Tagesarchiv für den 13. September 2011

Oenning über die Situation des HSV

13. September 2011

„Wir haben gut trainiert. 14 Tage lang. Warum sollen wir in Bremen nicht gewinnen?“ So hieß es in der vergangenen Woche im Volkspark an allen Ecken und Ende. Wir wissen inzwischen alle, warum der HSV gegen Werder nicht gewonnen hat. Gegen Mönchengladbach muss auch wieder gewonnen werden, aber hoffentlich sagt diesmal keiner: „Wir haben die ganze Woche über gut und konzentriert trainiert, warum sollen wir gegen die Borussia nicht gewinnen?“ Vielleicht läuft es diesmal ja ein wenig anders. Vielleicht sagt mal einer, dass schlecht trainiert wurde. Und dann: „Warum sollen wir deshalb gegen Gladbach nicht gewinnen?“ Heute wurde nämlich nicht gut trainiert. Das sah man auch an den Kiebitzen, von denen viele, viele weit vor dem Ende abwanderten. Auch deshalb, weil der HSV wieder und wieder den Aufbau und den Abschluss übte. Ohne Gegenspieler. Das ist in den Augen vieler Fans brotlos. Ich denke fast ähnlich. Rette mich aber auch in die Hoffnung: Erst wird es ohne Gegenspieler geübt, in ein paar Wochen, wenn die Automatismen dann sitzen, dann kann das alles verfeinert werden, dann wird mit Gegenspieler geübt.

Beim heutigen Training herrschte Massenauflauf auf dem Trainingsplatz. Nein, Fans waren wie immer da. In dem eingezäunten Terrain aber standen die Pinguine Schlange. Sportchef Frank Arnesen im Anzug, seine Mitstreiter im Anzug, sogar Bastian Reinhardt und auch der Psychologe guckten sich das Training an. Zwangsverpflichtet? Bestimmt nicht, aber so viele Verantwortungsträger wie heute waren in den letzten zehn, was sage ich, 20 oder 30 Jahren nie auf einem Male beim Training zu sehen. Besondere Situationen erfordern eben auch besondere Maßnahmen. Wir halten treu und fest zusammen, hipp-hipp-hurra . . .

Oder steht Michael Oenning ab sofort unter strenger Beobachtung? Der Coach verneint: „Das ist Interesse. Würde ich mal vermuten. Ich finde das gar nicht schlecht. Das ist doch genau das, was wir auch wollten. Wir wollten die Leute zusammenführen, immer auf den neuesten Stand bringen. Ich finde es gut, dass sie sich hier blicken lassen, es ist mir so viel lieber, dass sie mich unterstützen, als wenn man alleine auf dem Feld steht.“

Die hohen Herren also alle da (bis auf Carl-Edgar Jarchow), dafür haben aber einige Spieler gefehlt: Heiko Westermann hat ein leichtes Zwicken in den Leisten, lief deshalb allein durch den Volkspark; Marcell Jansen hat kleinere Probleme an der Wade aus Bremen mitgebracht, und Paolo Guerrero fehlte wegen seiner Kapselverletzung im Knie. Sein Mitwirken gegen Mönchengladbach halte ich – Stand heute – für ausgeschlossen. Dafür waren Miroslav Stepanek, der erstmals wieder mittrainierte, und auch Heung Min Son auf dem Rasen. Der Südkoreaner lief und sprintete, soll morgen eventuell auch schon mit dem Ball arbeiten, sodass ein Einsatz am Sonnabend (über die Bank) durchaus möglich wäre. Tolgay Arslan ging heute frühzeitig in die Kabine, er hat wieder Schmerzen am Fuß, und Romeo Castelen, der Torjäger der Zweiten, fehlte ganz, weil er zurzeit erkältet ist.

