Tagesarchiv für den 9. September 2011

In Bremen? Da geht doch was…!!

9. September 2011

Derby-Fieber? Nee, nur ein Schnupfen. Zum Glück! „Nichts Schlimmes, das wird mich nicht stören“, beschwichtigt Slobodan „Boban“ Rajkovic noch leicht nasal. Der Serbe wird zusammen mit Heiko Westermann im Nordderby beim SV Werder Bremen (18.30 Uhr, Weserstadion) die Innenverteidigung stellen. Und er weiß auch, was, oder besser: wer auf ihn zukommen wird. „Claudio Pizarro ist für mich der beste Stürmer der Bundesliga. Und Arnautovic kenne ich noch aus gemeinsamen Zeiten bei Twente Enschede. Seither hat er sich toll entwickelt und ist inzwischen richtig gut. Er ist stark, ballsicher – er erinnert mich an Zlatan Ibrahimovic.“ Und der ist inzwischen einer der bestbezahlten Weltklassestürmer beim AC Mailand. „Es wird ein schweres Spiel, gerade für unsere Defensive“, weiß Rajkovic, „denn die Bremer sind wirklich gut.“

Sportlich mag er recht haben, ansonsten trifft das Lob sicher nicht auf alle Werder-Profis zu. Da wird auch schon mal ne ordentliche Portion Sinnfreies fabuliert. Es erscheint mir überflüssig, an dieser Stelle zu erwähnen, wen ich meine. Denn, im Gegensatz zu den Aussagen von Werders Sprachrohr – haben die wirklich niemanden, der sich besser als Tim Wiese artikulieren kann? – ist Rajkovic sehr wohl die Bedeutung des Derbys bewusst. „Ich habe Derbys erlebt, habe mit Serbien in der U21 gegen Kroatien zweimal gespielt. Ein Derby ist ein Derby, das ist überall sehr ähnlich. Deshalb weiß ich auch, dass dieses Spiel sehr wichtig ist.“ Sportchef Frank Arnesen habe ihm schon vor Vertragsunterschrift das Programm des HSV aufgemalt und ihn über die Besonderheiten der jeweiligen Duelle informiert. „Deshalb weiß ich, dass das Spiel in Bremen das größte Spiel der Saison ist. Für uns wie für die Fans.“ Dabei macht Rajkovic macht vieles richtig. Er stellt sich nicht hin und kontert irgendwelche provokanten Aussagen. „Ich bin ruhig. Ich rede nicht viel über das Spiel außerhalb des Platzes.“ Soll heißen: dafür geht es auf dem Platz umso mehr zur Sache. Eine Einstellung, die mir persönlich sehr gefällt.

Das Kompliment gilt allerdings auch für Rajkovics Kompagnon, Mannschaftskapitän Heiko Westermann, dem ich eine Sache niemals vorwerfen werde: eine falsche Einstellung. Auch wenn der für seine Verhältnisse heute richtig ausbrach, als er auf die Äußerungen des Werder-Keepers: „Ich kenne Tim schon sehr lange und weiß, dass er ein loses Mundwerk hat. Da ist es umso mehr ein Bedürfnis, ihm ein paar Dinger einzuschenken. Ich hoffe, dass wir ihm den Mund stopfen können.“

Das wiederum würde neben den meisten Bloggern und mir hier im Blog ganz sicher auch einem Granden gefallen, der sich heute zu Wort meldete: Ex-HSV-Keeper Horst Schnoor. Der mehrfache Norddeutsche- und Deutsche Meister, Pokalsieger und Keeper der ersten Bundesligastunde beim HSV konnte sich gar nicht mehr beruhigen. „Es ist unverantwortlich, vor so einem Spiel solche Sprüche rauszuhauen. Dass es überhaupt so weit gekommen ist, dass wir von einem Hass-Duell sprechen, liegt zu großen Teilen an ihm.“ Und einmal in rage, legte Schnoor noch nach: „Eigentlich äußere ich mich nie zu Torhütern, aber Wiese ist die berühmte Ausnahme. Bei uns früher gab es auch eine große Rivalität – aber die galt auf dem Platz. Auch Wiese sollte sich langsam mal auf Fußball konzentrieren und nicht nur darüber nachdenken, äußerlich Wirkung z haben. Sein Brilli im Ohr, die Sonnenbankbräune und die gegelten Haare – und jetzt noch diese Sprüche jedes Jahr. Kein Wunder, dass aus unserer Zunft wirklich niemand gut auf ihn zu sprechen ist.“ Neben ähnlich lautenden Beschwerden folgte dann aber noch ein Satz, den ich unbedingt weitergeben möchte: „Ich kann gar nicht so viel vergessen, wie der Wiese noch lernen muss.“

Aber gut, das Thema Wiese ist für mich damit abgehakt. Die Sprüche des für mich zweifellos sportlich sehr wertvollen Keepers bewirken bei mir schon lange nichts mehr. Im Gegenteil: ich frage mich eigentlich nur noch, warum er sich selbst unter zusätzlichen Druck setzt. Wenn er jetzt einen Fehler macht, werden doch alle sagen: seht ihr, der hätte mal die Klappe halten und sich auf das Spiel konzentrieren sollen. Und das dann auch völlig zurecht. Zudem glaube ich nicht, dass ein derartiges Traditionsderby noch mehr Feuer im Vorfeld benötigt. Zumal nicht nach den letzten Jahren, in dem wir diese Ansetzung fast inflationär „genießen“ durften. Nein, dieses Derby steht für sich. Der 18. gegen den Dritten, der zudem noch punktgleich ist mit dem Tabellenführer. Die einen müssen gewinnen, um sich endlich in ruhigere Tabellengefilde abzuheben – die anderen stehen wider Erwarten kurz vor einer Tabellenführung. Ergo: Wer braucht für eine angespannte Atmosphäre einen Wiese?

