Tagesarchiv für den 4. Oktober 2011

Cardoso wird dem HSV erhalten bleiben . . .

4. Oktober 2011

Im Wald und auf der Heide . . . Heute war nur Wald. Und die Trainingskiebitze, die vor Ort waren, sahen den HSV nur kommen, laufen – und wieder gehen. In die Kabine. Mehr war nicht. Außer dass Reha-Trainer Markus Günther mit dem Engländer Michael Mancienne auf der Wiese war. Bis zum nächsten Spiel, dem Abstiegs-Gipfel beim SC Freiburg, sind es noch lange zwölf Tage (Sonntag, 16. Oktober, 15.30 Uhr), und die werden deswegen noch ein wenig länger, weil die Nationalspieler wegen ihrer Qualifikationsspiele auf Reisen sind. Was nützt es einem Trainer, wenn er nur mit der „halben Mannschaft“ trainieren kann? Die Fitness muss bei und auf 100 Prozent gehalten werden, mehr geht da nicht.

Die Frage, die bis zum nächsten Spiel im Raume (und in Hamburg) steht, ist bekannt: wer wird HSV-Trainer? Sportchef Frank Arnesen ist heute und morgen nicht in Hamburg, vielleicht macht er sich ja anderswo auf die Suche nach einem Coach? Vielleicht. Mich würde es aber auch nicht wundern, wenn es anders wäre, denn: An diesem Mittwoch läuft die 15-Tage-Frist, die Rodolfo Cardoso als Interimstrainer des HSV von der Deutschen Fußball-Liga (und vom DFB) eingeräumt wurde, zwar ab, aber: Wer sagt eigentlich, dass Cardoso dann nicht mehr in Erscheinung treten darf?

Frank Arnesen hatte zwar bei Amtsantritt des Argentiniers gesagt, dass der „HSV offen mit diesem Problem umgehen“ wird, aber das bedeute ja nicht zwangsläufig, dass Cardoso abtreten muss – und wird. Inzwischen sind auch jene Lösungen möglich, in denen dem ehemaligen HSV-Profi ein Mann mit Lizenz zur Seite gestellt wird. Dann sitzt, wie Arnesen es schon ankündigte, tatsächlich ein Mann mit der Fußball-Lehrer-Lizenz an Cardosos Seite – und alle sind zufrieden?

Alle? Nein, einer ganz sicher nicht: Matthias Sammer. Der DFB-Sportdirektor wird sich ganz genau ansehen, ob es da einen „Strohmann“ für Cardoso geben wird – und wenn ja, wird der ehemalige Nationalspieler so lange nicht ruhen, bis der HSV tatsächlichen einen Trainer mit gültiger Lizenz verpflichtet hat – und zwar als Trainer Nummer eins. Kollegen von mir haben berichtet, dass der DFB/die DFL bei Hansa Rostock einst das Training beobachten ließ, wer dort genau der erste Mann war. Das dürfte wahrscheinlich auch auf den HSV zukommen, doch wer will sagen, wer die Nummer eins und wer die Nummer zwei ist? Im Moment macht ja auch hauptsächlich Co-Trainer Frank Heinemann das HSV-Training, während Rodolfo Cardoso sich das bunten Treiben auf dem Rasen mehr oder weniger nur aus der „Ferne“ ansieht. Und wer genau beobachten kann: Heinemann bleibt ja auch während eines Spiels nie passiv sitzen, sondern gibt sehr wohl auch – einst neben Michael Oenning, jetzt neben Rodolfo Cardoso – lautstark seine Anweisungen auf den Rasen.
Alles nur Auslegungssache. Die Frage ist, wie sehr der DFB/die DFL diese Sache mit Wohlwollen begleitet?

Rodolfo Cardoso, so mein Eindruck an diesem Dienstag, hat sich mit seinem Abschied von den Profis jedenfalls noch überhaupt nicht abgefunden. Er wird die Mannschaft auch morgen, übermorgen und wohl auch danach, auf die Freiburg-Partie vorbereiten. Er sagt: „Ich habe Lust an diesem Posten gefunden, und ich habe gesehen, dass ich etwas bei den Spielern geweckt habe – und das ist schön.“ Stimmt. Er möchte wohl weitermachen . . .

