Tagesarchiv für den 15. September 2011

Gladbach als Vorbild – aber nicht als Endspiel

15. September 2011

Wie habe ich so schön gelesen: „Es ist Donnerstag, die Stimmung steigt langsam, Optimismus macht sich breit. Morgen faselt Matz was von neuem Optimismus, am Samstag ist der Dreier sicher, alle sind heiß, Heiko verspricht ein Feuerwerk. Und Sonntag wird über die Gründe der Niederlage gerätselt.“ Galgenhumor. Und wie ich finde sogar ganz witzig aufgeschrieben.

Ich würde auch lachen, wäre die Lage nicht zu ernst dafür. Denn noch ziert der HSV mit einem Punkt das Tabellenende. Die Betonung liegt auf „noch“. Denn mir und uns wurde zugesagt, dass die Mannschaft am Sonnabend gegen Mönchengladbach den ersten Saisonsieg einfährt und aus dem Tabellenkeller klettert. Weil sie ihren Aufwärtstrend der letzten beiden Spiele (Niederlagen) fortsetzen will und wird. „Und weil am Sonnabend die Null hinten Priorität haben wird“, verspricht Trainer Michael Oenning, „und vorne sind wir immer in der Lage, ein Tor zu machen.“

So viel zum Thema Theorie. Es ist (wohl auch alternativlos) immer das Gleiche: Am Donnerstag ist Pressekonferenz, auf der der Trainer seinen Optimismus begründet und darstellt. Vorher und nachher sprechen Spieler davon, dass sie sich den Fans und dem Verein gegenüber in der Schuld sehen. Dafür müssten sie siegen, was ebenso alternativlos wie realistisch ist, „wenn die alten Fehler abgestellt werden können“ – so formulierte es Marcell Jansen heute. Und wisst Ihr was? Diesmal glaube ich Trainer und Mannschaft. Ich glaube daran, dass der HSV am Sonnabend gewinnt – allerdings nur, wenn sich Michael Oenning von derart gewagten Varianten lösen, wie heute im Training. Da musste David Jarolim rechts im Mittelfeld spielen, während Robert Tesche und Tomas Rincon die defensive Mittelfeldzentrale als Doppelsechs und Marcell Jansen die linke Seite bearbeiteten. „Ich habe David nicht ganz außen gesehen“, so Oenning anschließend auf die ungewöhnliche Maßnahme angesprochen. Vielmehr sei für ihn gar nicht klar, ob Jaro rechts oder halbrechts spielen solle. Klar sei nur, dass er Tomas Rincon zu dem Vierermittelfeld aus dem Bremen-Spiel dazugenommen habe – und somit hinter Mladen Petric als einzige Spitze mit einem Fünfermittelfeld plane, in dem Skjelbred die Zehn markiert und Heung Min Son noch dazustoßen könnte, „wenn der Fuß nach den ersten Belastungen jetzt keine Reaktion zeigt und heil bleibt“. Dann wiederum könnte der junge Südkoreaner die Zehn übernehmen und Skjelbred wieder auf die einzige Position, die er sich selbst nicht zutraut auf rechts wechseln. Damit könnte Jarolim wieder ins zentral-defensive Mittelfeld rücken, wo dann Rincon oder eben Tesche weichen müsste.

Den Statistiker würde es angesichts der letzten Spiele nicht wundern, wenn auch diesmal wieder einiges geändert wird. Obgleich alle Beteiligten das Bremen-Spiel starkgeredet haben und es somit logischer wäre, nur das Nötigste zu ändern – nämlich Rückkehrer Son für den verletzten Paolo Guerrero in die Startelf zu stellen. Ob Oenning Änderungen plane? Immerhin ist seine Mannschaft von Spieltag zu Spieltag im Durchschnitt älter geworden. Der Tribut an die Misserfolge mit unerfahreneren Spielern? „Es war sicher kein Zufall“, bestätigt Oenning, „ab einem gewissen Punkt haben wir Erfahrung gebraucht.“ Und diesen Punkt dürfte der HSV nicht eher überwunden haben, ehe nicht ausreichend Punkte auf dem Konto sind. Demnach auch nicht im Spiel gegen Mönchengladbach am Sonnabend. Allerdings danach. Oenning: „Ein Sieg würde vieles lösen.“ Selbstverständlich. Vor allem Anspannung. Denn die wächst von Misserfolg zu Misserfolg. Und sie ist neben der sportlichen Entwicklung hauptverantwortlich für den zunehmenden Optimismus bei Oenning. Frei nach dem Motto: je häufiger wir verlieren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir das nächste Spiel gewinnen.

Aber, und da wiederhole ich mich: was bleibt Oenning auch anderes übrig als seine eigene Mannschaft starkzureden?