Auf selbiger im Weserstadion wird es morgen hoffentlich so heiß hergehen, wie die Spieler es ankündigen. Im gestrigen Training war wirklich Tempo drin. Heute zu bewerten, erübrigt sich, da im Stadion wie bei fast jedem Abschlusstraining Spielzüge (zumeist ohne aktiven Gegenspieler) und Standards (mit Gegenspielern) geübt wurden. Bei Letzterem agierte die A-Elf als Abwehr. Ein Wink, dass Defensive Trumpf sein wird? Ich hoffe nicht. Dafür hat die Mannschaft gegen Köln zu viel Positives aus dem eigenen Offensivspiel gezogen. Jetzt noch mal eine Defensivtaktik wie in Dortmund oder München könnte da schnell kontraproduktive Auswirkungen haben. Bei aller Wertschätzung der starken Bremer Offensive (Marin, Hunt, Pzarro, Arnautovic).

Klar ist beim HSV die Startaufstellung. Drobny steht im Tor, Mancienne verteidigt rechts neben den Innenverteidigern Westermann und Rajkovic, während Aogo die linke Seite dichtmacht. Auf der Doppel-Sechs stehen Jarolim und Tesche in der Startformation, während Jansen links und Skjelbred rechts außen anfangen. Davor stehen Petric und Guerrero. Nehme ich die Startelf der Bremer (Wiese – Sokrates, Prödl, Wolf, Schmitz – Bargfrede – Fritz, Hunt – Marin – Pizarro, Arnautovic) als Grundlage, sehe ich tatsächlich keinen Grund zur Sorge. Im Gegenteil. Ich hoffe, dass die Mannschaft (samt Trainer) genau so forsch in Bremen antritt und auf Sieg spielt, wie es die Worte nahezu aller Protagonisten in dieser Woche andeuteten. Ich glaube, die Mannschaft will nach vorne spielen – ich hoffe, sie macht es auch. Denn eine Sache hatte bislang immer gefehlt – bis zum Köln-Spiel: Mut. Und den muss die Mannschaft haben, wenn sie bei dem mit 41600 Zuschauern ausverkauften, stimmungsvollen Nordderby morgen etwas mitnehmen will.

Zumal das Spiel in Bremen eine riesige Chance bietet. Es kann ein erstes Mosaik bei der Wende zum (lieber noch vorsichtig formuliert…:) Besseren sein. „Ein Sieg wäre ein Befreiungsschlag“, sagt Westermann. „Es wäre ein Schritt nach vorn“, ist Rajkovic da noch etwas vorsichtiger. Aber auf jeden Fall hätte der HSV endlich mal eine Woche, in der er sich nicht nur über Fehler, Gegentore und fehlende Punkte unterhalten müsste. Und das allein – so seltsam das aus dem Mund/der Tastatur eines Journalisten auch klingt – wäre schon Gold wert für diese seit Wochen gebeutelte Mannschaft.

Besondere Hoffnungen lege ich dabei auf die Doppelspitze Petric/Guerrero. In die Cleverness und die Eingespieltheit der beiden, die wohl das Beste sind, was wir offensiv zu bieten haben. „Wir verstehen uns blind“ und „es macht uns einfach Spaß, miteinander zu spielen“ tröten sich die beiden gegenseitig zu. Und im Training wirkt es auch, als freuten sich die beiden wirklich auf ihren ersten gemeinsamen Auftritt seit dem Dortmund-Spiel. Was so ein bisschen Freude am Fußball ausmacht, wissen wir alle. Und wenn Jansen auf links endlich wieder funktioniert, Skjelbreds Aussage „Ich kann im Mittelfeld überall spielen, außer außen“ nicht zutrifft und unsere (Gegner-weg-)Arbeiter Westermann und Rajkovic als Derby-Bollwerk ihren Worten Taten folgen lassen, kann es definitiv was werden.

Ein Sieg in Bremen – und alles wäre gut. Zumindest für Sonnabend Abend. Obwohl, auch noch für Sonntag. Und für Montag. Eigentlich sogar bis Sonnabend. Eben bis Gladbach kommenden Sonnabend in die Imtech-Arena kommt und und sich – mal im arroganten Wiese-Stil gesprochen – hier ne Klatsche abholt.

Und dann ist alles noch besser.

Ich träume! Endlich mal wieder…

Da geht was! Ich freue mich auf das Spiel morgen Abend! Und damit stehe ich sicher alles andere als allein da.

Bis morgen,
Scholle (16.45 Uhr)

Kurz notiert:

Kader: Neben der Startelf reisten Mickel, Bruma, Töre, Rincon, Kacar, Berg und Sternberg mit nach Bremen.

Kosten: Paolo Guerrero und Tomas Rincon müssen tief in die Tasche greifen. Die beiden Südamerikaner kamen erst 15 Minuten vor Beginn des Abschlusstrainings am Stadion an. Normal sollen allen mindestens 60 Minuten vor Trainingsbeginn da sein.

Kater: Auslaufen ist am Sonntag um zehn Uhr an der Imtech-Arena.