„Ansonsten alles gut“, sagte Trainer Michael Oenning, fügte ber auf Nachfrage noch an: „Von daher alles gut . . .“

Aber von schlechter Stimmung wollte der Coach nichts, aber auch überhaupt nichts wissen. Und von Endzeit-Stimmung erst recht nicht: „Dafür gibt es keinerlei Grund.“ Auf meine Frage, wie er sich denn fühle, antwortete er: „Ich fühle mich nicht anders, als letzte Woche auch. Klar, das ist ja nichts Neues, wenn man ein solches Spiel wie am Sonnabend verliert, dann ist man erst enttäuscht, überlegt warum und wieso, aber wenn man dann dieses Spiel wieder analysiert, dann geht es schon wieder.“ Dann gab Oenning schon eine, seine erste Analyse ab: „Wir müssen uns natürlich verbessern, das Spiel muss schneller in die Spitze gehen, wir müssen natürlich auch viel, viel mehr wollen, müssen uns durchsetzen wollen. Wenn ich in einen Zweikampf gehe, dann will ich ihn auch gewinnen, dann muss ich überzeugt sein, dass ich ihn gewinne, aber das fehlt mir einfach. Da müssen wir in allen Bereichen zulegen.“ Wobei ein Spieler schon ein Lob erhielt: „Der Slobodan Rajkovic, der hat das schon, da kann man spüren, dass er den Zweikampf gewinnen will, der ist klar in seinen Aktionen, der will immer. Und wenn wir vorne sind, dann müssen wir auch Tore machen wollen, aber das fehlt mir. Wir müssen auch vorne die Zweikämpfe gewinnen, aber da muss auch der Wille erkennbar sein.“ Oenning dann grundsätzlich: „Es ist jetzt nicht mehr die Frage, können wir Fußball spielen oder nicht, sondern es ist jetzt die Frage, wie schaffen wir es, wirklich gewinnen zu wollen. Dieses siegen wollen, das ist jetzt entscheidend, aber das fehlt mir noch immer ein bisschen – aber die Jungs wollen ja auch, da sind sie in der Pflicht. Jetzt muss es 100 Prozent in jeder Aktion geben, aber ich bin davon auch überzeugt, dass wir es schaffen. Und das muss jetzt kommen. Und dann muss ich sagen, dann habe ich alles andere als Endzeit-Stimmung. Im Gegenteil, dann glaube ich, dass wir auch viel Qualität haben. Diese Qualität müssen wir auf den Platz bringen.“

Bei der 0:2-Niederlage in Bremen haben die meisten Spieler viel und alles gegeben. Kritisiert wurden aber, und zwar von Experten im Fernsehen und von den Fans, die beiden Spitzen. Mladen Petric und Paolo Guerrero, der oft hart und unfair bearbeitet worden ist, zeigten weniger Einsatz als ihre Hintermänner. Michael Oenning nahm aber seine beiden besten Angreifer in Schutz: „Beide hatten ihre Verletzungen hinter sich. Beide sind Mittelstürmer, spielen also sehr zentral, da liegen ihre Stärken. Wie schaffen wir es, sie ins Spiel zu bringen, und da ist es immer einfach, von außen zu kritisieren. Dann heißt es, die bewegen sich nicht, wir hätten gern, dass alle laufen – aber einen Pizarro haben wir einfach nicht. Das ist ein außergewöhnlicher Stürmer, das muss man auch sehen. Aber selbst der hat auch schon schlechtere Spiele abgeliefert.“

Nur gegen den HSV nie. Aber das ist ein anderes Thema.
Oenning über Petric und Guerrero: „Klar ist, dass diese beiden Stürmer Tore schießen müssen, dafür sind sie unsere Stürmer. Das ist doch völlig klar. Mladen Petric hatte drei Torchancen, Paolo Guerrero hatte sie nicht. Und da müssen wir ansetzen. Da müssen wir vermehrt hinkommen, dass wir uns das auf dem Platz erarbeiten. Klar ist aber: Das sind wichtige und erfahrene Spieler, und die müssen nun auf dem Platz zeigen, dass sie die Sache auch von vorne mit führen wollen. Es sind Führungsspieler.“

Mir persönlich fehlt beim HSV ja auch das Nachrücken. Ist der Ball in der Spitze, gibt es zu selten die Gelegenheit, die Kugel abzulegen. Oft sind Petric und Guerrero zu sehr auf sich allein gestellt, oft klafft eine große Lücke zwischen Angriff und dem Rest der Mannschaft. Obwohl es schon eine Freude war, ab und an Rajkovic und Westermann (aus der Mitte heraus!) mitstürmen zu sehen. Aber von den Seiten und aus dem zentralen Mittelfeld kommt noch zu wenig.

