Tagesarchiv für den 27. September 2011

Stevens – oder Trainer sind auch nur Menschen

27. September 2011

„Der HSV hat mein Herz gestohlen.“ Wer hat es gesagt? Richtig: Huub Stevens. Als er kürzlich noch beim HSV auf der Suchliste stand. Nun sagte jener Trainer, der sein Herz an den HSV verloren hat(te), folgendes: „Wenn man sechs Jahre bei einem Verein war und Erfolge hatte, ist er ein Teil seines Herzens geworden. Es heißt zu Recht: Einmal Schalker, immer Schalker.“ Zum HSV sage der 57-jährige Stevens auch noch etwas: „Ich habe dem Verein nicht abgesagt, er hat sich nicht mehr gemeldet. Ich denke, dass ein Trainer das Recht hat, auch mit anderen Vereinen zu sprechen, wenn ein Verein wie der HSV mehrere Kandidaten hat . . .“ Das stimmt wohl. Aber Schalke machte nun das Rennen. Obwohl 04-Manager Horst Heldt noch am Wochenende erklärt hatte, dass er nach einem Kandidaten fahnde, der als Vertreter“ des modernen Konzeptfußballs“ gilt. Heute nun sagte Heldt, dass Schalke mit Stevens die „beste und schnellste Lösung“ gefunden habe. Motto: Was stört mich mein Geschwätz von gestern?

Was lehrt uns das? Trainer sind auch nur Menschen. Die viel Geld verdienen möchten . . .

Was mir zu denken gibt: Stevens sprach davon, dass der HSV mehrere Kandidaten hat. Mehrere. Toll. Irgendwie hatte ich schon befürchtet, der HSV (!) hätte nicht einen. Jetzt aber weiß ich es, dank Stevens, besser. Es gibt mehrere. Das sorgt in meinem Inneren für Zufriedenheit. Noch keine hundertprozentige Zufriedenheit, aber die kommt vielleicht ja noch. Obwohl ich nicht glauben kann, dass sich der Verein (oder nur er Sportchef?) vor allem mut Kandidaten beschäftigt, die keine Ahnung von der Bundesliga haben. Es pressiert also doch noch nicht so doll in Hamburg, wie ich immer gedacht habe. Kommt ein neuer Coach XY aus Spanien, England, Italien oder wo immer auch her, dann gibt ihm der HSV auch die nötige Zeit, sich hier in Ruhe einzuarbeiten. Also keine Spur von Panik, keine Spur von Hektik, alles nach dem Motto: „Gemach, gemach – kommt heute kein Trainer, dann kommt er morgen.“

Wobei ja auch schon ein Trainer da ist: Rodolfo Cardoso. Noch immer unbesiegt mit den HSV-Profis. Was heißt unbesiegt, der Mann hat nur gewonnen mit den HSV-Profis. Das müssten die Herren des DFB doch auch in einer Form honorieren. Vielleicht in der Form, dass es für den Argentinier eine Sondergenehmigung gibt. Da Cardoso keine Fußball-Lehrer-Lizenz besitzt, müsste ihn der DFB „ohne“ gewähren lassen. So möchte es der HSV. Und? Möchte das auch de DFB? Noch blieb die Antwort aus, aber wenn ich daran denke, dass zuletzt auch jedem Zweitliga-Klub eine „Ausnahmeregelung“ verweigert worden ist (Matthias Sammer ist da ganz eisern), wird es keine „Ausnahme HSV“ geben. Ich kann es mir jedenfalls nicht vorstellen. Denn es gibt ja genügend Trainer auf dem Markt. Auch ausländische, die keine Ahnung von der deutschen Bundesliga haben.

Dass es keine Ausnahme gibt, das erfuhr am 16. März 2010 auch der Rostocker Trainer Thomas Finck. Er sollte Hansa trainieren, natürlich ohne Lizenz. Dann wurde der ehemalige HSV-Torwart Marco Kostmann eingesetzt – als Chef-Trainer. Finck blieb – als Co-Trainer. Aber es gibt da keine Wischi-waschi-Lösung: Kostmann war die Nummer eins, auch das wird vom DFB nämlich sehr genau beobachtet, haargenau (sogar beim Training in der Woche!), da kann es keine Strohmann-Lösung geben. Sonst Strafe. Punktabzug? Falls vorhanden, dann auch das.

