Tagesarchiv für den 17. September 2011

0:1 – schlimmer geht es nimmer!

17. September 2011

Noch hat der HSV 28 Spiele auf der Uhr. 28 Spiele, in denen er noch die Wende schaffen kann. Und ich bin ganz sicher, dass die HSV-Verantwortlichen die Ruhe bewahren – und alles auf die nächsten 28 Spiele setzen werden. Was bleibt ihnen denn auch sonst? Nach dieser erneuten Pleite, dem 0:1 gegen Mönchengladbach, kann selbst ein Dino die Liga nicht einstellen oder freiwillig abschenken, der HSV muss da durch. Wie auch immer. Und: Auch wenn der eine oder andere Hamburger nicht mit dem ersten Abstieg aus der Bundesliga in Verbindung gebracht werden möchte, das sind nur kluge und fromme Sprüche. Die Mannschaft hat es zu richten, und diese Mannschaft ist ganz einfach nicht dazu in der Lage. Es muss jetzt schon ein Wunder geschehen, wenn dieser HSV in der nächsten Zeit einmal einen Sieg erringen will – so erschütternd harmlos, wie es diesmal gegen Mönchengladbach versucht wurde, geht es mit Sicherheit nicht einmal in Liga zwei.

Es war übrigens das 14. Bundesliga-Spiel von Trainer Michael Oenning für den HSV, die Bilanz wird nicht besser, er hat nur eine Partie gewonnen – die erste, ein 6:2 gegen Köln. Lang, lang ist es her.

Und, ich wurde jetzt schon wieder mehrfach gefragt: Wann gibt es den Trainerwechsel? Ich kann da nur sagen, was ich schon zu Beginn der Woche bei HH1 gesagt habe: Es geht hier nicht um Oenning, es geht nicht um Carl-Edgar Jarchow, es geht hier erst recht nicht um mich, es geht um den HSV. Und wenn sich nicht alle daran versündigen wollen, dann geben sie nun Gas. Jeder auf seiner Position. Jeder.
Dem Assistenten an der Linie ging die Fahne kaputt. Das war in der 31. Minute. Und es war ein kleiner Höhepunkt dieser an Höhepunkten armen ersten Halbzeit. Ein Torwart musste keinen Ball halten, ein anderer Keeper durfte einmal einen Ball fangen. Immerhin. Ansonsten wurden sie nie unter Beschuss genommen. Der HSV schaffte es in 45 Minuten einmal, den Ball so richtig herzhaft Richtung Borussen-Tor zu „ballern“, das war in der 21. Minute. Tomas Rincon wollte sein erstes Bundesliga-Tor schießen, drosch den Ball aber aus 20 Metern ungefähr 14 Meter am Tor vorbei. Immerhin, es war ein Versuch. Die anderen Hamburger versuchten es dagegen aus dem Spiel heraus nicht einmal im ersten Durchgang. Mladen Petric schoss einen Freistoß auf das Tor, aus 25 Metern, halbrechte Position – genau in die Arme von Torwart Marc-Andre ter Stegen.
Und, was viel erfreulich war: Der Assistent hatte tatsächlich eine Ersatzfahne dabei, es konnte also weitergehen mit diesem Spiel.

„Wann beginnt das Hauptspiel?“, fragte ein Zuschauer auf der Tribüne. Welches Hauptspiel? Angst fressen Leidenschaft auf – unter diesem Motto trug der HSV sein Offensivspiel vor. Halt, war das ein Offensivspiel? Ich habe nichts davon erkannt. Und ich lege mich mal fest: Der arme, arme Mladen Petric tut mir wirklich von Herzen leid. Da kann auf ihn geschimpft und gemeckert werden, wie alle es auch diesmal wieder wollen, aber der Kroaten hängt doch nur in der Luft. Allein gegen Gladbach. Bekommt Petric mal Unterstützung? Ich habe nichts gesehen. Null.

Es ist erschütternd anzusehen, wie sich der HSV müht, nach vorne zu spielen – aber es gelingt einfach nicht. Als um 16.09 Uhr an der Anzeigentafel erschien, dass der HSV 60 Prozent Ballbesitz bislang hatte, die ging ein Raunen durch die Arena. 60 Prozent Ballbesitz bedeuten, glaube ich, am Ende der 90 Minuten keine drei Punkte. Ich kann mich da täuschen, aber es stimmt wohl wirklich. 60 Prozent Ballbesitz ist so viel wie – nichts. Und die 60 Prozent Ballbesitz schafft der HSV auch nur deswegen, weil jeder zweite Ball immer zurück gespielt wird. Allerhöchstens quer. Weltmeister des Rückpasses war an diesem Nachmittag Michael Mancienne. Gefühlt 90 Prozent seiner Pässe gehen zurück.

Und wenn nicht zurück, dann war es Zufall. Mein Gott, was baut dieser HSV alles auf Zufall auf? Nimm du die Kirsche, ich hole Verpflegung. Die Mannschaft ist total, natürlich, verunsichert, da hat niemand mehr Selbstvertrauen, nicht einen Funken Selbstvertrauen. Woher auch? Ich habe immer an eine Bemerkung von Sportchef Frank Arnesen gedacht, den dieser während der Woche gesagt hatte: „Wir hatten die älteste Mannschaft der Welt, es liefen viele Verträge aus, zudem ist die finanzielle Situation sehr angespannt.“ Letzteres will ich nicht wieder „hochsterilisieren“, wie es unser Bruno sagen würde, aber ich würde gerne auf die „älteste Mannschaft der Welt“ eingehen. So spielt diese junge, stark verjüngte HSV-Mannschaft nämlich auch. Ich habe das Gefühl, dass kein anderes (deutsches) Bundesliga-Team langsamer aufbaut, als dieser HSV. Schneckentempo ist das. Wahnsinn. Das ist echt nur Wahnsinn.

