Tagesarchiv für den 22. September 2011

Cardoso kommt mit dem “kleinen Lam”

22. September 2011

Wenn Rodolfo von ihm spricht, dann glänzen die Augen des Interimstrainers des HSV. Er nennt ihn – fast liebevoll – „den kleinen Lam“. Und dieser „kleine Lam“, der 1,75 Meter groß ist und 20 Jahre jung, der könnte morgen, beim so wichtigen Auswärtsspiel des HSV beim VfB Stuttgart, die große HSV-Überraschung werden. Cardoso wird den Deutsch-Chinesen, der nicht „der kleine Lam“ heißt, sondern Zhi Gin Lam, wahrscheinlich von Beginn an bringen, und zwar auf der rechten Seite im Mittelfeld. Es geht nur noch um die Frage, ob nun „der kleine Lam“ oder der erfahrene Romeo Castelen, der wieder fit ist – und brennt, vorne rechts spielen werden.

Cardoso wollte keine großen Experimente wagen, und dennoch versucht er es mit einem Nachwuchstalent. Kompliment zu so viel Mut. Zumal das nicht die einzige Änderung sein wird, denn im linken Mittelfeld kommt Gökhan Töre zum Zuge. Und Heung Min Son dürfte gegenüber Paolo Guerrero den Vorzug erhalten, neben oder ein Stück weit hinter Mladen Petric zu stürmen. Mutig, mutig. Auf der Sechs stehen Robert Tesche und Tomas Rincon, die Viererkette sieht von rechts nach links wie folgt aus: Heiko Westermann (jawoll, rechts!), Jeffrey Bruma, Slobodan Rajkovic, Dennis Aogo., Auch in diesem Punkt gibt sich Rodolfo Cardoso extrem mutig, denn er reißt die zuletzt prima funktionierende Innenverteidigung Westermann/Rajkovic auseinander.

Er wagt in meinen Augen sehr viel, der Rodolfo Cardoso, aber wie heißt es so schön? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

In der Reserve-Mannschaft spielten heute so erfahrene Cracks wie David Jarolim, Marcell Jansen und Paolo Guerrero. Das ist mal ein Ausrufezeichen!

Als die Spieler heute den Rasen der Arena betraten, fiel mir ein (Ersatz-)Spieler am meisten auf: Per Ciljan Skjelbred. Der blonde Norweger hatte drei Bälle (!) in den Armen und begann damit zu jonglieren. Mit den Händen, mit den drei Bällen. Dass sah richtig gut und professionell aus, damit könnte der Mittelfeldspieler im Hansa-Theater auftreten – falls es mal mit der anderen Karriere nicht recht klappen sollte. Mit dem Profi-Fußball.

In Stuttgart wird Skjelbred auf der Bank sitzen (Marcus Berg ist im Gegensatz dazu aus dem Kader gestrichen worden), neben dem Norweger wird wohl auch Romeo Castelen Platz nehmen. Ein großes Comeback steht bevor. Der niederländische Nationalspieler hat eine lange, fast unendliche Leidenszeit hinter sich, mit zig Knie-Operationen, nun spielt er wieder. Vier Begegnungen hat er in der Regionalliga bereits absolviert, wobei er fünf Tore schoss. Auch deswegen holt ihn Cardoso nun zu den Profis.

Castelen über seine Rückkehr: „Ich habe immer daran geglaubt, denn ich glaube an Gott, der hat mir die Kraft gegeben. Es ist so schön, dass ich es wieder geschafft habe, ich kann es nicht fassen. Aber nur Gott weiß, wie es ist, wo es endet. Ich war positiv, egal wie schwer es auch immer für mich war. Wenn man an Gott glaubt, dann kann man es immer schaffen, dann kann man auch stark sein, wenn es ganz schwierig ist.“ Und das war es. Kein anderer HSV-Profi hatte es jemals so schwer, wie Romeo.

