Tagesarchiv für den 19. September 2011

Aufgewacht! Der HSV trennt sich von Oenning

19. September 2011

Michael Oenning ist HSV-Geschichte. Der Trainer wurde am heutigen Montag entlassen. Und wenn die Gesamtlage des HSV nicht so traurig wäre, dann könnte man jetzt sofort eine ganz besondere Lösung an den Klub weiterreichen: Just an jenem 19. September 2011, an dem der HSV seinen Coach vor die Tür gesetzt hat, trennt sich der Bulgarische Fußball-Verband von Lothar Matthäus, unserem „Loddar“. Da wäre er doch, der geeignete Oenning-Nachfolger . . . Nein, nein, nicht böse sein, ein Scherz. Ein Scherz am Rande, und ich weiß, ein unpassender. Sehe ich auch ein. Die Lage ist viel zu ernst, als dass man darüber noch Scherze machen sollte. Ernst ist die Lage? Nein, das trifft es nicht richtig, sie ist dramatisch, hoch dramatisch sogar. Ganz Deutschland zitterte zuletzt mit dem HSV, nur der HSV nahm ganz offenbar die Situation nicht so wahr. Bis heute. Am Sonntag aber hatte Franz Beckenbauer mir eine schlaflose Nacht beschert, als er bei der Talkrunde von Sky90 gesagt hatte: „Ich kenne keinen Trainer auf der Welt, der dem HSV helfen könnte. Ein neuer Trainer müsste ein Zauberer sein – vielleicht kann ein Zauberer vom Circus Krone oder Circus Sarrasani helfen. Ein normaler Mensch hätte kurzfristig keine Chance.“

Der Kaiser sagt ja gelegentlich hier und da mal etwas, was nicht so ganz passend oder richtig ist, aber hiermit hat er mir aus der Seele gesprochen. Die Bild titelte heute auf der ersten Seite: „Wer soll diesen HSV noch retten?“ Das ist die ganz entscheidende Frage. Ich sehe keinen. Weit und breit sehe ich keinen, denn ich denke, dass der HSV zurzeit genau den schlechten Fußball spielt, der ihn auf Platz 18 der Liga gebracht hat. Diese Mannschaft, so denke ich, ist nicht besser als der Tabellenstand es besagt. Jetzt liegt es an dem gesamten Kader, das Gegenteil zu beweisen – aber ich bedaure den Oenning-Nachfolger schon jetzt. Er tritt, so wie sein Vorgänger, ein Himmelfahrtskommando an.

Als Übergangslösung wird der Argentinier Rodolfo Cardoso, Trainer der Regionalligamannschaft, die HSV-Profis bei ihrem nächsten Bundesligaspiel am Freitag beim VfB Stuttgart betreuen. Der Argentinier wird aber auf keinen Fall Chef-Trainer bleiben, denn er besitzt gar nicht die erforderliche Trainerlizenz. Es darf jetzt gesucht werden. Und beim HSV beeilte man sich damit, so betonen, dass die Suche erst mit dem heutigen Tage beginnt – es gab vorher nicht ein Gespräch mit einem möglichen „Ersatzmann“. Auf jeden Fall aber ist es so, dass der neue Mann Deutsch sprechend sein soll. Der bisherige zweite Mann, Co-Trainer Frank Heinemann, wird Cardoso (zunächst?) zur Seite stehen, wenn der neue Chef-Coach da ist, wird der entscheiden, ob er Heinemann übernehmen wird.

Sportdirektor Frank Arnesen hatte dem umstrittenen Coach zwar am Sonnabend und auch noch am Sonntag eine letzte Bewährungschance in Stuttgart fest zugesagt, doch dann erfolgte in gemeinsamen Gesprächen mit dem Vorstand und dem Trainer der Sinneswandel. Arnesen: „Wir sind jetzt zu der Überzeugung gekommen, dass wir diese Entscheidung treffen mussten.“

Und genau dazu kann man dem HSV nur gratulieren. Wobei ich nichts gegen den Menschen Michael Oenning sagen will, denn der ist absolut okay. Die Zusammenarbeit mit dem Coach war sehr gut und professionell, Oenning war jederzeit ein fairer, offener und ehrlicher Gesprächspartner. Nur geht es in der jetzigen Situation nicht um eine gute Menschenseele, sondern einzig und allein um den HSV. Es musste jetzt alles versucht werden, um diesen dramatischen Fall zu stoppen, und dazu gehört in diesem Geschäft eben auch (und oft in erster Linie) die Entlassung des Trainers.

Der HSV gab nach der Trennung bekannt, dass der 45-jährige Trainer die Trennung sehr gefasst aufgenommen habe. Er soll gesagt haben: „Es ist auch für mich nachvollziehbar, dass der Verein in der jetzigen Situation einen anderen Weg geht.“

Die Anzeichen auf eine Trennung hatten sich verdichtet, als Oenning nicht zum eigentlich für 14 Uhr angekündigten Pressegespräch erschien. Auch die Mannschaft zeigte sich zunächst nicht beim Training, sondern wurde stattdessen um 15 Uhr vom Vorstand und vom Sportchef in der Kabine über die neue Entwicklung informiert. Michael Oenning verabschiedete sich nicht mehr von dem Team, die Spieler kamen um 15.29 Uhr aus der Kabine und absolvierten unter der Leitung von Konditionstrainer Günter Kern einen Waldlauf.

