Tagesarchiv für den 2. Oktober 2011

Mit Herz gespielt – aber erneut verloren!

2. Oktober 2011

Gut gespielt, aber verloren. Der HSV verliert sein Heimspiel gegen Schalke 04 mit 1:2 und muss weiter zittern. Nach dem kurzen Höhenflug in Stuttgart heißt die bittere Wahrheit Abstiegskampf, darauf wird sich in Hamburg weiterhin jeder einstellen müssen. Es dürfte das letzte Spiel von Interimstrainer Rodolfo Cardoso gewesen sein, denn die Ausnahmefrist läuft ab. Der Nachfolger wird sich darauf einstellen müssen, dass dieser HSV sich zunächst einmal nur nach unten wird orientieren müssen. Cardoso hat seine Sache sehr gut gemacht, das ist Tatsache, aber es hat gegen eine gute Schalker Mannschaft eben noch nicht gereicht. Trotz einer Leistung mit viel Herz.

„Ich liebe euch. Ich liebe euch!“ Hermann Rieger war vor dem Anpfiff der gefeierte Mann im Volkspark. Oben, auf der Bühne zwischen Lotto King Karl und Pape, wurde der Kult-Masseur so richtig schön gefeiert. Sogar die Schalker (Betreuer) klatschten – da kam bei allen Freude auf. Und vielleicht war es auch ein wenig Versöhnung mit zwei anderen kleinen „Fehlleistungen“: Als der HSV zur Aufwärmphase auflief, wurde Jaroslav Drobny ausgepfiffen. Von den HSV-Fans. Das war unüberhörbar, auch wenn blitzartig die Musik in der Arena lauter gedreht wurde. Noch hörbarer waren dann die Pfiffe für Schalke-Trainer Huub Stevens. Er ist gewiss auch nicht mein Freund, ganz gewiss nicht, aber haben denn die „Pfeifenden“ vergessen, dass er einst den HSV vor dem Sturz in Liga zwei bewahrt hat? Offenbar ja. Schade.

Toll dagegen die Aktion, die vor dem Anpfiff im Westen und Norden lief: „Kämpfen Jungs“. Großartig. Und schön anzusehen. Oft fotografiert von allen anderen Seiten. Und dann gab es noch ein Novum: Weil „Hermann the german“ so lange gefeiert wurde, gab es die „Perle“ auch noch während der ersten Spielminuten. Das war noch nie da, hatte aber was. Zumal Lotto und Pape keine Anstalten machten, aufzuhören. Und Schiedsrichter Knut Kircher zog das Ding eisern durch.

Eine schöne Aktion gleich zu Beginn des Spiels: Gökhan Töre war dem Weltstar Raul aus Versehen auf die Hand getreten, der Spanier musste draußen behandelt werden. Als der ehemalige Real-Stürmer wieder auf den Rasen kam, entschuldigte sich Töre bei ihm – und Raul nahm mit einem kurzen Klaps auf den Bauch an. So muss es sein.

Das Spiel begann ausgeglichen. Der HSV war aggressiv, willig, engagiert. Es wird gerannt, gegrätscht, gekämpft, es wird auch Leidenschaft gezeigt. Das hat sich auf jeden Fall schon mal geändert – gegenüber der Anfangsphase der Saison. Rodolfo Cardoso hat Leben in die Bude gebracht, der HSV kann wieder mithalten, auch mit einem Gegner wie Schalke. Das sah im August und September noch ganz anders aus. Der HSV ist wieder da. Das schreibe ich beim Stande von 1:1 – und es ist mir egal, wie auch das Spiel endet. Dieser HSV ist in der Lage, mitzuspielen, und das konnte er vor Wochen (noch) nicht.

Dass es auch gegen Schalke 0:1 hieß, war Pech. Und ein wenig Dummheit. Mladen Petric verlor den Ball in Rechtsaußen-Position, der Konter lief. Und zwar schulmäßig. Keine HSV-Spieler kam mehr an den Ball. Der flog von links nach rechts, dann in die Mitte – Tor. Flanke Höger, Kopfball Huntelaar – drin. Ich meine unhaltbar, meine Kollegen neben mir auch. Einige Fans wollen einen erneuten Drobny-Fehler gesehen haben, aber das sehe ich nicht so (14.).

Schnell nebenbei bemerkt: Die Arena war nicht ausverkauft, im Westen blieben einige Plätze leer. Das tat der Stimmung aber keinen Abbruch, denn es war gigantisch laut, einfach nur toll. Kompliment allen Fans, aber besonders denen im Norden und Nord-Westen.

Zwei Minuten nach dem 0:1 hätte es auch 1:1 heißen können, doch Petric, der allein vor Fährmann aufkreuzte, schoss wohl ein wenig zu überhastet – der (schwache) S04-Torwart konnte parieren. Überhaupt Petric: In den ersten 30 Minuten blieb er rätselhaft blass. Einige Kollegen von mir formierten es krasser, aber egal wie, Petric blieb außen vor. Kaum Bewegung, kaum Bindung zu den Kollegen – das war nichts. Und dazu das stets zu langsame Zurücklaufen. Würde der HSV wieder in den Ballbesitz gelangen, dann wäre der im Abseits 8oder aus dem Abseits trabende) stehende Petric nicht angespielt werden können. Das machen die Gegner irgendwie anders, nämlich schneller und engagierter.