Ob er schon wieder so weit ist, in der Bundesliga mit zu mischen? Er weiß es auch nicht: „Das wird man sehen. Wenn man es aber nicht versucht, dann sieht man es nie. Man muss sich einmal messen lassen, sonst weiß keiner, wie weit ich bin. Einfach mal ins Wasser schmeißen um zu sehen, ob ich schon wieder schwimmen kann . . .“ Er sagt: „Ich habe Selbstvertrauen, und auch die Kollegen sagen, dass das schon wieder gut aussieht. Das motiviert, das gibt mir eine breite Brust. Es ist einfach nur schön, dass es so für mich gelaufen ist. Vom Kopf her bin ich fröhlich und glücklich, auch wenn es momentan nicht zur Gesamtlage des Klubs passt.“

Castelen hat vor sich nur noch einen Konkurrenten. Den „kleinen Lam“. Doch Romeo scheut sich nicht, den Nachwuchsmann zu loben: „Er kann den Sprung nach ganz oben zu schaffen. Er hat eine tolle Ballbehandlung, hat keine Angst, die Bälle zu fordern, er traut sich viel zu – für ihn ist der Weg offen. Er ist hoch motiviert, ein ganz feiner Techniker.“

So sieht es auch der Trainer. Rodolfo Cardoso über das Talent: „Der kleine Lam ist ein sehr, sehr intelligenter Spieler, er hat sich in der letzten Zeit sehr gut weiterentwickelt. Die Jungs sind ganz begeistert von ihm. Er kann gut nach vorne spielen, macht aber auch nach hinten mit, stellt die Räume gut zu, das gefällt mir. Er kann überall spielen, links, rechts, zentral, hinten und vorne – er kann überall. Er ist sehr variabel, er ist für sein Alter schon sehr weit, dem muss man nicht viel erklären, wie er spielen soll.“ Klingt gut. Ob es jetzt der richtige Zeitpunkt ist, ihn in dieser prekären Lage und in dieser verunsicherten Mannschaft zu bringen, dazu in einem sehr schweren Auswärtsspiel – mal sehen. Hoffentlich geht es gut.

Generell sagt Rodolfo Cardoso im Hinblick auf das Stuttgart-Spiel: „Es ist an der Zeit, an uns zu denken, nicht so sehr an den Gegner. Was wir machen, das muss aus Überzeugung geschehen. Einfach nicht gucken, wer da als Gegner kommt, wir müssen von uns überzeugt sein.“ Der Coach weiter: „Ich bin ganz neu hier, ich muss erst einmal sehen, welcher Junge helfen kann. Ich gucke genau hin, was welcher Spieler im Training macht, welcher Spieler bereit ist, der Mannschaft zu helfen. Und dann gucke ich, was für uns das Beste ist, mache mir auch ein Bild davon, wer am meisten Selbstbewusstsein hat.“ Aber wer hat in dieser Situation schon Selbstvertrauen?

Und wenn Rodolfo Cardoso sagt, er will nicht experimentieren, dann experimentiert er in meinen Augen doch schon ein wenig. Vielleicht sogar ein wenig mehr. Er sagt: „Ich weiß es ja noch nicht, was ich am Freitag machen werde, ich gucke mal, was ich für das Beste halte. Als ich beim Gladbach-Spiel war, da sah ich, dass Gökhan Töre, als er eingewechselt worden war, viel Feuer gemacht hat. Solche Leute brauchen wir jetzt. Leute, die die Verteidigung des Gegners in Schwierigkeiten bringen. Wir müssen nicht immer nur nach hinten laufen, wir müssen auch was nach vorne tun. Er ist schnell und kann dribbeln, und er ist mutig.“ Da läuft Cardoso ja bei mir offene Türen ein. Der Trainer abschließend: „Ich hoffe nun, dass es auch klappt. So ist auf jeden Fall meine Idee . . .“

Für ein Spiel? Für zwei? Rodolfo Cardoso fühlt schon, dass dieser Job viel Kraft von ihm verlangt: „Es ist sehr stressig, das muss ich sagen, denn es ist eine ganz große Aufgabe, diese Mannschaft ist das Herz des Vereins. Ich weiß nicht, wie lange ich das jetzt mache, aber ich versuche mein Bestes, es ist für mich eine ganz, ganz große Verantwortung.“

Dann gibt es noch die Sache mit der TFK, der Trainer-Findungs-Kommission. Nichts Neues aus Waldhagen. Auch aus Hamburg nichts. Sportchef Frank Arnesen sucht und telefoniert, er sagte heute, dass er wohl davon ausgeht, dass der neue Mann zunächst einmal für neun Monate – als bis zum Saisonende – denken und arbeiten solle. Ein Retter ist also in erster Linie gefragt. Und da gab es heute das eine oder andere Missverständnis. Einmal hieß es, dass Morten Olsen durchaus denkbar sei, einmal hieß es, dass Olsen nicht passt. Was denn nun?

