Tagesarchiv für den 10. September 2011

Pizarro schießt den HSV ab – 0:2

10. September 2011

Schade. Ja, wirklich jammerschade. 0:2 in Bremen verloren, aber trotz allem hat der HSV seinen ganz, ganz winzigen Aufwärtstrend fortgesetzt. Werder war gut, der HSV auch, aber eben nicht ganz so gut. Und vielleicht gab den Ausschlag, dass die Bremer in der Offensive etwas mehr zu bieten hatten. Zwei Standardsituationen führten zu den Toren, die wieder einmal Claudio Pizarro erzielte. Er machte den Unterschied in diesen 90 Minuten. Aber die HSV-Fans sollten sich nicht zu sehr grämen, es wird schon noch bessere Tage für Hamburg geben, eventuell sogar schon sehr, sehr bald. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

HSV-Abwehrmann Heiko Westermann sagte traurig in seinem Fazit: „Wir sind gut ins Spiel gekommen, aber in Halbzeit zwei haben wir zu viele Freistöße gegen uns bekommen. Und das führte zu den Treffern. Das Glück ist zurzeit nicht auf unserer Seite . . .“ Der Kapitän zog dann noch etwas Positives aus dieser Niederlage: „Wir haben uns gewehrt.“ Genau. Und das sah besser aus, als das, was der HSV in den ersten Spielen gezeigt hatte.
Der HSV muss seine Punkte woanders holen. Vielleicht erst einmal zu Hause.

Der HSV trat, bis auf Dennis Diekmeier, wohl mit seiner besten Mannschaft an. Und ganz offensichtlich wollten alle Spieler ihren optimistischen Aussagen, die es in der Woche überall gegeben hatte, Taten folgen lassen. Von Beginn an war Tempo in dieser Partie, das Geschehen lebte vom Kampf und vielen rassigen Zweikämpfen, es war, wie nicht anders zu erwarten, jede Menge Aggressivität im Spiel. Da brannte die Luft. „Zähne zeigen“, so prangte es groß auf einem Plakat in der Werder-Kurve – und draußen mischte auch Bremens Trainer Schaaf getreu dem Motto mit: Meckern, protestieren, mosern, reklamieren. Ist Bremer Recht.

Erfreulich aus HSV-Sicht: Alle Spieler hielten von Beginn an voll dagegen, nicht nur, aber auch läuferisch. Okay, im Angriff hätte mehr passieren können, vielleicht sogar müssen, aber jedes Duell Mann gegen Mann wurde angenommen, da wich niemand auf Hamburger Seite zurück. Es geht doch! Der HSV stand zudem konzentriert und geschickt in der Defensive, bewegte sich bestens, verschob gut, ein jeder war auch für den Nebenmann da. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass sich viele Spieler an Slobodan Rajkovic ausrichteten. Was der Neuzugang aus den Niederlanden abräumte, das war allererste Sahne, der Mann ist schon jetzt, nach nur zwei Bundesliga-Spielen, nicht mehr aus der HSV-Mannschaft wegzudenken.

Erfreulich scheint mir dazu, dass Heiko Westermann in diesem Fahrwasser bestens mitschwimmt. Das sieht mitunter zwar recht rustikal aus, wenn die beiden Abwehrrecken da auf- und abräumen, aber es ist erforderlich und hilft dem Team in dieser prekären Situation. Da ist kein Schönheitspreis gefragt, da muss klar und deutlich zur Sache gegangen werden – Rajkovic und Westermann haben es begriffen. Und ich bin nicht nur davon überzeugt, dass Westermann an der Seite von Rajkovic wieder besser und stabiler, sondern auch geradezu aufblühen wird. Da haben sich zwei gesucht und gefunden – anscheinend.

Gesucht und gefunden hatte Michael Oenning auch nach einer Lösung im Mittelfeld, der Trainer hat sie offenbar mit der Besetzung von David Jarolim gefunden (im Gegensatz zu den ersten Spielen). Der Tscheche hatte in seinem 300. Bundesliga-Spiel enorm viele Ballkontakte, und er scheint auch gelernt zu haben. Nein, nicht in Sachen Torschuss. Da verließ ihn der Mut, als in Marcell Jansen in der neunten Minute bediente – es kam aus 20 Metern nur ein harmlos geschobener Ball zustande. Nein, ich meine etwas anderes in seinem Spiel: „Jaro“ trennt sich deutlich schneller vom Ball.

Natürlich weiß ich, dass Jarolim auch (in Halbzeit eins) auch einen schweren Fehler beging und damit einen Werder-Konter einleitete. Wer sich von den „Jarolim-Freunden“ daran hochziehen will – bitteschön, viel Spaß. Wer viel am Ball ist, der macht auch einige Fehler mehr. Ist logisch?

Nebenbei: Herzlichen Glückwunsch, „Jaro“, zu den 300, du hattest in jedem Spiel für den HSV die Raute auf der Brust – und auch drin.

Wenn ich vorher gedacht, dass Michael Mancienne der Schwachpunkt in der HSV-Defensive sein wird, so musste ich mich während der Partie korrigieren. Der Engländer kassierte zwar früh eine Gelbe Karte (die fast schon Rot war!), aber er machte seine Sache auf der für ihn ungewohnten Position gut.

Offensiv ging beim HSV – wer hatte in Bremen etwas anderes erwartet – nicht viel. Deswegen schon müssen die wenigen Chancen, die es gibt, auch besser genutzt werden. Parade-Beispiel dafür die 30. Minute. Mladen Petric kommt im Werder-Strafraum an den Ball, versucht Prödl zum umspielen, übersieht dabei aber, dass links Jansen völlig ungedeckt steht. Es gab nur Eckstoß, aber Jansen meckerte. Recht hatte er in dieser Szene, aber Torjäger sind eben einen Hauch egoistischer als alle anderen Kollegen – hätte Petric Erfolg gehabt, hätte Jansen gejubelt . . .