Michael Oennings Bilanz mit nur einem Punkt aus sechs Spielen war vernichtend. Sechsmal schickte Oenning sein Team in dieser Saison aufs Feld, sechsmal wählte er unterschiedliche Aufstellungen. Gegen Mönchengladbach versuchte er es am vergangenen Wochenende mal mit sieben Defensiv-Spielern – und scheiterte erneut. Die Ära Michael Oenning ging damit als eines der dunkelsten Kapitel in die HSV-Chronik ein, er schaffte nur im ersten Spiel gegen den 1. FC Köln (6:2) einen Sieg, seither folgten 13 Spiele ohne Dreier. 14 Spiele in Folge ohne Sieg schaffte als HSV-Coach nur Josef Schneider, der war dann seinen Job 1967 los.

Trotz dieser schlechten Bilanz wollte der HSV auch weiterhin an seinem Coach festhalten – bis heute das Umdenken einsetzte. Wer auch immer es veranlasst hat, es musste sein, es ist genau der richtige Schritt. Sportchef Frank Arnesen begründete seinen „Fallrückzieher“ im Fall Oenning wie folgt: „Fußball ist so. Er ist emotionell. Noch am Sonntagabend hatte ich ein gutes Gefühl, aber manchmal muss man mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen entscheiden. Noch ist es für eine Trennung nicht zu spät gewesen, denn wir sind besser als der 18. Tabellenplatz und müssen dies jetzt zeigen.“

Seit um 12.30 Uhr an diesem Montag haben sich die hohen Herren des HSV Gedanken zur Lage des Klubs gemacht, nach eineinhalb Stunden waren sie dann zur Entscheidung gekommen, die Reißleine jetzt zu ziehen, statt noch eine weitere Woche zu verschenken. Zumal im Klub auch an das nächste Spiel, Freitag in Stuttgart, gedacht wurde. In der Konstellation mit Michael Oenning wäre das lediglich ein netter Betriebsausflug geworden, an dessen Ende nur ein Sieg des VfB hätte stehen können – in der jetzigen armseligen Verfassung des HSV. Nun aber besteht immerhin ein kleines, kleines bisschen Hoffnung.

Frank Arnesen sagte auch: „Man sollte Entscheidungen nicht unmittelbar nach einem Spiel treffen, da spielen immer viele Emotionen mit hinein. Besser ist es, ein, zwei Nächte darüber zu schlafen, und das habe ich nun getan. Und ich habe es getan für den HSV. Dass dann der eine oder andere Mensch sagt, dass ich unglaubwürdig geworden bin, damit muss ich leben. Ich kann nur erklären, was ich gefühlt habe. Es geht nicht um Frank Arnesen, es geht nicht um Michael Oenning, es geht nur um den HSV.“

Während der HSV jetzt einen Oenning-Nachfolger sucht, werden inzwischen mit Huub Stevens, Marcel Koller, Horst Hrubesch, Friedhelm Funkel, Franco Foda und Thomas von Heesen bereits erste Namen gehandelt.

Zur Erinnerung noch die Bundesliga-Spiele des HSV mit Trainer Oenning:
Saison 2010/2011:
19. 03. Hamburger SV – 1. FC Köln 6:2
02. 04. 1899 Hoffenheim – Hamburger SV 0:0
09. 04. Hamburger SV – Borussia Dortmund 1:1
16. 04. Hamburger SV – Hannover 96 0:0
23. 04. VfB Stuttgart – Hamburger SV 3:0
30. 04. Hamburger SV – SC Freiburg 0:2
07. 05. Bayer Leverkusen – Hamburger SV 1:1
14. 05. Hamburger SV – Borussia Mönchengladbach 1:1

Saison 2011/2012:
05. 08. Borussia Dortmund – Hamburger SV 3:1
13. 08. Hamburger SV – Hertha BSC 2:2
20. 08. Bayern München – Hamburger SV 5:0
27. 08. Hamburger SV – 1. FC Köln 3:4
10. 09. Werder Bremen – Hamburger SV 2:0
17. 09. Hamburger SV – Borussia Mönchengladbach 0:1.
Bilanz:
14 Spiele: ein Sieg – sieben Niederlagen – sechs Unentschieden.

Mit einem Eröffnungsspiel gegen den kriselnden HSV wird am Dienstag der neue Sportpark des Regionalligisten Hallescher FC eingeweiht. Die Begegnung im umfassend sanierten Kurt-Wabbel-Stadion findet um 19.25 Uhr statt. Der HSV wird aber nur seine B-Mannschaft schicken, denn die jetzige Situation lässt dem Klub keine andere Wahl.

Der HSV wird an diesem Dienstag um 10 Uhr und um 15 Uhr im Volkspark trainieren.

18.11 Uhr

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