Tagesarchiv für den 23. September 2011

2:1 in Stuttgart – endlich, der erste Sieg! Jetzt soll Stevens übernehmen

23. September 2011

Zehn Minuten Verspätung – weil das Volksfest auf den Cannstatter Wasn in vollem Gange war und die Zuschauer erst mit Verspätung in die Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena eintrudelten. Und diese zehn Minuten Verspätung lohnten sich. In einem temporeichen Spiel zweier offensiv agierender Mannschaft konnte sich der HSV den so lang ersehnten ersten Dreier sichern. Und das auch noch absolut verdient.

Aber der Reihe nach. Auf HSV-Seiten galt in den letzten Tagen allein die Trainersuche als vorrangiges Thema. Fünf Kandidaten soll der HSV noch haben. Fünf Trainer, wovon zwei Marco van Basten und Huub Stevens sind. Während mit van Basten bereits vor Tagen gesprochen worden ist, ist – wohl auch ob des Verlaufes der bisherigen Gespräche – jetzt doch Huub Stevens der Top-Kandidat. Der Niederländer hat bereits mit dem HSV-Vorstand telefoniert und wurde zu einem persönlichen Gespräch gebeten, das der auch zusagte. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass es ab Montag – auf diesen Termin haben sich die vier Vorstände verständigt – wieder Stevens ist, der den HSV übernimmt. „Noch ist nichts entschieden“, so Arnesen, der allerdings ein wenig verlegen auf die bohrenden Nachfragen des Reporters nur sehr ausweichend reagierte.

Wie auch immer, ich möchte die meiner Meinung nach zu hoch angesetzte Erwartung in Huub Stevens sicher nicht dämpfen, aber zumindest hinterfragen. Denn, wer glaubt, es seien die gleichen Maßstäbe wie einst im Winter 2007 anzulegen, der irrt. Damals waren es keine Brumas, Westermanns oder gar Lams, die den Bundesligadino auf dem Feld vertraten, nein: damals waren es Namen wie Frank Rost, Khalid Boulahrouz, Vincent Komapany, Nigel de Jong und die damals noch gut funktionierenden Thimothee Atouba und Guy Demel. Aber vor allem hatte der HSV damals das, was auch Rodolfo Cardoso bei seinem Antritt als Versäumnis anmerkte: der HSV hatte einen Spielmacher, einen Lenker, Denker und sogar Vollstrecker namens Rafael van der Vaart. „Damals war es am Anfang als Tabellenletzter natürlich ziemlich schwierig“, so Stevens, der aber auch zugibt: „Einmal in Fahrt gekommen hatte die Mannschaft natürlich richtig viel Potenzial. Da war es ein Genuss, mit der Mannschaft zusammenzuarbeiten.“ Wie er die heutige Mannschaft sieht? Stevens überlegt, sagt dann: „Sie ist natürlich sehr jung. Sie braucht noch Zeit, um sich zu finden. Aber der Kader ist allemal gut genug, um aus der unteren Region schnell rauszukommen.“ Vielleicht ja schon ab Montag mit ihm.

Klar ist, dass der neue Trainer eine Mannschaft vorfindet, die ihr Defensivproblem noch nicht hundertprozentig in den Griff kriegt. Und eine Mannschaft, die heute zwei Gesichter präsentierte. Trotz der starken zweiten Halbzeit war die erste Enttäuschend. Da brachte Heung Min Son nicht eine Aktion zum Ende (schade, dass sein Volleyschuss in der 42. geblockt wurde), zudem verweigerte sich Mladen Petric lange Zeit. Der Kroate dirigierte, lamentierte und stagnierte in dem Tempo, in dem er vor Spielbeginn auf den Platz aufgelaufen war – im Zuckeltrab…

Nein, das war nichts offensiv in den ersten 45 Minuten. Einzig ein junger Mann namens Zhi Gin Lam, die Überraschungsnominierung des neuen und nur übergangsweise Cheftrainers Rodolfo Cardoso wusste zu gefallen. Der bislang nur bei der Regionalligamannschaft eingesetzte rechte Mittelfeldspieler war es, der in der zweiten Minute den ersten Torschuss ansetzte. Ullreich auf Stuttgarter Seiten konnte den guten Distanzschuss jedoch zur Ecke abwehren.

Und während Lam durch seine Ballfertigkeit und sein Tempo mit Ball zu gefallen wusste, schienen die beiden Sechser im falschen Film. David Jarolim blieb nur auf der Bank – warum auch immer. Dabei dürften die letzten Wochen eines gezeigt haben: Der Tscheche ist noch immer wertvoll. Zumindest relativ betrachtet. Denn was sich seine Konkurrenz in Person Robert Tesches da in der ersten Hälfte zurechtspielte, hatte nichts mit Fußball zu tun. Ich habe gefühlt 100 Prozent Fehlpässe bei dem Ex-Bielefelder gesehen, dazu unzählige unnötige Ballverluste und verlorene Zweikämpfe von Tomas Rincon. Die beiden Defensiv-Mittelfelder sollten als Stütze für die Abwehr stehen – sie bewirkten jedoch das Gegenteil. Wie auch beim 0:1 (18.). Da taumelte Tesche ohne Gegenspieler auf der rechten Seite herum, während Rincon seinen Gegenspieler Kuzmanovic aus den Augen verlor. Den Fernschuss des Stuttgarters aus 20 Metern fälschte Aogo leicht ab. Allerdings veränderte er dadurch die Flugbahn so, dass Drobny den Ball nur mit den Knien unkontrolliert in die Mitte abwehren konnte, wo der Hamburger Martin Harnik Westermann entschwand und einschob. Wer auch immer sagt, das Gegentor sei Drobnys Schuld, dem widerspreche ich – zumindest in Teilen. Denn den wahrlich nicht scharf getretenen Schuss Harniks pariert schon mal ein guter Torwart. Aber der Tscheche stand nur sehr schwermütig und langsam auf, orientierte sich zu lange und zeigte letztlich keine Reaktion mehr.

