Tagesarchiv für den 13. Oktober 2011

Thorsten Fink übernimmt ab Montag den HSV – Teil II

13. Oktober 2011

Es fehlte etwas. „Wir brauchen noch zwei Mikrofone“, sprach Mediendirektor Jörn Wolf auf dem Podest in sein Mobiltelefon – und ihm wurde prompt geholfen. Der Hauselektriker kam, stellte die vermissten Mikrofone auf und los gings mit Arnesens erster und (voraussichtlich) letzter Pressekonferenz als HSV-Teamchef. „Eine komische Situation“, gestand Wolf ein und leitete über: „Fangen wir heute mal mit dem Sportchef an.“ Und der hatte Großes zu verkünden, denn er war bei der Trainersuche fündig geworden. Genau genommen am Mittwochabend um 22 Uhr hatte Arnesen sich mit Bernhard Heusler darauf geeinigt, dass Thorsten Fink nach Hamburg wechselt: Ab Montag übernimmt Thorsten Fink das Traineramt des HSV. Er unterschrieb einen Vertrag bis 2014, der auch im Falle eines Abstieges Gültigkeit behält.

„Er war mein absoluter Wunschtrainer“, stieg Arnesen gleich in ein gut zehnminütiges Loblied ein. „Wir haben uns bei unserem ersten Treffen vor Wochen gleich sechs Stunden über Fußball unterhalten. Und wir haben in der Methodik identische Ansichten. Auch Thorsten weiß, dass er allein gut ist, er aber mit allen zusammen besser ist.“ Arnesen zeigte sich begeistert von dem mit 44 Jahren noch jungen Trainer. „Er ist hungrig. Ich habe mir vorher sehr viele Infos über ihn eingeholt. Über seinen Umgang mit der Mannschaft, Menschen allgemein und über sein Training. Das habe ich in die Gespräche mit einfließen lassen und hatte am Ende – was das Wichtigste für mich war – ein richtig gutes Gefühl.“ Das gibt einem auch Fink selbst, der sie aktuell schwierige Situation beim HSV annimmt: „Der HSV ist eine Marke, ein Verein mit großem Potenzial und einzigartiger Fankultur. Die jetzigen Situation ist schwierig, aber man kann sicherlich viel bewirken. Das wird meine Aufgabe sein. Die Möglichkeiten und Strukturen für erfolgreichere Zeiten sind vorhanden. Wir müssen nach vorne schauen.“

Fink gibt sich selbstbewusst. Nicht arrogant. Finks Fußballphilosophie: „Mein Grundgedanke ist offensiv ausgerichtet. Als HSV sollte man nicht reagieren, sondern versuchen zu agieren. Das Ziel muss sein, immer gewinnen zu wollen, egal ob es gegen den FC Barcelona, den FC Bayern oder den SC Freiburg geht. Wir müssen versuchen, dem Gegner unser Spiel aufzudrängen. Insbesondere diese fußballerische Ausrichtung hat bei Arnesen Spuren hinterlassen, der Däne freut sich: „Thorsten will den Ball haben, das Spiel kontrollieren. Seine Spielweise ist sehr konkret“, fußballdeutscht der Däne, „und die Spieler werden besser bei ihm.“ Bestes Beispiel dafür sein Xherdan Shaqiri. Der junge Schweizer hat unter Fink einen großen Schritt nach vorn gemacht und galt/gilt als Wunschspieler Arnesens.

Dem war heute die Erleichterung anzumerken. Zum einen darüber, die Trainersuche endlich abschließen zu können. Zum anderen aber auch darüber, einen absoluten Top-Mann gefunden zu haben. „Ich habe noch viele Freunde und Bekannte beim FC Basel“, erzählte Mladen Petric, „und alle haben mir nur Gutes berichtet.“ Er erhielt Glückwünsche dafür, unter Fink spielen zu dürfen. „Und ein jüngerer Spieler hat mir sogar per SMS geschrieben, dass ich mich glücklich schätzen könnte, jetzt den besten Trainer zu haben, unter dem er je trainieren durfte.“

Nun denn, einen äußerst sympathischen und klaren Eindruck hat Fink auch gestern am Telefon hinterlassen. Heute hat er selbiges die meiste Zeit ausgelassen. Der neue HSV-Trainer soll sich nach HSV-Auskunft bis zu seiner Vorstellung am Montag auch nicht weiter äußern wollen. Wer dennoch was von ihm hören/lesen will, kann sich auf www.hsv.de ein wirklich mal sehr lesenswertes Interview anschauen.

