Austausch Günter Kerns. Konditions- und Athletiktrainer Nikola Vidovic ersetzt den seit gestern ehemaligen HSV-Konditionstrainer ab Freitag. O-Ton Jörn Wolf: „Wir haben uns einvernehmlich getrennt.“ Die Frage, warum sich der HSV von dem Mann trennt, der hier nach seiner Ankunft im letzten Winter von allen Seiten so hoch gelobt wurde, wusste Thorsten Fink zu beantworten: „Es lag nicht an der Arbeit von Günter Kern“, so der neue HSV-Trainer, „ich wollte aber meinen Athletiktrainer da haben. Ich fühle mich wohler mit ihm, weil ich genau weiß, dass er mich kennt und weiß, was ich verlange. Ich kenne ihn seit vier Jahren und wir verstehen uns in allen Belangen sehr gut. Er macht sehr gutes Stabilisations-Training und ist mit sehr viel Leidenschaft bei der Arbeit. Ich brauche ihn an meiner Seite.“ Womit Kern überflüssig und mit einer netten fünfstelligen Summe abgefunden wurde.

Dennoch, auch wenn es Kosten produziert, bis zu einem gewissen Grad ist es nachvollziehbar, was Fink macht. „Er hat einen ganz klaren Plan, hier Fußball zu lehren und zu spielen“, sagt Mannschaftskapitän Heiko Westermann, „und den zieht er durch.“ Und dafür muss sich Fink blind auf seine Nebenleute verlassen können. Wie eben auf seinen Cotrainer Patrick Rahmen und seinen neuen Ahtletiktrainer Vidovic, die er in seiner Basler Zeit kennen- und schätzen lernte. Und wenn es jetzt nicht weiterhin jeden Tag einen neuen Ex-Baseler nach Hamburg zieht, ist auch alles – Achtung, ein unfassbar witziges Wortspiel!!! – noch im Rahmen. So Leid es mir für den allseits mehr als hoch angesehenen Kern tut, er ist selbst Profi und wird es verstehen.

Womit das Thema auch abgehakt sein dürfte. Zu wichtig ist das, was vor uns liegt. „Zwei Heimspiele sind eine riesige Chance“, freut sich Westermann, „wir werden von der ersten Sekunde an ein Feuerwerk abbrennen und alles dafür geben, eine kleine Serie zu starten.“ Allerdings muss dafür erst mal eine andere kleine stoppen: seit vier Jahren konnte der HSV zuhause gegen die Niedersachsen nicht mehr gewinnen. „Jede Serie hat irgendwann ein Ende“, so Fink optimistisch, „und diese endet am Sonnabend. Da bleiben die Punkte hier.“

Eine Videoanalyse nach der anderen mutet Fink seiner neuen Mannschaft zu. „Wir haben noch viel Arbeit vor uns“, so der Neue, der an sich mit der Mannschaft zufrieden ist. „Die Mannschaft macht einen super Eindruck. Sie will, ist physisch sehr stark. Es ist wichtig, dass sie auch an sich glaubt – und genau dieses Vertrauen bringe ich ihnen.“ Damit der von proklamierte Offensivfußball möglichst schnell umgesetzt wird. „In dem Testspiel war es schon zu sehen, was der Trainer will“, sagt Westermann und scheint richtiggehend begeistert von der Philosophie Finks: „Es geht vieles wieder bei null los, alle haben eine neue Chance. Und auch wenn wir sicher nicht alles über den Haufen werfen können, müssen wir seinem Plan konsequent verfolgen, mitmarschieren – dann wird es auch was.“ Authentisch sei der neue Trainer allemal: „Er hat ’ne Menge Feuer. Er lebt uns Disziplin und Leidenschaft vor. Der Trainer bringt eine Linie rein, er versucht vom ersten Moment an, seinen Plan durchzusetzen – und er tut uns damit sehr gut.“

Lobende Worte, die nicht selbstverständlich sind. Zumindest nicht von Heiko Westermann. Der sagt lieber mal nichts, als Quatsch zu erzählen. Und er weiß, wovon er spricht, denn er hat in seinen nunmehr zehn Jahren als Profi schon etliche Trainer miterlebt. „Es ist ein großer Unterschied zu meinen bisherigen Trainern“, sagt Westermann – und will das als Kompliment für Fink verstanden wissen. Ob er damit auch seinem ehemaligen Schalke-Trainer Felix Magath einen mitgeben will. Immerhin gastiert Magath am Sonnabend mit dem VfL Wolfsburg in der Imtech-Arena und gilt noch immer nicht als Fan von Westermann. Bei Schalke sortierte der EX-HSV-Europacup-Held Westermann sogar aus. „Nein“, sagt Westermann, „mir geht es nicht um ihn. Ich will das Spiel einfach gewinnen. Ich hatte ja auch keinen Krieg mit Magath, sondern er ist für mich einfach nur ein Trainer, den ich schon mal hatte. Wichtiger als das alles ist mir, dass wir ein Erfolgserlebnis im Rücken haben und noch eines mitnehmen wollen – um so eine Serie zu starten.“

