Tagesarchiv für den 18. Oktober 2011

Erstes Training – 600 Fans feiern den neuen Trainer

18. Oktober 2011

Nach ziemlich genau 90 Minuten war es vorbei, das erste Training von Thorsten Fink. Eine unspektakuläre erste Einheit, die um 15.13 Uhr begann, als der neue Cheftrainer als Letzter die Kabine Richtung Trainingsplatz verließ. Rund 600 Fans warteten ungeduldig. Sie feierten einzelne Spieler („Mladen Petric, Du bist der Beste“, „Sonni, lächel doch mal zu uns rüber“) mit aufmunternden Worten. Einige wenige applaudierten sogar kurz, als Fink an ihnen vorbeiging. Es herrschte ein Aufkommen, wie es der HSV ansonsten nur zu Saisonbeginn hat. Selbst die erste Einheit von Ruud van Nistelrooy konnte mit dem Trouble rund um den neuen „Heilsbringer“ nicht mithalten.

Aber gut, darum geht es nicht. Auch Fink scheint das nur am Rande zu interessieren. Der 43-Jährige ist darauf aus, der Mannschaft möglichst schnell sein Spielsystem einzuimpfen. Schon bis zum Wochenende sollen erste Veränderungen/Verbesserungen erkennbar sein. Das kündigte zuerst Fink selbst dann heute auch sein Assistent Patrick Rahmen an. Rahmen: „Wir werden sehr viel mit Passübungen arbeiten“, sagte der sympathische 42-Jährige, der mit Frau und zweieinhalbjährigem Sohn in Hamburg wohnen wird. „Wir werden viel taktisch arbeiten. Und das wird in erster Linie bedeuten, dass wir vorwärts spielen wollen.“

Sprich: offensiv. Und dabei musste Fink heute zumindest eine Schrecksekunde ertragen, als der Freiburg-Siegtorschütze Ivo Ilicevic zusammensank und sich an den linken Oberschenkel fasste. Der Kroate wurde anschließend bandagiert und vorzeitig in die Kabine gefahren. Allerdings soll es sich dabei, so HSV-Sprecher Lars Wegener, lediglich um „leichte muskuläre Probleme“ handeln. Es sei eine Präventivmaßnahme gewesen – was uns alle freuen würde.

Bei der ersten Übung nach dem 15-minütigen Warmmachprogramm sowie 20 Minuten Kreisspiel folgte Finks erste taktische Passübung. Aus der Innenverteidigung wurde der Ball dabei auf einen Außenspieler gepasst, der auf den defensiven Mittelfeldspieler prallen ließ, per langen Pass auf die Außen wieder eingesetzt wurde und auf die mitgelaufenen Stürmer passte. Drei Ballkontakte bis zum ersten Abschluss – klingt nach schnellem Offensivspiel.

Zumindest würde diese Interpretation zu Finks Antrittsrede passen, in der er begeisternden Offensivfußball versprochen hatte. „Wenn Thorsten sich etwas vorgenommen hat, zieht er das auch durch“, sagt Rahmen, der sich hauptverantwortlich für die Trainingsarbeit zeichnet. „Wir besprechen uns sehr häufig und intensiv im Trainerteam“, sagt Rahmen und bezieht dabei Frank Heinemann („Frank gehört uneingeschränkt zum Team“) mit ein. Zudem machte der Ex-Cheftrainer der U21 beim FC Basel immer wieder deutlich, wie unangefochten die Chefstellung von Alpha-Trainer Fink ist. „Ich weiß, wie ich mit meiner Rolle umgehen muss- zu 100 Prozent loyal.“ Eine Vorgabe, die ihm leicht von der Hand geht. „Thorsten ist sehr kommunikativ. Er geht schnell auf Leute zu. Er versucht alle mit einzubinden und alles mit Lebensfreude zu verbinden.“ Es sei denn, es ufert an irgendeiner Stelle aus. „Dann“, weiß Rahmen, „dann kann er auch richtig streng werden. Wenn er merkt, dass es irgendwo nicht geht, bricht er das ab.“

Allerdings hat sich Rahmen auf alles andere denn auf einen Abbruch seiner neuesten Mission eingestellt. Im Gegenteil. Der neue Assistenztrainer, der schon vor 18 Monaten vom damals designierten HSV-Sportchef Urs Siegenthaler angeworben worden war und dessen damalige Assistenz von Trainer Armin Veh nur am Veto des FC Basel scheiterte, plant langfristig. „Mindestens zweieinhalb Jahre“, so Rahmen mit einem Lächeln, „und die möglichst erfolgreich“, seien sein Ziel und man spürt auch bei dem früher nur mäßig (finanziell nach eigener Aussage gar nicht) erfolgreichen Zugang, dass auch er den HSV als große Chance sieht, den nächsten Karriereschritt zu machen. Dafür schlug er immerhin einen gut bezahlten, relativ krisensicheren Vierjahresvertrag beim FC Basel aus. „Die Bundesliga ist schon ein anderes Kaliber, kein Frage. Für mich ist es der nächste Schritt. Ich bin froh, hier zu sein und eine Mannschaft vorgefunden zu haben, die in einem guten Zustand ist.“

