Monatsarchiv für Oktober 2011

Arnesen: Die Aussichten sind gut

31. Oktober 2011

Er versuchte sich diplomatisch zu geben. Anders als nach dem in allen Belangen aufregenden 1:1 gegen Kaiserslautern versuchte Frank Arnesen, die strittigen Szenen des Vortages erneut zu analysieren und seine Meinung weniger emotional, dafür umso nachhaltiger zu argumentieren. „Am Spielfeldrand war ich mir zu 100 Prozent sicher, dass Slobodan Rajkovic gefoult worden war und wir einen Freistoß erhalten. Rot habe ich überhaupt nicht verstanden. Genauso wie bei Paolos erstem Tor, wo ich mir sicher war, dass es kein Handspiel war.“ Dennoch, nach Ansicht der TV-Bilder relativierte Arnesen seine unmittelbar nach Spielschluss formulierten emotionalen Aussagen teilweise. „Bei Paolos Tor bleibe ich dabei, ich glaube, das war regulär.“ Anders gelagert sei der Fall Rajkovic. „Es lag ganz sicher keine Absicht vor, das hat ja auch Tiffert so gesagt. Aber Slobodan hat seinen Ellenbogen sehr weit oben. Wenn man ehrlich ist, geht er da schon ein hohes Risiko.“ Auch wenn es sicher kein eindeutiger Fehler des Schiedsrichters gewesen sei, sei die Entscheidung dennoch „sehr hart“. Drei Spiele dafür pausieren zu müssen ist zu hart – finde ich. Und der HSV findet das auch. Der legte Einspruch gegen die heute ausgesprochene Sperre ein. Fortsetzung folgt.

Mir geht es heute vielmehr darum, den gestern erkennbar gewesenen Schritt weiter nach vorn zu präzisieren. Wie zum Beispiel – obwohl das nach den tollen Leistungen der letzten drei Wochen fast schon langweilig wird – bei Jaroslav Drobny. Der zeigte wieder mal eine beeindruckende Partie und erhielt von Trainer Thorsten Fink wie von Arnesen Sonderlob. „Er hatte nicht zu viel zu tun, aber er war immer hellwach, wenn er gebraucht wurde. Er war ganz stark“, so Fink, während Arnesen das Innenverteidigerduo Jeffrey Bruma/Heiko Westermann mit Komplimenten zudeckte. „Die zwei haben den Laden über 70 Minuten super zusammengehalten.“ Dazu zählte Arnesen Töre als Aktivposten und vermochte sich bei der Beschreibung des Torschützen gar nicht mehr zurückzuhalten. „Paolo war für mich der überragende Mann. Er hatte es als einziger Stürmer vorn unglaublich schwer gegen zwei Gegenspieler. Trotzdem hat er eine Quote von 50:50 bei den Zweikämpfen gehabt, das ist überragend. Und dann hat er noch eio Tor gemacht – mehr geht nicht. Das ist der Paolo, den wir gern sehen.“

Und somit nicht der, der von Länderspielreisen zurückkommt, von dort in aller Regelmäßigkeit zwar einen Torerfolg im Gepäck hat, allerdings in der Regel auch nie komplett unverletzt zurückkehrt. „Deswegen habe ich ihn nach der Länderspieltour im Freiburg-Spiel zunächst draußen gelassen“, berichtet Arnesen. Beim HSV seien sich alle bewusst darüber, dass Guerrero nur im topfitten Zustand seine Top-Leistung abrufen könne. „Solche Touren nach Südamerika stressen ihn“, spricht Arnesen nebenbei auch die Flugangst des Peruaners an, „das ist völlig normal. Aber wir können nichts gegen Länderspiele unternehmen. Aber zum Glück kommt Paolo jetzt.“

Und wie. Der Edeltechniker, der wie kaum ein Zweiter Anspiele – besonders hohe Bälle unter Bedrängnis – verarbeitet und verteilt, präsentierte sich in Trier spielfreudig und gegen Kaiserslautern als Alleinunterhalter im Angriff. Der Guerrero, der hier im Blog ebenso wie außerhalb die Meinungen spaltet wie kaum ein anderer HSV-Profi, scheint einen weiteren Versuch zu unternehmen, sich in Hamburg dauerhaft durchzusetzen. Und ich drücke beide Daumen – für ihn selbst, aber noch mehr für den Verein und uns. Denn sicher ist, ein Guererro in Bestform ist schwer zu ersetzen und für den HSV in der aktuellen Situation ein unvergleichbarer Gewinn. Arnesen: „Wir brauchen diesen Guerrero.“

Ebenso wie Tomas Rincon. Der Mann, dem man immer vorgeworfen hat, er sei zu ungestüm – was immer mit fehlender Bundesliga-Erfahrung gleichgesetzt und als Argument gegen ihn verwendet wurde -, der Mann begeistert aktuell. Arnesen ging sogar so weit, die momentan sehr lobenswerte kämpferische Einstellung der Mannschaft an ihm festzumachen. „Tomas ist das Vorbild unserer Mentalität. Er gibt nie auf und hat eine hervorragende Zeit.“ Worte, die Rincon freuen: „Ich freue mich über das Vertrauen des Trainers“, sagt Rincon, der sich über die verschenkten Punkte gegen Wolfsburg und Kaiserslautern ärgert.

Nicht ganz so traurig sind dagegen Fink („Mit positivem Denken bekommst Du Kraft – negatives Denken verursacht Niederlagen“) und Arnesen. „Wir waren 70 Minuten in Unterzahl und ich finde, das hat man nicht gespürt. Natürlich hatten wir uns alle mehr erhofft. Ich war mir vor dem Spiel sogar sicher, dass wir drei Punkte einfahren. Aber wie der Trainer die Mannschaft in der Halbzeit eingestellt hat, und wie sich die Mannschaft präsentiert hat, das war gut.“ 50:50 in Sachen Zweikämpfe und Ballbesitz sprechen Bände. Genau so die 17:13 Torschüsse. Arnesen: „Und wenn wir weiter so arbeiten, werden die Ergebnisse kommen.“ Das müssen sie auch. Denn auch Arnesen vermag neun Punkten aus elf Partien nichts Positives abzugewinnen. Allerdings – und diese Hoffnung teilen wir hier im Blog fast alle – auch Arnesen sieht die Entwicklung zum Positiven. Eine Niederlage (und die auch noch sehr unglücklich gegen Schalke) aus den letzten sechs Spielen – „das sollte uns Mut geben.“

Tut es. Ebenso wie die Aussicht auf eine Rückkehr von Ivo Ilicevic, der heute schon erste Steigerungsläufe machte. Und auch wenn es noch zu früh ist, eine endgültige Prognose fürs Wochenende für die Partie bei Bayer Leverkusen abzugeben – es ist die Aussicht, die uns positiv stimmen darf. Die kurzfristige – wie oben auch schon in dem Teil vor Ilicevic beschrieben. Aber eben auch die langfristige, bei der Arnesen mit Platz zehn oder elf durchaus zufrieden wäre, wie er sagt. Aber wer auch immer von Euch am Wochenenende Zweite Liga gesehen hat, dem wird einmal mehr Maxi Beister aufgefallen sein. Der Leihspieler in Diensten Fortuna Düsseldorfs zählt aktuelle zu den Topspielern der zweiten Liga. Vorsichtig ausgedrückt. „Nach jetzigem Stand wollen wir ihn zurückhaben“, sagt Arnesen, der den Kontakt zu den Leihspielern vor der Saison intensiviert hat. „Bei Maxi habe ich persönlich vor dem ersten Spiel angerufen und ihm gesagt, dass wir uns jede Woche bei ihm melden und dass wir ihn beobachten.“

Das erledigt derzeit Scout Christofer Clemens, der sich die Spiele zum Teil live vor Ort ansieht und sich neben den sportlichen Dingen auch über die persönliche Entwicklung des 21-Jährigen informiert. „Maxi muss das Gefühl haben, dass er zu uns gehört, dass wir uns kümmern. Er ist ein HSVer, ein intelligenter Junge, der die richtigen Fragen stellt. Ich bin mir sicher, dass er sehr gern zurückkommen würde“, sagt Arnesen, der diesbezüglich am vergangenen Freitag ein Gespräch mit Düsseldorf-Manager Wolf Werner geführt hat, sich zuvor am Dienstag mit Beisters Berater getroffen hatte. „Wir müssen zu 100 Prozent hinter dem Spieler stehen“, sagt Arnesen und macht deutlich, dass das mit Telefonaten und nett gemeinten Aussagen nicht getan ist. Im Gegenteil: Arnesen plant sogar eine frühzeitige Vertragsverlängerung mit Beister. „Wenn wir ihn zurückholen, wollen wir auch gleich seinen Vertrag verlängern. Er ist ein junger Spieler, Deutscher und seit seinem 14. Lebensjahr bei uns.“ Voraussetzungen, die ihn für einen längerfristigen Vertrag in Hamburg prädestinieren. Ebenso wie Zhi Gin Lam, mit dem der HSV bereits seit Wochen verhandelt. „Wir reden“, bestätigt Arnesen, der von einer schnellen Einigung ausgeht: „Ich glaube nicht, dass wir noch sehr lang brauchen.“

Ganz ehrlich, ich finde, das klingt gut. Es klingt zumindest nach einer hoffnungsvollen Zukunft.