Nun denn, Fink bekommt seine Ruhe verordnet. „Weil er sich jetzt in den nächsten Tagen um seine ganzen Dinge in der Schweiz kümmern muss“, verrät Arnesen, der seinen Neuen am Montag in den Mittagsstunden offiziell in Hamburg präsentieren wird. Bis dahin wird Fink nichts mit dem HSV zu tun haben. In Freiburg sitzt Arnesen als Teamchef auf der Bank, die Besprechung machen er, Rodolfo Cardoso sowie Frank Heinemann zusammen. Fink wird nicht einmal als Zuschauer im Breisgau erwartet.

Allerdings sind die Erwartungen insgesamt sehr hoch. „Thorsten hat zehn Jahre beim FC Bayern gespielt. Das kannst Du nur, wenn Du ein gewinnertyp bist. Und Thorsten ist ein Gewinner“, so Arnesen nimmermüde, „er hat als Spieler alles gewonnen. Und es ist sehr gut, wenn Du es gewohnt bist, zu gewinnen. Wie beim FC Basel. Da wurde von ihm nichts weniger als der Titel verlangt – und er hat ihn geholt. Ob der Druck beim HSV ihn an seiner Entscheidung hat zweifeln lassen? Fink bei HSV.de: „Auf keinen Fall. Ich sehe es als große Herausforderung. Den Druck hat man immer. Ich habe beim FC Bayern gespielt, da weiß ich wie die Fußballwelt sich dreht. Und wenn man ehrlich ist, hat man es doch genauso schwer, wenn man zu einem sehr erfolgreichen Klub kommt und Titel bestätigen muss.“

Selbstbewusste Worte, die Arnesen nicht wundern. Im Gegenteil, er erwartet sie von seinem Wunschtrainer: „Weil er die nötige Siegermentalität besitzt. Er hat sich immer durchgesetzt.“ Auch jetzt mit seinem Wunsch, den in Basel noch bis 2013 datierten Vertrag für den HSV vorzeitig aufzulösen.

Sollte er irgendwann einen ähnlichen Wunsch beim HSV haben, wird das ungleich schwerer. Der bis 2014 datierte Kontrakt beinhaltet für keine der beiden Seiten eine Ausstiegsklausel. „Zweieinhalb Jahre sind für mich das Minimum, was ich mit Thorsten zusammenarbeiten möchte. Bei so einem Trainer wie ihm brauchst du keine Klausel. Ich vertraue ihm. Je größer die Herausforderung, desto besser wird er.“

Und gut ankommen wird er auch. Das glaubt auf jeden Fall David Jarolim, der bei seinem kurzen Auftritt beim FC Bayern insbesondere Fink in guter Erinnerung behielt. „Er war damals immer sehr positiv. Besonders zu jungen Spielern. Auch mir hat er damals geholfen.“ Klingt so, als würde Fink in den aktuellen Umbruch von Altstars zu jungen Talenten bestens hineinpassen. „Ich hatte eine lange Liste mit Dingen, die passen mussten. Und bei ihm habe ich die meisten Häkchen gemacht“, sagt Arnesen, „er hat das, was wir brauchen.“

