Monatsarchiv für September 2011

Töre will ein Stück HSV-Geschichte werden

28. September 2011

Eigentlich hatte ich an meinem letzten Tag vor meinem Urlaub vor, einen einfach nur netten, über Gökhan Töre informativen Blog zu schreiben. Der dribbelstarke Türke setzte sich nämlich heute nach langer Zeit mal wieder bei uns in die Runde und offenbarte uns nette, traurige, interessante und zudem sehr ehrliche Geschichten rund um seine Person. Aber – und das kommt zuerst – ich möchte versuchen, hier erst mal etwas klarzustellen: Das Abendblatt empfindet die Trainersuche nicht, wie der zwischenzeitlich online gestellte Artikel des SID den Online-User vermuten lassen könnte, als Posse. Im Gegenteil. Wer das Abendblatt wirklich liest und sich nicht allein an der Online-Ausgabe bedient, der weiß das auch.

Als kurze Erklärung: Unsere Online-Redaktion ist eine eigenständige Abteilung, die von sehr fleißigen Mitarbeitern geführt wird. Dabei sitzen diejenigen den ganzen Tag am PC und Telefon, um immer sofort alles Neue online zu setzen. Die Damen und Herren haben wirklich einen stressigen Job, der eben auch mal einen Fehler produziert. Dabei passiert es auch mal, dass ein solcher Agenturbericht ohne mit uns Rücksprache zu halten, übernommen wird, der dort besser nichts zu suchen hat. Wie heute. Meistens wird dieser aber nach kurzer Zeit wieder runtergenommen, weil ein thematisch damit Befasster den Artikel liest und löschen lässt. Wie heute.

Wer sich aber nun hinzusetzen, und hier das gesamte HA zu attackieren, der kennt eben diese Hintergründe nicht. Was dem einen oder anderen offensichtlich ganz recht war, um mal so richtig loszulegen. Warum das so ist, keine Ahnung. Und ohne hier Namen zu nennen, eine(n) dieser Blogger(innen) habe ich gestern am Trainingsplatz getroffen. Warum ich das erwähne? Weil der- oder diejenige sich in den letzten Wochen nur zu gern über alles und jeden, der oder das mit dem Abendblatt zu tun hat, auslässt. Zum Teil definitiv ernst zu nehmen, aber vermehrt unreflektiert und teilweise einfach nur bösartig. Da ich diese Person auch vorher schon häufiger gesprochen und als zweifellos sehr intelligenten Menschen kennengelernt habe, konnte ich mir deren Beleidigungen nur schwer erklären. Per Email hatte ich es mal zwischendurch versucht, zu ergründen. Aber nachdem dieser Zustand inzwischen zum Dauerzustand auswuchs, ließ ich es.

Dennoch dachte ich, dass bei dieser Gelegenheit am Platz etwas kommt. Von mir aus auch gern ebenso schonungslose Kritik wie hier im Blog. Dann hätte man sich sachlich miteinander unterhalten und wäre zu einem gemeinsamen Schluss gekommen oder eben nicht. Aber stattdessen kam – gar nichts, was für mich nur den Schluss zulässt, dass es dem- oder derjenigen nicht um den HSV, den Blog oder das Thema geht, sondern schlicht darum, mit provokanten Aussagen aufzufallen.

Das ist schade. Weil ich wirklich für jede Kritik offen bin. Dass ich mir nicht alles zu Herzen nehme, werdet Ihr sicher entschuldigen.

Auch deswegen widmen wir uns lieber wieder schnell dem wirklich Wichtigen: der Mannschaft. Die hat noch immer Rodolfo Cardoso als Chef und scheint damit sehr zufrieden. Zumindest vermitteln es die Spieler durch ihre ebenso lockere wie ehrgeizige Gangart auf dem Trainingsplatz. Da wird gelacht, miteinander geflachst – aber in den Übungen wird sich nichts geschenkt. Im Gegenteil. Am Dienstag musste das Gojko Kacar erfahren, der sich den Mittelfinger verdrehte, nachdem ihm sein Gegenspieler draufgestiegen war. Am heutigen Mittwoch war der Serbe wieder dabei – trotz blauer Armschiene und einer finster aussehenden schwarzen Gesichtsmaske. Sein Zeichen an Mannschaft und Trainer: Er wollte partout nicht fehlen.

