Tagesarchiv für den 28. September 2011

Töre will ein Stück HSV-Geschichte werden

28. September 2011

Eigentlich hatte ich an meinem letzten Tag vor meinem Urlaub vor, einen einfach nur netten, über Gökhan Töre informativen Blog zu schreiben. Der dribbelstarke Türke setzte sich nämlich heute nach langer Zeit mal wieder bei uns in die Runde und offenbarte uns nette, traurige, interessante und zudem sehr ehrliche Geschichten rund um seine Person. Aber – und das kommt zuerst – ich möchte versuchen, hier erst mal etwas klarzustellen: Das Abendblatt empfindet die Trainersuche nicht, wie der zwischenzeitlich online gestellte Artikel des SID den Online-User vermuten lassen könnte, als Posse. Im Gegenteil. Wer das Abendblatt wirklich liest und sich nicht allein an der Online-Ausgabe bedient, der weiß das auch.

Als kurze Erklärung: Unsere Online-Redaktion ist eine eigenständige Abteilung, die von sehr fleißigen Mitarbeitern geführt wird. Dabei sitzen diejenigen den ganzen Tag am PC und Telefon, um immer sofort alles Neue online zu setzen. Die Damen und Herren haben wirklich einen stressigen Job, der eben auch mal einen Fehler produziert. Dabei passiert es auch mal, dass ein solcher Agenturbericht ohne mit uns Rücksprache zu halten, übernommen wird, der dort besser nichts zu suchen hat. Wie heute. Meistens wird dieser aber nach kurzer Zeit wieder runtergenommen, weil ein thematisch damit Befasster den Artikel liest und löschen lässt. Wie heute.

Wer sich aber nun hinzusetzen, und hier das gesamte HA zu attackieren, der kennt eben diese Hintergründe nicht. Was dem einen oder anderen offensichtlich ganz recht war, um mal so richtig loszulegen. Warum das so ist, keine Ahnung. Und ohne hier Namen zu nennen, eine(n) dieser Blogger(innen) habe ich gestern am Trainingsplatz getroffen. Warum ich das erwähne? Weil der- oder diejenige sich in den letzten Wochen nur zu gern über alles und jeden, der oder das mit dem Abendblatt zu tun hat, auslässt. Zum Teil definitiv ernst zu nehmen, aber vermehrt unreflektiert und teilweise einfach nur bösartig. Da ich diese Person auch vorher schon häufiger gesprochen und als zweifellos sehr intelligenten Menschen kennengelernt habe, konnte ich mir deren Beleidigungen nur schwer erklären. Per Email hatte ich es mal zwischendurch versucht, zu ergründen. Aber nachdem dieser Zustand inzwischen zum Dauerzustand auswuchs, ließ ich es.

Dennoch dachte ich, dass bei dieser Gelegenheit am Platz etwas kommt. Von mir aus auch gern ebenso schonungslose Kritik wie hier im Blog. Dann hätte man sich sachlich miteinander unterhalten und wäre zu einem gemeinsamen Schluss gekommen oder eben nicht. Aber stattdessen kam – gar nichts, was für mich nur den Schluss zulässt, dass es dem- oder derjenigen nicht um den HSV, den Blog oder das Thema geht, sondern schlicht darum, mit provokanten Aussagen aufzufallen.

Das ist schade. Weil ich wirklich für jede Kritik offen bin. Dass ich mir nicht alles zu Herzen nehme, werdet Ihr sicher entschuldigen.

Auch deswegen widmen wir uns lieber wieder schnell dem wirklich Wichtigen: der Mannschaft. Die hat noch immer Rodolfo Cardoso als Chef und scheint damit sehr zufrieden. Zumindest vermitteln es die Spieler durch ihre ebenso lockere wie ehrgeizige Gangart auf dem Trainingsplatz. Da wird gelacht, miteinander geflachst – aber in den Übungen wird sich nichts geschenkt. Im Gegenteil. Am Dienstag musste das Gojko Kacar erfahren, der sich den Mittelfinger verdrehte, nachdem ihm sein Gegenspieler draufgestiegen war. Am heutigen Mittwoch war der Serbe wieder dabei – trotz blauer Armschiene und einer finster aussehenden schwarzen Gesichtsmaske. Sein Zeichen an Mannschaft und Trainer: Er wollte partout nicht fehlen.

„Der Trainer vermittelt uns Spaß daran, hart zu arbeiten“, sagt Jeffrey Bruma und erhält Unterstützung von einem, der unter Cardoso seine wohl beste Saisonleistung abgeliefert hat: Gökhan Töre. „Cardoso bringt Spaß in den Fußball, er bietet eine neue Herausforderung, die wir annehmen“, so der Deutsch-Türke, der bereits vorab für das Länderspiel der Türken gegen Deutschland am 7. Oktober in Istanbul nominiert worden ist. Normalerweise erfolgen die Einladungen später und per Fax – bei ihm hat der türkische Nationaltrainer und ehemalige HSV-Trainerkandidat Guus Hiddink allerdings mal eine Ausnahme gemacht. „Er hat mich angerufen“, freut sich Töre über die große Ehre.