Klarheit gibt es in diesem Punkt nicht. Ich kann nur sagen, dass Olsen nicht passen würde. Es sei denn, er gibt sein Amt als dänischer Nationaltrainer ab. Aber das steht überhaupt nicht zur Diskussion. Also was soll es? Soll Olsen in der kommenden Länderspiel-Woche Dänemark betreuen, während die HSV-Spieler im Abstiegskampf stehen und ihren „Boss“ dringend bräuchten? Nein, ein solcher Job mit Nati- und Vereins-Trainer Olsen ist absolut undenkbar.

Doch Huub Stevens? Kann sein. Wenn ich bei Sport1 (übrigens gab es dort eine sehr, sehr gute Einschaltquote! Die Herren waren sehr zufrieden) gesagt habe, dass ich für das Duo Horst Hrubesch und Thomas von Heesen bin (oder wäre), dann mag das für viele wahrscheinlich wieder wie ein Wendehals aussehen, aber da ich mit beiden Trainern gesprochen hatte, beide sich auch einen solchen Job (also gemeinsam) vorstellen konnten, habe ich das so geäußert. Habe ich aber gesagt, dass der eine Chef und der andere nur Co-Trainer sein soll? Gleichberechtigung ist das Zauberwort.

So, nun noch einige Dinge am Rande:

Ein „Matz-abber“ schickte mir heute folgende Mail:

Das schreibt ZEIT-online über Oenning:

„Nicht mal in Nürnberg, wo er 2009 seinen größten Erfolg feierte, spricht
man gut über den Trainer Oenning. Der Aufstieg in die Bundesliga wird
seinem damaligen Assistenten Peter Hermann zugeschrieben. Hermann hatte
moderne Methoden eingeführt, etwa die Videoanalyse. Als Hermann Nürnberg verließ, verzichtete Oenning darauf. Misserfolg stellte sich rasch ein, der Rauswurf folgte kein halbes Jahr später.”

Diese Geschichte über Peter Hermann hat schon jemand im Doppelpass Forum auf Facebook gepostet. Kurz nachdem Oenning dort installiert wurde. Das war also längst ein offenes Geheimnis. Das hätte man beim HSV wissen müssen . . .

Der Gipfel war jedoch alles rund ums Bayern Spiel. Oenning warnt vor Klose
und fragt Montag Ersatzkeeper Mickel, den er wohl in der Zweiten wähnte,
wie er denn gespielt hat? Der Keeper soll einfach nur gesagt haben: „Trainer, ich saß Samstag den ganzen Nachmittag mit Ihnen auf der Bank.“

Dann gab es eine Mail vom NDR-Redakteur Andreas Becker – bitte vormerken:

„Moin liebe Kollegen,
mit der Bitte um Verbreitung und ein wenig Werbung für einen Film, der viele seltene Bilder und einen ungewöhnlichen Einblick in die Karriere eines außergewöhnlichen Menschen bietet…

Kevin Keegan ist einer der populärsten Spieler in der Geschichte des englischen Fußballs und gleichzeitig einer der ersten „Superstars“ der deutschen Bundesliga. Der kleine Wirbelwind (Spitzname „Mighty Mouse“) verstand es wie kein Zweiter, sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen und begeisterte diese mit seinem unermüdlichen Einsatz.

1977 wechselt Kevin Keegan in die Bundesliga zum damaligen Europapokalsieger im Cupsieger-Wettbewerb, HSV. Dessen Manager Peter Krohn hatte den Engländer mit einem lukrativen Angebot auf den Kontinent gelockt und mit 2,3 Mio. DM die bis dahin höchste Ablösesumme in der Geschichte der Bundesliga gezahlt. Keegan, der beim HSV zum „ersten Millionär des englischen Fußballs“ wurde, benötigt eine lange Anlaufzeit und findet sich anfangs überhaupt nicht zurecht. Die Mitspieler schneiden ihn, doch der Kämpfer Keegen gibt sich zuversichtlich.

Erst als Günter Netzer im Januar 1978 beim HSV Manager wird und Branco Zebec den erfolglosen Rudi Gutendorf als Trainer ablöst,ändert sich Keegans Situation. Er wird zum Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft und avanciert im HSV-Dress zum Spieler der absoluten Weltklasse, wird 1978 und 1979 Europas Fußballer des Jahres. Der kleine Engländer mobilisiert die Massen in Hamburg wie zuletzt Uwe Seeler, und die Begeisterung für ihn kennt in der Hansestadt keine Grenzen – vor allem als der HSV 1979 erstmals in der Bundesligageschichte die Deutsche Meisterschaft gewinnt. 1979/80 führt Keegan den Verein in das Europapokalfinale der Landesmeister, in dem der HSV gegen Nottingham Forrest mit 0:1 unterliegt.

