Tagesarchiv für den 20. September 2011

Stevens: “Der HSV hat mein Herz gestohlen”

20. September 2011

Er will „das Beste aus der schwierigen Lage machen“. Und er will „wieder Leben in die Mannschaft bringen, das ist die halbe Miete. Es ist schwer zu begreifen, warum sie in dieser Situation ist“. Das sagt Rodolfo Cardoso, der Interims-Trainer des HSV. Er ließ heute seinen Co-Trainer, dem bisherigen Assistenten von Michael Oenning, nämlich Frank Heinemann, die Arbeit machen, während er sich mehr oder weniger in die Beobachter_Rolle zurückzog. Cardosos Erkenntnisse: „Mein erster Eindruck ist sehr gut. Die Jungs haben sich reingehauen, das ist ein gutes Zeichen für Freitag, wenn wir beim VfB Stuttgart antreten müssen.“ Und wie will er der Mannschaft helfen? Der 42-Jährige im Hinblick auf die Schwaben-Tour: „Ich werde dort nicht viele Experimente machen. Was die Mannschaft jetzt braucht, ist Selbstvertrauen, Ruhe und Sicherheit.“ Rodolfo Cardoso, der von sich sagt, eher ein „Bauch-Trainer“ zu sein, statt einer, der täglich neue Bücher über Fußballtaktiken liest, sagte aber auch, dass er keine Sprüche klopfen wird, dass er auch nicht viel reden wird. Die Frage wird dann sein, wie er dem Team bis zum Freitag um 20.30 Uhr Selbstvertrauen einimpfen will? Ohne große Reden, ohne Einzelgespräche wird das wohl kaum funktionieren. Aber wir werden es abwarten müssen. Vielleicht gibt es ja doch noch kleinere Fußball-Wunder, auch für den HSV.

Das Training heute war wie immer: Aufwärmen, fünf gegen zwei, Pässe spielen, ein kleines Spielchen mit Aufgaben. Als alle Spieler in Richtung Kabine gingen, griff sich Cardoso schnell noch Robert Tesche, um mit ihm kurz unter vier Augen zu sprechen. Mehr war an diesem Dienstag nicht.

Bleibt für uns die Trainerfrage. Das Transferfenster (für Spieler) ist zwar längst geschlossen, was wir wohl alle genossen haben, aber die Hetzjagd nach dem „richtigen Coach“ sorgt für Spannungen unter den Fans, den Spielern – und in den Redaktionen. „Ich glaub’ es geht schon wieder los . . .“, so heißt ja ein alter Schlager, aber der trifft genau das Motto dieser grauen September-Tage. Es geht tatsächlich wieder los. So bitter wie das auch ist.

Die Spekulationen schießen wie Pilze aus dem Boden: Huub Stevens, Marco van Basten, Thomas von Heesen, Horst Hrubesch, Marcel Koller, Bernd Schuster, und, und, und. Von van Bastens Berater Perry Overeem, mit dem „Die Welt“ und fast zeitgleich auch mein Kollege Floria Heil sprach, war zu erfahren: „Wir werden uns jedes seriöse Angebot anschauen. Die deutsche Fußball-Liga ist eine interessante Liga. Sollte Hamburg uns kontaktieren, werden wir uns definitiv anhören, was sie zu sagen haben.“ Stevens hat nun gesagt: „Ich werde zurzeit von vielen deutschen Journalisten angerufen, aber ich lasse das alles auf mich zukommen. Der HSV ist ein Klub, der mein Herz gestohlen hat.“

HSV-Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow erklärte unterdessen zur Trainer-Suche: „Wir befassen uns mit den Namen, die öffentlich genannt werden. Das ist deckungsgleich. Es ist ja klar, dass die Trainer in den Fokus rücken, die verfügbar sind.“ Und Sportchef Frank Arnesen stellte klar: „Es geht nicht darum, so schnell wie möglich, sondern so gut wie möglich eine Lösung zu finden.“

Wäre Huub Stevens eine solche gute Lösung? Da gehen die Meinungen auseinander. Ich habe heute schon viele Stimmen gehört, die in die folgende Richtung gehen: „Der HSV will ja einen Umbruch, dann sollte er perspektivisch denken. Stevens lässt doch Fußball aus dem vorherigen Jahrtausend spielen, da wird es keine Weiterentwicklung geben.“ Mag ja sein, aber darum geht es in diesen Tagen und Wochen nicht. Es geht jetzt nur noch darum, den Abstieg des HSV zu vermeiden. Wer jetzt noch vom schönen Fußball, vom modernen Fußball und eventuell sogar noch von einem Spitzenplatz in der Tabelle träumt, dem ist nicht mehr zu helfen. Es geht, um das ganz klar zu sagen, nur noch ums nackte Überleben für den Dino. Auch wenn das bislang nur jeder zweite HSV-Fan begriffen zu haben scheint.

Ich könnte, das gebe ich zu, mit Huub Stevens leben. Obwohl die Chemie zwischen dem knurrigen Coach und mir nie stimmte. Das gebe ich gerne zu. Aber das war mir egal, und das ist mir in diesem Falle auch egal. Wichtig ist, dass der Abstieg des HSV vermieden wird. Das hat Stevens schon einmal bravourös geschafft, dafür habe ich ihm innerlich schon lange ein Denkmal gesetzt, dass er in Sachen Zusammenarbeit ein noch härterer Hund ist, als als Trainer für seine Jungs, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Kommt Huub Stevens zurück, dann wüsste ich den HSV in besten Händen, weil auch die Spieler parieren würden. Schon damals, als der Niederländer (sage nie Holländer, dann wird er fuchsteufelswild!), sagte jeder Spieler über seinen Trainer: „Hart, konsequent und gerecht, er hat keine Lieblinge, er behandelt alle gleich, er macht keine Ausnahmen.“