Noch einmal zum Stuttgart-Spiel zurück. Es waren ja einige Auffälligkeiten dabei- Zum Beispiel, dass Gökhan Töre ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht hat. Endlich. Nicht er endlich, sondern endlich hat er es allen gezeigt. Ich schreibe es seit vielen Wochen, dass Töre in die Mannschaft gehört, denn er ist frech, technisch stark mutig und in der Lage, raumgreifende Dribblings nicht nur zustarten, sondern auch erfolgreich abzuschließen. Dann der „kleine Lam“. Einfach super, dass der Mut von Cardoso mit dem „kleinen Lam“ belohnt wurde. Lotto King Karl konnte während des Spiels das Wasser nicht halten und schwärmte mir in höchsten Tönen von Töre und Lam vor. Zhi Gin Lam, so viel Zeit muss sein. Was ich damit sagen möchte: Lotto King Karl hat, so wie ich es schon mehrfach geschrieben, eben unheimlich viel Ahnung vom Fußball, denn an den nächsten beiden Tagen konnte ich lesen, dass Töre und Lam die beiden besten Hamburger gewesen sind. Super, super.

Würde mich jetzt ja tierisch freuen, wenn mit dem „kleinen Lam“ mal ein Nachwuchsmann zu den Profis käme, der auf Dauer (!) das hält, was er zum Anfang verspricht. Ich wünsche es ihm und dem HSV. Es wäre endlich einmal ein Erfolgserlebnis der etwas anderen Art.

Was ich noch ganz besonders toll am Stuttgart-Sieg fand: Wie sich nach den Toren (und auch beim Schlusspfiff) die beiden Trainer in den Armen lagen. Frank Heinemann kannte da keinerlei Berührungsängste, er flog, so sah es im Fernsehen aus, dem Rodolfo Cardoso an die Brust, und zwar mit Schmackes. So muss es doch sein! Auch wenn der Frank Heinemann von Michael Oenning aus Bochum nach Hamburg geholt worden ist. Berührungsängste gibt es jedenfalls nicht – und das ist auch gut so.

Zum heutigen Trainings-Vormittag: Es fehlten Romeo Castelen (Adduktoren-Reizung), Marcell Jansen (Erkältung) und Tolgay Arslan, dessen alte Verletzung am Knöchel am Sonntag wieder aufgebrochen ist. Der Mittelfeldspieler wurde nun für die kommenden 14 Tage aus dem „Verkehr“ gezogen er soll während dieser Zeit einmal gar nichts machen. Gefehlt haben auch weiterhin Dennis Diekmeier und Michael Mancienne.
Der mit einer Maske trainierende Gojko Kacar (Nasenbeinbruch) musste kurz vor dem Trainings-Ende vom Platz gehen, denn er hatte sich bei einem sehenswerten Fallrückzieher an der Hand verletzt. Im Krankenhaus wurde aber nicht der befürchtete Fingerbruch bestätigt, sondern nur eine Stauchung festgestellt.

Das (Vormittags-)Training war lebhaft und gut, die Spieler haben ganz offensichtlich neues Selbstvertrauen gewonnen. Auffällig für mich, dass Gökhan Töre (ein echtes Schlitzohr, der oftmals mit großartigen Körpertäuschungen arbeitet) und Paolo Guerrero viele Tore schossen.

Apropos Tor. Jeffrey Bruma schoss am Freitag nicht nur sein erstes Tor für den HSV, das wichtige 1:1 in Stuttgart (ein Hechtkopfballtor), sondern damit auch sein insgesamt drittes in seiner noch jungen Profi-Laufbahn. Zwei schoss er einst für Leicester im Spiel gegen Watford – eines dabei aus rund 30 Metern (auf Youtube zu sehen). Könnte er ja jetzt – mit frischem Selbstvertrauen – auch mal beim HSV versuchen. Obwohl er sicher zufrieden sein dürfte, wenn sein Gegenspieler, Landsmann Huntelaar, ohne Treffer bleibt. „Wir haben in Stuttgart gut gespielt, ich bin jetzt hundertprozentig fit, jetzt müssen wir versuchen, auch gegen Schalke zu gewinnen“, sagt Bruma und fügt hinzu: „Wir haben in Stuttgart bewiesen, dass wir Qualität haben, das müssen wir auch gegen Schalke 04 beweisen.“