Und hat wohl auch ein wenig Schuld daran, dass er diese Chance, die sich jetzt für ihn ergeben hat, nicht nutzen kann, nicht nutzen konnte. Seit 1989 lebt und spielt Cardoso in Deutschland, als er Trainer wurde, da spätestens wusste er, dass er irgendwann an einen Punkt kommen würde, dass er die Lizenz braucht. Er hätte sich, liebe Kinder (!), auf den Hosenboden setzen müssen – um Deutsch zu lernen. In Wort und Schrift. Denn daran ist es gescheitert. Zweimal hat sich Cardoso zur Fußball-Lehrer-Lizenz angemeldet, zweimal ist es daran gescheitert, dass er kein Deutsch kann. Jedenfalls nicht so, dass er damit Trainer-Prüfungen bestehen kann. Jetzt aber hat er es begriffen, jetzt will er es forcieren. Der nächste Lehrgang aber zum Fußballlehrer beginnt erst wieder im Mai 2012 . . . Mit schnell oder gar blitzartig geht da absolut nichts. Der Interimscoach zu diesem Thema: „Ich habe es versucht, ich war nicht faul, das kann mir niemand vorwerfen.“ Macht auch niemand. Inzwischen hat der DFB/die DFL einen Verlängerungswunsch (als Interimstrainer beim HSV) abgelehnt, der Klub muss sich nun auch offiziell einen neuen Mann mit Lizenz suchen. Aber das wusste der HSV auch schon und konnte sich darauf einstellen, weil es irgendwie ja klar war . . .

„Rodolfo hat sehr, sehr gute Arbeit geleistet.“ Oder: „Rodolfo hat hier hervorragende Arbeit abgeliefert.“ So hat es Sportchef Arnesen am Sonnabend ausgedrückt. Cardoso: „Das ist ein schönes Lob, das nehme ich zur Kenntnis – aber ich mache so weiter wie bisher. Es ist auch eine Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“ Jetzt hofft der frühere HSV-Spielmacher darauf, dass ein Trainer, der schon mal – kurzfristig – in der Bundesliga gearbeitet hat, auf jeden Fall auch für den nächsten Lehrgang angenommen wird. Und nicht dass es wieder heißt: Abgelehnt! Der HSV wird ihn bei der nächsten Bewerbung auch tatkräftig unterstützen.

Übrigens: Sergej Barbarez hat inzwischen seine Fußball-Lehrer-Lizenz in Bosnien-Herzegowina erworben, diese Lizenz gilt für die Uefa, wird also auch vom DFB/DFL anerkannt. Führte der Sergej auch deswegen kürzlich ein nettes, kleines Gespräch mit Frank Arnesen. Bekannt ist ja, dass Cardoso und Barbarez auch privat bestens verstehen, dass sie befreundet sind. Auch das wäre ja eine Möglichkeit, dem HSV weiterhin zu helfen.

Zum Sportlichen: Ivo Ilicevic plagen nach wie vor Adduktoren-Probleme, mit denen er schon vom 1. FC Kaiserslautern zum HSV kam. Im Moment kann der Flügelflitzer nicht mit der Mannschaft trainieren, er arbeitet mehr im Kraftraum oder geht im Volkspark laufen. Cardoso hofft, dass der Neuzugang nächste Woche wieder ins Mannschafts-Training einsteigen wird (kann), um eventuell eine Alternative für das Freiburg-Spiel sein zu können. Eventuell. Danach sieht es aber noch nicht aus. Fest steht: Die Vier-Spiele-Sperre, die er noch aus Kaiserslautern mit nach Hamburg brachte (im Spiel gegen die Bayern), ist jetzt abgelaufen. Ist er fit, spielt er jetzt auch – für den HSV.

Mit Verletzungssorgen quälen sich außer Ilicevic derzeit noch Miroslav Stepanek (wieder das Knie) und Jacopo Sala, der es am Knöchel hatte – und wohl morgen, am Mittwoch (Trainer um 15 Uhr am Volkspark), wieder einsteigen wird. Ansonsten sind alle fit – die noch hier sind.