Nein, auch Oenning muss Positivtrends erhalten. Und dabei legt er große Hoffnungen in die neue Defensive mit Westermann und Rajkovic. Genau wie ich übrigens, der letzte Woche Ähnliches in Guerrero/Petric als Sturmduo gesetzt hatte – und damit genau in die beiden, die in Bremen wahrscheinlich am meisten enttäuscht haben. Allerdings, und das macht mich so optimistisch, zählen Westermann und Rajkovic nicht zum Stamm der Künstler sondern der Arbeiter im Fußball. Beiden fehlt mit Sicherheit die Kreativität und Eleganz ihrer Sturmkollegen, aber eben auch das Divenhafte. Beide bestechen durch unerschütterlichen Einsatz, durch vorbildlichen Kampfgeist – und sie scheinen sich gesucht und gefunden zu haben. Wenn man Westermann beobachtet, merkt man die neue Sicherheit, die ihm Rajkovic durch seine kompromisslose Zerstörungsarbeit an Gegenspielern gibt. Der Sebe übernimmt unbewusst Führungsarbeit. Und wenn die beiden ihre Form konservieren und der HSV die gefühlten „30 Standards gegen uns pro Spiel“ (O-Ton Jansen) vermeiden können, glaube ich an die Umsetzung von Oennings Vorgabe: „Die Null hat Priorität in der Defensive.“

Allerdings muss sich der HSV zusätzlich im Offensivspiel arg wandeln, sollte er selbst ein Tor erzielen wollen. Ein derart langsames Aufbauspiel wie gegen Bremen wird auch Mönchengladbach vor keine Probleme stellen können. „Kompakt stehen und schnell umschalten“ heißt das im Fußballdeutsch – und wurde heute sowohl von Oenning als auch von Jansen als taktische Vorgabe wortwörtlich strapaziert. „Wir wissen, dass hier und da noch was fehlt, aber man spürt auch die Sehnsucht in der Mannschaft, endlich wieder ein Erfolgserlebnis zu haben. Und klar ist auch“, appelliert Jansen, „dass es unsere Pflicht ist, dieses Heimspiel zu gewinnen. Die Tabelle übt einen Druck aus, den uns keiner nehmen kann. Außer wir uns selbst.“

Noch sind es Worthülsen, die erst noch mit Leben gefüllt werden müssen. Aber sie nähren die Hoffnung auf Sonnabend. Auf den ersten Dreier in dieser Saison. Gegen eine Mannschaft und einen Klub, der vorgemacht hat, wie es funktionieren kann. In der letzten Saison schon für klinisch tot erklärt, rettete sich die Borussia erst in der Relegation, um heute mit zehn Punkten auf Platz drei der Bundesliga zu rangieren. „Es gibt für uns kein besseres Beispiel als Gladbach. Die schaffen das Unglaubliche, weil sie Ruhe bewahrt haben. Der Trainer arbeitet mit dem gleichen Material wie sein Vorgänger“, lobt der bei der Borussia zum Profi gewordene Marcell Jansen, „da muss man ihm einen großen Anteil am Erfolg zusprechen. Ich glaube, er leistet dort Wahnsinniges.“

Wäre doch gelacht, sollten wir das hier nicht auch irgendwann sagen können. Denn klar ist: sollte der HSV am Sonnabend nicht nahezu kampflos böse unter die Räder kommen, geht es unverändert weiter. „Es gibt kein Endspiel. Wir werden nicht hektisch, weil wir einen Plan haben“, kontert Sportchef Frank Arnesen. Und wie der aussieht, wissen wir noch nicht. Wir konnten es auch bisher noch nicht auf dem Platz erkennen. Aber wie der aussieht werden wir – wenn auch erst mal nur in Ansätzen – nach dem Spiel gegen Mönchengladbach sehen. Nach dem ersten Dreier. Hoffentlich.

In diesem Sinne, im Abspann noch zwei Absätze in eigener Sache. Macht’s gut und bis morgen,

Euer beim Anblick der Partystimmung vor dem Spiel in Hannover fast schon melancholisch werdende

Scholle (19.21 Uhr)

– Weil es das Thema ist, was wohl nie zu einer gemeinsamen Erkenntnis führen wird, nur ein kurzer Schwenk zum Thema Finanzen. Es muss sich hier niemand entschuldigen (schon gar nicht bei mir) oder öffentlich bekunden, wie Unrecht er hatte. Dennoch sollte es inzwischen jeder verstanden haben, dass der aktuelle HSV finanziell arge Probleme hat. Deshalb, nur ein Satz von mir, weil ich glaube, dass es diesen einen Versuch der Überzeugung wert sein sollte: Wer hier im Blog noch immer schreibt und wahrscheinlich sogar wirklich glaubt, dass der HSV sich in den letzten (vor allem zwei) Jahren nicht in eine finanziell prekäre Situation manövriert hat, zählt zu den Ignoranten/Unbelehrbaren, die an er falschen Stelle die Augen und Ohren zumachen und damit das Wohl des HSV gefährden.

– Und, noch ein Lese-Tipp! Wer sich noch etwas amüsieren möchte, der nimmt sich einfach die neue Stadionzeitschrift „HSVlive“ und stellt die Beiträge vom medienscheltenden Aufsichtsratsboss Otto Rieckhoff (Seiten 60 und 61) mit dem des Seniorenratsvorsitzenden Dieter Horchler (Seite 70; „Warum weiß Schiller mehr als Horchler?“) gegeneinander. Diese beiden Beiträge zeigen mal wieder, welche Grabenkämpfe noch immer geführt und mit welchen Lagern es der HSV unter anderem hinter den Kulissen zu tun hat. Auch hier gilt: ich würde lachen – wäre die Situation im Moment nicht so ernst.

– Training ist am Freitag um 16 Uhr im Stadion und leider nicht öffentlich.

– Guerrero (Kapselverletzung im Knie) und Kacar (mehrfacher Nasenbeinbruch und Haarriss im Kiefer) fallen gegen Mönchengladbach definitiv aus.