Geht man davon aus, dass einer von den beiden Sechsern den eher defensiveren Part übernimmt, und das ist für mich David Jarolim, so müsste von der anderen „Sechs“, in diesem Fall Robert Tesche, mehr für die Offensive getan werden. Von Tesche, das sei rückblickend noch einmal gesagt, kam weder nach vorne noch nach hinten viel. Deswegen würde ich mir ja – in einem Heimspiel wie das kommenden – wünschen, dass Per Ciljan Skjelbred diese Rolle einmal übernehmen wird.

Kurios ist in diesem Zusammenhang: Als sich Skjelbred in Hamburg vorstellte, sagte er: „Ich kann alles spielen, nur nicht außen.“ Und: Im Trainingslager im Zillertal sagte Sportchef Arnesen: „Man kann einen Mittelfeldspieler, der eigentlich außen spielt, durchaus mal zentral spielen lassen, aber man kann keinen zentralen Mittelfeldspieler außen bringen.“
Okay. Das sollten sich dann mal alle Beteiligten mal auf der Zunge zergehen lassen, oder wie das heißt.

Zurück zum Nachrücken. Michael Oenning erklärte bezüglich des Bremen Auftritts: „Es ist ja die Frage, wie man das Spiel angeht. Wir haben in erster Linie versucht, dieses Spiel stabil zu gestalten, dass wir den Bremern wenig Raum zugestehen. Das ist uns in der ersten Halbzeit auch sehr gut gelungen. Und dazu sind wir drei, vier Mal durchgekommen. Da muss man dann nicht nachrücken, da muss man Tore machen. Wir hatten doch die Chance, in Führung zu gehen. Das ist entscheidend. Heutzutage muss man in Führung gehen., das ist wichtig. Es fallen heute doch nur noch wenige Tore . . . Wir wollten kompakt stehen, das ist uns auch gut gelungen. Jetzt müssen wir nur noch mehr Zweikämpfe gewinnen.“ Nur. Aber Michael Oenning ist von seinen Mannen überzeugt. Er sagt auch: „Wir sind jetzt so weit, dass wir uns sagen: jetzt erst recht.“ Also mit einer Trotzreaktion gegen Gladbach.

Obwohl die Borussia natürlich höchst, höchst unangenehm zu spielen ist. Für den HSV auch wie eine Art Angstgegner. Da müssen schon wirklich alle Hamburger Spieler wirklich 100 Prozent abrufen, um endlich das ersehnte Erfolgserlebnis feiern zu können.

Nicht nur der gesamte HSV, nicht nur die Mannschaft, nein, auch Michael Oenning könnte gerade jetzt einen Dreier bestens gebrauchen, das ist überhaupt keine Frage. Aber die Bundesliga ist, Ihr wisst es alle, kein Wunschkonzert. Jetzt muss alles passen, um einen Sieg einfahren zu können. Oenning traut es seinen Mannen natürlich zu. Er scheint in diesen Tagen nicht nur immer wieder optimistisch nach vorn zu blicken, er scheint mir auch unerschütterlich. Er erzählt von seiner Mannschaft, von seinen Zielen, von seinen sportlichen Nöten so, als sei alles ganz normal. Als stünde der HSV nicht auf Platz 18, als hätte der HSV viel mehr als dieses eine kümmerliche Pünktchen, als sei sein Job als Trainer überhaupt nicht in Gefahr. Natürlich weiß niemand, wie es in seinem Innersten aussieht, aber nach außen hin steht Michael Oenning wie ein Fels. Fast wie ein Fels. Aber auf jeden Fall so, dass man es bewundern muss. Er lässt sich – wieder nur nach außen hin – nichts von der prekären Lage, von seiner prekären Lage anmerken. Klasse. Aber vielleicht wir er eines Tages berichten, wie es um ihn in jenen Tagen im September tatsächlich stand . . .

„Mir geht es gut. Keine Sorge.“ Das sagt er nur kurz und knapp. Dann fügt der HSV-Trainer noch an: „Klar beschäftige ich mich Tag und Nacht mit der Situation, versuche etwas zu verändern. Aber dennoch glaube ich nicht, dass ich immer sagen muss, wie ich mich fühle, wie es mir geht. Ich glaube auch, dass das sehr heuchlerisch ist, und das sollte man dann auch nicht machen.“

