Tagesarchiv für den 10. Oktober 2011

Arnesen übernimmt vorerst – Teil II

10. Oktober 2011

Der Sportchef hatte seinen Fußballlehrer-Schein morgens eingepackt. „Falls ich ihn irgendwo für brauche“, so Frank Arnesen, der noch immer gut gebräunt ist. Oder besser gesagt: schon wieder. Denn der Däne war am Wochenende auf Mallorca, traf sich dort zu Gesprächen mit dem Trainerkandidaten Thorsten Fink. „Ja, ich war auf Mallorca“, antworte Arnesen auf die Frage, ob das Wetter auf der Urlaubsinsel gut war.“ Mit wem er gesprochen hat, wollte er dann wenig überraschend nicht verraten.

Dafür hatte der HSV-Sportchef eine andere Nachricht im Gepäck, die der gesamte Trainerstab bereits um neun Uhr von ihm persönlich überbracht bekommen hatte: „Wir haben uns dazu entschieden, erst dann einen neuen Trainer zu präsentieren, wenn wir zu 100 Prozent überzeugt sind.“ Bis dahin wird Arnesen als Chef fungieren. Der Sportchef und Cheftrainer in Personalunion: „Ich bin der Chef auf dem Platz, trage die komplette Verantwortung.“ Allerdings wird sich Arnesen künftig eng mit Interims-Cheftrainer Rodolfo Cardoso absprechen.

Um 15.12 Uhr ging’s los. Neben Frank Heinemann und Rodolfo Cardoso verließ Arnesen die Umkleide – ohne Flicken-Jackett, dafür und ganz sportlich im schwarzweißen Trainingsanzug. „Wir haben uns zusammengesetzt und das Programm besprochen“, so der Interims-Interims-Cheftrainer. Wie die Abstimmung im Trainerteam aussehen wird, verriet Arnesen dann auch. „Ich vertraue unserem Trainerstab und werde ihn brauchen. Ich will unseren Stab auch brauchen, denn wir müssen alle Ressourcen nutzen, um alles für die Spieler zu geben.“ Dafür soll sogar Lee Congerton, Arnesen engster Berater näher ans Team rücken.

Beim Training war dann von Arnesens neuer Chefrolle erwartungsgemäß nicht zu viel zu erkennen. Heinemann baute zusammen mit Cardoso die Hütchen auf, beide teilten die Mannschaften so ein, wie sie Cardoso im Notizblock stehen hatte und verlas. Und auch bei den Übungen selbst wirkte Arnesen (noch) nur wie ein Zuschauer. Obgleich sich der Däne das Amt des ersten Mannes nicht nur zutraut – er zieht alle Verantwortung an sich. Und somit Gefahren an. Denn: was passiert, wenn Arnesen in seiner neuen zumindest offiziell so genannten Rolle als Cheftrainer verliert? Was, wenn die nächsten Spiele alles andere als gut laufen. Ich bin mir sicher, dann wird auch die sportlich fachliche Kompetenz bei ihm angezweifelt. Zumal, wenn Arnesen bis dahin noch nicht den neuen Trainer vermelden kann, könnte es auch für ihn ungemütlich werden. „Ich kenne das Risiko, das ist immer so. Aber ich wusste es vorher und habe keine Angst davor. Ich stelle mich dem.“

Allerdings glaube ich, dass das schneller passiert, als jetzt viele denken. Meinen Informationen zufolge ist der HSV noch immer stark an Thorsten Fink interessiert. Und der Ex-Bayern-Profi ist umgekehrt ähnlich interessiert, allerdings vertraglich noch immer an den FC Basel interessiert. Und der spielt Champions League. Zumindest noch. Bis zum Winter könnte sich das bereits geändert haben und sowohl der bislang offiziell blockierende Klub sowie Fink selbst einer Vertragsauflösung optimistischer gegenüberstehen. So zumindest habe ich es gehört. Und auch Arnesen schließt eine solche Lösung nicht aus. Ob er sich vorstellen könnte, bis zur Winterpause interimsweise einzuspringen und dann den Neuen zu präsentieren? „Ja klar. Wenn wir von dem Kandidaten überzeugt sind und das Gefühl stimmt – dann kann das passieren.“

Eher unwahrscheinlich ist indes, dass der HSV so nur Zeit totschlagen will, um so für eine mögliche Verpflichtung Louis van Gaals offen zu bleiben. Der Niederländer mit der großen Reputation spielt meinen Informationen zufolge beim HSV keine Rolle mehr. Aber auch dafür möchte ich mich – spätestens seit Sammer wissen wir, was alles möglich ist, bzw. was nicht mehr unmöglich ist – nicht mehr verbürgen.

Klar ist zumindest, dass am Wochenende Arnesen als Chef geführt wird und Cardoso als Assistent. Der Argentinier ist in der neuen (zumindest für die DFL und den DFB offiziellen) Hierarchie Nummer zwei. „Das ist eine gute Lösung, mit der ich gerechnet habe“, so Cardoso heute nach dem Training. Er sagte, er habe eh damit gerechnet, dass die DFL einer beantragten Sondergenehmigung nicht zustimmen würde. „In Deutschland ist das nun mal so: da gibt es Regeln und die werden eingehalten. Deshalb habe ich nichts anderes erwartet.“ Der Argentinier empfindet die Übergangslösung als gut. Sagt er. Auch in seinen Befugnissen sieht er sich nicht eingeschränkt.

Bleibt die Frage, wie die Lösung auf die Mannschaft wirkt. Nehme ich nur mal Kapitän Heiko Westermann, ist alles gut. „Ich finde es absolut in Ordnung, dass ich der Verein Zeit lässt. Wir wollen hier ja alle langfristig arbeiten. Und da ist es im Moment sicher nicht leicht, den richtigen Kandidaten zu finden“, so der Mannschaftskapitän, der Arnesen/Cardoso eine Fortsetzung der zuletzt guten Spiele zutraut und dennoch warnt: „Die Lage ist prekär, darüber dürfen wir nicht hinwegsehen. Aber wir haben zuletzt besser gespielt und wollen das fortsetzen.“ Schon am Sonntag in Freiburg. „Aber vor allem, bis der HSV seine endgültige Lösung gefunden hat.“

Ich melde mich morgen wieder. Dann mit einem längeren Gespräch mit dem Kapitän. Und aller Wahrscheinlichkeit nach noch ohne eine endgültige Entscheidung bezüglich des neuen Trainers. Ob sich Arnesen vorstellen könnte, sich durch Siege in den nächsten Spielen in seiner neuen Chefrolle „festzuspielen“? „Nein“, sagt Arnesen und schiebt nach: „Ich bin ein absoluter Verfechter der Struktur mit Sportchef und Cheftrainer als getrennte Posten.“

Gut so. Finde ich. Fehlt eigentlich nur noch der Trainer.

In diesem Sinne,

Scholle

Kurz notiert:
- David Jarolim musste heute wegen Magen-Darm-Problemen passen. “Er hat sich das gesamte Wochenende über schlecht gefühlt, sich immer wieder übergeben”, so Cardoso.

- Training morgen ist um zehn und um 15 Uhr an der Imtech-Arena.

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