In diesem Sinne, bis morgen.

Scholle (18.38 Uhr)

P.S.: Am Dienstag ist trainingsfrei.

*Trainernamen korrigiert in Manager Wolf Werner*

1:1 gegen Kaiserslautern – ein Punkt für die Moral ***Update mit PK Fink/Kurz****

30. Oktober 2011

****Während Lautern-Trainer Kurz an der Roten Karte keinen Zweifel gelten lassen wollte, sagte Fink, dass Gelb gereicht hätte, da Rajkovic keinen bewussten Schlag vornimmt. Dennoch, auch wenn es keine Absicht war und einen HSV-Spieler trifft: auf der Höhe hat in diesem Zweikampf kein Ellenbogen etwas zu suchen. Es ist sicherlich eine unglücliche Szene und allemal eine harte Entscheidung gewesen, aber eine vertretbare. Dass die HSV-Verantwortlichen anschließend versuchen, die Szene harmlos zu schildern, ist logisch. Immerhin gilt es eine längerere Sperre abzuwenden. Das abgepfiffene Tor von Guerrero hingegen ist eine Fehlentscheidung. Es ist für mich (ich habe es jetzt sicher zehn und meher Male gesehen) bislang aus keiner Fernsehsicht als klares Handspiel zu identifizieren, von daher hätte es gelten müssen. Im Zweifel hätten die Unparteiischen für den Angreifer entscheiden müssen******

Das war doch mal ne fachkundige Runde. Im Fahrstuhl auf dem Weg in Richtung Pressetribüne fuhren drei Ehrenkarteninhaber mit mir nach oben. Mein Kollege von Opta Data hatte die Aufstellung auf seinem Klemmbrett und beantwortete die Fragen der drei Herren. Als erstes die nach Marcus Berg. Ob der Schwede spielt, wollte einer wissen. „Ja“, so die korrekte Antwort, die bei allen dreien ein zufriedenes Nicken auslöste, garniert von den Worten: „Das ist doch mal gut. Endlich. Der Junge kann ja gar nicht so schlecht sein, bei dem, was er gekostet hat.“

Nun ja, ich kann mir auch teure schlechte Spieler kaufen. Beispiele dafür gibt’s genug, die reichen von Cristian Ledesma über Martin Dahlin bis hin zu – Marcus Berg?

Mitnichten. Zumindest begann der Schwede engagiert, forderte Bälle, behauptete sie und wirkte verbessert gegenüber Trier. Ebenso seine Nebenleute, zumindest offensiv. Defensiv jedoch hatte der HSV Probleme. Es haperte in der Abstimmung zwischen Mittelfeld und Viererkette. Und so kamen de Wit (3.), sowie eine Dreierchance mit Kouemaha nach Tiffert- und Dick-Schuss (11.)zu guten Gelegenheiten. Die hatte der HSV, der parallel den VfB Stuttgart für das DFB-Pokal-Achtelfinale am 20./21. Dezember als Auswärtsspiel zugelost bekam) in der 16. Minute, nachdem Rajkovic einen schönen Pass auf Jansen geschlagen hatte, der allerdings mit seiner Hereingabe keinen Spieler erreichen konnte – weil keiner wirklich mitgelaufen war. Es war einer dieser Angriffe, bei denen ich mir Berg in der „Box“ gewünscht hätte, allerdings musste sich der Schwede erneut zu tief anbieten, sich die Bälle teilweise an der Mittellinie abholen.

Und es kam noch schlimmer für Berg. Genau genommen für den HSV. Denn Slobodan Rajkovic hatte knapp in der eigenen Hälfte angekommen auf Höhe der Außenlinie eine dumme Idee. Anstatt Gegenspieler Christian Tiffert ganz schlicht zu blocken, benutzte er den Ellenbogen und traf Tiffert heftig an der Augenbraue. Ein – so will ich mal hoffen – unabsichtliches Foulspiel, das allerdings den völlig berechtigten Platzverweis nach sich zog. Eine korrekte Entscheidung. Und, 15 Minuten nach Rajkovic, musste auch Berg seinen Platz räumen. Aus taktischen Gründen wich er Dennis Diekmeier, der auf die Rechtsverteidigerposition rückte, während Heiko Westermann neben Jeffrey Bruma in die Innenverteidigung rückte.

Und so verpasste Berg, der traurig den direkten Weg in die Kabine angetreten hatte, das 0:1. Sahan tanzt Aogo rechts aus – der HSV-Verteidiger rutschte einfach am Lauterer vorbei – und flankt. Links im Strafraum hat Konstantinos Fortounis ausreichend Platz und Zeit für einen Rückpass auf de Wit, der aus zentraler Position von der Strafraumgrenze rechts oben in den Torwinkel trifft. Ein Tor des Monats zum 0:1 in der 38.Minute, das Marcell Jansen keine zwei Minuten später in Sachen Schönheit getoppt – und im Bezug aufs Ergebnis ausgeglichen hätte. Allerdings traf er HSV-Profi aus 30 Metern nur die Latte traf, von wo aus der Ball deutlich erkennbar vor der Torlinie aufkam. Und hätte Drobny nicht in der selben Minute einen von Bruma noch gefährlich abgefälschten Schuss von Fortounis mit einem sensationellen Reflex noch über die Latte gelenkt – der HSV wäre mit 0:2 in die Halbzeit gegangen. So aber blieb es beim 0:1, das vom Chancenverhältnis her – auch durch das Überzahlspiel ab der 22. Minute – sogar in Ordnung ging.

Und einen De-Wit-Freistoß (46.) als Weckruf genutzt, legte der HSV es auf den Ausgleich an. Erst scheiterte Jansen mit einem scharfen Schuss aus halblinker Position (57.) noch knapp an den Fingerspitzen von FCK-Keeper Trapp, dann traf der HSV. Einen Westermann-Pass nimmt Guerrero am Sechzehner mit der Brust an, läuft auf Trapp zu, tunnelt ihn und trifft zum 1:1 in der 58. Minute– denken zumindest die 55348 Zuschauer im Stadion. Allerdings hatte Schiri-Assistent Kai Voss ein Handspiel erkannt, das wir auf der Tribüne zunächst nicht wahrhaben wollten. Und eigentlich auch jetzt noch nicht wahrhaben wollen.

Allein es nützte nichts, es stand weiter 0:1. Und das noch genau sieben Minuten. Denn dann war der sichtlich erzürnte und sehr engagierte Guerrero wieder da. Diesmal mit dem Kopf, nachdem sich der bis dahin beste HSVer neben Drobny, Gökhan Töre, über rechts durchgesetzt hatte und mit seinem vermeintlich schwächeren rechten Fuß eine scharfe Flanke hereinbrachte. In der Mitte setzte sich Guerrero gegen Amedick durch und wuchtet den Ball zum 1:1 ins Netzt. Ein Treffer, an dem nichts, aber auch gar nichts auszusetzen war. Er zählte.

Zwar hätte der FCK gleich im Anschluss an den Ausgleich auf 2:1 erhöhen können, allerdings hatte sich der HSV das Remis achtbar verdient. Die Mannschaft von Thorsten Fink wirkte jetzt bissig, nahm die Zweikämpfe an – und gewann sie immer häufiger auch. Selbst Marcell Jansen, dem wie Gojko Kacar ein wenig die Luft auszugehen schien, biss auf die Zähne und ackerte. Jansen war es auch, der in der 72. Minute eine hohe Hereingabe von Rincon direkt querlegte. Allein Paolo Guerrero scheiterte an dem gut parierenden Trapp.

Es war ein munteres Spiel, in dem sich Drobny die Sprechchöre der Fans mit sensationellen Reflexen und Paraden verdiente. Ein Spiel, in dem Marcell Jansen in der zweiten Halbzeit seine dritte Luft bekam, in dem Töre Bälle schleppte und verteilte. Aber vor allem ein Spiel, in dem der HSV Moral bewies. Es hätte ein Sieg werden können, ohne Frage. Allerdings hatte der HSV auch Glück, als der Ex-Hamburger Mathias Abel in der 82. Minute nach einer Ecke nur die Latte traf.