„Der Trainer vermittelt uns Spaß daran, hart zu arbeiten“, sagt Jeffrey Bruma und erhält Unterstützung von einem, der unter Cardoso seine wohl beste Saisonleistung abgeliefert hat: Gökhan Töre. „Cardoso bringt Spaß in den Fußball, er bietet eine neue Herausforderung, die wir annehmen“, so der Deutsch-Türke, der bereits vorab für das Länderspiel der Türken gegen Deutschland am 7. Oktober in Istanbul nominiert worden ist. Normalerweise erfolgen die Einladungen später und per Fax – bei ihm hat der türkische Nationaltrainer und ehemalige HSV-Trainerkandidat Guus Hiddink allerdings mal eine Ausnahme gemacht. „Er hat mich angerufen“, freut sich Töre über die große Ehre.

Eine Ehre, die für Töre sogar eine ganz besondere Bedeutung hat. Denn als er zwölf Jahre alt war hatte er seinem damals sehr krank gewordenen und kurz danach verstorbenen Großvater versprochen, einmal Fußballer zu werden. Und für die Türkei zu spielen. „Er war derjenige, der mich immer zum Fußball gebracht hat, der mich darin gefördert hat“, erzählt der grimmig wirkende, aber eigentlich liebe Linksfuß. Dabei merkt man ihm an, wie tief diese Trauer über den Verlust seines Opas sitzt und wie groß sein Stolz ist, dem Opa das Versprechen erfüllt zu haben. Eine Freude, die Töre mit 40 Bekannten und Verwandten teilen wird, für die er Karten für das EM-Qualifikationsspiel besorgt hat. Vor allem aber mit einer Frau: seiner stolzen Oma. „Das wird ein ganz besonderes Spiel für mich. Ein ganz besonderes Spiel für uns.“

Und die Aussichten, dass er spielen wird, sind wie beim HSV sehr gut. „Guus Hiddink steht auf mich“, frohlockt Töre, der sich auch beim HSV in seiner bislang besten Form wähnt. Selbst seinen ersten Bundesligatreffer hat er vor Augen: „Stuttgart war schon ganz gut von mir, glaube ich. Ich werde Woche für Woche, Tag für Tag weiter hart arbeiten und dann auch irgendwann selbst treffen. Vielleicht ja schon am Sonntag.“ Stören würde das niemanden. Schon gar nicht in dem nächsten, sehr wichtigen Spiel gegen Schalke 04 mit Trainer Huub Stevens.

Nein, inzwischen gibt es immer mehr, die es dem bulligen Dribbler gönnen. Nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten ans neue Umfeld hat sich Töre gefangen. Er hat sich seinen eigenen Freundeskreis aufgebaut, eine Wohnung an der Elbchaussee bezogen und fühlt sich endlich so richtig heimisch. „Ich bin angekommen und habe jetzt große Ziele“, so Töre, dessen Vorbild Lionel Messi ist. „Ich schaue mir seine Videos an und studiere seine Tricks. Er ist der Beste.“ Dass er dennoch auch alte Granden wie Zinedine Zidane oder auch Ronaldo verehrt bewiest seine Reaktion auf die Frage, ob er sich auf das Benefizspiel gegen eine Weltauswahl im November freut: „Logisch, das ist schon eine Ehre, mal gegen solche Fußballer spielen zu dürfen. Die können echt kicken.“

Er auch. Er kann es sogar noch besser, als er bisher gezeigt hat. Das sagt er zumindest selbst. „Ich sehe jeden Tag Dinge bei anderen, die ich annehmen und selbst auch können will. Ich weiß einfach, dass ich jeden Tag hart an mir arbeiten muss, wenn ich mein großes Ziel erreichen will.“ Und das ist, international zu spielen. Zuerst bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine mit der Türkei, anschließend auf Vereinsebene mit dem HSV. „Das wäre ein Traum.“

