Tagesarchiv für den 16. September 2011

“Wir sind besser als Gladbach”

16. September 2011

Der Bus ist schon da. Seit Stunden. Fast so, als wolle er Eindruck schinden, hat der Busfahrer der Mönchengladbacher sein riesiges silbernes Gefährt vor den Kabinentrakt der HSV-Profis gestellt. Für alle sichtbar. Allein, der gewünschte Effekt tritt nicht ein. Keiner der Spieler hatte auch nur einen kurzen Blick für das Gefährt des Tabellendritten übrig. Im Gegenteil, alle versichern unisono, dass sie komplett auf das morgige Spiel fokussiert sind. Aber gut, diese Versicherungen kennen wir ja auch schon.

Was wir nicht wissen, ist, warum der HSV so viele Standards um den eigenen Sechzehner herum produziert. „Gefühlte 30 allein Bremen“, hatte Marcell Jansen gestern gestöhnt. Zwei davon waren drin und führten zu der Niederlage des vergangenen Wochenendes. Zudem, und das ist das Fatale daran, niemand hat eine Idee, wie die aktuelle Schwäche der HSV-Defensive bei gegnerischen Standards behoben werden kann. Sieben Gegentore kassierte der HSV in den ersten fünf Spielen nach Standards – in der Bundesliga der Topwert im negativen Sinne. „Wir wissen im Moment noch nicht, warum das nicht funktioniert“, versichert Robert Tesche, der sich heute das erste Mal seit Ewigkeiten bei uns in die Runde setzte und dabei einen klaren Eindruck hinterließ.

Tesche hinterließ einen mannschaftsdienlichen, sympathischen Eindruck. Ob er sich als einen der gewinner bezeichnen würde, nachdem er seit zwei Spielen in der Startelf steht und das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch gegen Gladbach so sein wird? „Nein, im Gegenteil. Ich sehe mich noch nicht als Stammspieler und schon gar nicht als Gewinner. Ich bin zwar seit zwei Spielen in der Startelf, aber beide Spiele haben wir verloren. Es läuft nicht gut. Wenn es für die Mannschaft nicht gut läuft, kann es auch für den Einzelnen nicht gut sein.“ Der letzte Satz ist vielleicht widerlegbar, aber wir alle wissen wohl, was er meint. „Es geht hier nur um den Sieg für die Mannschaft, nicht um mich.“

Aber um seine Erfahrung schon. Zumindest die mit der aktuellen Situation, die der Mittelfeldmann aus seiner zeit bei Arminia Bielefeld kennt. Ob ihm diese Erfahrung hilft? „Nein“, so die erstaunliche Antwort, die er aber sofort erklärte: „Weil wir das Abstiegsgespenst gar nicht erst aufkommen lassen. Hamburg im Abstiegskampf – das ist verkehrte Welt.“ Richtig und wichtig sei indes, sich jetzt auf die Basisanforderungen zu beschränken, die allerdings bis zum Erbrechen im Spiel umzusetzen. „Wir können in dieser Situation keinen Hurra-Fußball spielen wollen. Wir müssen jetzt arbeiten, ackern und nicht nur Fußball spielen.“

Das dürften morgen allerdings mehr als nur er wissen. Zu hoffen ist, dass es alle wissen, aber Fakt ist, dass ein großer teil der Startelf die Erfahrung mit dem Tabellenkeller bereits kennt. Im Training heute kristallisierte sich nämlich folgende Startelf (in Klammern der Verein, bei dem der jeweilige Spieler bereits Abstiegskampferfahrungen sammeln konnte) heraus: Drobny (Hertha BSC) – Mancienne (Wolverhampton), Westermann (Bielefeld), Rajkovic (Arnheim), Aogo (Freiburg) – Tesche (Bielefeld), Rincon – Jarolim (Nürnberg), Skjelbred, Jansen (Gladbach) – Petric (Dortmund).