Um den Defensiv-Block des HSV abzurunden: Dennis Aogo spielte links einen soliden Part, allerdings, das galt auch schon in den ersten Spielen dieser Saison, war der Nationalspieler schon einmal wesentlich dominanter, gieriger – und noch besser.

Robert Tesche auf der Doppel-Sechs (mit Jarolim) spielte noch unauffälliger als Aogo. Ich gebe zu, ich habe ihn in der 37. Minute zum ersten Mal so „richtig“ am Ball gesehen. Ansonsten viele Rück- und Querpässe, da muss noch mehr kommen. Er hat doch zum Beispiel einen Klasse-Schuss, warum gibt es den nie zu sehen? Und auch sein Kopfballspiel (bei Standards) sollte ja eine „Waffe“ für den HSV sein – auch da kommt nicht viel (bis gar nichts). Mehr Mut, Herr Tesche!

Gilt auch für Per Ciljan Skjelbred. Der Norweger mühte sich – auf ungewohnter Position – auf der rechten Seite, so recht bewegen konnte er aber nichts. Der 24-jährige muss sich ganz sicher erst noch an die schnelle und harte Bundesliga gewöhnen, auch bei ihm werden Trainer, Mitspieler und Fans noch Geduld aufbringen (müssen). In der 76. Minute wurde Skjelbred ausgewechselt, für ihn kam Gökhan Töre, den ich eigentlich sehr gerne in der Stamm-Mannschaft sehen möchte. Aber das kommt (oder der) vielleicht ja auch noch, Töre ist ja noch jung.

Auf der linken Seite begann Marcell Jansen durchaus unternehmungslustig und damit auch vielversprechend. Der frühere Nationalspieler aber konnte das von ihm vorgelegte Tempo nicht ganz halten. Aber ich möchte bei ihm trotz allem einen leichten Aufwärtstrend erkennen (wollen?). Er kann doch auch nicht über Nacht alles verlernt haben . . .

Geduld. Es ist ja das HSV-Zauberwort in diesen Tagen und Wochen. Das gilt für die gesamte Situation, in der sich der Verein und die Mannschaft befinden, das gilt, so habe ich den Eindruck, aber auch (oder vor allem?) für sämtliche Offensivleistungen des HSV. Da ist nicht viel von Sturm zu erkennen, das meiste ist bieder und viiiiiielllll zu harmlos, einfallslos und durchschaubar.

Paolo Guerrero wurde teilweise recht hart, mitunter auch unfair, gebremst. Der Peruaner wurde auch in der 14. Minute von Prödl brutal von hinten getreten, und da schwieg die Pfeife des Schiedsrichters. Leider. Manuel Gräfe wollte mit seiner Bären-Ruhe auf das Spiel einwirken, oft gelang es ihm, aber in dieser Szene lag er krass daneben. Was auch dazu führte, dass sich der HSV-Stürmer später wegen Meckerns die Gelbe Karte abholte. Das hätte mit Fingerspitzengefühl (was die Schiedsrichter ausdrücklich NICHT haben sollen) vermeidbar gewesen. Guerrero wirkte nach diesem Foul nicht bei 100 Prozent, aber, das muss man ihm durchaus attestieren, er war stets bemüht. Und das ist in diesem Fall nicht abwertend gemeint.

Die beiden besten HSV-Möglichkeiten vergab Mladen Petric. In der 72. Und in der 84. Minute. Bis dahin war der Kroate kaum zu sehen, aber das zeichnet ihn eben aus. Und unter dem Strich bleibt es ja wie immer: Wenn einer Chancen hat beim HSV, dann ist es Petric. Diesmal fand er aber an „Großmaul“ Wiese im Werder-Tor, der einmal mehr großartig hielt, seinen Meister.

Ja, und die Gegentore? Pizarro. Natürlich Pizarro. Wer denn sonst? Er trifft gegen seinen „Lieblings-Gegner“ immer (nach Belieben). Wahnsinn. Echt Wahnsinn. Aber er ist ein „Killer“, Pizarro machte den Unterschied. Einmal mehr.

Beim 1:0 war der Peruaner nach einem Marin-Freistoß zur Stelle. Der Ball war gegen den Pfosten geprallt, Jaroslav Drobny sah dabei nicht ganz so gut aus, obwohl ich ihm keine direkte Schuld an diesem Treffer geben möchte. Pizarro machte es ganz geschickt, er zog Jansen an der Schulter zur Seite und netzte ein. Ein penibler Schiedsrichter hätte auch das pfeifen können, aber ich glaube auch, dass man das nicht unbedingt reglementieren muss (52.). Die Frage sei aber erlaubt: Warum war Pizarro zur Stelle, warum kein HSV-Abwehrmann?

Beim 2:0 sahen dann Aogo und Guerrero nicht gut aus (78.). Aogo blieb nach einem Eckstoß tatenlos, als Pizarro den Ball am Elfmeterpunkt mit der Brust annahm, Guerrero wollte zwar retten, aber er ging viel zu naiv in diesen Zweikampf. Rajkovic hätte es sicherlich anders gemacht, aber Guerrero ist eben (nur) ein Stürmer . . .

Was bleibt, ist die Hoffnung. Auf das nächste Heimspiel, es geht gegen Mönchengladbach. Das muss . . . Nein, ich kann es nicht mehr hören. Die HSV-Herren wissen es selbst, was nun zu tun ist.

Dieter
20.34 Uhr