Zurück zur sportlichen Seite. Hat der HSV trotz der Niederlage in Bremen einen Schritt nach vorn gemacht? Hat der HSV in Bremen noch einen Tick besser gespielt, als beim 3:4 daheim gegen Köln? Michael Oenning sagt: „Wir haben in Bremen gespielt, das ist eines der kompliziertesten Spiele. Wir waren dort von der Spielanlage her, vom Engagement her besser als zuletzt in Hamburg gegen Köln. Gegen Köln haben wir zu Hause ganz andere Fehler gemacht, aber es fiel uns natürlich viel leichter, vor eigenem Publikum zu spielen.“

Morgen wird sich Michael Oenning den Fragen der Fans stellen. Bei den Supporters. Er macht das nach eigenem Bekunden gerne: „Ich glaube, dass die Fans sehr schnell begriffen haben, was sich verändert hat. Dass sie auch zugehört haben, als wir gesagt haben, dass wir vor einem schwierigen Weg stehen. Ein Weg, der nicht innerhalb von drei, vier Wochen zu bewerkstelligen ist. Sie haben immer eingefordert, dass sie sehen müssen, dass die Mannschaft will. Die Fans haben erklärt, dass sie dann auch zu dieser jungen Mannschaft stehen. Und wir haben bislang, bis auf die Ausnahme in München, gezeigt, dass wir wollen. Und deswegen ist das Verhältnis zu den Fans auch gut. Wir brauchen ihre Unterstützung, dann werden wir auch zeitnah unsere Punkte machen. Ich freue mich jedenfalls auf den Abend bei den Supporters.“

Das ist mal ein Versprechen.

Komme ich zu meiner letzten Frage für heute. Was hält Michael Oenning eigentlich davon, den freien Tag für seine Mannschaft zu streichen, um so noch mehr für eine Wende arbeiten zu können? Viele Experten haben das schon gefordert, auch viele Fans. Oenning aber sagt: „Man komme mir nicht damit, dass das Experten fordern. Ich weiß, wer so etwas fordert. Aber ich sage ganz klar: Alles das, was ich nicht für vernünftig halte, das mache ich auch nicht. Ich muss nicht, nur weil es jemand fordert, dass wir mehr trainieren, jegliche Art von Trainingslehre über Bord schmeißen. Die Spieler brauchen nämlich auch ihre Erholung, Ohne Erholung ist nämlich auch keine Leistung möglich.“

Michael Oenning weiter: „Nun kann ich natürlich sagen, dass ich die Mannschaft noch einmal zum Training bestelle, damit die Spieler noch einmal eineinhalb Stunden rennen, was die Spieler natürlich nicht so gut finden würden, aber das wäre ja gleich zu setzen mit einer Strafe. Denn frage ich aber, wofür soll ich sie bestrafen? Wenn man Dinge erkennen kann, dass da einige Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollen, wenn es Arbeitsverweigerung gibt zum Beispiel, wenn es Grüppchen-Bildung gibt oder andere Sachen, dann wäre ich ja dabei, aber all das gibt es bei uns nicht. Dann aber aktionistisch zu werden, zu sagen, jetzt trainieren wir durch, weil das ja so gut ankommt, und am besten noch frühmorgens, oder noch besser nachts – nicht mit mir. Vergiss es.“

So, nun wissen es alle. Nachher spielt der HSV noch im Wandsetal (Sportpark Hinschenfelde, meine alte sportliche Heimat, beim WFC) gegen den SC Concordia. Nach Spielschluss werde ich hier das Ergebnis und die Torschützen bekannt geben. Einen großen Spielbericht füge ich nicht mehr an, denn von einem 16:0, 7:2 oder 28:3 gegen Amateure habe ich zunächst einmal die Nase voll, mir würde in erster Linie ein humorloses 1:0 über Mönchengladbach schon einmal völlig reichen.

In diesem Sinne – schönen Feierabend für Euch.

17.54 Uhr

So, die Ergänzung aus Wandsbek.

Der HSV gewinnt beim Landesliga-Klub SC Concordia mit 7:0. Die Tore: Petric (30., 32.), Rajkovic (36.), Petric (44.), Berg (49.), Nagy (59.) und Bruma (86.). Es spielten zwei HSV-Teams jeweils eine Halbzeit, lediglich Jeffrey Bruma und Gökhan Töre spielten 90 Minuten durch. Bester Mann auf dem Platz war Neuzugang Ivo Ilicevic, der die Fans in der ersten Halbzeit begeisterte.

Am Mittwoch gegen 15.15 Uhr Training im Volkspark.