Wer Töre begegnet, sieht auf den ersten Blick einen vor Kraft strotzenden, tätowierten jungen Mann mit oft finsterem Blick. Allerdings ist das eine Art, die allein für den Fußballplatz („Ich liebe hartes, körperbetontes Spiel“) gilt. Dort auch wirklich, wie von einem der härtesten, brutalsten und kompromisslosesten ehemaligen HSV-Verteidigern erklärt wird: vom heutigen Stuttgarter Khalid Boulahrouz. Der hatte nach der Partie am Freitag seinen direkten Gegenspieler in den höchsten Tönen gelobt: „Töre hat einen großen Weg, eine tolle Karriere vor sich. Er ist einer, der nicht gleich umfällt und fightet. Er sucht die Zweikämpfe, ist hart im Nehmen und gibt nie auf.“ Worte, die Töre gern hört, die ihm ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Er ist gern hart.

Obgleich das nicht der ganze Töre ist. Denn der andere, der private Töre außerhalb des Wettkampf- und Trainingsbetriebes geht gern mit seinem sieben Monate alten American Stafford „Cano“ (übersetzt: Liebling) an der Elbchaussee spazieren. Er geht gern ins Kino und mit seinem Mannschaftskollegen und Freunden abends essen. Und wenn die Zeit es erlaubt, spielt er mit seinem besten Freund, mit dem er seit der Jugend befreundet ist und der sowohl in London als auch jetzt in Hamburg bei ihm wohnt und dem er hilft, Tennis.

Töre, der Mann der bislang wenigsten Worte uns Journalisten gegenüber, ist ein interessanter junger Mann. Menschlich tiefgründiger als manche vermuten, ist er sportlich am Anfang einer vielleicht (und aus unserer Sicht: hoffentlich) steilen Karriere als Fußballer. Auf jeden Fall ist er eines der Talente beim HSV, von dem man sich noch viel erhoffen darf. Er erfüllt nahezu alle Anforderungen, die der Umbruch mit sich brachte. Ihm gehört ein Stück HSV-Zukunft, das uns Außenstehenden noch sehr viel Freude bereiten kann.

In diesem Sinne, ich freue mich auf meinen Urlaub und hoffe, dass wir uns danach mit dann sieben Punkten auf der Haben-Seite wieder sprechen.

Bis dann,

Scholle

Kurz notiert:

Pause: Während neben Kacar auch Romeo Castelen wieder voll mittrainierte, musste Zhin Gin Lam heute wegen leichter Muskelprobleme pausieren. Das junge Talent soll aber am Donnerstag wieder einsteigen und gegen Schalke spielen können. Wann Marcell Jansen (Erkältung) wieder dabei ist, ist dagegen weiterhin offen.

Nominiert:
Jaroslav Drobny ist für die EM-Qualifikationsspiele der tschechischen Nationalmannschaft gegen Spanien am 07. und gegen Litauen am 11. Oktober (beide Spiele in Prag) nominiert worden.

Stevens – oder Trainer sind auch nur Menschen

27. September 2011

„Der HSV hat mein Herz gestohlen.“ Wer hat es gesagt? Richtig: Huub Stevens. Als er kürzlich noch beim HSV auf der Suchliste stand. Nun sagte jener Trainer, der sein Herz an den HSV verloren hat(te), folgendes: „Wenn man sechs Jahre bei einem Verein war und Erfolge hatte, ist er ein Teil seines Herzens geworden. Es heißt zu Recht: Einmal Schalker, immer Schalker.“ Zum HSV sage der 57-jährige Stevens auch noch etwas: „Ich habe dem Verein nicht abgesagt, er hat sich nicht mehr gemeldet. Ich denke, dass ein Trainer das Recht hat, auch mit anderen Vereinen zu sprechen, wenn ein Verein wie der HSV mehrere Kandidaten hat . . .“ Das stimmt wohl. Aber Schalke machte nun das Rennen. Obwohl 04-Manager Horst Heldt noch am Wochenende erklärt hatte, dass er nach einem Kandidaten fahnde, der als Vertreter“ des modernen Konzeptfußballs“ gilt. Heute nun sagte Heldt, dass Schalke mit Stevens die „beste und schnellste Lösung“ gefunden habe. Motto: Was stört mich mein Geschwätz von gestern?

Was lehrt uns das? Trainer sind auch nur Menschen. Die viel Geld verdienen möchten . . .