Nein, alles in allem war es ein unterhaltsames Spiel mit zahlreichen Torchancen, etlichen umstrittenen Szenen und einem gerechten Endergebnis, das den HSV weiterhin auf den ersten Heimsieg seit mehr als sieben Monaten warten lässt, ihm tabellarisch aber den (vorher schon durch Kölns 3:0 gesicherten) Sprung auf Rang 16 verschaffte. Und neben vielen lobenden Worten für die eigene Mannschaft fand Trainer Thorsten Fink anschließend die richtigen Worte: „Es ist ein Anfang – aber ganz sicher noch ein weiter Weg mit viel Arbeit für uns.“

In diesem Sinne, morgen soll es (Stand 19.22 Uhr) um zehn Uhr damit beginnen. Auf den Trainingsplätzen neben der Imtech-Arena.

Euch allen einen schönen Abend, Scholle (19.32 Uhr)

P.S.: Für alle Rechtschreib-Freunde – ich bitte um Nachsicht. Ich habe hier zum einen wenig Zeit zum anderen auch noch erschwerte Bedingungen beim Übertragen der Daten. Ost ja nicht so, dass ausgerechnet mein Anbieter Telekom auch für die Stadiontechnik verantwortlich ist… 😉

Zudem möchte ich alle beruhigen. Neben Drobny und Jansen gab es weitere auffällig gute Spieler. Allerdings ist die Einzelkritik bei einem derart kollektiv gespielten Spiel in Unterzahl ab der 22. Minute für mich damit am besten benotet, wenn ich allen eine lobenswerte Moral attestiere. Und das tue ich hiermit.

Herzlichen Glückwunsch, Thorsten Fink!

29. Oktober 2011

*****Heute nur ein kurzes Update****

Das hat geklappt. Das nicht öffentliche Training blieb wirklich geheim. Obwohl die Mannschaft auf dem öffentlich zugänglichen Platz neben der Imtech-Arena trainierte. Und obwohl eigentlich wenigstens einer mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte: Trainer Thorsten Fink. Denn der feierte heute seinen 44. Geburtstag. Glückwunsch dazu !

Gratulieren dürfen wir auch Slobodan Rajkovic. Der Innenverteidiger setzte sich letztlich doch durch und zählte bei der taktischen Aufstellung heute wieder zum A-Team. Neben Jeffrey Bruma verteidigte der Serbe, während Heiko Westermann auf die rechte Position in der Viererkette rückt und sich Dennis Diekmeier auf der Bank wiederfinden dürfte. Ansonsten blieb alles wie bereits geschrieben. Im zentralen Mittelfeld agierten Tomas Rincon und Gojko Kacar, während Gökhan Töre rechts und Marcell Jansen links spielten. Vorne wird Marcus Berg den Platz neben Paolo Guerrero einnehmen, darauf legte sich Fink fest. Fehlen noch Jaroslav Drobny im Tor sowie Dennis Aogo, der sein 100. Bundesligaspiel auf der angestammten Linksverteidiger-Position absolvieren wird.

Elf Namen, ein Ziel: den ersten Heimsieg 2011/2012. In diesem Sinne: alles wird gut! Schon morgen.

Scholle (18.30 Uhr)

Die voraussichtlichen Aufstellungen:
HSV:
Drobny – Westermann, Bruma, Rajkovic, Aogo – Rincon, Kacar – Töre, Jansen – Berg, Guerrero

Kader: Mickel, Mancienne, Jarolim, Lam, Tesche, Son, Diekmeier, Skjelbred, Sala
Nicht dabei: Petric (Muskelfaserriss), Ilicevic (Muskelfaserriss), Castelen (Trainingsrückstand nach Knieproblemen), Bertram, Besic, Behrens, Ingreso, Nagy, Sowah, Sternberg (alle HSV II), Stepanek (Trainingsrückstand), Arslan (Reha nach Knöchel-Op), Neuhaus

1. FC Kaiserslautern: Trapp – Dick, Amedick, Rodnei, Bugera – Sahan, De Wit, Kirch, Tiffert – Shechter, Kouemaha

Kader: Sippel (Tor), Abel, Jessen, Lucas, Orban, Bilek, Fortounis, Petsos, Vermouth, Walch, Micanski, Nemec, Sukuta-Pasu
Es fehlen: Knaller, Heintz, Simunek, Amri, Rivic, Derstroff, Zellner

Am Sonntag soll zum ersten Mal die Null stehen

28. Oktober 2011

Muskelfaserriss. Das ist die bittere Diagnose, die einen mehrwöchigen Ausfall von Mladen Petric nach sich zieht. Eine bittere Nachricht, wie ich finde, denn Mladen war gerade zuletzt gegen Wolfsburg in meinen Augen stark verbessert. Die ihm immer wieder zur Last gelegte Lauffaulheit hatte er abgelegt, er war anspielbar und torgefährlich. Von daher verstehe ich die Diskussion um seine Person hier in diesem Blog nicht. Es gab viele Momente, in denen man trefflich über Mladen diskutieren konnte – aber eben jetzt nicht.

Aber okay, Mladen fällt leider aus und zumindest im heutigen Training schien es, als wäre Marcus Berg Finks erste Alternative. Beim taktischen Spiel stürmte der Schwede neben Paolo Guerrero, während Heung Min Son nebenan mit den voraussichtlichen Ersatzspielern trainierte. So auch im Abschlussspiel, in dem Berg weitgehend unauffällig blieb, während Son den einzigen Treffer des Spiels markieren konnte. Eine endgültige Entscheidung scheint allerdings noch nicht gefallen. Sagt zumindest der Trainer.

Das gilt auch für die Position des zweiten Innenverteidigers neben Jeffrey Bruma. „Mir ist egal, ob Heiko oder Slobodan spielt. Ich weiß genau, wie die beiden spielen“, so Bruma, der sich allerdings zumindest mit Westermann schon auf den nächsten Gegner eingestimmt hat. „Wir haben über Kaiserslautern gesprochen, über deren Offensive und die Angreifer wie Shechter.“ Denn, und das ist das primäre Ziel für Bruma, „wir wollen endlich mal zu Null spielen.“ Das ist in dieser Saison bislang noch nicht gelungen. Ebenso wenig wie ein Heimsieg. Der letzte liegt inzwischen sieben Monate zurück. „Ich war in meiner gesamten Karriere noch nie so lange ohne Heimsieg“, sagt Bruma und erklärt, weshalb diese Serie nun auch beim HSV ein Ende haben wird: „Wir haben Spaß im Training“, so der Niederländer, der hinzufügt: „Wir haben alle mehr Spaß, seitdem Fink Trainer ist.“ Eine Aussage, die Bruma nicht als Schuss gegen Oenning sondern als Kompliment für Fink verstanden wissen will. Explizit die hohen Anforderungen gefallen ihm. „Jetzt muss jeder genau wissen, was er zu machen hat.“ Gegen Kaiserslautern heißt das, Tore verhindern und selbst das Spiel machen. „Alle elf attackieren“, verspricht Bruma eine offensive Ausrichtung, fordert aber auch: Und alle elf verteidigen. Die Null muss stehen – ein Tor machen wir immer.“

Man merkt Bruma an, dass er sich wohlfühlt. „Ich hatte in meiner Karriere immer Schmerzen hier und da. Heute bin ich schmerfrei, gefühlt das erste Mal.“ Und er ist auf dem Sprung in der Nationalmannschaft. Noch musste er den erfahreneren Profis wie Heitinga, Mathijsen oder auch Ron Vlaar den Vortritt lassen, allerdings hegt der HSV-Profi große Hoffnungen, beim Länderspiel der Niederlande gegen Deutschland am 15. November in Hamburg dabei sein zu dürfen: „Ich freue mich riesig darauf.“

Allerdings – und das nur für die, die befürchten, Bruma könnte abgelenkt sein – der Innenverteidiger wirkt aktuell sehr fokussiert. Seine anfängliche Überheblichkeit („Ich hatte die Bundesliga nicht so stark eingeschätzt“) ist verflogen, die Zeit als Reservist hat ihn wachgerüttelt. Und Bruma genießt den HSV. Ob er glaubt, dass Chelsea von der Rückholklausel nach dieser Saison Gebrauch macht? „Ich glaube nicht. Ich stelle mich auf jeden Fall auf mindestens zwei Jahre in Hamburg ein.“ Worte, die gut klangen und die er mit einem zufriedenen Lächeln garnierte.