Ohnehin passierte vorne beim HSV nicht viel, denn auch Paolo Guerrero fand nicht statt. Warum der Peruaner immer wieder ausrutscht, das mag sein Geheimnis sein, warum er aber nicht so richtig Gas gibt, sich nicht voll reinhängt, das ist ein Rätsel, das der nächste HSV-Trainer wird lösen müssen. Das ist in meinen Augen nichts Halbes und nichts Ganzes. Und mir, gebe ich zu, schleierhaft.

Dass dazu der HSV mit Zhi Gin Lam einen jungen Mann an Bord hatte, der nicht so richtig ins Spiel fand, war schade. Das war wohl der Nervosität bei seinem ersten Auftritt in Hamburg geschuldet. Lam blieb hinter den Erwartungen, und er zeigte mir in einigen Szenen ein noch etwas zu naives Zweikampfverhalten. Wie in der Jugend. Aber da erwarte ich vielleicht auch schon ein wenig zu viel, Lam wird seine Erfahrungen erst machen müssen – und er wird auch aus solchen Spielen lernen. Ein Juwel ist er auf jeden Fall.

Und dieses Juwel bereitete auch das 1:1 vor. Erst eroberte Robert Tesche an der Mittellinie den Ball (sehr gut, sehr energisch), dann schickte Lam Petric auf halblinks los – und Fährmann, der Keeper, ließ den Ball, der auf seinen Körper kam, passieren (38.). Zu diesem war der Ausgleich verdient, denn der HSV kam nach 30 Minuten immer besser ins Spiel.

Es scheint mir auch mehr Harmonie im Team zu sein. Eine Szene, die das belegt: Jeffrey Bruma klärte in der 45. Minute kurz vor dem HSV-Strafraum, zeigte danach sofort an, dass Heiko Westermann wohl ein wenig falsch gestanden war. Auch das ist wichtig, dass auch ein junger Mann einmal seinem erfahreneren Nebenmann aufzeigt, was nicht so richtig passt . . .

Nach dem Seitenwechsel vergab Guerrero nach einem Wahnsinns-Solo von Töre das 2:1, der Peruaner verfehlte das S04-Tor um Zentimeter. Eine der letzten Szenen von Guerrero, denn für ihn kam Heung Min Son (65.). Und für Lam wurde in der 74. Minute Romeo Castelen eingewechselt, auch Marcus Berg kam für Tesche (84.) – Cardoso riskierte alles, es half alles nichts mehr.

Gut gespielt, mit viel, viel Herz, wesentlich besser als noch unter Michael Oenning, aber leider nicht belohnt worden. Es geht weiter NUR gegen den Abstieg.

Jaroslav Drobny bewahrte den HSV in der 72. Minute noch vor dem 1:2, als er einen Raul-Kopfball glänzend abwehrte, doch dann das 1:2. Töre ließ flanken, Bruma ließ Huntelaar gewähren, der Schalker Sieg.

Trotz allem, egal ob ich dafür niedergemacht werde oder nicht – diese Niederlage macht Mut, denn der HSV hat gezeigt, dass er noch lebt. Nur wird es nun langsam Zeit, mit dem Punkten anzufangen.

Einzelkritik HSV: Drobny ohne Fehler, Westermann absolut okay, untermauerte seinen Formanstieg der letzten Wochen. Bruma sah bei beiden Gegentoren nicht besonders gut aus, dazwischen aber hatte er viele gute Szenen. Der Mann kann schon was. Das gilt auch für Slobodan Rajkovic, der erneut eine solide Vorstellung ablieferte. Dennis Aogo spielte 60 Minuten auf sehr gutem Niveau, dann ließ er etwas nach.

Die beiden „Sechser“, Tesch und Tomas Rincon, rackerten viel, Tesche schien mir diesmal einen Tick besser als der Südamerikaner, aber das ist eigentlich nicht erwähnenswert, es war wirklich nur minimal.

Auf den Flügeln kam nicht viel von Lam, wie erwähnt, und links einiges von Töre. Auch wenn er, das kreidete man ihm schon in der Oenning-Ära an, nach hinten ein wenig zu „luschig“ spielt. Aber was er nach vorne bringt, wie er mit großem Mut zu seinen Dribblings ansetzt, das ist super. Ihr werdet es erleben, Töre läuft irgendwann mal bei einem ganz großen Klub auf – wenn er den HSV einmal verlassen wird.

Zu den Angreifern ist alles gesagt, es wird immer eine Schwäche sein, dass der HSV keinen Stürmer hat, der in die Tiefe geschickt werden kann. Aber dieser Fehler besteht schon seit Jahren, der HSV ist nie aufgewacht – vielleicht sieht ja Frank Arnesen mehr als sein Vorgänger.

Hoffen wir es mal.

19.30 Uhr