„Der neue Trainer muss Leidenschaft, taktische Stärke und vollen Einsatz zeigen und er muss deutsch sprechen“, beschreibt HSV-Sportchef Arnesen die Anforderungen an den zukünftigen Coach. Das würde in meinen Augen auch auf Thomas von Heesen zutreffen. Nach unserer gemeinsamen TV-Sendung bei „HH1“ am Montag erhielt ich viele schwärmende Anrufe (und Mails sowie sms). Nicht ich wurde gelobt (das genügte mir im Blog – vielen Dank dafür!), sondern von Heesen, der einmal mehr mit seinem großartigen Fachwissen glänzte. Wer die Sendung nicht sehen konnte: Auf „www.Hamburg1.de“ gehen, dann auf Sendungen: Rasant. Zu meinem Freundes- und Bekanntenkreis gehören auch viele Amateurtrainer, sie alle waren – ohne Ausnahme – begeistert von dem, was Thomas von Heesen in Sachen Fußball so von sich gab. Ich war und bin es ohnehin, aber mein Urteil ist nicht maßgebend. Ich hoffe nur sehr, dass sich der HSV auch mit dem Thema von Heesen befassen wird. Ich habe jedenfalls solche Aussagen zum Training, zur Mannschaftsführung und zur Taktik seit Jahr und Tag nicht mehr gehört.
Obwohl es auch hier wieder sicher viele, viele Jungs gibt, die so etwas eigentlich jeden Tag hören . . .

Übrigens hat Marcell Jansen heute gesagt, dass er zur derzeitigen Lage des HSV nichts sagen kann. Ihm fällt dazu nicht wirklich etwas Gutes ein. Was soll er auch groß sagen? Obwohl er ja immer noch etwas gefunden hat, über das es sich zu reden lohnte. Nun aber herrscht das große Schweigen – bei ihm und vielen anderen Kollegen. Was auch absolut richtig ist, denn nun sollten die Leistungen für sich sprechen, die auf dem Rasen gezeigt werden. Immerhin hat Jansen zugegeben, dass er gegen seinen ehemaligen Klub Mönchengladbach „schlecht“ war. Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Und es ist ja auch wichtig zu wissen, dass es doch noch so etwas wie Selbstkritik beim HSV gibt. Sehr gut, setzen!

Womit ich nicht unbedingt die Bank meine. Aber es könnte trotz allem passieren, denn Jansen, eins eines der größten deutschen Talente, läuft seiner Form hinterher. Meilenweit sogar. Und es ist mir ein Rätsel, wieso? Er hat im Sommer in den USA an seiner Fitness gearbeitet, als alle anderen Kollegen im Urlaub waren. Und er kam aus Amerika zurück und sagte: „Ich bin so fit wie noch nie in meinem Leben.“ Nichts aber war davon bis heute zu sehen, und das gibt wirklich Rätsel auf. Ich würde Marcell Jansen und dem neuen Trainer empfehlen, künftig Sonderschichten zu schieben, damit der Anschluss wieder hergestellt wird – und es gibt da in meinen Augen sehr viel Nachholbedarf.

Passend zur Situation gab es heute noch eine Hiobsbotschaft: Der HSV muss vorerst auf Abwehrspieler Michael Mancienne verzichten. Der 23 Jahre alte Engländer hat sich im Spiel gegen Mönchengladbach einen Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel zugezogen Wie lange der Klub ohne den Profi auskommen muss, blieb zunächst noch offen.

Und dann gab es heute noch folgende Meldung, die in Hamburg durchaus von Interesse sein könnte:
Der ehemalige Bundesligaspieler und derzeitige Vize-Präsident des Bulgarischen Fußball-Verbandes Jordan Letschkow ist in seiner Heimat zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe sowie einer Geldstrafe von umgerechnet 343 000 Euro verurteilt worden. Ex-Nationalspieler Letschkow, der zwischen 1992 und 1996 101 Bundesligaspiele für den HSV bestritten hatte, wurde von einem Gericht des Bezirkes Jambol für schuldig befunden, in seiner Funktion als Bürgermeister von Sliwen öffentliche Gebäude ohne Ausschreibung an Privatfirmen vermietet und zwei Jahre lang keine Miete kassiert zu haben. Letschkow, der am 23. Oktober zur Wiederwahl antritt, kündigte an, in Berufung zu gehen.

Dazu eine kurze Anmerkung: Es trifft keinen Armen, Letschkow hat sein als Profi verdientes Geld super angelegt und ist mehrfacher Millionär, fast hätte ich geschrieben, ein Multi-Millionär. Und: „Letsche“ ist einer der nettesten Menschen, denen ich jemals im harten Profi-Geschäft begegnet bin. Ein Ausnahme-Fußballer und ein Ausnahme-Mensch, einer, der stets nur Freundlichkeit ausstrahlte, der niemals „link“ war, sondern ehrlich und offen. Eine solche Verurteilung würde mir sehr, sehr Leid tun. Als der HSV im Oktober 2005 in Sofia (Uefa-Cup) spielte, sprach ich mit Letschkow, wenn ich mich recht erinnere, sprach er damals schon von „gewissen Schwierigkeiten“, die er aber nicht nachvollziehen konnte. Nun scheinen ihn diese Schwierigkeiten wohl doch noch einzuholen. Schade.
Aber Schwierigkeiten sind ja dazu da, sie zu beseitigen. Das erfährt der HSV in diesen Tagen auch ganz gnadenlos.

18.51 Uhr

Ergänzung: Die Kombination Profis/Regionalliga-Mannschaft siegte bei der Stadion-Einweihung in Halle 4:1. Die Hamburger Tore: Sören Bertram (2), Marcus Berg und Daniel Nagy.