Zu einem ganz speziellen Thema (von mir). In der vergangenen Woche schrieb ich über David Jarolim. Heute fragte – Glück für mich – mein Kollege Babak Milani (Bild) nach dem Tschechen: „Warum kam er nicht, als Tomas Rincon vor Gelb-Rot stand?“ Rodolfo Cardoso: „Ich wollte alles auf Offensive setzen, wollte unbedingt noch ein Unentschieden holen, deswegen habe ich nur Offensivkräfte gebracht.“ Und? Was hat er mit „Jaro“ vor? Hat er überhaupt noch etwas mit ihm vor? Der Coach: „Natürlich, ich habe ihn nicht abgeschrieben. Er arbeitet gut, er muss auch weiter gut arbeiten, dann spielt er auch eine Rolle für mich.“ Jarolims Pech war, dass Cardoso das „Rechtsaußen-Spiel“ des Tschechen gegen Mönchengladbach gesehen hatte: „Da sah er nicht so gut aus.“ Natürlich nicht. Es hatte genügend Warner gegeben, die Oenning zurückhalten wollten bei dieser Wahnsinns-Aufstellung, aber der damalige Coach ließ sich nicht bremsen. Nun ist „Jaro“ nach rechts draußen . . . Erst einmal.

„Wir brauchen in unserer Situation alle Spieler. Ich weiß, dass der eine oder andere enttäuscht ist, dass er nicht spielt, aber wir brauchen jeden. Ich versuche in dieser Phase ja auch, dass die Mannschaft eine gewisse Sicherheit bekommt, und dazu gehört, dass ich nicht ständig durchwechseln möchte.“ Ich habe gefragt, ob er im „Fall Jarolim“ „beraten“ worden ist? Cardoso: „Natürlich nicht, nein, nein, es hat mir keiner etwas gesagt. Wenn es so wäre, dann würde ich gleich sagen, dass ich nicht mehr weitermachen würde. Nein, nein, ich entscheide wo etwas allein, und ich werde darin auch respektiert.“

Und mit „Jaro“ hat der Coach schon längst auch unter vier Augen über die jetzige Situation gesprochen. Cardoso: „Er hat es akzeptiert, denn er ist ein Kämpfer. Er kommt wieder, er lässt nicht locker. Ich finde es gut, dass er nicht nachlässt. Er ist lange im Verein, das respektiere ich, ich finde es auch gut, dass er, der ja schon lange im Verein ist, sich auch mit dem HSV identifiziert. Die Situation ist sicher blöd für ihn, weil ich eine solche Entscheidung gegen ihn getroffen habe, aber er wird auch diesmal kämpfen.

Das werden aber alle machen müssen, die jetzt draußen sind. Zum Beispiel auch Dennis Diekmeier. Er muss jetzt sehen, dass auf der Rechtsverteidiger-Position Heiko Westermann (s)einen neuen Platz gefunden hat. Cardoso sieht auch keinen Grund, daran etwas zu ändern: „Die vier dort hinten machen ihre Sache gut, warum sollte ich daran etwas ändern? Ich habe es jedenfalls nicht vor.“ Zumal der Kapitän auf dieser Position aufzublühen scheint. Auch das schrieb ich vergangene Woche schon, Westermann ist deutlich stabiler geworden und hat zu seiner Form, die ihn einst in die Nationalmannschaft gebracht hat, zurückgefunden. Die Pfiffe der „eigenen“ Fans sind auf jeden Fall längst abgehakt und überhaupt kein Thema mehr.

Was man im Fall Jaroslav Drobny nicht ganz sagen kann. Der Keeper musste gegen Schalke zwei Tore schlucken, die ihm später von einigen Experten und von vielen Anhängern angekreidet wurden. Cardoso sagt aber: „Er konnte die Treffer nicht verhindern. Das erste Tor war ein Weltklasse-Treffer, diesen Kopfball hat der Huntelaar super gemacht. Und beim 1:2 kam der Ball aus fünf Metern, da hat es jeder Torwart schwer.“ Zumal auch dieses Tor klasse gemacht war.

Das schreibe ich in der Hoffnung, dass ich so etwas auch demnächst einmal über ein HSV-Tor schreiben kann.

17.35 Uhr