Was mir zu denken gibt: Stevens sprach davon, dass der HSV mehrere Kandidaten hat. Mehrere. Toll. Irgendwie hatte ich schon befürchtet, der HSV (!) hätte nicht einen. Jetzt aber weiß ich es, dank Stevens, besser. Es gibt mehrere. Das sorgt in meinem Inneren für Zufriedenheit. Noch keine hundertprozentige Zufriedenheit, aber die kommt vielleicht ja noch. Obwohl ich nicht glauben kann, dass sich der Verein (oder nur er Sportchef?) vor allem mut Kandidaten beschäftigt, die keine Ahnung von der Bundesliga haben. Es pressiert also doch noch nicht so doll in Hamburg, wie ich immer gedacht habe. Kommt ein neuer Coach XY aus Spanien, England, Italien oder wo immer auch her, dann gibt ihm der HSV auch die nötige Zeit, sich hier in Ruhe einzuarbeiten. Also keine Spur von Panik, keine Spur von Hektik, alles nach dem Motto: „Gemach, gemach – kommt heute kein Trainer, dann kommt er morgen.“

Wobei ja auch schon ein Trainer da ist: Rodolfo Cardoso. Noch immer unbesiegt mit den HSV-Profis. Was heißt unbesiegt, der Mann hat nur gewonnen mit den HSV-Profis. Das müssten die Herren des DFB doch auch in einer Form honorieren. Vielleicht in der Form, dass es für den Argentinier eine Sondergenehmigung gibt. Da Cardoso keine Fußball-Lehrer-Lizenz besitzt, müsste ihn der DFB „ohne“ gewähren lassen. So möchte es der HSV. Und? Möchte das auch de DFB? Noch blieb die Antwort aus, aber wenn ich daran denke, dass zuletzt auch jedem Zweitliga-Klub eine „Ausnahmeregelung“ verweigert worden ist (Matthias Sammer ist da ganz eisern), wird es keine „Ausnahme HSV“ geben. Ich kann es mir jedenfalls nicht vorstellen. Denn es gibt ja genügend Trainer auf dem Markt. Auch ausländische, die keine Ahnung von der deutschen Bundesliga haben.

Dass es keine Ausnahme gibt, das erfuhr am 16. März 2010 auch der Rostocker Trainer Thomas Finck. Er sollte Hansa trainieren, natürlich ohne Lizenz. Dann wurde der ehemalige HSV-Torwart Marco Kostmann eingesetzt – als Chef-Trainer. Finck blieb – als Co-Trainer. Aber es gibt da keine Wischi-waschi-Lösung: Kostmann war die Nummer eins, auch das wird vom DFB nämlich sehr genau beobachtet, haargenau (sogar beim Training in der Woche!), da kann es keine Strohmann-Lösung geben. Sonst Strafe. Punktabzug? Falls vorhanden, dann auch das.

Noch einmal zum Stuttgart-Spiel zurück. Es waren ja einige Auffälligkeiten dabei- Zum Beispiel, dass Gökhan Töre ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht hat. Endlich. Nicht er endlich, sondern endlich hat er es allen gezeigt. Ich schreibe es seit vielen Wochen, dass Töre in die Mannschaft gehört, denn er ist frech, technisch stark mutig und in der Lage, raumgreifende Dribblings nicht nur zustarten, sondern auch erfolgreich abzuschließen. Dann der „kleine Lam“. Einfach super, dass der Mut von Cardoso mit dem „kleinen Lam“ belohnt wurde. Lotto King Karl konnte während des Spiels das Wasser nicht halten und schwärmte mir in höchsten Tönen von Töre und Lam vor. Zhi Gin Lam, so viel Zeit muss sein. Was ich damit sagen möchte: Lotto King Karl hat, so wie ich es schon mehrfach geschrieben, eben unheimlich viel Ahnung vom Fußball, denn an den nächsten beiden Tagen konnte ich lesen, dass Töre und Lam die beiden besten Hamburger gewesen sind. Super, super.