Und eine Viererkette mit Heiko Westermann, Jeffrey Bruma, Slobodan Rajkovic und Dennis Aogo kann sich ja auch sehen lassen. Allesamt Nationalspieler. Wobei Bruma und Rajkovic zwar beide vom FC Chelsea gekommen sind, aber nun am Freitag erstmalig in einer Mannschaft standen. Bruma sagt: „Für den Anfang war das nicht schlecht, aber wir können auch noch besser.“ Klingt gut und vielversprechend. Obwohl ja jetzt auch die geballte Schalke-Offensive auf den HSV zukommen wird: Huntelaar, Raul und Farnfan. Das dürfte eine äußerst schwierige Aufgabe für die HSV-Defensive werden. Zumal die Schalker ja auch mit dem frischen Wind nach Hamburg kommen, die ein Trainerwechsel in den meisten Fällen verursacht – wie der HSV ja gerade selbst bemerkt haben dürfte.

Cardoso will nicht so sehr auf den Gegner achten, er beschäftigt sich mehr mit seinen Jungs, mit dem Spiel des HSV. Damit liegt er wohl richtig, denn Jeffrey Bruma lobt: „Er hat uns gegen Stuttgart sehr gut eingestellt, und er hat der Mannschaft Selbstvertrauen gegeben, indem er über unsere Stärken gesprochen hat. Gegen Schalke werden wir sicher auch unser eigenes Spiel spielen, und das ist auch gut so. Vorwärts müssen wir spielen, und das haben wir unter ihm in Stuttgart auch getan.“

Der Interims-Trainer steht nun aber vor dem Schalke-Spiel (Sonntag, 17.30 Uhr) vor einer ganz kniffligen Frage: Startformation aus dem Stuttgart-Spiel, oder doch den einen oder anderen „frischen“ Mann? Zum Beispiel Paolo Guerrero. Cardoso lässt sich aber (noch) nicht in die Karten schauen: „Auch Marcus Berg trainiert gut, Heung Min Son ebenfalls – da bieten sich viele Jungs an, alle trainieren super, wir haben fast schon ein Luxus-Problem.“ Und zunächst einmal hofft Cardoso auf den 12. Mann: „Wir brauchen die Fans, die ja immer super sind, am Sonntag ganz besonders. Das wird ein hartes Spiel, das werden 90 brisante Minuten – vor allen Dingen auch deshalb, weil mit Huub Stevens ein Trainer kommt, der ja auch beim HSV gehandelt wurde.“

Sie wären fast HSV-Kollegen geworden, jetzt sind sie Kontrahenten. Und Cardoso freut sich darüber: „Ich bin ganz locker drauf, freue mich auf das Spiel, freue mich darüber, dass ich wieder auf der Bank sitzen werde, dass ich dem Verein helfen kann. Ja, meine Freude ist riesig. Und ich spüre, dass die Jungs auch wieder mehr an sich glauben, dass auch in der Stadt wieder mehr Hoffnung herrscht. Und das müssen wir nützen für unser Spiel, das muss uns positive Energie geben.“ Dass er auch langfristig HSV-Trainer bleibt, daran glaubt Rodolfo Cardoso allerdings nicht: „Damit beschäftige ich mich nicht, ich denke von Spiel zu Spiel. Ich plane nicht für eine längere Zeit, denn es ist ja in Sachen Trainerlizenz eine komplizierte Sache mit mir. Wichtig ist für mich, dass wir gut trainieren, dass die Jungs wieder Spaß haben.“

Und den Spaß hat er gesehen. Cardoso schwärmt vom neuen HSV-Gefühl: „Besser geht es doch gar nicht. Die Art und Weise, wie wir gespielt und gesiegt haben, das war schon toll. Und in der Kabine zu sehen, wie groß die Freude der Spieler war – besser geht es nicht. Wenn man sieht, wie schwer die Zeit zuvor war, wie alle gelitten haben – und dann diese Freude, das war klasse.“ Und so darf es ja auch ruhig weitergehen.

Kein HSVer hat etwas dagegen.

18.34 Uhr