Egal wie, es stand 0:1, obwohl die Innenverteidigung mit Rajkovic und Bruma bis dahin gut stand, die beiden Außen Westermann und Aogo defensiv wenig bis nichts zuließen. Das allerdings änderte sich. Das Gegentor schien zu verunsichern. Anders ist nicht zu erklären, dass sich der zuletzt starke Rajkovic von Cacau gleich zweimal düpieren ließ und der VfB nur am HSV-Pfosten scheiterte (22.). HSV-Chancen? Gab es schlichtweg nicht. Bis auf eine Szene, in der Gökhan Töre sich allein aufs Stuttgarter Tor aufmachte und sich den Ball zu weit vorlegte.

Aber zum Glück hat ein Fußballspiel zwei Halbzeiten. Und die zweite Halbzeit sollte den bislang besten HSV der Saison 2011/2012 zeigen. Und einen Tesche, der nicht nur seinen ersten Ballkontakt zum eigenen Mann brachte. Nein, der HSV traf. In der 51. Minute schmiss sich Bruma in eine Töre-Ecke und glich per Flugkopfball zum 1:1 aus. Der HSV kam jetzt, hatte durch Töre sogar die Riesenchance zum 2:1 (54.), als er einen Abpraller aus acht Metern mit dem rechten Fuß zu hoch ansetzte.

In der 65. Minute war dann das sehr gelungene Gastspiel Lams beendet. Der Deutsch-Chinese verließ für den wieder genesenen Paolo Guerrero den Platz und erhielt zurecht Applaus. Ein Talent aus den eigenen Reihen, das Lust auf mehr macht. Auf viel mehr, wenn es nach mir geht. „Ein Traumdebüt für ihn“, lobte Sportchef Frank Arnesen, „er hat von der ersten Sekunde an mutig gespielt, das Eins-gegen-eins gesucht und dazu noch das Auge für den Nebenmann gehabt. Fantastisch.“ Worte, denen ich mich zu 100 Prozent anschließe.

Deutlich mehr hatte sich auch Robert Tesche vorgenommen. Und er setzte es auch um. Im Verbund mit dem nun endlich wieder gewohnt bissigen Rincon machte er die Mitte endlich dicht – und er traf. In der 67. Minute zeigte Tesche seine technischen Fähigkeiten, als er einen hohen Ball volley aus zehn Metern aus der Drehung im VfB-Gehäuse unterbrachte und die 2:1-Führung herausschoss. Ein wunderbarer Treffer.

Und ein so wichtiger. Denn der HSV gewann jetzt im Kollektiv an Sicherheit. Bruma mit gefühlt 100 Prozent gewonnenen Zweikämpfen und Rajkovic mit nun wieder gewohnter Zweikampfstärke seiner gewohnte ließen Stuttgarts Angreifer keine Chance. Dazu spielte der HSV endlich auch nach vorn. Auch, weil Cardoso mit seinen Auswechslungen signalisierte, das Spiel unbedingt gewinnen zu wollen. So kam nach Guerrero mit Castelen ein zweiter Offensivmann – diesmal für den ausgelaugten Son. Und hätte Schiedsrichter Felix Zwayer in der 82. Minute nach einem klaren Foul von Tasci an Petric den logischen Foulelfmeter gepfiffen – die Partie wäre wahrscheinlich frühzeitig entschieden gewesen.

So aber bleib es bis zur letzten Sekunde spannend. Zunächst rettete Bruma (83.), dann Drobny (88.) knapp, während VfB-Keeper Ullreich Castelens Schuss aus 16 Metern mit allerletzter Kraft entschärfte. Am Ende aber bleib es bei dem absolut verdienten 2:1.

Der erste HSV-Sieg 2011/2012 war perfekt! Endlich!!!!!

Und auch wenn an dieser Stelle jetzt all das kommen müsste, was noch nicht stimmte – entschuldigt bitte! Ich habe keinen Bock darauf! Nein, ich will mich einfach mal freuen, den so lang ersehnten ersten Sieg genießen, der auch in der Art und Weise der zweiten Halbzeit absolut verdient war. Ich habe einen bärenstarken Bruma, einen wieder guten Rajkovic und einen hochinteressanten Youngster Lam gesehen. Ich habe einen Tesche verteufelt und ihn in der zweiten Halbzeit Lieben gelernt. Und ich hoffe, dass die letzte Rettungsaktion nun auch dem immer noch nicht besonders selbstsicheren Drobny Aufschub gibt. Aber vor allem habe ich endlich wieder ein HSV-Spiel gesehen, in dem ich eine Taktik erkennen konnte, die nicht allein auf defensive beruhte. Dieser von Cardoso eingestellte HSV war mutig, hatte gute Offensivaktionen und zeigte zumindest in der zweiten Halbzeit Spielwitz. Auf jeden Fall habe ich so keine Bedenken, sollte der HSV sein intern formuliertes Ziel, am Montag den neuen Trainer zu präsentieren, verfehlen. Und wie es sich an diesem Tag gehört, gehören die letzten Worte des Blogs dem siegreichen Trainer: „Ich wollte ein bisschen Leben in die Mannschaft bringen, und das hat geklappt“, zeigte sich Interimstrainer Cardoso bescheiden. „Wir haben mutig gespielt und glaube ich auch zurecht gewonnen.“

Chapeau Rodolfo! Absolut korrekt analysiert.

In diesem Sinne: lasst uns heute einmal nur glücklich sein.

Bis morgen,

Scholle (22.49 Uhr)

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