Monatsarchiv für Oktober 2011

Arnesen: Die Aussichten sind gut

31. Oktober 2011

Er versuchte sich diplomatisch zu geben. Anders als nach dem in allen Belangen aufregenden 1:1 gegen Kaiserslautern versuchte Frank Arnesen, die strittigen Szenen des Vortages erneut zu analysieren und seine Meinung weniger emotional, dafür umso nachhaltiger zu argumentieren. „Am Spielfeldrand war ich mir zu 100 Prozent sicher, dass Slobodan Rajkovic gefoult worden war und wir einen Freistoß erhalten. Rot habe ich überhaupt nicht verstanden. Genauso wie bei Paolos erstem Tor, wo ich mir sicher war, dass es kein Handspiel war.“ Dennoch, nach Ansicht der TV-Bilder relativierte Arnesen seine unmittelbar nach Spielschluss formulierten emotionalen Aussagen teilweise. „Bei Paolos Tor bleibe ich dabei, ich glaube, das war regulär.“ Anders gelagert sei der Fall Rajkovic. „Es lag ganz sicher keine Absicht vor, das hat ja auch Tiffert so gesagt. Aber Slobodan hat seinen Ellenbogen sehr weit oben. Wenn man ehrlich ist, geht er da schon ein hohes Risiko.“ Auch wenn es sicher kein eindeutiger Fehler des Schiedsrichters gewesen sei, sei die Entscheidung dennoch „sehr hart“. Drei Spiele dafür pausieren zu müssen ist zu hart – finde ich. Und der HSV findet das auch. Der legte Einspruch gegen die heute ausgesprochene Sperre ein. Fortsetzung folgt.

Mir geht es heute vielmehr darum, den gestern erkennbar gewesenen Schritt weiter nach vorn zu präzisieren. Wie zum Beispiel – obwohl das nach den tollen Leistungen der letzten drei Wochen fast schon langweilig wird – bei Jaroslav Drobny. Der zeigte wieder mal eine beeindruckende Partie und erhielt von Trainer Thorsten Fink wie von Arnesen Sonderlob. „Er hatte nicht zu viel zu tun, aber er war immer hellwach, wenn er gebraucht wurde. Er war ganz stark“, so Fink, während Arnesen das Innenverteidigerduo Jeffrey Bruma/Heiko Westermann mit Komplimenten zudeckte. „Die zwei haben den Laden über 70 Minuten super zusammengehalten.“ Dazu zählte Arnesen Töre als Aktivposten und vermochte sich bei der Beschreibung des Torschützen gar nicht mehr zurückzuhalten. „Paolo war für mich der überragende Mann. Er hatte es als einziger Stürmer vorn unglaublich schwer gegen zwei Gegenspieler. Trotzdem hat er eine Quote von 50:50 bei den Zweikämpfen gehabt, das ist überragend. Und dann hat er noch eio Tor gemacht – mehr geht nicht. Das ist der Paolo, den wir gern sehen.“

Und somit nicht der, der von Länderspielreisen zurückkommt, von dort in aller Regelmäßigkeit zwar einen Torerfolg im Gepäck hat, allerdings in der Regel auch nie komplett unverletzt zurückkehrt. „Deswegen habe ich ihn nach der Länderspieltour im Freiburg-Spiel zunächst draußen gelassen“, berichtet Arnesen. Beim HSV seien sich alle bewusst darüber, dass Guerrero nur im topfitten Zustand seine Top-Leistung abrufen könne. „Solche Touren nach Südamerika stressen ihn“, spricht Arnesen nebenbei auch die Flugangst des Peruaners an, „das ist völlig normal. Aber wir können nichts gegen Länderspiele unternehmen. Aber zum Glück kommt Paolo jetzt.“

Und wie. Der Edeltechniker, der wie kaum ein Zweiter Anspiele – besonders hohe Bälle unter Bedrängnis – verarbeitet und verteilt, präsentierte sich in Trier spielfreudig und gegen Kaiserslautern als Alleinunterhalter im Angriff. Der Guerrero, der hier im Blog ebenso wie außerhalb die Meinungen spaltet wie kaum ein anderer HSV-Profi, scheint einen weiteren Versuch zu unternehmen, sich in Hamburg dauerhaft durchzusetzen. Und ich drücke beide Daumen – für ihn selbst, aber noch mehr für den Verein und uns. Denn sicher ist, ein Guererro in Bestform ist schwer zu ersetzen und für den HSV in der aktuellen Situation ein unvergleichbarer Gewinn. Arnesen: „Wir brauchen diesen Guerrero.“

Ebenso wie Tomas Rincon. Der Mann, dem man immer vorgeworfen hat, er sei zu ungestüm – was immer mit fehlender Bundesliga-Erfahrung gleichgesetzt und als Argument gegen ihn verwendet wurde -, der Mann begeistert aktuell. Arnesen ging sogar so weit, die momentan sehr lobenswerte kämpferische Einstellung der Mannschaft an ihm festzumachen. „Tomas ist das Vorbild unserer Mentalität. Er gibt nie auf und hat eine hervorragende Zeit.“ Worte, die Rincon freuen: „Ich freue mich über das Vertrauen des Trainers“, sagt Rincon, der sich über die verschenkten Punkte gegen Wolfsburg und Kaiserslautern ärgert.