Würde mich jetzt ja tierisch freuen, wenn mit dem „kleinen Lam“ mal ein Nachwuchsmann zu den Profis käme, der auf Dauer (!) das hält, was er zum Anfang verspricht. Ich wünsche es ihm und dem HSV. Es wäre endlich einmal ein Erfolgserlebnis der etwas anderen Art.

Was ich noch ganz besonders toll am Stuttgart-Sieg fand: Wie sich nach den Toren (und auch beim Schlusspfiff) die beiden Trainer in den Armen lagen. Frank Heinemann kannte da keinerlei Berührungsängste, er flog, so sah es im Fernsehen aus, dem Rodolfo Cardoso an die Brust, und zwar mit Schmackes. So muss es doch sein! Auch wenn der Frank Heinemann von Michael Oenning aus Bochum nach Hamburg geholt worden ist. Berührungsängste gibt es jedenfalls nicht – und das ist auch gut so.

Zum heutigen Trainings-Vormittag: Es fehlten Romeo Castelen (Adduktoren-Reizung), Marcell Jansen (Erkältung) und Tolgay Arslan, dessen alte Verletzung am Knöchel am Sonntag wieder aufgebrochen ist. Der Mittelfeldspieler wurde nun für die kommenden 14 Tage aus dem „Verkehr“ gezogen er soll während dieser Zeit einmal gar nichts machen. Gefehlt haben auch weiterhin Dennis Diekmeier und Michael Mancienne.
Der mit einer Maske trainierende Gojko Kacar (Nasenbeinbruch) musste kurz vor dem Trainings-Ende vom Platz gehen, denn er hatte sich bei einem sehenswerten Fallrückzieher an der Hand verletzt. Im Krankenhaus wurde aber nicht der befürchtete Fingerbruch bestätigt, sondern nur eine Stauchung festgestellt.

Das (Vormittags-)Training war lebhaft und gut, die Spieler haben ganz offensichtlich neues Selbstvertrauen gewonnen. Auffällig für mich, dass Gökhan Töre (ein echtes Schlitzohr, der oftmals mit großartigen Körpertäuschungen arbeitet) und Paolo Guerrero viele Tore schossen.

Apropos Tor. Jeffrey Bruma schoss am Freitag nicht nur sein erstes Tor für den HSV, das wichtige 1:1 in Stuttgart (ein Hechtkopfballtor), sondern damit auch sein insgesamt drittes in seiner noch jungen Profi-Laufbahn. Zwei schoss er einst für Leicester im Spiel gegen Watford – eines dabei aus rund 30 Metern (auf Youtube zu sehen). Könnte er ja jetzt – mit frischem Selbstvertrauen – auch mal beim HSV versuchen. Obwohl er sicher zufrieden sein dürfte, wenn sein Gegenspieler, Landsmann Huntelaar, ohne Treffer bleibt. „Wir haben in Stuttgart gut gespielt, ich bin jetzt hundertprozentig fit, jetzt müssen wir versuchen, auch gegen Schalke zu gewinnen“, sagt Bruma und fügt hinzu: „Wir haben in Stuttgart bewiesen, dass wir Qualität haben, das müssen wir auch gegen Schalke 04 beweisen.“

Und eine Viererkette mit Heiko Westermann, Jeffrey Bruma, Slobodan Rajkovic und Dennis Aogo kann sich ja auch sehen lassen. Allesamt Nationalspieler. Wobei Bruma und Rajkovic zwar beide vom FC Chelsea gekommen sind, aber nun am Freitag erstmalig in einer Mannschaft standen. Bruma sagt: „Für den Anfang war das nicht schlecht, aber wir können auch noch besser.“ Klingt gut und vielversprechend. Obwohl ja jetzt auch die geballte Schalke-Offensive auf den HSV zukommen wird: Huntelaar, Raul und Farnfan. Das dürfte eine äußerst schwierige Aufgabe für die HSV-Defensive werden. Zumal die Schalker ja auch mit dem frischen Wind nach Hamburg kommen, die ein Trainerwechsel in den meisten Fällen verursacht – wie der HSV ja gerade selbst bemerkt haben dürfte.

