Tagesarchiv für den 11. September 2011

Keine Panik – der HSV ist die Ruhe selbst

11. September 2011

Bremen (SID) – Keine Siege, keine Fortschritte und vor allem kein Realismus: Der hässlichen 0:2 (0:0)-Niederlage im 95. Nordderby beim Erzrivalen Werder Bremen folgte die verbale Schönfärberei der Verantwortlichen des Hamburger SV. Letzter Tabellenplatz, nur ein Punkt aus fünf Spielen, der schlechteste Saisonstart der Hamburger Bundesliga-Geschichte – und doch kann oder will die Führungsetage des HSV die prekäre Lage nicht erkennen.
„Die Mannschaften vor uns in der Tabelle sind doch gar nicht weit weg. Für einen Abstiegskampf ist unser Kader viel zu gut. Gegenüber der Niederlage gegen Köln haben wir uns erheblich gesteigert“, sagte Sportchef Frank Arnesen und schob schnell hinterher: „Ich bin nicht in Panik. Der Trainer steht nicht zur Diskussion.“

So weit der Originaltext des Sportinformations-Dienstes SID. Ich wollte ihn Euch nicht vorenthalten, weil man es natürlich auch so sehen kann. Ich habe das Bremen-Spiel etwas anders gesehen, und dazu stehe ich auch heute noch. Diese 90 Minuten waren für mich so, wie es auch Frank Arnesen nach dem Schlusspfiff schon gesagt hat: eine Steigerung gegenüber dem Saisonauftakt. Und ich lege mich fest: Dieser HSV wird natürlich nicht absteigen. Dass ihm eine schwere und äußerst unangenehme Saison bevorsteht, das haben wir alle sehr wohl gewusst. Jeder hat es gewusst, und nur das, genau das, ist bislang auch eingetreten. Es wird und ist schwer. Noch aber ist der HSV nicht abgestiegen, noch sind erst fünf Spieltage vorbei. Natürlich steht der HSV immer noch auf dem letzten Platz, aber es gibt doch noch genügend Spiele und viel Zeit, es gibt sogar auch noch eine Winterpause, in der das Gesicht der Mannschaft noch verändert werden könnte.

Die Situation ist natürlich alles andere als gut. Nein, sie ist sogar sehr bedrohlich. Keine Frage. Und man sollte überall, auf den Tribüne, in den Klub-Räumen, in der Mannschafts-Kabine nie vergessen, dass es sehr wohl das unliebsame Thema Abstieg gibt, dennoch habe ich nicht das Gefühl, als wenn auch nur ein Verantwortlicher des HSV das bislang Geschehene auf die leichte Schulter nehmen würde. Die Alarmglocken schrillen sehr wohl auch längst im ersten Stock der Arena im Volkspark, und zwar gewaltig. Auch wenn es äußerlich so wirkt, als seien die Herren noch die Ruhe selbst.

Und auch bei den Spielern sind die Augen offen. Das ist für mich ein gutes Zeichen. So sagte David Jarolim in Bremen ziemlich geladen: „Wir haben gar nichts gelernt aus dem Köln-Spiel und können nicht immer sagen: Nächste Woche, nächste Woche. Alles muss besser werden, und wir brauchen vor allem ganz schnell ein Erfolgserlebnis.“ Das gibt es sicherlich nicht am Dienstag, im Testspiel beim SC Concordia. Das wird wahrscheinlich wieder sehr hoch gewonnen, wie alle Spiele gegen Amateure (die kann der HSV gut), und danach wird dann wahrscheinlich auch wieder sehr gut trainiert. Viel wichtiger aber wäre es, endlich einmal die Punkte im Volkspark zu behalten: im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach. HSV-Kapitän Heiko Westermann gibt schon einmal das Motto dieser 90 Minuten vor: „Es wäre katastrophal, wenn wir das nicht gewinnen . . .“ Viel Spaß. Gladbach kommt mit breiter Brust, und der HSV zittert. Der Druck wächst und wächst und wächst.

Aber, wie gesagt, im HSV herrscht – nach außen – Ruhe. Klub-Boss Carl-Edgar Jarchow hat sicherlich schon fröhlichere Tage erlebt, aber er verfällt keineswegs in Panik. Um das einmal klar und deutlich zu sagen: Ein Trainerwechsel ist für Jarchow immer noch kein Thema. Noch nicht auf jeden Fall. Er hatte doch, wir erinnern uns wohl alle, vor der Saison versprochen: „Der Trainer könnte auch vier Spiele in Folge verlieren, dennoch werden wir an ihm festhalten.“ Und nun hat der HSV vier Spiele verloren, wenn auch nicht in Folge, es ist dramatisch, aber Jarchow steht hanseatisch cool zu seinem Wort, eisern und unbeirrt. Äußerlich jedenfalls.