Zur ersten Garnitur möchte auch Tomas Rincon wieder gehören. Der kampfstarke Mittelfeldspieler aus Venezuela pausierte heute zwar wegen Oberschenkelproblemen, allerdings will Rincon schon am Sonnabend im (nicht öffentlichen) Abschlusstraining wieder dabei sein. „Es ist eine Verletzung, die ich mit 17 Jahren erlitten habe und dessen narbe mir jetzt Probleme gemacht hat. Aber es geht mir schon viel besser und ich werde spielen können.“ Zusammen mit Gojko Kacar im defensiven Mittelfeld. Zwar trainierte Kacar heute mit Tesche in der A-Elf im Mittelfeldzentrum, allerdings dürfte Rincon den Vorzug vor Tesche erhalten, der sich zuletzt nicht so präsentieren konnte, wie Fink es sich erhofft hatte. Wobei, wo wir gerade bei Tesche sind, ich muss zugebe, dass Tesche eigentlich alles hat. Er ist einigermaßen schnell, zweikampfstark, hat eine gute Technik, einen sehr guten Schuss und er ist kopfballstark. Die Frage, die sich allerdings vor mir wohl bislang alle HSV-Trainer gefragt haben, ist also: warum setzt sich der ehemalige Bielefelder beim HSV nicht durch? Ist es sein Phlegma?

Okay, ich muss zugeben, dass ich diese Frage definitiv nicht beantworten kann. Stattdessen hoffe ich, dass sich der HSV schon etwas dabei gedacht hat, als sie kürzlich Tesches Vertrag vorzeitig bis 2014 verlängert haben.

Erfolgreich gehofft haben wir heute alle, als plötzlich Gökhan Töre das Training abbrach und in Richtung Kabine lief. Zum Glück nicht wegen irgendeiner Verletzung, sondern nur, um zu dem Ort zu gelangen, an dem das Unbeschreibliche passiert, wie Goethe das Stille Örtchen mal so passend beschrieb.

Ihr merkt, ich schweife ab. Mehr gibt es heute tatsächlich nicht zu erzählen. Außer dass Slobodan Rajkovic mit Rückenproblemen pausierte, am Sonnabend jedoch wieder mittrainieren soll. Und natürlich, und somit schließe ich diesen Blog mit einer höchst erfreulichen Nachricht, dass Romeo Castelen seine Knieprobleme überstanden hat und heute wieder voll mittrainieren konnte.

In diesem Sinne, alles wird gut. Schon am Sonntag.

Scholle (17.10 Uhr)

Alles wird gut – schon am Sonntag?

27. Oktober 2011

Einen Schönheitspreis gibt es im Fußball nicht zu gewinnen. Das gilt für die Bundesliga, für den Pokal, für die Mannschaften und ebenso für einzelne Spieler. Zumindest sagt man das so. Denn letztlich ist Fußball ein Spiel, in dem die Mannschaft die Punkte bekommt, die mehr Tore als ihr jeweiliger Gegner erzielt. Und diese Phrase logisch zuendegedacht, hat Marcus Berg in Trier ein gute Spiel gemacht. Denn der Schwede hat eines der zwei Tore für den HSV erzielt, die am Ende reichten, um den Viertligisten zu bezwingen. So gesehen wäre es auch egal, ob er die restlichen 119 Minuten nun gut oder schlecht war.

Warum ich das schreibe?

Weil wir hier im Blog mal wieder wider die Realität schreiben. Polemik, ein Rückfall in alte Zeiten – was auch immer hier wieder geschrieben wird – es hat nicht den Hauch von Bezug auf das, was der HSV abliefert. Sicher kann man den Sieg in Trier als positiv bewerten, denn es wurde immerhin gewonnen. Da gab es in dieser Saison schon Phasen, wo das eher unwahrscheinlich gewesen wäre. Und natürlich kann man auch sagen, dass Berg gut war, weil er getroffen hat. Aber beide Aussagen sind nur die halbe Wahrheit. Nur die, die aus dem Fanatismus für den HSV entstehen – aber mit Analyse hat das nichts zu tun.

Das wiederum ist okay. Als reiner Fan ist das sogar die Regel.

Aber ich werde das nicht so machen. Zumindest größtenteils nicht. Ich werde mit Sicherheit Siege auch einfach mal ohne weiter nachzufragen Siege sein lassen, weil ich das in dem entsprechenden Moment für die wichtigste, die vorrangige Nachricht halte. Aber ich werde es dann auch immer genau so kennzeichnen und sagen, dass es sicher mehr geben würde, ich das Spiel ganz bewusst nicht sizieren will, um den Effekt beizubehalten. Aber ich werde ganz sicher nie versuchen, das in dem Fall dann qualitativ nicht so gute Spiel schönzureden.

Aber gut, Trier ist Vergangenheit. Und es sind auch nur noch drei Tage bis zum schwersten Spiel der Saison gegen den 1. FC Kaiserslautern. Dieses Spiel soll immerhin der Schlüssel in eine bessere Saison werden. „Mit einem Sieg wollen wir ordentlich klettern“, sagt Torwart Jaroslav Drobny, der auf eine Fortsetzung der zuletzt drei ungeschlagenen Spiele in Folge – aber vor allem auf eine Beendigung der Heimserie von nunmehr sieben Monaten ohne Sieg – hofft. Ebenso wie Dennis Diekmeier, der sich sogar sicher ist: „Alle wissen, worauf es ankommt. Wir haben taktisch gegen Wolfsburg schon gut gespielt. Und in der Kabine merkst du, dass alle auf den ersten Heimsieg brennen.“

Dennoch wird einer voraussichtlich passen müssen: Mladen Petric. Der Toptorschütze des HSV verletzte sich heute beim Drei-gegen-Drei im Training an der Wade. „Eine Muskelverletzung. Er hat plötzlich ein Stechen verspürt“, sagt Trainer Thorsten Fink, „das wird sehr, sehr eng.“ Tomas Rincon hingegen, der heute passte, soll am Freitag wieder voll mittrainieren und am Sonntag auch einsetzbar sein.

Und er wird auch spielen. Darauf legte sich Fink heute schon eindeutig zweideutig fest. Auf die Frage, wie er David Jarolims Situation und seine Chancen auf einen Einsatz gegen Lautern einschätzt, antwortete Fink heute: „Er kann sicherlich besser spielen als im letzten Spiel in Trier. Aber ich erwarte, dass wir ihn noch brauchen werden.“ Fink schränkte jedoch ein: „Bei dem einen oder anderen Spiel werden wir ihn noch brauchen.“ Das klingt nicht so, als hätte Jarolim große Chancen auf einen Stammplatz. Vorsichtig formuliert.

Größere Chancen auf die Startelf haben dagegen Marcus Berg und Heung Min Son als Ersatz für den voraussichtlich verletzten Petric. Wer Finks Alternative Nummer eins ist? „Das werde ich mir im Training genau anschauen. Beide sind gute Stürmer. Am Ende können Kleinigkeiten entscheiden, zum Beispiel mein Bauchgefühl, das in den letzten Jahren immer ganz gut war.“

Wie gegen Trier, wo Fink in der zweiten Halbzeit nach eigener Aussage „korrigierte“ und Per Skjelbred zusammen mit Paolo Guerrero brachte. Zwei Wechsel, die beide maßgeblichen Anteil daran hatten, dass das Offensivspiel des HSV besser wurde. Guerrero dürfte gegen Kaiserslautern eh als gesetzt gelten – aber was ist mit Skjelbred? Fink: „Skjelbred hat auf sich aufmerksam gemacht. Er ist rangerückt an die Mannschaft und wird ganz sicher im Kader stehen.“

Ganz sicher, und das mit Recht, darf sich Jaroslav Drobny fühlen. Die Wochen der Enttäuschungen sind einem Hoch gewichen, das tagtäglich neue Komplimente für den HSV-Keeper mit sich bringt. Hute war mal wieder Fink dran. „Bei den zwei, drei Bällen, in denen er da sein musste war er da. Ich verspüre ihn als sehr gut, sehr positiv.“ Der neue HSV-Trainer impft seinem Torhüter neues Selbstvertrauen ein und lässt keine Zweifel: „Was vorher war, interessiert mich nicht. Ich jedenfalls verschwende keinen Gedanken an einen neuen Keeper.“

Gut so. Zumal es in der Bundesliga eh noch genügend andere vorrangigere Themen geben dürfte. Für Fink insbesondere, wen er gegen Lautern von Beginn an auflaufen lassen wird. Besonders bei einer Personalie bin ich zumindest sehr gespannt: Slobodan Rajkovic. Der Innenverteidiger hatte nach seinen starken Leistungen seit dem Köln-Spiel zuletzt in Freiburg aber wenigstens gegen Wolfsburg und Trier eher schwankende Leistungen gezeigt. Jeffrey Bruma dürfte weiter von einem Startelfplatz ausgehen, Heiko Westerman auch – allerdings ist bei dem Kapitän die Frage, ob das auf rechts in der Viererkette oder wie zuletzt gegen Wolfsburg und Trier in den zweiten – und von Fink ausdrücklich gelobten – Halbzeiten als Innenverteidiger sein wird. Das wiederum würde bedeuten, dass Rajkovic draußen wäre und Dennis Diekmeier (Michael Mancienne dürfte für rechts aktuell keine ernsthafte Variante sein) die rechte Seite übernehmen würde. Und während das Mittelfeldzentrum mit Kacar und Rincon stehen dürfte, dürften auf den Außenbahnen Jansen oder Lam sowie ziemlich sicher Gökhan Töre beginnen. Zusammen mit der offenen Personalie im Angriff neben Guerrero gibt es für das Lautern-Spiel somit drei Fragezeichen.