Nach Beendigung seiner Laufbahn zieht sich Keegan zunächst ganz vom Fußball zurück, feiert dann aber ab 1992 als Trainer seines letzten Klubs Newcastle United ein glänzendes Comeback in der Fußball-Szene. Nach der verpassten Meisterschaft gegen ManU wird der Druck für ihn unerträglich. Im Januar 1997 verkündet er unter Tränen seinen Abschied. Anfang 1999 wird er vom englischen Fußballverband zum Nationaltrainer berufen, tritt aber nach dem schmerzlichen 0:1 von Wembley gegen Deutschland in der WM-Qualifikation 2000 zurück.

Keegan stammt aus bescheidenen Verhältnissen und schafft mit dem Fußball den Aufstieg zu einem Popstar des Fußballs sowohl in England als auch in Deutschland. Auffallend ist, dass der Volksheld Keegan wiederholt auf dem Höhepunkt seiner Popularität (in Liverpool, Hamburg) seinen Abschied verkündet, für seine Fans stets zu früh. Andererseits gerät der knapp 1,70 Meter kleine Mann immer wieder in heftige Krisensituationen (in Newcastle und als englischer Nationalcoach) in denen er völlig entkräftet und ausgebrannt für lange Zeit untertaucht.

Wer ist dieser extrem charmante und begeisternde Kevin Keegan wirklich? Und warum gibt es diese heftigen Brüche in seiner Biografie? Die Stars-Autoren Marc Hall und Andreas Becker begeben sich auf Spurensuche. Es wird eine jahrelange Recherche mit Absagen, Vertröstungen und neuerlichen Anläufen, Keegan wirklich einmal ausführlich zu sprechen. Bis der Zufall den heute 60-Jährigen in Hamburg doch noch vor unsere Kamera führt.

Gezeigt wird der Keegan-Bericht auf NDR 3 am Sonntag (2. Oktober, 23.30 Uhr) nach dem Schalke-Spiel.

Und – einen habe ich (DM) noch:

Hallo,
am kommenden Montag wird Marcell Jansen eine Sky-Autogrammstunde in Wandsbek geben.
Wer? Marcell Jansen.
Wann? am 26. September um 18 Uhr.
Wo? Im Media Markt Hamburg-Wandsbek.

Und jetzt zum Abschluss:

Für alle die es schon immer wussten: Ich war in den letzten vier Tagen mit Jürgen Hunke im Trainingslager Cuxhaven, um dort sein Interview mit dem „Kicker“ vorzubereiten. Und ich werde auch in den nächsten vier Tagen mit Jürgen Hunke ein weiteres Trainingslager absolvieren, und zwar im Harz, in der Jugendherberge in Bad Sachsa. Für welches Interview dort trainiert wird, das wissen wir leider noch nicht genau (Spiegel? Fokus? Harburger Rundschau?), aber man muss auf alles vorbereitet sein.

Für alle, die es nicht interessiert: Ich habe mit Jürgen Hunke schon seit Wochen keinen Kontakt gehabt, nicht per Telefon – noch haben wir uns persönlich getroffen . . . Alles klar?

In diesem Sinne, schon mal jetzt ein wunderschönes und erfolgreiches (HSV-)Wochenende für alle.

18.22 Uhr

PS: Fast hätte ich es vergessen zu schreiben:

DIE REGISTRIERUNG KOMMT!

Es ist intern beschlossen, denn die Vollhonks, die zuletzt hier für Unruhe gesorgt haben, sollen nun vor der Tür bleiben (so wie es der HSV ja auch schon macht!). Da wir im Springer-Verlag demnächst ein neues System bekommen, wird die REGISTRIERUNG allerdings noch ein paar Tage (eher wohl Wochen) dauern.
Aber sie wird kommen – das ist nun amtlich und hiermit versprochen.
Demnächst mehr.

Und auch das muss ich in diesem Zusammenhang mal lsowerden:
Was ist eigenmtlich so schlimm an dem Hunke-Interview mit dem “Kicker”? Was? ist das etwa vereinsschädigend? Darf ein AR keine Meinung mehr zum HSV haben?
Ich gebe zu: ich fasse es nicht mehr. Aber eventuell werde ich ja im “Trainingslager” aufgeklärt.