Tagesarchiv für den 17. Oktober 2011

Thorsten Finks Philosophie – oder: Tag eins auf dem Weg nach oben

17. Oktober 2011

Ich hatte es ja schon nach meinem ersten Kontakt mit Thorsten Fink geschrieben: da kommt einer mit einer außergewöhnlichen Portion Selbstvertrauen. Von Frank Arnesen als nichts weniger als „perfekter Trainer“ vorgestellt, fuhr Fink heute um 9.35 Uhr zum ersten Mal als neuer Cheftrainer an der Imtech-Arena vor, um sich um zehn Uhr der Mannschaft in der Kabine vorzustellen. „Ich habe mich der Mannschaft mit einer kurzen Ansprache vorgestellt und bin kurz auf das Spiel in Freiburg eingegangen. Ich habe der Mannschaft gesagt, dass sie sich den Sieg nicht gestohlen hat, dass sie ihn sich erarbeitet hat. Und ganz klar: es gibt Verbesserungswürdiges. Aber jeder kleine Sieg kann auch der Beginn von etwas Großem sein.“

Und das hat Fink im Auge. Sicher nicht in den nächsten Monaten, aber auf lange Sicht. Und auf einen solchen Zeitraum sieht er sein Engagement in Hamburg ausgerichtet. „Wir brauchen jetzt nicht über Meisterschaft oder Bayern-Jäger zu sprechen – aber wir haben eine junge Mannschaft mit viel Potenzial. Ich werde den angefangenen Weg weitergehen und mit den jungen Spielern was entwickeln. Wir haben vorne gefährliche Stürmer, die man entsprechend einsetzen muss. Wir haben schnelle Außen und hinten können sie auch Fußball spielen. Mit dieser Mannschaft kann man viel erreichen.“ Dass dafür auch der eine oder andere erfahrene Akteur gebraucht wird, schob Fink („Die jungen Spieler sollen sich anlehnen können“) schnell ein, um dann seinen neuen Arbeitgeber zu loben: „Der HSV ist nicht irgendwer. Der HSV ist ein toller Klub Verein mit einer riesigen Tradition. Ich musste nicht lange überlegen, als ich gefragt wurde.“

Das geschah das erste Mal an dem Dienstag vor dem Champions-League-Spiel des FC Basel bei Manchester United (3:3). „Da hat mich Frank Arnesen angerufen“, sagt Fink, der anschließend auch von Klubboss Carl Jarchow und sogar von Mediendirektor Jörn Wolf angerufen wurde. „Der Verein hat sich intensiv und sehr nachhaltig um mich bemüht. Arnesen hat mir auch zu verstehen gegeben, dass man auf mich sogar bis zum Winter warten würde. Das hat mir imponiert. Der Kontakt war so gut, dass ich hier langfristig planen kann. Das hat mich überzeugt, denn mir ist besonders wichtig, Teamwork zu leben und nicht nur drüber zu sprechen.“ Wie in Basel, wo es bei Finks Abschied in der Kabine sogar Tränen gab. „Wir hatten Erfolg, das schweißt natürlich allein schon zusammen. Aber dafür muss man als Mannschaft wie als eine Familie leben und arbeiten. Das ist meine Art Teamwork.“ Das beste Anti-Beispiel hat Fink auch gleich parat: „Bei der Französischen Nationalmannschaft steckt unfassbar viel Potenzial drin. Aber kein Charakter und Teamwork. Deswegen sind sie bei der WM bereits in der Vorrunde gescheitert.“ Wie er die aktuelle HSV-Mannschaft diesbezüglich einschätzt? „Sie hat Charakter. Sonst hätte sie das Spiel in Freiburg nicht gewonnen.“