Klar ist hingegen, dass Fink seine Philosophie weiter durchzieht. „Das Pokalspiel war sicher kein Schmankerl, die Mannschaft hat nicht gut gespielt – aber wir haben gewonnen. Das nehmen wir mit, und wir wollen so spielen wie zuvor gegen Wolfsburg – nur mit einem besseren Torabschluss.“ Optimistische Worte, wie sie typisch sind für Fink. Ebenso wie folgende sehr selbstbewusste Aussage: „Meine Mission ist, den Verein unten rauszubringen, und das werde ich mal kurzfristig tun.“ Mit einem Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern am Sonntag.

In diesem Sinne, alles wird gut.

Scholle (18.45 Uhr)

P.S.: Eine Sache habe ich dann doch noch, weil es so oft gefragt und kritisiert wurde: Marcus Berg ist in meinen Augen – das habe ich hier auch schon deutlich formuliert – ein Knipser. Hat er die Chance vor dem Tor, trifft er (häufiger als andere). Beim spielerisch starken und alle Gegner dominierenden FC Bayern hätte der Schwede vielleicht schon jetzt seine sechs bis zehn Saisontreffer erzielt. Und das ist eine Qualität, die ich dem wesentlich spielstärkeren Paolo Guerrero nicht annähernd so bescheinigen würde. Allerdings muss man sich auch immer im Klaren darüber sein, dass Berg für Kombinationsfußball eher nicht geeignet ist. Berg muss man da einsetzen, wo er seine Stärken hat – im gegnerischen Strafraum. Er kann und darf – das ist meine subjektive Meinung – nur das letzte Glied in einer Kette sein. Er muss der sein, der den finalen Pass verwertet. Ergo: Ich habe absolut nichts gegen Berg, nur weil ich mal schreibe, dass er sich fußballerisch offenbart. Zumal das im Umkehrschluss bedeutet, dass Berg zu viel auf der falschen Position gespielt hat. Und: Sollte Fink irgendwann den dominanten Fußball mit dem HSV spielen können, den er sich vorstellt, wird der HSV vorn einen Knipser brauchen können. Und das kann sehr wohl ein Marcus Berg sein.

Der Trend bleibt positiv

26. Oktober 2011

Der Tag danach. Vom „Schlechtesten, was der HSV je geboten hat“ bis hin zu „egal, sie sind endlich mal wieder in der dritten Runde“ habe ich seit gestern 23.15 Uhr circa alle Kommentare über das Spiel gehört, die es gibt. Wobei insgesamt – und das sogar eindeutig – die Kritik überwiegt. Neben mir sind auch hier im Blog und in meinem Bekanntenkreis sehr viele zu der Überzeugung gekommen, dass dieser HSV noch keinen passenden zweiten Anzug hat. Auch wenn Trainer Thorsten Fink sagte: „Wir haben keinen ersten und keinen zweiten Anzug. Wir haben nur ein paar Spieler, die bei uns auf der Bank saßen und die auch sehr gut sind. Und es ist meine Art Teamwork, denen in solchen Spielen in Englischen Wochen eine faire Chance zu geben, sich zu zeigen.“

Womit Fink bestimmt richtig liegt. Die Spieler, die gestern zum Einsatz gekommen sind, dürften es ihm auf Sicht eher danken. Ausgenommen wahrscheinlich die zwei schon zur Halbzeit wieder ausgewechselten, Michael Mancienne und David Jarolim. Letzteren zähle ich zu den Spielern beim HSV, die sich extrem verdient gemacht haben und noch immer schonungslos mit sich selbst Verantwortung versuchen zu übernehmen. Jaro ist ein tadelloser Sportsmann, der sich auch gestern nach dem Spiel professionell gab. „Es geht hier nicht um mich, um das mal klarzustellen. Es geht um die Mannschaft. Und die hat kein gutes Spiel gemacht, das müssen wir auch nicht schönreden.“ Insbesondere die erste Halbzeit, als er noch auf dem Platz stand, sei schlecht gewesen. Und dennoch, obwohl Jarolim mit Sicherheit nicht der Schlechteste war und trotzdem ausgewechselt wurde – er hielt sich zurück. Wohlwissend, dass es nicht der Hauptgrund war, sagte er: „Der Trainer sagte mir, ich sei gelbrot-gefährdet. Das akzeptiere ich. Denn am Ende zählt nur, dass wir die nächste Runde erreicht haben. Als Team.“

Klar, Jarolim ist frustriert und hält zurück, wie er wirklich über seine persönliche Situation denkt. Das dürfte uns allen klar sein. Aber er macht es wenigstens, während in den vergangenen Jahren selbst weniger verdienstvolle Spieler wie Eljero Elia immer wieder sofort Ärger verursachten. Vielleicht ein erster Verdienst von Fink, der keine Sekunde ungenutzt lässt, den Teamgedanken zu proklamieren.

Wie nach dem Spiel. Da musste Fink immer wieder erklären, weshalb er gleich sieben Spieler austauschte und entsprechend hohes Risiko gegangen war. Eine Frage, die den einstigen Bayern-Profi zunehmend nervte. Letztlich, bei uns, platzte es dann aus ihm heraus: „Wer sagt denn, dass ich Risiko gegangen bin? Für mich war es das nicht. Einen Son aufzustellen ist kein Risiko. Einen Marcus Berg aufzustellen ebenfalls nicht.“ Wobei ich zumindest bei Berg konstatieren muss, dass der teuerste Zugang der Vereinsgeschichte auf fast kompletter Linie enttäuscht hat. Fast deshalb, weil er getroffen hat. Und ganz ehrlich: das Tor macht er auch gut. Aber gefühlte 98 Prozent Ballverlust, fast keinen gewonnenen Zweikampf und ein fast durchgehend indisponiertes Stellungsspiel zuvor sprechen eine deutliche Sprache. Wobei mich nur eine Sache irritierte: Wieso trifft Berg erst, nachdem Fink ihn auf eine meiner Meinung nach falsche Position, nämlich ins rechte offensive Mittelfeld, gesetzt hatte? Eine Frage, die ich nur damit beantworten konnte, dass es keine Kausalität gibt.

Wobei es meiner Meinung nach eindeutig einen Zusammenhang gibt zwischen den Siegen und der Leistung von Jaroslav Drobny. Der Tscheche scheint sich endlich gefangen zu haben und brillierte gestern in Trier einmal mehr als Retter, als er in der 61. Minute das sichere 0:2 mit einer Glanzparade verhinderte. Selbiges gelang ihm in der Verlängerung (102.), wo er einen Zittlau-Schuss gerade noch über die Latte lenken konnte. Beide Male hielt er seine Mannschaft im Spiel und erhielt anschließend von Fink ein Sonderlob: „Jaroslav hat eine sehr positive Wirkung auf die Mannschaft, eine absolut ruhige Ausstrahlung. Wir haben einen guten Torwart“, so der HSV-Trainer, der zu Beginn der Saison aufgekommene Torwartdiskussionen ablehnt: „Ich habe im Tor keine Baustelle.“

Worte, die Jaroslav Drobny freuen dürften. Obgleich der Tscheche sich alle Mühe gibt, nichts von seinem Inneren, nichts von seiner Gefühlswelt preiszugeben. Auch heute nicht, wo er sich das erste Mal seit dem Hertha-Spiel wieder bei uns in die Runde setzte. Fragen nach seinem Gefühlsleben bei seinen Fehlern schmetterte der Keeper ab. Die an sich sehr nett fragende Journalistin vom Pay-TV-Sender Sky kann ein Lied davon singen. Ob und wie er sich inzwischen anders als sonst auf Spiele vorbereitet, wollte sie wissen. Drobnys Antwort: „Gar nicht.“ Womit die Nummer eins des HSV das Interview kurzerhand abbrach, wortlos wegmarschierte und die TV-Lady einfach stehen ließ.