Deshalb können die Fans können im Moment noch so vehement meckern, schimpfen, warnen, pöbeln und einen Trainerwechsel fordern, es wird ihn nicht geben.

Und was sagt Michael Oenning? In Bremen befand er nach Spielende: „Ich bin mit meiner Mannschaft absolut im Reinen. Sie hat alles gegeben und guten Fußball gespielt. Das Spiel war lange eng und umkämpft. Pizarro war aber eben genau diesen einen Tick besser.“ Und im Hinblick auf das nächste Heimspiel, das für ihn auch eine Art Endspiel werden könnte: „Ich bin da ganz außen vor. Wichtig ist, dass man sieht, dass sich die Mannschaft entwickelt. Heute und letzte Woche waren sehr schmerzlich, aber wir sind auf dem richtigen Weg und werden die Ergebnisse einfahren.“

Warme Worte. Die gab es auch von – ausgerechnet – Tim Wiese. Er wünsche dem HSV viel Glück für die weiteren Spiele, und er sagte auch: „Absteigen werden sie nicht.“ Das glauben ja inzwischen so viele (Experten). Otto Rehhagel bescheinigte dem Verlierer ja auch ein gutes Spiel, Werder-Trainer Thomas Schaaf befand, dass seine Mannschaft „gegen einen guten HSV“ gewonnen habe, und, und, und. Selbstverständlich kann sich dafür niemand etwas kaufen, natürlich gibt es dafür nicht einen Punkt, und solche Lobeshymnen tun in einer prekären Lage, wie sie der HSV derzeit durchleben muss, auch richtig schön weh, aber es ist immer noch besser, als am Anfang. Ihr erinnert Euch? Der HSV hätte in Dortmund acht kriegen können, in München gegen die Bayern sogar 15. Nach diesen beiden Spielen war der HSV in ganz Deutschland mit Häme, Spott und beißender Kritik noch „vernichtet“ worden. Es hat sich also schon etwas geändert, wenn auch nicht im Maßgeblichen: die Punkte fehlen immer noch.

Apropos Häme. Sky-Experte Jens Lehmann kritisierte HSV-Sportchef Frank Arnesen wie folgt: „ Ich weiß nicht genau, was Arnesen erwartet hat von der Bundesliga. Man sieht daran, dass er nur Spieler von Chelsea und aus Skandinavien geholt hat, dass er deutsche Spieler gar nicht so richtig kennt. Insgesamt finde ich es naiv, nur junge Spieler zu holen. Wenn die Negativserie anhalten sollte, ist das vielleicht auch ein Vorteil für Oenning, dass Arnesen keine deutschen Trainer kennt und da auch erst einmal seine Recherche betreiben muss.“

Auch das tut weh. Denn, das nur einmal zur Erinnerung für diejenigen, die Lehmann nun zustimmen möchte: Welche Chance hatte Arnesen denn? Der Däne kam nach Hamburg, griff in die Kasse – und fand nur drei verrostete Knöpfe. Der Mann musste zaubern, um einen halbwegs vernünftigen HSV-Kader auf die Beine zu stellen. Ohne Geld einkaufen, so etwas funktioniert vielleicht im Tante-Emma-Laden (wenn es den noch gibt), aber nicht im Profi-Fußball. Und, um auch das gleich noch einzuflechten: Michael Oenning konnte zwar Wünsche äußern, konnte zwar Spieler vorschlagen, aber er konnte auch sicher sein, dass sich davon kein einer realisieren lassen würde. Friss Teufel – oder stirb.

Aber ich will mit diesem leidigen Geld-Thema nicht wieder eine Baustelle aufmachen, es ist so, wie es ist. Und in meinen Augen haben die Verantwortlichen daraus noch das Beste gemacht. In diesem HSV-Kader jedenfalls sehe ich so viel Qualität, dass der Dino ganz einfach nicht absteigen darf. Augsburg, Freiburg und Kaiserslautern sehe ich deutlich schwächer, und andere Klubs sehe ich mit dem HSV auf Augenhöhe – Köln beispielsweise, oder auch die Alt-Herren-Riege aus Wolfsburg. Aber mal abwarten.

Was mir aber bei der HSV-Konkurrenz auffällt: Fast alle Mannschaften laufen rennen, kratzen, beißen – wehren sich besser, wehren sich mehr. Und zwar alle ELF SPIELER, die auf dem rasen stehen. Das konnten wir doch alle auch gestern erleben: Hertha BSC. Was haben die Berliner dem Meister in Dortmund für einen großartigen Kampf geliefert – und völlig verdient gewonnen. Natürlich ist der BVB im Moment nicht in allerbester Form, aber auch daran kann ich mich nach dem ersten Spieltag erinnern: Da sagte Michael Oenning: „Dortmund spielt in einer anderen Liga . . .“ In der nun auch der Aufsteiger Hertha BSC zu spielen scheint.