Auch Rahmen hat eine Aufbruchstimmung ausgemacht. Heute Morgen wandelte er zusammen mit Fink durch alle Abteilungen, versuchte, sich zusammen mit seinem Chef schnell mit dem hiesigen Arbeitsumfeld vertraut zu machen. Insbesondere die Scouting- und noch mehr die Analyseabteilung inspizierten die beiden Ex-Basler und Neu-Hamburger genau. „Entscheidend für uns war aber auch“, so Rahmen, „dass alle spüren, wie sehr wir auf Teamwork setzen.“ Ein Wunsch, der bei den Mitarbeitern auf viel Gegenliebe stößt. Rahmen weiter: „Man merkt, dass hier was geht. Alle hoffen, dass es jetzt vorwärts geht.“

Das wiederum hängt auch mit der sportlichen Entwicklung zusammen, die beim HSV erkennbar nach oben tendiert. Gegen Stuttgart war es ein gutes Spiel mit einem verdienten Sieg. Gegen Schalke war es das Beste der letzten drei Spiele – allerdings mit einer unglücklichen Niederlage. Dennoch ließ sich die Mannschaft nicht verunsichern und glich die unglückliche Schalke-Pleite mit einem glücklichen, aber auch mühevoll erarbeiteten Sieg beim SC Freiburg aus. „Ein ganz wichtiger Sieg“, so Rahmen, der sich davon einen positiven Schub auch für das bevorstehende Spiel gegen den VfL Wolfsburg (Sa., 18.30 Uhr Imtech-Arena) erhofft. „Die Mannschaft ist intakt. Und sie wird unsere neue Philosophie bis zum Wochenende schon in Teilen umsetzen können.“

Einer, der dabei helfen will, ist Gojko Kacar. Der fast schon zu bescheidene defensive Mittelfeldspieler kam in Freiburg von Beginn an zum Zug. „Nach 30 Minuten hatte ich noch immer keine Spielrhythmus gefunden und dachte schon, ich kann nicht mehr. Aber ich habe den Punkt überwunden und weiß jetzt, dass es immer noch weitergeht, egal wie kaputt ich auch bin.“ Dass er ein insgesamt ausbaufähiges Spiel ablieferte, weiß auch Kacar. Deshalb hofft er auch darauf, am Sonnabend erstmals in einem Heimspiel auflaufen zu dürfen. „Bislang war ich nicht einmal im Kader“, so Kacar, den zuletzt immer wieder Verletzungen (Nasenbeinbruch, Fingerbruch, Fußprobleme) zurückwarfen. „Ich kannte auch das Gefühl, zu gewinnen, schon gar nicht mehr. Bis Freiburg. Und das will ich jetzt auch zuhause erleben dürfen.“

Große Hoffnungen setzt auch Kacar dabei in den neuen Trainer. „Er hat uns kurz und klar gesagt, was er von uns erwartet. Er will, dass wir als Einheit auftreten, für den HSV mit Leidenschaft arbeiten und alles geben. Und das erwarte ich auch. Denn der HSV ist für mich noch immer der beste Verein der Bundesliga.“ Mit einem ehemaligen Mittelfeldspieler als neuen Trainer: „dass er Mittelfeldspieler war, fast auf meiner Position, ist gut. Er kann mir sagen, was besser werden soll und wie ich das umsetzen kann. Und das sehe nicht nur ich so das gilt für die ganze Mannschaft. Ich freue mich auf ihn.“

Nicht nur er.

Apropos Freude. Die verspürte ich auch im Freiburg-Spiel, als Jaroslav Drobny nach seinen Patzern der Vorwochen endlich zum Matchwinner avancierte. Am morgigen Mittwoch spricht der Tscheche mit uns. Und das, nachdem er Wochenlang jeden Kommentar verweigert hatte. Irgendwie passend – jetzt, wo allseits Aufbruchstimmung herrscht…

In diesem Sinne, es geht weiter. Morgen.

Bis dahin,

Scholle (18.57 Uhr)

Kurz notiert:

- Am Mittwoch wird um zehn Uhr trainiert, um 16 Uhr findet auf dem Trainingsplatz ein Testspiel gegen die eigene U23 statt, indem sich Fink möglichst schnell einen Gesamtüberblick über die vorhandenen Spieler verschaffen will.

- Romeo Castelen pausierte wegen leichter Knieprobleme.

- Jaroslav Drobny bekam zu Trainingsbeginn auf dem Platz ein Ständchen von er Mannschaft gesungen. Der sympathische Tscheche feiert heute seinen 32. Geburtstag.