Nein, Drobny ist zweifellos gezeichnet. Die erste Phase der Hinrunde hat Spuren hinterlassen. Und das ist nur logisch. Aber er blickt nicht mehr zurück, sieht nur den Moment und seine aktuell gute Verfassung. „Ich habe immer gleiches Vertrauen in meine Person“, so Drobny, der sich dann doch zu einem Satz über die vielleicht schwierigste Phase seiner Karriere verlor: „Ich weiß, was passiert ist und was ich falsch gemacht habe. Aber ich blicke nicht mehr zurück. Ich habe mit dem Torwarttrainer und den wichtigen Leuten im Verein darüber gesprochen. Das war für mich am wichtigsten.“

Gut so. Und zu 100 Prozent akzeptiert. Zumal es ihm und dadurch auch der Mannschaft ganz offensichtlich gut getan hat. Wie gestern in Trier. Oder auch davor gegen Wolfsburg. Und Freiburg. Und Stuttgart. Aber vor allem natürlich: wie auch am Sonntag gegen den 1. FC Kaiserslautern. Denn dieses Spiel soll ein Wendepunkt der Saison werden. „Deshalb denke ich nicht an vorher, oder an Trier“, sagt Drobny, „Sonntag ist das Spiel, das wir gewinnen wollen, um in der Tabelle zu klettern. Wir wollen endlich auch mal wieder ein Heimspiel gewinnen.“ Schon allein, um die Fans für ihren Support durch die letzten, schweren Wochen zu belohnen? Drobny antwortet in der für ihn derzeit bezeichnenden, ruhigen Art: „In erster Linie, um in der Tabelle zu klettern.“ Drobny weiß (aus eigener Erfahrung): Der Rest kommt von allein.

Sicher, die Art und Weise des Weiterkommens in Trier war nicht schön. Sie darf auch nicht unter den Teppich gekehrt werden. Aber wie sagte Fink anschließend so schön? „In unserer Situation kann ich noch nicht die nötigen Automatismen und den Kombinationsfußball erwarten, der mir vorschwebt. Aber letztlich haben wir uns den Sieg in Trier nicht gestohlen, sondern auch erarbeitet. Und jeder Sieg bringt uns in der aktuellen Lage weiter. Jeder Sieg gibt uns neues Selbstvertrauen.“ Siehe Drobny.

In diesem Sinne: abhaken, weitermachen. Und auch wenn es ins Phrasenschwein kostet, es stimmt: Kaiserslautern am Sonntag ist mit weitem Abstand das schwerste Spiel der Saison. Genau wie anschließend – allerdings auch erst danach – Leverkusen. Und dann Hoffenheim, Hannover, etc…

Aber: Der Trend ist positiv – und ich hoffe, das bleibt so.

Bis morgen,
Scholle (18.31 Uhr)

Kurz notiert:
Kader: Heute trainierten nur die Spieler auf dem Platz, die 45 oder weniger Minuten gegen Trier gespielt hatten, inklusive der drei Angeschlagenen Gökhan Töre, Mladen Petric und Kacar. Einziger Wehrmustropfen: Tomas Rincon brach nach zehn Minuten mit Oberschenkelproblemen ab und fuhr zum Arzt. Ob er am Sonntag spielen kann? „Schwer zu sagen“, so Rincon, der beim Hinaufsteigen des Hügels in Richtung Umkleide sichtbare Probleme hatten.

Wechsel: Spektakulärer Neuzugang beim Fußball-Oberligisten SV Halstenbek-Rellingen: Der derzeit vereinslose Claus Reitmaier, ehemaliger Bundesligatorwart und Torwarttrainer beim Hamburger SV, wird von sofort an die SV Halstenbek-Rellingen verstärken und möglicherweise schon im Heimspiel am Sonntag um 14 Uhr gegen Eintracht Norderstedt dem Kader der Halstenbeker angehören. Der 47 Jahre alte Reitmaier soll als Torwart einspringen, falls der derzeitige Keeper, der 19 Jahre alte Maximilian Rohrbach – er vertritt den langzeitverletzten Stammtorhüter Thomas Brandt – sich der Aufgabe nicht gewachsen zeigt. Vermittelt hat die Verpflichtung der für seine guten HSV-Kontakte bekannte HR-Manager Detlef Kebbe.

Interesse: Angeblich ist der HSV an Perus Supertalent Andy Polo (17) interessiert. Der peruanische Offensivspieler soll bereits seit einiger Zeit von Arsenal London, Manchester City und Liverpool umworben worden sein, aber lieber in die Bundesliga wechseln wollen. Dort soll neben Schalke der HSV interessiert sein. Wer den Artikel über den peruanischen U-17-Nationalspieler nachlesen will, guckt hier: http://www.dailymail.co.uk/sport/football/article-2053573/Andy-Polo-snub-Premier-League-Germany.html#ixzz1bsLxw1pz

Ein Kunstschuss rettet Hamburgs B-Elf

25. Oktober 2011

***Wie gestern angekündigt, war ich heute für Print und Matz Ab in Trier. Deshalb hier die Fassung, die moregn im Abendblatt erscheinen wird. Euch allen einen schönen Restmontag***

Der auf sieben Positionen veränderte HSV erreicht durch ein mühevolles 2:1 nach Verlängerung beim Regionalligaklub Eintracht Trier das Achtelfinale

Marcus Scholz
Wirklich zum Jubeln war Thorsten Fink nach dem gestrigen Pokalabend nicht zumute. Als Schiedsrichter Robert Hartmann schließlich nach 120 Minuten abgepfiffen hatte, umarmte Hamburgs neuer Trainer einmal kurz Sportchef Frank Arnesen, verzichtete nach dem glücklichen 2:1-Sieg des HSV nach Verlängerung gegen den Regionalligaklub Eintracht Trier aber auf weitere Gratulationen. „Ich bin zufrieden mit dem Sieg, auch wenn es nicht das ganz große Spiel war“, sagte Fink, der vor dem Spiel mit so vielen Problemen nicht gerechnet hatte.
Die im Vergleich zum 1:1 gegen den VfL Wolfsburg auf sieben Positionen veränderte Startelf war gegen den Tabellenzweiten der Regionalliga West von Anfang an nicht ins Spiel gekommen, tat sich besonders in der Vorwärtsbewegung schwer und hatte auch in der Defensive unerwartet große Schwierigkeiten. „Wir haben schlecht gespielt, das brauchen wir uns auch gar nicht schönzureden“, sagte David Jarolim, der besonders Schnelligkeitsdefizite als Hauptgrund für den miserablen Auftritt ausmachte: „Wir waren einfach zu langsam.“ So war es die logische Folge, als bereits nach acht Minuten Ahmet Kulabas zur frühen, aber verdienten 1:0-Führung traf. Der völlig indisponierte Michael Mancienne hatte zuvor den Ball an der Außenlinie gegen Fahrudin Kuduzovic vertändelt. Dass Kuduzovic bei seinem Solo unabsichtlich die Hand zu Hilfe nahm, dürfte aufgrund des dreifachen Klassenunterschieds kaum als Ausrede dienen.
Wer nun dachte, dass die frühe Führung des Außenseiters für den HSV als Weckruf diente, der sah sich getäuscht. Das Team von Neu-Trainer Fink erspielte sich im ersten Durchgang keine einzige Torchance. Besonders die beiden Stürmer Heung Min Son und Marcus Berg kamen überhaupt nicht ins Spiel. Bereits zur Pause schien klar, dass es ein Fehler war, die gegen Wolfsburg so starke Mannschaft derart durcheinanderzuwürfeln, dabei sogar ganz auf Mladen Petric, Gojko Kacar und Gökhan Töre zu verzichten. „Wir haben viele gute Spieler, ich vertraue ihnen“, hatte Fink vor dem Spiel gesagt und musste sich in den folgenden 120 Minuten eines Besseren belehren lassen.
Eine doppelte Kurskorrektur nahm der 43-Jährige bei erster Gelegenheit in der Halbzeitpause vor. Der desolate Mancienne und der ebenfalls schwache Jarolim blieben draußen, die Offensivspieler Paolo Guerero und Per Skjelbred kamen rein. Bis auf die Tatsache, dass Fink sich seiner Winterjacke entledigte und lediglich im feinen Zwirn am Spielfeldrand heißlief, änderte aber auch das neue Personal wenig. Erst als nach einer Stunde HSV-Torhüter Jaroslav Drobny das möglicherweise vorentscheidende 2:0 durch Kulabas im letzten Moment verhinderte, schienen die Hamburger den Ernst der Lage verstanden zu haben. Trotzdem darf es als Ironie des Schicksals gewertet werden, dass ausgerechnet der bis dahin harmlose Berg nach schöner Skjelbred-Flanke für den Ausgleich sorgte (63.).
Der von den 10300 Zuschauern nun erwartete Hamburger Sturmlauf blieb allerdings abermals aus. Vor dem Ende der regulären Spielzeit konnte sich der HSV lediglich eine weitere gute Tormöglichkeit erspielen, die Guerrero in der letzten Minute leichtfertig vergab. Die zusätzlichen 30 Spielminuten, in denen zunächst erneut Trier dominierte, durften somit als gerechte Sofortstrafe für die kollektiv enttäuschenden Norddeutschen gewertet werden.
Dass es aus Hamburger Sicht nicht noch schlimmer wurde, lag in erster Linie an Dennis Aogos Geistesblitz in der 110. Minute. Denn gerade als sich ein Elfmeterschießen immer mehr abzeichnete, zirkelte der Linksverteidiger einen Freistoß ins linke Eck – und verhinderte damit die ganz große Blamage. „Natürlich war es kein gutes Spiel, aber ich kann mich zumindest über meinen ersten HSV-Treffer freuen“, sagte der HSV-Retter, „es war ein lehrreiches Spiel.“ Somit durfte sich Arnesen am Ende eines langen Pokalabends doch noch über 531250 Euro TV-Gelder freuen, die der Sportchef schon im Winter in neues Personal anlegen sollte.