Nicht ganz so traurig sind dagegen Fink („Mit positivem Denken bekommst Du Kraft – negatives Denken verursacht Niederlagen“) und Arnesen. „Wir waren 70 Minuten in Unterzahl und ich finde, das hat man nicht gespürt. Natürlich hatten wir uns alle mehr erhofft. Ich war mir vor dem Spiel sogar sicher, dass wir drei Punkte einfahren. Aber wie der Trainer die Mannschaft in der Halbzeit eingestellt hat, und wie sich die Mannschaft präsentiert hat, das war gut.“ 50:50 in Sachen Zweikämpfe und Ballbesitz sprechen Bände. Genau so die 17:13 Torschüsse. Arnesen: „Und wenn wir weiter so arbeiten, werden die Ergebnisse kommen.“ Das müssen sie auch. Denn auch Arnesen vermag neun Punkten aus elf Partien nichts Positives abzugewinnen. Allerdings – und diese Hoffnung teilen wir hier im Blog fast alle – auch Arnesen sieht die Entwicklung zum Positiven. Eine Niederlage (und die auch noch sehr unglücklich gegen Schalke) aus den letzten sechs Spielen – „das sollte uns Mut geben.“

Tut es. Ebenso wie die Aussicht auf eine Rückkehr von Ivo Ilicevic, der heute schon erste Steigerungsläufe machte. Und auch wenn es noch zu früh ist, eine endgültige Prognose fürs Wochenende für die Partie bei Bayer Leverkusen abzugeben – es ist die Aussicht, die uns positiv stimmen darf. Die kurzfristige – wie oben auch schon in dem Teil vor Ilicevic beschrieben. Aber eben auch die langfristige, bei der Arnesen mit Platz zehn oder elf durchaus zufrieden wäre, wie er sagt. Aber wer auch immer von Euch am Wochenenende Zweite Liga gesehen hat, dem wird einmal mehr Maxi Beister aufgefallen sein. Der Leihspieler in Diensten Fortuna Düsseldorfs zählt aktuelle zu den Topspielern der zweiten Liga. Vorsichtig ausgedrückt. „Nach jetzigem Stand wollen wir ihn zurückhaben“, sagt Arnesen, der den Kontakt zu den Leihspielern vor der Saison intensiviert hat. „Bei Maxi habe ich persönlich vor dem ersten Spiel angerufen und ihm gesagt, dass wir uns jede Woche bei ihm melden und dass wir ihn beobachten.“

Das erledigt derzeit Scout Christofer Clemens, der sich die Spiele zum Teil live vor Ort ansieht und sich neben den sportlichen Dingen auch über die persönliche Entwicklung des 21-Jährigen informiert. „Maxi muss das Gefühl haben, dass er zu uns gehört, dass wir uns kümmern. Er ist ein HSVer, ein intelligenter Junge, der die richtigen Fragen stellt. Ich bin mir sicher, dass er sehr gern zurückkommen würde“, sagt Arnesen, der diesbezüglich am vergangenen Freitag ein Gespräch mit Düsseldorf-Manager Wolf Werner geführt hat, sich zuvor am Dienstag mit Beisters Berater getroffen hatte. „Wir müssen zu 100 Prozent hinter dem Spieler stehen“, sagt Arnesen und macht deutlich, dass das mit Telefonaten und nett gemeinten Aussagen nicht getan ist. Im Gegenteil: Arnesen plant sogar eine frühzeitige Vertragsverlängerung mit Beister. „Wenn wir ihn zurückholen, wollen wir auch gleich seinen Vertrag verlängern. Er ist ein junger Spieler, Deutscher und seit seinem 14. Lebensjahr bei uns.“ Voraussetzungen, die ihn für einen längerfristigen Vertrag in Hamburg prädestinieren. Ebenso wie Zhi Gin Lam, mit dem der HSV bereits seit Wochen verhandelt. „Wir reden“, bestätigt Arnesen, der von einer schnellen Einigung ausgeht: „Ich glaube nicht, dass wir noch sehr lang brauchen.“

Ganz ehrlich, ich finde, das klingt gut. Es klingt zumindest nach einer hoffnungsvollen Zukunft.

In diesem Sinne, bis morgen.

Scholle (18.38 Uhr)

P.S.: Am Dienstag ist trainingsfrei.

*Trainernamen korrigiert in Manager Wolf Werner*

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