Cardoso will nicht so sehr auf den Gegner achten, er beschäftigt sich mehr mit seinen Jungs, mit dem Spiel des HSV. Damit liegt er wohl richtig, denn Jeffrey Bruma lobt: „Er hat uns gegen Stuttgart sehr gut eingestellt, und er hat der Mannschaft Selbstvertrauen gegeben, indem er über unsere Stärken gesprochen hat. Gegen Schalke werden wir sicher auch unser eigenes Spiel spielen, und das ist auch gut so. Vorwärts müssen wir spielen, und das haben wir unter ihm in Stuttgart auch getan.“

Der Interims-Trainer steht nun aber vor dem Schalke-Spiel (Sonntag, 17.30 Uhr) vor einer ganz kniffligen Frage: Startformation aus dem Stuttgart-Spiel, oder doch den einen oder anderen „frischen“ Mann? Zum Beispiel Paolo Guerrero. Cardoso lässt sich aber (noch) nicht in die Karten schauen: „Auch Marcus Berg trainiert gut, Heung Min Son ebenfalls – da bieten sich viele Jungs an, alle trainieren super, wir haben fast schon ein Luxus-Problem.“ Und zunächst einmal hofft Cardoso auf den 12. Mann: „Wir brauchen die Fans, die ja immer super sind, am Sonntag ganz besonders. Das wird ein hartes Spiel, das werden 90 brisante Minuten – vor allen Dingen auch deshalb, weil mit Huub Stevens ein Trainer kommt, der ja auch beim HSV gehandelt wurde.“

Sie wären fast HSV-Kollegen geworden, jetzt sind sie Kontrahenten. Und Cardoso freut sich darüber: „Ich bin ganz locker drauf, freue mich auf das Spiel, freue mich darüber, dass ich wieder auf der Bank sitzen werde, dass ich dem Verein helfen kann. Ja, meine Freude ist riesig. Und ich spüre, dass die Jungs auch wieder mehr an sich glauben, dass auch in der Stadt wieder mehr Hoffnung herrscht. Und das müssen wir nützen für unser Spiel, das muss uns positive Energie geben.“ Dass er auch langfristig HSV-Trainer bleibt, daran glaubt Rodolfo Cardoso allerdings nicht: „Damit beschäftige ich mich nicht, ich denke von Spiel zu Spiel. Ich plane nicht für eine längere Zeit, denn es ist ja in Sachen Trainerlizenz eine komplizierte Sache mit mir. Wichtig ist für mich, dass wir gut trainieren, dass die Jungs wieder Spaß haben.“

Und den Spaß hat er gesehen. Cardoso schwärmt vom neuen HSV-Gefühl: „Besser geht es doch gar nicht. Die Art und Weise, wie wir gespielt und gesiegt haben, das war schon toll. Und in der Kabine zu sehen, wie groß die Freude der Spieler war – besser geht es nicht. Wenn man sieht, wie schwer die Zeit zuvor war, wie alle gelitten haben – und dann diese Freude, das war klasse.“ Und so darf es ja auch ruhig weitergehen.

Kein HSVer hat etwas dagegen.

18.34 Uhr

Nicht Stevens, van Gaal oder van Basten – Cardoso soll es weiterhin richten

26. September 2011

So, jetzt also weiter mit Rodolfo. Vorerst. Und wenigstens noch gegen Schalke. Aber vielleicht auch länger? Frank Arnesen wollte sich heute nicht so recht festlegen, wich immer wieder aus. „Wir werden erst mal den Sonntag gegen Schalke abwarten und dann weitersehene.“ Klar sei jedoch, dass der Verein schon im Vorfeld der Partie einen Brief an den DFB und die DFL schicken würde, wie sich der Klub verhalten kann und darf. „Rodolfo fehlt der Fußballlehrerschein – und ich war immer ein Freund von geraden Wegen. Wir werden uns bei der DFB und dem DFB, die ich beide sehr ernst nehme, erst erkundigen, bevor wir weiter planen.“