Stenogramm:

Trier: Poggenborg – Cozza, Stang, Herzig, Drescher – Karikari – Kraus (106. Knartz), Kuduzovic, Abelski (72. Gouiffe à Goufan), Pagenburg (45. Zittlau) – Kulabas.
HSV: Drobny – Westermann, Mancienne (46. Skjelbred), Rajkovic, Aogo – Jarolim (46. Guerrero), Tesche – Diekmeier, Lam – Son (117. Rincon), Berg.
Tore: 1:0 Kulabas (9.), 1:1 Berg (63.), 1:2 Aogo (110.).
Gelb: Karikari / Jarolim, Berg.
Schiedsrichter: Hartmann (Wangen). Zuschauer: 10300.
Bilder vom HSV-Pokalabend in Trier unter www.abendblatt.de/hsv

Fink lässt im Pokal rotieren – gleich auf sieben Positionen?

24. Oktober 2011

Oha. Dass Thorsten Fink über ein gesundes Selbstvertrauen verfügt, war und ist uns wohl allen bekannt. Auch, dass er im Pokalspiel am Dienstag beim Favoritenschrecke Eintracht Trier rotieren will. „Es geht mir dabei auch darum, den Spielern auf der Bank zu zeigen, dass ich ihnen vertraue. Nur auf der Bank sitzend können sie sich nicht entwickeln, sich mir nicht optimal präsentieren. Und ich bin mir sicher, dass sie das machen werden.“

So weit, so gut. Dass Fink allerdings auf gleich sieben Positionen Änderungen einplant, erscheint dann trotz des Drei-Ligen-Unterschiedes gegenüber Trier sehr mutig. Gojko Kacar, Gökhan Töre (beide Knieprobleme) und Mladen Petric (Prellung auf dem Spann) werden aller Voraussicht nach nicht mit nach Trier reisen. Fink: „Sie könnten theoretisch spielen. Aber ein Teil meiner Philosophie ist, angeschlagene Spieler in Englischen Wochen draußen zu lassen.“ Zudem sieht Fink keine Gefahr darin, der zweiten Reihe eine Chance zu geben. „Wir haben einige Spieler, die sehr viel Geld gekostet haben und die dem Verein etwas zurückgeben sollen. Trier ist ihre Chance, sich zu empfehlen.“

Und Trier ist die mit Sicherheit größte Chance für den HSV, kommende Saison international dabei zu sein. „Der Pokal ist ein wichtiger Wettbewerb für uns“, stellte Sportchef Frank Arnesen zuletzt heraus, „und wir nehmen den Pokal sehr ernst.“ Eine Aussage, die durchaus weiter Bestand haben kann, sollte der HSV in Trier gewinnen. „Unsere Vorgabe ist, das Spiel zu dominieren, möglichst nichts zuzulassen und am besten schnell ein Tor zu erzielen.“

Und das mit Marcus Berg und Heung Min Son im Sturm. Zumindest wäre dem so, wenn das heutige Training als Generalprobe hergehalten hat. Dort ließ Fink Jaroslav Drobny im Tor spielen, setzte Michael Mancienne auf die Rechtsverteidigerposition. Zusammen mit Heiko Westermann und Slobodan Rajkovic als Innenverteidiger sowie Dennis Aogo links bildete der Engländer die Viererkette. Davor dürften der Trainingsaufstellung zufolge David Jarolim und Robert Tesche das Zentrum bilden, flankiert von Dennis Diekmeier rechts und Zhi Gin Lam auf links. Im Angriff wirbelten – wie oben bereits erwähnt – Berg und Son.

Fink begibt sich mal wieder auf dünnes Eis. Sieben Änderungen sind schon massiv. Und das gegen Trierer, die unter Profibedingungen arbeiten und zuletzt den FC St. Pauli aus dem Pokalwettbewerb herausgekegelt haben. „Trier ist gefährlich, das müssen wir uns klar machen. Die haben einen Bundesligisten rausgehauen und glauben an die Sensation. Deshalb muss es unsere primäre Aufgabe sein, denen ihren Glauben zu nehmen.“ Und da Fink von einem dominant erzielten Sieg überzeugt ist, verzichtet der neue HSV-Cheftrainer zudem darauf, Elfmeter zu üben. Positiv ausgedrückt: der Mann ist selbstbewusst und hat Mut.

Videos vom Gegner werden ebenfalls nur kurz gezeigt. „Wir werden auf deren Stärken nur kurz eingehen. Wichtiger ist, dass wir unsere herausarbeiten und uns auf unser Spiel besinnen“, sagt Fink. Ob es nichts gibt, was den HSV in Trier aus der Bahn werfen könnte? „Wir sollten ein Spiel vor uns haben, in dem wir nicht viel hinterherlaufen. Nur wenn die sich hinten reinstellen und wir deren Konter nicht unterbinden können, könnte es uns aus der Bahn werfen. Aber dafür hat die Mannschaft zu gut trainiert.“

Knackige Worte. Knackige Entscheidungen. Fink spielt das ganz große Blatt aus. Kein Pokern, sondern gerade heraus formulierte Selbstüberzeugung. Und alles mit Weitblick. Sagt Fink selbst. „Wir haben in Trier und dann am Sonntag mit Kaiserslautern als direkten Konkurrenten zwei sehr schwierige Aufgaben vor uns, die wir unbedingt gewinnen müssen. Und die besten Chancen auf zwei Siege haben wir meines Erachtens nach, wenn alle Spieler auf dem Platz topfit sind.“ Und dafür müsse er rotieren. Ob Fink dafür die richtige Dosierung zeigen Recht hat, wird morgen das Ergebnis zeigen.

Allerdings bin ich gespannt, inwieweit sich die zweite Reihe bewährt. Im Training knipst kaum ein Stürmer mehr als Marcus Berg. Der Schwede beweist von Einheit zu Einheit, dass er ein starker Vollstrecker ist. Allerdings einer, der Probleme hat, am Aufbauspiel aktiv teilzunehmen. Das wiederum kann Heung Min Son (der zudem zuletzt in Freiburg als Torschütze auftrat). Von daher kann die Paarung Berg/Son durchaus interessant und mit Sicherheit auch erfolgreich sein.

Dahinter bekommt David Jarolim eine neue (und letzte?) Chance auf das zentrale Mittelfeld. Der Tscheche war bei gefühlt allen HSV-Trainer der letzten Jahre zunächst nur zweite Wahl, ehe er sich über nimmermüden Einsatz ins Team zurückkämpfte. Ob Jarolim sich auch diesmal durchsetzen kann? Eine Frage, die ich aktuell mit nein beantworten würde. Zu stark waren Kacar und Rincon gegen Wolfsburg, zu sehr wurden die beiden von Fink und Arnesen gelobt. Berechtigterweise. Ich glaube eher daran, dass Jarolim im Laufe der Saison von einer Sperre oder Verletzung seiner Konkurrenten (was er selbst niemandem wünscht, das weiß ich) profitieren könnte.

Dass Diekmeier mit seiner Schnelligkeit – darauf legt Fink allgemein aber insbesondere bei den offensiven Außenspielern Wert – auf rechts eine Chance bekommt, ist fast schon logisch. Ebenso, dass hinten rechts Mancienne von Beginn an ran darf. Der Engländer spielte die Position in dieser Saison bereits. Er dürfte ebenso wie Tesche im zentral-defensiven Mittelfeld keine große Eingewöhnungszeit brauchen.