Umsetzen soll er das mit dem Heimspiel-Doppelpack gegen Wolfsburg und Lautern. Mit den zwei Spielen nach der wichtigen Partie am Sonntag in Freiburg. „Alles andere wäre nicht korrekt gewesen“, so Arnesen auf die Frage, ob man auch überlegt habe, Fink schon in Freiburg coachen zu lassen. Und noch eine sehr interessante Frage wurde gestellt: ob Fink vielleicht einen oder mehrere interessante Spieler aus Basel zum HSV lotsen kann und will? Wie beispielsweise Shaqiri. „Wenn wir auch noch Spieler holen aus Basel, dann kann ich mich wahrscheinlich nie wieder in Basel blicken lassen“, scherzte Arnesen, der Fink über die aktuelle Situation beim HSV komplett aufgeklärt hat. „Er weiß, dass wir nicht sehr viele neue Spieler verpflichten können“, so Arnesen.

Und dann war er wieder Trainer. Um 13.50 Uhr ging es nur noch um das bevorstehende Spiel beim Abstiegskandidaten SC Freiburg. „Freiburg ist zuhause gut“, so Arnesen, der betonte, sich sehr eng mit Cardoso und Heinemann abstimmen zu wollen, „aber wir können dort sicher was holen. Die Mannschaft hat sehr, sehr gut trainiert. Alle haben alles gegeben. Das könnte schwierig für uns werden bei der Kadernominierung. Aber so wollen wir es ja.“

Eine Rolle spielt dabei erstmals auch Zugang Ivo Ilicevic, der Arnesen überrascht hat. Im positiven Sinn. „Er war vier Spiele gesperrt, dazu noch an der Leiste verletzt. Er ist zwar erst seit Montag wieder dabei, das aber sehr gut.“ Sollte der Außenspieler sich in den nächsten Tagen nicht verletzen, wird er im Kader stehen. Ob auch von Beginn an? Arnesen weicht aus: „Das werde ich hier nicht sagen. Freiburg soll ja nicht alles wissen.“

Dabei scheint klar, dass das Interims-Trainer-Trio nicht viel ändern wird. Zu gut waren die letzten Eindrücke trotz der unglücklichen Niederlage gegen Schalke. Heute im Training spielte die Startelf vom Schalke-Spiel, wobei Mancienne den im Kraftraum arbeitenden Jeffrey Bruma ersetzte, Jarolim für Rincon und Son für Guerrero im A-Team spielten. Die beiden Südamerikaner hatten Verspätung bei ihrer Rückreise von den Länderspielen, sollen aber am Freitag ganz normal mittrainieren und folglich auch für Freiburg gesetzt sein.

In diesem Sinne, erst Freiburg schlagen und dann mit neue Enthusiasmus eine (Heimspielsieges-)Serie starten. Ich freue mich auf jeden Fall auf und über den neuen Trainer. Ohne es aus eigener Erfahrung begründen zu können: ich habe bei Fink ein wirklich gutes Gefühl. Und wer den Blog schon länger verfolgt, weiß, dass das nicht bei jedem Trainer so war.

Bis morgen. Da wird um 15 Uhr trainiert und wir sprechen ausgiebig mit Ilicevic.

Scholle (18.35 Uhr)

Kurz notiert:

– Die EM-Playoffs bringen interessante Duelle mit sich. Gerade aus HSV-Sicht. Die Türkei, mit Gökhan Töre, trifft auf Kroatien mit Mladen Petric und Ivo Ilicevic. „Das sind schwierige Spiele, besonders auswärts, aber die Türkei ist eine Mannschaft, die wir schlagen können”, sagt Petric, der auf eine Revanche für die EM-Niederlage 2008 sinnt. „2008 sind wir bei der EM im Elfmeterschießen gegen sie ausgeschieden. Da haben wir noch etwas gut zu machen.“ Muhamed Besic trifft indes mit Bosnien-Herzegowina auf Portugal, Jaroslav Drobny mit seinen Tschechen auf Montenegro.

– Wer mal sehen will, dass unser Trainer und Sportchef in Personalunion, Frank Arnesen, wirklich ein Multitalent ist, guckt hier: http://www.youtube.com/watch?v=w-NjG0WbmLs.
Viel Spaß!

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