Offensiven, für die Zuschauer durchaus spektakulären Fußball will Fink spielen lassen. Mit einem Vierermittelfeld und zwei Spitzen. „Wir wollen mit unserem Spiel eine Message rüberbringen. Ich will, dass die Zuschauer begeistert nach Hause gehen, dass sie offensiven und dominanten Fußball von ihrer Mannschaft gesehen haben. Wir wollen in Ballbesitz sein und agieren. Das Reagieren überlassen wir dem Gegner.“ Allerdings weiß auch Fink, dass sich die größte Zufriedenheit bei allen Beteiligten aus Siegen ergibt. „Wir können nicht jedes Mal offensiv spielen, verlieren und trotzdem hoffen, alle begeistert zu haben. Nein, das Ziel ist immer, das nächste Spiel zu gewinnen. Und ich kann eh nicht verlieren.“ Wie sich die im Vorfeld seiner Verpflichtung so oft beschriebene Siegermentalität bei ihm äußert? „Schwer zu sagen. Aber ich war immer sehr positiv, habe 150 Pflichtspiele für den FC Bayern gemacht und mich nie darum geschert, wer der nächste Gegner ist. Uns war es völlig egal, ob als nächstes Real Madrid oder sonstwer kommt. Und das ist auch heute hier so, das war immer meine Philosophie.“

Womit Fink eines seiner Kernbegriffe anspricht: die Philosophie. Denn die beinhaltet im Grunde all das, was Fink für den Erfolg als zwingend erforderlich empfindet. Vom Spielsystem bis hin zum internen und externen Umgang miteinander. Und Fink ist sich sicher: „Wenn die Mannschaft meine Philosophie und mein Denken umsetzt, wird sie Erfolg haben.“ Was ihn so sicher macht, dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern Michael Oenning, Armin Veh oder auch Bruno Labbadia Erfolg haben wird? „Weil ich gut bin, was soll ich auch sonst sagen. Ich will niemanden kopieren, bin ich.“ Dabei betonte Fink, dass es für ihn als Trainer nicht nur die Varianten autoritär und kumpelhaft gibt, sondern: „Ich bin situativ. Ich bin eher der Typ Richtung Klopp. Aber die Situation entscheidet, wie ich sein muss.“ Eben, ob er sich autoritär, kumpelhaft oder auch mal schützend vor die Mannschaft stellen muss. Wie ihn die Mannschaft ansprechen soll? „Das überlasse ich den Spielern. Wer ne gute Kinderstube genossen hat, der weiß schon, wie er seinen Trainer zu behandeln hat.“

Dazu gehört auch Pünktlichkeit. Spätestens 45 Minuten vor Trainingsbeginn erwartet Fink seine Spieler in der Umkleidekabine. Auch morgen, bei seinem ersten Training auf dem Platz um 15 Uhr. Wie er trainiert? „Ich bespreche mich lange mit dem Trainerteam über die Inhalte. Die Trainingsarbeit wird im Groben Finks mitgebrachter Assistent Patrick Rahmen machen. „Ich schalte mich aber immer wieder mit ein und korrigiere.“ Zudem kündigte Fink an, dass Rodolfo Cardoso ab sofort Cheftrainer der U23 wieder wird und er jeden Tag sehr engen Kontakt zu ihm haben will. Die U23 soll die gleiche Philosophie haben wie die Bundesligamannschaft. Zudem wird Fink den bisherigen Assistenten Frank Heinemann voll mit einbinden. „Er wird ein Teil unseres Teams bleiben. Das ist gut für das Team.“

Ob und inwieweit das personell nachgebessert werden muss, wollte Fink nicht beantworten. Dafür muss ich die Mannschaft trainieren und ein Gefühl für sie kriegen.“ Zudem wisse er, dass der HSV im Moment nicht allzu viel Geld für Verstärkungen hat. „Ich bin mit dem aktuellen Kader zufrieden. Auch wenn klar ist, dass wir was machen müssen, wenn wir irgendwann wieder höher angreifen.“ Ob dabei sein Ex-Schützling und HSV-Wunschspieler Xherdan Shaqiri eine Rolle spielen könnte. „Ich weiß, dass der FC Basel ihn nicht abgeben will. Schon gar nicht günstig. Xherdan ist für den HSV nicht finanzierbar.“