Daran teilnehmen kann auch Gökhan Töre, der nach seinen muskulären Problemen gestern beim heutigen Training wieder mitmischte, als wäre nichts passiert. „Er ist wieder gesund, konnte ohne Probleme mitmachen“, sagt Fink, „ich gehe davon aus, dass er am Sonnabend dabei ist.“

Voraussichtlich sogar in der Startelf, die Fink nach eigener Aussage „nicht groß verändern“ will. Im Testspiel hatte der 43-Jährige jedoch vier Positionen umbesetzt. Ob das noch unter „nicht allzu viel“ bei ihm fällt? Fink weicht aus. „Der Großteil wird so sein wie gegen Freiburg.“ Eben alle, bis auf Robert Tesche (für ihn könnte Rincon reinrücken), Heung Min Son (Guerrero gilt als Finks Favorit), Zhi Gin Lam (Töre wechselt auf rechts, Jansen dafür links ins Mittelfeld) und Rajkovic (Westermann soll wieder in die Innenverteidigung rücken, Diekmeier dafür auf rechts). Der Serbe scheint bei Fink, der sehr viel Wert auf schnelle Fußballer legt, einen schweren Stand zu haben. Aber das hatten wir gestern schon. Wer zuhause bleiben muss? „Das kann ich noch nicht sagen“, so Fink, „das wird eine ganz schwierige Geschichte. Und genau so will ich das haben.“

Keine Frage, das Wolfsburg-Spiel ist wichtig für den HSV, um unten rauszukommen. Aber es wird nur eine Geschichte kennen: die Bundesliga-Trainer-Premiere von Thorsten Fink. Alle Augen werden auf den neuen HSV-Trainer gerichtet sein, der auch heute nicht müde wurde, Großartiges anzukündigen. Er habe zwar noch nicht viel Zeit mit der Mannschaft gehabt, „aber wir werden alles daran setzen, dass die Zuschauer zufrieden nach Hause gehen.“ Im Test gegen die eigene Zweite habe er die von ihm geforderte Dominanz im Spiel seiner Mannschaft gesehen. Und das soll gegen Wolfsburg so weitergehen. „Wir werden den Gegner früher stören, mehr Ballbesitz haben. Und wenn wir dazu unsere Defensive noch sicherer stellen, werden wir Erfolg haben. Für einen Sieg am Sonnabend sollte das reichen“, so Fink selbstsicher wie zuletzt.

Allerdings hat Fink auch ein großes Manko ausgemacht. „Wir kommunizieren nicht gut genug“, so der Ex-Bayern-Profi, „bei uns wird auf dem Platz zu wenig geredet.“ Womit Fink das gegenseitige Coaching meint, die Ansagen, die dem Nebenmann helfen sollen. „Da müssen wir uns klar verbessern. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob sie jetzt noch etwas ruhiger sind, weil sie wieder einen neuen Trainer haben…“

Ich für meine Teil kann nur sagen, dass es mir nach den ewig devoten Aussagen dieser Saison richtig gut getan hat, beim HSV so etwas wie Stolz und Vertrauen in die eigenen Stärken vermittelt bekommen zu haben. Das darf dann gern auch im leichten Überfluss passieren – es gleicht nur ein vorheriges Manko wieder aus. Und auch wenn ich zugeben muss, dass Fink sich sehr weit aus dem Fenster lehnt – ich mag diese Art, die im nicht zu erwartenden Falle von Misserfolg konsequenter- und logischerweise auch schonungslos ehrliche Analysen und Konsequenzen nach sich ziehen muss. Als heutiges Schlusswort wähle ich daher einen Satz, der Fink beschreibt. Fink hatte selbigen am Sonntag einem Schweizer Kollegen in den Block diktiert, als der die Gleichung angestrengt hatte, der HSV hätte in Freiburg allein durch die Vorwirkungen des neuen Trainers in die Erfolgsspur zurückgefunden. Daraufhin antwortete Fink in seiner typischen Art – diesmal allerdings sicher nicht ganz so ernst gemeint: „Tja, wo der Fink ist, ist der Papst.“

In diesem Sinne, uns allen einen gesegneten Abend.

Scholle (19.04 Uhr)