Eine Ehre, die für Töre sogar eine ganz besondere Bedeutung hat. Denn als er zwölf Jahre alt war hatte er seinem damals sehr krank gewordenen und kurz danach verstorbenen Großvater versprochen, einmal Fußballer zu werden. Und für die Türkei zu spielen. „Er war derjenige, der mich immer zum Fußball gebracht hat, der mich darin gefördert hat“, erzählt der grimmig wirkende, aber eigentlich liebe Linksfuß. Dabei merkt man ihm an, wie tief diese Trauer über den Verlust seines Opas sitzt und wie groß sein Stolz ist, dem Opa das Versprechen erfüllt zu haben. Eine Freude, die Töre mit 40 Bekannten und Verwandten teilen wird, für die er Karten für das EM-Qualifikationsspiel besorgt hat. Vor allem aber mit einer Frau: seiner stolzen Oma. „Das wird ein ganz besonderes Spiel für mich. Ein ganz besonderes Spiel für uns.“

Und die Aussichten, dass er spielen wird, sind wie beim HSV sehr gut. „Guus Hiddink steht auf mich“, frohlockt Töre, der sich auch beim HSV in seiner bislang besten Form wähnt. Selbst seinen ersten Bundesligatreffer hat er vor Augen: „Stuttgart war schon ganz gut von mir, glaube ich. Ich werde Woche für Woche, Tag für Tag weiter hart arbeiten und dann auch irgendwann selbst treffen. Vielleicht ja schon am Sonntag.“ Stören würde das niemanden. Schon gar nicht in dem nächsten, sehr wichtigen Spiel gegen Schalke 04 mit Trainer Huub Stevens.

Nein, inzwischen gibt es immer mehr, die es dem bulligen Dribbler gönnen. Nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten ans neue Umfeld hat sich Töre gefangen. Er hat sich seinen eigenen Freundeskreis aufgebaut, eine Wohnung an der Elbchaussee bezogen und fühlt sich endlich so richtig heimisch. „Ich bin angekommen und habe jetzt große Ziele“, so Töre, dessen Vorbild Lionel Messi ist. „Ich schaue mir seine Videos an und studiere seine Tricks. Er ist der Beste.“ Dass er dennoch auch alte Granden wie Zinedine Zidane oder auch Ronaldo verehrt bewiest seine Reaktion auf die Frage, ob er sich auf das Benefizspiel gegen eine Weltauswahl im November freut: „Logisch, das ist schon eine Ehre, mal gegen solche Fußballer spielen zu dürfen. Die können echt kicken.“

Er auch. Er kann es sogar noch besser, als er bisher gezeigt hat. Das sagt er zumindest selbst. „Ich sehe jeden Tag Dinge bei anderen, die ich annehmen und selbst auch können will. Ich weiß einfach, dass ich jeden Tag hart an mir arbeiten muss, wenn ich mein großes Ziel erreichen will.“ Und das ist, international zu spielen. Zuerst bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine mit der Türkei, anschließend auf Vereinsebene mit dem HSV. „Das wäre ein Traum.“

Wer Töre begegnet, sieht auf den ersten Blick einen vor Kraft strotzenden, tätowierten jungen Mann mit oft finsterem Blick. Allerdings ist das eine Art, die allein für den Fußballplatz („Ich liebe hartes, körperbetontes Spiel“) gilt. Dort auch wirklich, wie von einem der härtesten, brutalsten und kompromisslosesten ehemaligen HSV-Verteidigern erklärt wird: vom heutigen Stuttgarter Khalid Boulahrouz. Der hatte nach der Partie am Freitag seinen direkten Gegenspieler in den höchsten Tönen gelobt: „Töre hat einen großen Weg, eine tolle Karriere vor sich. Er ist einer, der nicht gleich umfällt und fightet. Er sucht die Zweikämpfe, ist hart im Nehmen und gibt nie auf.“ Worte, die Töre gern hört, die ihm ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Er ist gern hart.

Obgleich das nicht der ganze Töre ist. Denn der andere, der private Töre außerhalb des Wettkampf- und Trainingsbetriebes geht gern mit seinem sieben Monate alten American Stafford „Cano“ (übersetzt: Liebling) an der Elbchaussee spazieren. Er geht gern ins Kino und mit seinem Mannschaftskollegen und Freunden abends essen. Und wenn die Zeit es erlaubt, spielt er mit seinem besten Freund, mit dem er seit der Jugend befreundet ist und der sowohl in London als auch jetzt in Hamburg bei ihm wohnt und dem er hilft, Tennis.

Töre, der Mann der bislang wenigsten Worte uns Journalisten gegenüber, ist ein interessanter junger Mann. Menschlich tiefgründiger als manche vermuten, ist er sportlich am Anfang einer vielleicht (und aus unserer Sicht: hoffentlich) steilen Karriere als Fußballer. Auf jeden Fall ist er eines der Talente beim HSV, von dem man sich noch viel erhoffen darf. Er erfüllt nahezu alle Anforderungen, die der Umbruch mit sich brachte. Ihm gehört ein Stück HSV-Zukunft, das uns Außenstehenden noch sehr viel Freude bereiten kann.

In diesem Sinne, ich freue mich auf meinen Urlaub und hoffe, dass wir uns danach mit dann sieben Punkten auf der Haben-Seite wieder sprechen.

Bis dann,

Scholle

Kurz notiert:

Pause: Während neben Kacar auch Romeo Castelen wieder voll mittrainierte, musste Zhin Gin Lam heute wegen leichter Muskelprobleme pausieren. Das junge Talent soll aber am Donnerstag wieder einsteigen und gegen Schalke spielen können. Wann Marcell Jansen (Erkältung) wieder dabei ist, ist dagegen weiterhin offen.

Nominiert:
Jaroslav Drobny ist für die EM-Qualifikationsspiele der tschechischen Nationalmannschaft gegen Spanien am 07. und gegen Litauen am 11. Oktober (beide Spiele in Prag) nominiert worden.