Laufen, rennen, kämpfen, kloppen, Einsatz zeigen bis zum Letzten – Gras fressen. Jawoll, Gras fressen! So hatte ich mir den HSV vorgestellt. So spielen sie eigentlich alle, die im Abstiegskampf stehen. Aber in Halbzeit eins war das wie in einem Freundschaftsspiel gegen den SC Concordia: „Tu du mir nicht weh, dann tu ich dir auch nicht weh.“ Das ist wie beim Hallen-Halma. Gepaart mit einem Hauch von Billard. Wie mitunter die Kugel von Mann zu Mann und von Freund zu Gegner und zurück prallte, das hatte schon Urkomisches. Auf jeden Fall hatte das nicht viel mit Erstliga-Niveau zu tun.
Das ist ein fußballerischer Offenbarungseid.

Nach den Einwechslungen von Gökhan Töre und Heung Min Son kam der HSV wenigstens etwas auf Touren, war so etwas wie Leben in der Bude zu erkennen, aber das Tor fiel auf der Gegenseite. Nach einem lange Freistoß von Arango, ungefähr 15 Meter von der Mittellinie entfernt, köpfte de Camargo ein. Weil Son hinter ihm stand, und der davor stehende Slobodan Rajkovic (nicht Robert Tesche, wie ich erst gesehen haben wollte und geschrieben habe) wohl retten wollte, es aber nicht vermochte. Das achte Gegentor nach einer Standardsituation gegen den HSV – das achte! Es war, das stellte Michael Oenning später klar, ein Fehler von Rajkovic – und nicht von Son.

Danach rettete Jaroslav Drobny vor dem totalen Desaster, denn er hielt glänzend, nein, sensationell gegen Reus (68.) und gegen Arango (77.).

Der HSV reklamierte zwar noch einen Handelfmeter für sich, als Tesche köpfte und Daems mit dem Arm abwehrte, aber Schiedsrichter Sippel pfiff nicht. Weil zuvor schon Per Cljan Skjelbred den Gladbacher Reus, als der köpfen wollte, recht unsanft im HSV-Strafraum nach vorne befördert hatte?

Gut beim HSV? Die Nummer 23. Die war früher schon immer gut. Slobodan Rajkovic macht seinen Job sehr gut, er ist damit ein Vorbild für alle. Gut auch, mit einigen ganz kleinen Aussetzern, Kapitän Heiko Westermann. Defensiv stand auch Mancienne stabil, er machte nur nach vorne nichts. Dennis Aogo war besser als zuletzt, aber immer noch nicht in jener Verfassung, in der er einst in die Nationalmannschaft kam.

Fast gut diesmal Drobny. Er hielt, was er halten konnte. Dass er fußballerisch eher nicht viel drauf hat, das durfte er einige Mal unter Beweis stellen – und er tat es dann auch. Obwohl es alles gut ging. Wie er allerdings in der Nachspielzeit einen Abstoß ins Seitenaus beförderte, das hatte schon etwas von Slapstick . . .

Der Wahnsinn ist halt überall.

Und warum Robert Tesche (immer nur ein Tempo) in der Startelf steht – ich weiß es nicht. Rechts draußen sollte David Jarolim spielen, ein Witz. Aber gut, es war ein Versuch, und der wurde in der 69. Minute abgebrochen. „Jaro“, das muss auch gesagt werden, war nicht gut. Aber was sollte er da rechts draußen? So nahm sich der HSV die Möglichkeit, über rechts schnelle Angriffe vorzutragen, das passierte rechts nämlich nie. Und links? Marcell Jansen ist ein Schatten seiner selbst. Grausam, den „Verfall“ eines so begabten Spielers mitansehen zu müssen. Warum?

Hoffentlich trainiert der eine oder andere HSV-Spieler, der glaubt, es nötig zu haben, an diesem Montag einmal FREIWILLIG. Hoffentlich. Nötig hätten es einige.

Skjelbred im zentralen Mittelfeld – fast ein Totalausfall, obwohl er sich immer bemühte. Er bekam nur nichts auf die Reihe. Rinoch sollte beißen, das tat er zwar teilweise, aber auch nicht so, wie zu seinen besten HSV-Zeiten. Wie bei allen, fehlt überall etwas. So wie bei Petric vorne, den ich aber ausnehmen möchte – denn wo ist beim HSV vorne? Das weiß von dieser Mannschaft niemand . . .

Und nun geht es nach Stuttgart. Grausam.

PS: Ich konnte lange nicht senden, aber so etwas kommt an einem solchen Tag dann noch obendrein dazu. . . .

Noch ein PS: Köln gewinnt in Leverkusen 4:1. In Leverkusen. Dabei hatte ich es kürzlich noch gewagt, den HSV mit dem “blinden” 1. FC Köln auf eine Stufe zu stellen – es tut mir wahnsinnig (!) leid.

17.41 Uhr