Ihr seht also, alle Positionswechsel sind erklärbar und in sich nachvollziehbar. Allerdings in der Quantität zu hinterfragen. Jeder, der schon mal Fußball gespielt hat, dürfte die Situation kennen. In vermeintlich weniger schweren/entscheidenden Spielen (zumeist Freundschaft- oder frühe Pokal-Spiele) testen Trainer gern die zweite Reihe. Werden dabei ein, zwei oder drei Positionen ausgetauscht, verliert die Mannschaft wenig von ihrer Eingespieltheit. Dabei können dann auch die ein, zwei oder drei Neuen schneller und besser glänzen, als wenn nur noch drei, vier Stammspieler auf dem Platz stehen und eine natürliche Gewöhnungsphase gebraucht wird.

Ich hoffe darauf, dass Finks Entscheidung richtig ist. Damit würde er einen wichtigen Etappensieg einfahren. Zum einen würde er für seinen Mut belohnt, seine eh schon relativ fraglos akzeptierten Entscheidungen würden künftig wahrscheinlich noch weniger hinterfragt. Zudem würde er die Stimmung innerhalb der Mannschaft, insbesondere bei den Reservisten, deutlich verbessern. Und ganz nebenbei würde er die nächste Pokalrunde erreichen – wodurch der HSV zusätzliche Einnahmen generieren würde.

Es ist der berühmte Ritt auf der Rasierklinge. Aber irgendwie scheint Fink den zu mögen. Und bisher hat er ihn ja gemeistert.

In diesem Sinne, morgen melde ich mich aus Trier bei Euch. Ich werde dort in Personalunion für den Printteil wie auch für den Blog arbeiten. Pünktlich mit Schlusspfiff – und dem damit verbundenen Einzug in die dritte DFB-Pokalrunde.

Bis morgen,
Scholle (17.46 Uhr)

Kurz notiert:
Angesetzt:
Robert Hartmann aus Wangen leitet die zweite Runde zwischen Trier und dem HSV. Der 32-jährige Diplom-Betriebswirt ist seit 2005 DFB-Schiedsrichter. Seit Anfang 2011 ist er auch in der Ersten, und der HSV hat gute Erinnerungen an ihn. Hartmann leitete die Heimpartie gegen den 1. FC Köln (6:2) – den bislang letzten Heimsieg in der Imtech Arena.

Ausfall: Romeo Castelen pausierte heute erneut. Den Niederländer plagt weiter eine Reizung im Kniegelenk. „Das Gelenk hat sich noch nicht beruhigt. Er hat immer noch Schmerzen, die ihn hindern“, erklärte Thorsten Fink.

Eine gefühlte Niederlage, die Hoffnung macht

23. Oktober 2011

Ich hasse Verlieren. Und das Spiel gegen Wolfsburg war für mich eine gefühlte Niederlage – weil der HSV seine Überlegenheit nicht genutzt hat und somit zwei Punkte verschenkt hat. 59 Prozent Ballbesitz, 20 zu sieben Torschüsse (davon hatte Guerrero mit acht die meisten auf dem Platz) – all das führte „nur“ zu einem einzigen Punkt. Allerdings, und diese Niederlage gestehe ich mir ein, es war nicht so schlecht wie mein gestriger, sehr hastig verfasster Blog es vermittelt hat. Nein, bis auf ein, zwei Ausnahmen spielte der HSV leidenschaftlich und hatte bis zur 70. Minute allemal Chancen genug, um das Spiel für sich zu entscheiden.

„Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie will“, resümierte Thorsten Fink nach seinem ersten Bundesliga-Punkt als Trainer zufrieden. Der neue Cheftrainer hatte ein Team gesehen, dass sich nach dem frühen Schock durch Mandzukic nicht hängen ließ und zum allemal verdienten Ausgleich kam. „Man hat schon deutlich die Handschrift des neuen Trainers gesehen“, waren sich die Spieler nach dem Spiel einig. Allein, Fink sah das anders. „Nach vier Einheiten wäre es vermessen, von einer deutlichen Handschrift zu sprechen. Aber es gab schon einige Dinge, die ganz gut geklappt haben“, so Fink, „aber eben auch einige Dinge, die noch verbessert werden müssen.“

Klar. Wäre es anders, würde der HSV nicht auf dem vorletzten Tabellenplatz stehen. „Ich gehe davon aus, dass es nur eine Momentaufnahme ist. Wir stehen auf dem Platz auf dem wir stehen, weil wir schlecht in die Saison gestartet sind. Wir müssen uns zukünftig stabilisieren, das wissen wir“, sagte Vorstandsboss Carl Jarchow heute morgen beim KIA-Doppelpass in München. Und erlegte noch nach: „Gegen Wolfsburg haben wir vom System her anders gespielt – mit zwei Sechsern. Kacar hat das gut gemacht. Wir haben nach vorne gut gearbeitet. Die Statistik zeigt es ja auch. Man sieht eine positive Entwicklung.“

Stimmt. Jaroslav Drobny gewinnt zunehmend an Sicherheit. Der Tscheche rettete mit einer starken Parade sogar unmittelbar vor Ultimo den einen Punkt. Die Defensive stand bis auf die Szene zum 0:1 gut. Das Mittelfeld gefiel mir persönlich nur partiell, aber es produzierte Torchancen en masse. Hätten Mladen Petric und Paolo Guerrero noch wenigstens einmal etwas genauer gezielt, der HSV hätte das Spiel gewonnen. Locker. Aber gut, das hatte ich ja bereits eingangs erwähnt.

Dennoch war es ein Spiel, das Hoffnung geweckt hat. Auch bei mir. So sah es auch Sportchef Frank Arnesen: „Es war sicherlich unser bestes Spiel der Saison gegen eine starke Mannschaft. Diego Benaglio war bei Wolfsburg sicherlich am besten, denn er musste viele Chancen parieren. Mir hat besonders die Mentalität unserer Spieler gefallen. Sie haben nie aufgegeben und um jeden verlorenen Ball gekämpft. Da konnte man den Stil von Thorsten Fink erkennen: Wir wollen unsere Spiele dominieren.“ Was sich auch in den enttäuschten Worten einiger Spieler wiederspiegelte – der Anspruch und das Selbstverständnis sind gewachsen. „Ich bin enttäuscht, weil wir keinen Dreier Zuhause geholt haben. Ich freue mich aber auch darüber, wie wir gespielt haben. Wir hatten viel Ballbesitz und haben den Gegner früh attackiert. Der Trainer hat seine Philosophie in den wenigen Tagen gut rübergebracht, was man in unserem Spiel sehen konnte“, sagt Petric. Die Mannschaft habe begriffen, dass sie aktiv sein muss, dass sie das Spiel führen muss, um zu gewinnen. Es wird offensiv gesprochen – und eben so agiert. „Man hat gesehen, dass wir uns mehr zugetraut haben“, sagte Petric am Sonnabend nach dem Spiel, „und das werden wir so beibehalten.“

Ein Test dafür folgt am Dienstag im DFB-Pokal in Trier, wo Fink rotieren lassen will. Wie viel er im Vergleich zum Wolfsburg-Spiel verändern will, ließ er allerdings noch offen. „Ich werde im Training genau hinsehen und mich dann entscheiden. Denn das Spiel ist gut für uns. So können sich auch die präsentieren, die gegen Wolfsburg auf der Bank saßen. Da können wir erneut gewisse Automatismen üben und verfestigen.“

Einer, und darüber freue ich mich besonders, ist das defensive Mittelfeld mit Tomas Rincon und Gojko Kacar. Der Serbe erhielt nach dem Spiel viel Sonderlob von seinen Mitspielern – und von Fink. „Gojko hat ein starkes Spiel gemacht. Er war sehr präsent, hat versucht, das Spiel zu lenken“, so der HSV-Coach mehr als zufrieden. Zwar hatte Rincon mit 82 Ballkontakten den meisten Ballbesitz aller Akteure auf dem Platz, aber den entscheidenden Pass zum 1:1. „Gojko sollte in der zweiten Halbzeit auch als Spielmacher fungieren“, so Fink, der mit diesem Schachzug sehr zufrieden war.

Kacar und Drobny dürfen sich als die großen Gewinner des Unentschiedens fühlen. Zwei Spieler, die in ihrer Zeit beim HSV bislang nicht allzu viel zu Lachen hatten. Und zwei Spieler, für die ich mich auch deshalb besonders freue, weil sie beide tadellose, bescheidene und ehrliche Sportsmänner sind.

Und nachdem ich meinen Rechner sehr zeitaufwendig und komplett restauriert habe (besser gesagt: es machen lassen), freue ich mich über den kleinen HSV, der gerade den FC Bayern besiegt hat. In diesem Sinne, morgen melde ich mich nach der Runde mit dem Trainer bei Euch.

Euch noch einen schönen Restsonntag! Bis morgen!

Scholle (19.40 Uhr)

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