Das ist der Punkt, der mir nach wie vor missfällt. In Bremen haben viele HSV-Spieler versucht, von der ersten bis zur letzten Minute dagegen zu halten. Aber nicht bei jedem sieht es so aus, dass er auch alles gibt. Die beiden Spitzen zum Beispiel müssten mehr machen, mehr laufen, mehr kämpfen, mehr versuchen – mehr geben. Mir tränen immer die Augen, wenn ich die Zweite Liga und Fortuna Düsseldorf sehe. Und da tränen mir nicht nur die Augen, da steigt auch leichte Wut in mir auf: Da spielt ein Maximilian Beister in schönster Regelmäßigkeit die gegnerischen Abwehrreihen schwindelig. Weil er den direkten und den schnellsten Weg zum Tor sucht und ihn auch geht. Beister würde dem HSV, seinem HSV, jetzt enorm helfen können, mit seiner Frechheit, seiner Kälte, seiner Schnelligkeit und seinem Hunger, aber er ist ja noch an die Fortuna ausgeliehen. Was mich daran besonders stört: Alle anderen – ich nenne sie mal so – „Fehleinkäufe“, die der HSV zuletzt verliehen hat und hatte, wurden überwiegend für ein Jahr „vom Hof gejagt“ – Beister aber gleich für zwei Jahre. Jahr für Jahr beweist der HSV immer wieder seine Unfähigkeit, Talente zu erkennen, sie zu fördern, sie heranzuführen. Beister ist für mich das Parade-Beispiel.

Auch deshalb, weil beim HSV in den letzten Jahren nie erkannt worden ist, was im Sturm fehlt. Nämlich ein Angreifer, der sich schnell bewegt, der dahin geht, wo es wehtut, der Tore machen will, der frech st und sich auch wehren kann, wenn es mal auf die Socken gibt. Alle Angreifer aber, die der HSV jetzt hat, sind sich ähnlich. Sie spielen eher, als dass sie stürmen. Da ist keiner dabei, der so richtig schön (und schnell) zur Sache geht, gehen kann. Aber dieses Problem gibt es nicht erst jetzt, die ist schon lange da – und, auch das sage ich mal recht deutlich – ist nicht nur unterschätzt worden, sondern in schöner Regelmäßigkeit nicht erkannt worden, weil es an den nötigen Experten mangelt. Und damit an Durchblick. Es gab und gibt einfach zu viel „Blindheit“ in diesem sportlichen Bereich des HSV. Und es ist mir piepe-schnurz-egal, wer sich da nun den Schuh anzieht, wem auch immer Ihr den Schuh anziehen wollt.

So, das war mein Wort zum Sonntag.

Um schnell noch einmal auf den Doppelpass (Sport 1) von heute zu kommen. Da saß doch ein Herr Schuster und gab am Ende der Sendung eine mündliche Bewerbung als HSV-Trainer ab. Das empfand ich als dreist. Und ich stellte mir spontan vor, wie es sein würde, wenn sich der Herr auf dem Weg von der Kabine (in der Arena) zum Trainingsplatz (an der Arena) Tag für Tag von seinen ungefähr acht Bodyguards die Autogrammjäger vom Leib halten lassen würde. Da käme schon Freude auf . . .

Kurz noch zu einem HSVer, der an diesem Wochenende einen Auswärtspunkt geholt hat: Unser „kleiner Dribbelkünstler” schaffte mit dem FC Sevilla ein 2:2 bei Villarreal. Ich will aber nicht verschweigen, dass Piotr Trochowski in der 56. Minute (Stand 1:1) ausgewechselt wurde, für ihn kam der frühere Schalker Rakitic.

Und noch ein Ex-HSVer sorgt für Aufsehen:
Der Trainer des englischen Top-Klubs Manchester City, Roberto Mancini, hat Carlos Tevez vom Amt des Kapitäns entbunden. Stattdessen wird der ehemalige Hamburger Vincent Kompany den Tabellenzweiten der Premier League künftig anführen. „Carlos Tevez ist ein fantastischer Spieler. Aber ich habe mich für Vincent Kompany als Kapitän entschieden“, sagte Mancini.
Das aber nur ganz am Rande.

Genießt den Rest-Sonntag noch – und glaubt an die Wende. Es wird sie geben, früher oder später. Es muss sie ja geben, ansonsten würde der HSV ja . . . Nun gut, für heute ist alles gesagt (und geschrieben).

PS: Am Montag wird im Volkspark nicht traníniert.

15.23 Uhr