Und ja, Ihr lest richtig: Jarolim trainierte heute wieder auf der Position im rechten Mittelfeld. Zwischendurch wechselte er zwar mal kurz mit Skjelbred, verbrachte aber den größten Teil des 55 Minuten langen (vor allem Taktik-)Trainings rechts. Warum, weiß nur Oenning, dem man zumindest eines nicht vorwerfen kann: keinen Mut zu haben. Denn, und da schließe ich mich mit meiner Skepsis an, diese Rollenverteilung ist nicht nur überraschend, sondern Oenning macht sich Falle des Nichtfunktionierens damit sogar angreifbar. Die Alternativen wären der wieder genesene Heung Min Son oder auch Gökhan Töre, der momentan nicht den motiviertesten Eindruck hinterließ und defensiv als noch zu schwach eingestuft wird. Der Trainer setzt auf eine kompakte Defensive, hat mit Tesche, Jarolim und Rincon drei defensive Mittelfeldspieler in der Startelf. Allerdings stellt er auch wieder etwas um, was er nicht zwingend umstellen müsste. Aber gut, wie sagte der Trainer am Donnerstag so schön: „Egal, wie und was wir spielen – es gibt keine Alternative zu Siegen.“ Und allein der würde die erneute Umstellung rechtfertigen.

Gerechtfertigt war dagegen heute das Üben von Standards, wobei die A-Mannschaft verteidigte. Oenning ließ dabei – wie schon in den vorangegangenen Bundesligaspielen – eine Mischung aus Man- und Raumdeckung spielen. Ob das funktioniert hat? Ja. Bis auf einen Unfall, bei dem Tesche und Son zusammenprallten und sich Erstgenannter leicht verletzte und nach einer kurzen Behandlung weiterspielen konnte. Und der – als die Startelf in die Offensive wechselte – als Erster per Kopf traf und damit die Ausnahme im Training darstellte.

Ausnahmslos schön zu hören war heute, wie optimistisch sich Skjelbred gab. „Wir sind besser als Gladbach und das werden wir am Sonnabend in den 90 Minuten zeigen. Wir werden gewinnen und mir ist egal, ob es ein glanzvoller oder ein ganz dreckiger Sieg wird.“ Er verspüre zwar einen erhöhten Druck, gewinnen zu müssen, „aber ich rede nicht über die Zweite Liga. Mit dieser Qualität im Team können wir gar nicht absteigen.“ Klare Worte, deren Beweis der HSV noch schuldig ist.

Allerdings nur noch bis morgen. Hoffentlich.

In diesem Sinne, nur der HSV!

Scholle (18.24 Uhr)

So könnte die Borussia beginnen: ter Stegen – Jantschke, Brouwers, Dante, Daems – Marx, Neustädter – Reus, Arango – Bobadilla, de Camargo. Trainer: Lucien Favre.
Schiedsrichter: Peter Sippel (München)
Zuschauer: Bislang sind 54000 Tickets verkauft.

Und noch ein netter Statistik-Service vom HSV (zu finden auf www.hsv.de):

Die Borussen gewannen nur 1 ihrer letzten 13 Auswärtsspiele beim HSV (5 Remis, 7 Niederlagen) – beim 3-2 im Oktober 2009.

Der HSV ist seit 12 Bundesliga-Spielen sieglos (6 Remis, 6 Niederlagen). Das gab es bei den Rothosen zuletzt 2006/07 (ebenfalls 12 Spiele), eine längere Serie nur einmal (14 Spiele, 1966/67).

Die Borussia verlor nur 1 der letzten 9 Bundesliga-Spiele (6 Siege, 2 Remis).

Lediglich 2003/04 startete der HSV noch schlechter als aktuell – auch damals nach 5 Spielen 1 Punkt, gleiche Tordifferenz (-10), aber weniger erzielte Tore.

Zuletzt ist Gladbach vor 26 Jahren besser in die Saison gestartet. 1985/86 gab es umgerechnet ebenfalls 10 Punkte nach 5 Spielen und +4 Tore, aber mehr geschossene Tore. Am Ende landeten sie auf Platz 4.

Der HSV ist zusammen mit Freiburg (je 16 Gegentore) die Schießbude der Liga.
Gladbach kassierte in seinen letzten 15 Bundesliga-Spielen jeweils maximal 1 Gegentor – das ist bereits Vereinsrekord.

Michael Oenning, der 2004 bis 2005 Co-Trainer bei der Borussia war, hat den schlechtesten Punkteschnitt aller HSV-Trainer der Bundesliga-Geschichte (mindestens 3 Spiele auf der Bank). Er holte nur 0.69 Punkte pro Spiel.

Marc-Andre ter Stegen ist mit einem Gegentorschnitt von 0.55 pro Spiel weiter der beste Torhüter der Bundesliga-Geschichte (mind. 10 Spiele vorausgesetzt).

Marcell Jansen begann seine Bundesliga-Karriere Ende 2004 bei der Borussia, für die er 73 Bundesliga-Spiele (5 Tore) bestritt.