Der HSV spielt auf Zeit. Er hat sie auch, Cardoso sei dank. „Wir wollen alle so schnell wie möglich eine Entscheidung – aber wir müssen nichts.“ Nichts erzwingen, meint Arnesen und kann und will noch nicht einmal mehr ausschließen, dass der HSV auch nach dem Schalke-Spiel weiter mit Rodolfo Cardoso arbeitet. Danach ist Länderspielpause – wobei auch die eine oder andere Entscheidung fallen könnte, wer sich für die EM qualifiziert und wer nicht. Wie bei Dänemark mit Arnesens Freund Morten Olsen…. Arnesen: „Wir haben jetzt am Sonntag das Spiel und danach 14 Tage bis zum nächsten Spiel. Und Rodolfo hat das 100-prozentige Vertrauen und volle Rückendeckung. Danach sehen wir weiter.“

Ein Vorgehen, das ausgerechnet der seit Sonntagabend Nicht-Mehr-Kandidat Huub Stevens lobt: „Wenn der HSV jetzt mit Rodolfo arbeiten will, viel Glück! Rodolfo ist ein echter Kerl, mit dem ich sehr gern zusammengearbeitet hätte. Und die zweite Halbzeit gegen Stuttgart war auch wirklich gut, das muss jeder gesehen haben.“ Dennoch glaubt der Niederländer, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist: „Sich jetzt ganz für ihn zu entscheiden, wäre ein schmaler Grat. Da kommt noch was.“

Für ihn allerdings nicht mehr. Obgleich Stevens noch immer nicht klar ist, warum ihm der HSV abgesagt hat. „Ich bin nicht nur überrascht von der Absage, ich bin enttäuscht über die Art. Ich hatte mit Frank ein sehr gutes Gespräch, in dem wir mit komplett offenen Karten gespielt haben. Der Verein hat mir ganz offen erklärt, dass er außer mit mir noch mit andern Kandidaten spricht. Und ich habe – das bin ich dem HSV schuldig – ganz ehrlich gesagt, dass ich eine lockere Anfrage von Schalke 04 habe. Wenn man mir das zum Vorwurf macht – na dann gute Nacht. Dann hätte ich wahrscheinlich einfach nur nicht ehrlich sein dürfen. Ich hätte wahrscheinlich lügen müssen, um HSV-Trainer zu werden.“

Nein, ich persönlich glaube auch, der HSV wollte gar nicht wirklich. Trotz der Mühen, Stevens in Eindhoven zu besuchen und stundenlang zu sprechen. Und ich glaube, auch Stevens wird das langsam klar. „Der HSV wusste, dass ich frei bin. Hätte sich der Klub etwas früher gemeldet, wäre ich sofort gekommen. Als dann Schalke kam, war zumindest klar, dass ich mir alles erst mal anhören muss, bevor ich meine Entscheidung treffe. Denn, und das hatte Frank verstanden, beide Klubs sind in meinem Herzen. Das ist nur fair.“ Selbst ein Entgegenkommen Stevens’ half nichts. „Ich habe Frank auch gesagt, dass ich es völlig korrekt finde, wenn sich der Klub bei der Suche Zeit lassen will. Ich habe nie gedrängt, weil alle Seiten überzeugt sein müssen, um anschließend zusammen zu funktionieren.“

Dennoch hegt Stevens keine Gräuel. Im Gegenteil, so hart er zu seinen Spielern ist, so hart ist er auch im Nehmen. „Huub war einer der härtesten Verteidiger überhaupt“, macht sich auch Arnesen keine Sorgen um nachhaltige zwischenmenschliche Irritationen, „und er ist ein erfolgreicher Trainer.“ Allerdings nicht mehr beim HSV, so viel ist klar. „Das ist sehr schade. Aber so ist das Geschäft. Und so enttäuscht ich auch bin, ich nehme es Frank auch nicht persönlich übel. Ich weiß nur einfach nicht, was in Hamburg dazwischengekommen sein kann. Die Gespräche mit Frank davor waren für eine solche Absage einfach zu gut.“

Und sie werden fortgeführt. Gut zehn Kandidaten habe er bislang gesprochen, so Arnesen, der eine Verpflichtung von van Gaal ausschloss. „Seine Situation ist eindeutig: van Gaal will ein Jahr lang gar nichts machen.“ Selbst Marco van Basten scheint aus dem Rennen: „Ich habe bislang noch nicht die perfekte Lösung gefunden“, so Arnesen. Komplett ausschließen, dass es einer der bereits genannten Kandidaten wird, wollte Arnesen dann aber auch nicht. Es seien auch Gespräche dabei gewesen, die nicht zum Ende geführt werden konnten, wo teilweise terminliche Probleme herrschten.