Thorsten Fink ist also da. Und wie. Als Gewinnertyp, mit Siegergen, mit Selbstvertrauen – quasi perfekt wie Arnesen sagte. Allerdings ist Fink dabei nicht arrogant. Er wandelt ganz sicher auf einem schmalen Grat, aber er zeigt auch immer wieder, dass er ein Teamplayer ist, der täglich dazulernen will. „Es gibt keinen Kredit für die Vergangenheit. Ich bin ein junger Trainer, der sich jeden Tag neu beweisen muss.“ Und einer, der bekannte Lehrer auf dem Weg zum Cheftrainer genießen durfte. „Ottmar Hitzfeld ist einer der erfolgreichsten Trainer der Welt. Er wusste, einer Mannschaft ein Hierarchie zu geben. Er war kein großer Motivator, aber immer extrem fokussiert. Er hatte die besagte Siegermentalität. Es wäre dumm gewesen, nicht auf seine Erfahrung zurückzugreifen, ihn nicht zu fragen.“ Dennoch, seine wie er selbst sagt größte Qualität hat er sich von seinem einstigen Cheftrainer bei Red Bull Salzburg angeeignet: „Ich habe bei Trapattoni als Cotrainer gearbeitet. Trap war ein Taktikfuchs. Er hat lange nicht so defensiv gespielt, wie allgemein erzählt wird. Auch wenn er bei ’ner frühen Führung in der 15. Minute mal einen Angreifer runtergenommen und einen Defensiven gebracht hat.“ Trapattoni hatte Erfolg – geht es nach Fink, weil der Italiener seine ganz eigenen Philosophie hat. Wie er heute. „Deshalb hoffe ich, dass die Mannschaft so schnell wie möglich meine Philosophie verinnerlicht und meine Vorgaben umsetzt – dann werden wir hier Erfolg haben.“

Um sich selbst binnen kürzester Zeit einen Überblick über verschaffen zu können, setzte der neue Cheftrainer für Mittwoch bereits ein Testspiel der Profis gegen die eigene U23 an. Um 16 Uhr soll der vereinsinterne Vergleich auf einem der zwei Trainingsplätze an der Imtech-Arena steigen. Zuvor sind die Offiziellen ran. Bereits morgen streift Fink ab acht Uhr durch alle Abteilungen und erwartet eine Präsentation seiner engsten Mitarbeiter. „Besonders wichtig ist mir, dass wir eine gute Analyse-Abteilung haben“, hofft Fink und trifft beim HSV mit Matthias Kreutzer auf einen der begehrtesten Video-Analysten der Liga. Zudem will sich Fink die medizinische Abteilung und die Scoutingabteilung ansehen. Angedacht ist auch ein Treffen mit dem Aufsichtsrat – allerdings noch ohne Termin.

Womit ich diesen Blog und einen begeisternden, weil sehr Optimismus verbreitenden ersten Tag mit Thorsten Fink beenden möchte. Der neue Trainer gibt sich extrem klar, selbstbewusst, fordernd und kompetent. Er ist in seiner äußerst optimistischen, selbstbewussten Art irgendwie das Gegenteil des (mir viel) zu bescheidenen und manchmal sogar richtig kleinlauten Michael Oenning. Und so sicher ich mir bin, dass der eine oder andere Spieler seine Probleme mit ihm haben wird –ich glaube daran, dass Fink dafür Lösungen findet, die den HSV voranbringen. Weil er, wie er selbst sagt, „noch richtig hungrig und voller Elan“ ist. Fink ist heiß und hat eine Philosophie, die nach vorn geht. Er versteckt sich nicht. Da stört es mich auch nicht, dass er als gebürtiger Dortmunder BVB- und auch Bayern-Fan war („Mein Vater kommt aus Landshut, da bleibt was hängen“). Zumal er keine Sekunde auslässt, glaubhaft zu erklären, für welchen Riesen er den HSV in der Bundesliga immer gehalten hat und noch immer hält. Aber vor allem: weil er glaubhaft erklärt, zu welchem Riesen er den HSV in den nächsten Jahren formen will.

In diesem Sinne, morgen geht es weiter. Dann mit Finks Assistenten Patrick Rahmen.

Scholle (16.14 Uhr)