Arnesen wirkte aufgeräumt, entspannt nach dem ersteh Saisonsieg, den er nicht überinterpretiert sehen will. „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, unsere Situation ist noch zu ernst. Wir wissen, dass das ein sehr wichtiges Erfolgserlebnis war. Aber der Weg ist noch weit.“ Und dafür braucht Arnesen einen treuen Wegbegleiter, der ihm treu zur Seite steht. Zumal er selbst ab sofort dauerhaft bei den Spielen auf der Bank sitzen will. „Der HSV hatte sehr viele Trainer in den letzten acht Jahren. Und das wollen wir so nicht weitermachen.“ Und dafür hat Arnesen das Anforderungsprofil justiert: „Es muss einer sein, der auch unbedingt will“, leistet er sich einen kleinen Hieb in Richtung Stevens, „und es muss einer sein, der unsere junge, offensive Spielweise vertritt. Wir haben Spieler, die nach vorn spielen können. Und ich habe am Freitag sogar eine Mannschaft gesehen, die das kann und gleichzeitig gut steht.“

Dazu zählte Arnesen auch Drobny, der beim Gegentor nicht ganz glücklich aussah. „Drobny ist kein Diskussionsthema“, unterstützt der Sportchef die Nummer eins des HSV, „ich habe im September auch gesagt, dass die se Mannschaft stark genug ist, dass wir in dieser Zusammenstellung bis Januar auf jeden Fall weiterspielen.“ Soll heißen, kein Frank Rost. Zumal: Der Ex-Keeper hatte dem „kicker“ ein Interview gegeben und seine Rückkehr als Aktiver ausgeschlossen. Einzig in anderer Funktion, beispielsweise als Sportchef, könne er sich ein Comeback beim HSV vorstellen.

Ihr seht also, es ist wieder viel los beim HSV, ohne dass wirklich viel passiert. Mit einer Nachricht, die ich gut verkraften kann: Cardoso bleibt vorerst Trainer. Gut möglich sogar, dass der Argentinier mit dem guten Bauchgefühl anschließend als Cotrainer des neuen Chefcoaches bleibt. „Wir haben allen Kandidaten gesagt, dass wir keine großen Trainerteams einstellen können.“ Aus finanziellen Gründen. Dennoch sei der HSV in der Lage, dem Neuen die Sache auch finanziell schmackhaft machen zu können. Mit der Zugabe Cardoso als Co., wie Arnesen befürworten würde: „Ich bin sehr zufrieden mit den ersten fünf Tagen von Rodolfo. Er spricht sehr logisch über Fußball, ist in Stuttgart immer ruhig und er selbst geblieben, was ich besonders wichtig finde. Rodolfo redet nicht viel, aber was er sagt, ist logisch und gut.“

Und auf so einen kann man setzen. Zumindest hat so einer eine echte Chance verdient. Dass parallel Gespräche mit potenziellen Kandidaten weiterlaufen, ist klar. In diesem Sinne, vielleicht findet Arnesen ja die perfekte Lösung.

Euch noch einen schönen Restmontag. Bis morgen! Dann wieder mit Dieter.

Scholle (18.58 Uhr)

Kurz notiert:

Training: Am Dienstag wird zweimal trainiert, um zehn und um 15 Uhr.

Gute Tat: Der HSV ist Gastgeber des Spiels gegen
die Armut 2011.
Bei der neunten Ausgabe des Spiels treten Ronaldo,
Zidane und Freunde am 13. Dezember 2011 in der Imtech Arena in
Hamburg gegen den Hamburger Sport-Verein an. Das gaben die Fußballstars Ronaldo und Zinédine Zidane heute bekannt. Zwei Drittel der Einnahmen wird der Bekämpfung der anhaltenden
Hungerkatastrophe am Horn von Afrika zufließen. Als Goodwill-Botschafter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) werden Ronaldo und Zidane gemeinsam mit anderen berühmten Fußballspielern ein Freundschaftsspiel gegen eine
starbesetzte Mannschaft des HSV bestreiten.

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