Tagesarchiv für den 8. September 2011

Der neue Optimismus im Volkspark

8. September 2011

In zehn Minuten sollten die HSV Spieler 20 Tore schießen. In nur zehn Minuten! Die Flanken segelten von links und rechts zur Mitte, dann hieß es: „Feuer frei!“ David Jarolim verwandelte einen nach dem anderen. Die Stimmung war gut bis prächtig, trotz des sintflutartigen Regens, und besonders herzhaft wurde gelacht, als sich Tomas Rincon und Slobodan Rajkovic um den Hoch-und-weit-Preis des Tages stritten. Beide droschen die Kugel hoch und weit über den Fangzaun, zum Schluss gewann der Neuzugang hauchdünn. Zum Schluss dieses „Bombardements“ fehlten allerdings 30 Sekunden, es wurden nur 19 Treffer geschafft, deswegen verlängerte Oenning auch diese Übung. Tore braucht der Mensch – und der HSV erst recht.

Wenn nicht alles täuscht, denn geht das Hamburger Team gut oder sogar bestens gerüstet in das Nordderby am Sonnabend. In dieser Woche ließ Trainer Michael Oenning stets die für Werder angedachte Anfangsformation spielen, damit sich die Mannschaft schon einmal (ein wenig besser als zuletzt) einspielen kann. Erkrankt keiner mehr, verletzt sich auch keiner mehr bis Sonnabend, dann spielt der HSV im Weserstadion mit Drobny; Mancienne, Westermann, Rajkovic, Aogo; Jarolim, Tesche; Skjelbred, Jansen; Guerrero, Petric.

Liest sich doch gar nicht so schlecht, oder? Was noch hinzu kommt: Auch an diesem Tag lag ein ungeahnter, in dieser Form lange nicht mehr erlebter Optimismus in der Luft, die sich über dem Volkspark breit gemacht hat. Es erschließt sich mir noch immer nicht, wieso der HSV auf einmal eine solche breite Brust hat, aber es ist auf jeden Fall ja nicht verkehrt. Wenn die Spieler (und der Trainer) an sich glauben, wenn sie meine, dass sie auf dem besten Wege sind, zur alten Stärke zurückkehren zu können, dann ist das ja schon einmal eine sehr gute Voraussetzung für ein Erfolgserlebnis an der Weser. Und das wünschen wir uns doch wohl alle. Endlich einmal wieder.

„Wir haben sehr konzentriert und sehr gut trainiert, das gibt der Truppe auch ein sehr gutes Gefühl, ich erwarte jetzt von der Mannschaft, dass sie ihren Weg so weitergeht, wie zuletzt gegen Köln und den Spielen unter der Woche. Mutig und vor allem zweikampfstark“, sagt Michael Oenning. Der selbst auch offensiv und sehr mutig wurde – an diesem Donnerstag: „Gerade auch für uns im Moment arg gebeutelten Hamburger ist es die Möglichkeit, mal wieder positive Schlagzeilen zu machen – und diese Chance werden wir uns nicht nehmen lassen.“ Oha. Der HSV hat ein kleines, winziges Pünktchen auf der Habenseite, Bremen schon ganze neun Zähler. Hoffentlich ist das nicht alles der Schrei vor dem Gang in den dunklen Wald . . .

Warum der HSV-Coach so mutig voranprescht, dass er seinen Jungs den neuen Optimismus in dieser Form fast „gnadenlos“ vorlebt, das erklärte er auch sofort: „Das ganze Drumherum, die tägliche Arbeit – es gibt ja Situationen, die die Mannschaft enger zusammenrücken lässt, es ist auch eine gewisse Trotzreaktion zu spüren. Es ist ja nicht angenehm, wenn man jeden Tag irgendwo eine Aussage lesen kann, über den aktuellen Zustand über sich selbst, das geht schon nicht spurlos vorüber, aber das kann ja auch Reaktionen auslösen. Ich habe den Eindruck, das die Mannschaft sehr wohl weiß, was da am Sonnabend auf sie zukommt.“ Und er sagt auch: „Wir haben die Chance, in Bremen zu gewinnen, und das löst in mir schon eine positive Reaktion aus, und die muss ich jetzt auf meine Mannschaft übertragen, und dann hoffe ich auch, dass wir es schaffen.“

Auf jeden Fall scheint der Trainer nun seine Mannschaft gefunden zu haben, die den HSV wieder in Richtung Tabellenmittelfeld bringen soll. Es ist jene Elf, die ich zu Beginn nannte. Oenning aber sagt: „Im Moment ist sie das, aber das ist ja auch ein fragiles System. Das habe ich auch immer versucht zu sagen. Man hat uns immer versucht zu erklären, dass es immer wieder Systemwechsel gegeben hat, was nicht der Fall ist. Aber es gibt eben immer mal Dinge, die sich verändern, da wir einige Neuzugänge sehr spät gekommen haben. Also muss man sie spielen lassen. Da kann man dann sagen, gewollter Wechsel oder ungewollter Wechsel, oder aus der Not heraus, aber wir haben nicht gut gespielt, also mussten wir etwas verändern.“

Auch Bremen muss etwas verändern – vor diesem Spiel. Per Mertesacker spielt nun für den FC Arsenal, damit ging der Werder-Kapitän von Bord. Vorteil HSV? Oenning sagt: „Ja, das glaube ich. Per ist ein unglaublich wichtiger Spieler für seine Mannschaft, es ist schon ein großer menschlicher Verlust für Werder, ich glaube schon, dass er dem Team sehr fehlen wird. Zumal man seine Abwehr ja nicht so gerne verändert.“

Vielleicht können ja die HSV-Spitzen Mladen Petric und Paolo Guerrero aus dem Fehlen des Bremer Nationalspielers Kapital schlagen. Beide sind wohl das Beste, was der HSV in dieser Saison in Sachen Angriff aufzubieten hat. Guerrero ist nach seiner Flugangst-Verkrampfung wieder fit, Petric nähert sich seinen 100 Prozent. Und er sagt: „Wir haben in der Länderspielpause sehr gut gearbeitet, wir freuen uns auf dieses Spiel, beim letzten Aufeinandertreffer mit den Bremern haben wir 4:0 gewonnen, von daher müssen wir uns da nicht verstecken. Wir können da schon mit einem gewissen Optimismus hinfahren.“

Auch da ist er also wieder, der beim HSV neu entdeckte Optimismus. Es lässt sich nicht mehr leugnen, der HSV ist mental offenbar zur alten Stärke zurückgekehrt. Oder auf dem besten Wege dorthin. Petric: „In einer solchen Phase würde ein Sieg im Nordderby natürlich noch viel mehr bewegen, als ein Erfolg über eine andere Mannschaft.“ Abstiegsangst gibt es (natürlich) auch bei Mladen Petric nicht. Obwohl er in den zurückliegenden Tagen, seit der HSV Platz 18 bekleidet, genügend damit konfrontiert worden ist. Er aber sagt gelassen: „Das ist ja nichts Neues, dass die Medien-Landschaft hier bei einem solchen Tabellenstand so aggressiv schreibt. Umgekehrt geht es ja genau so. Wenn es gut läuft, spricht man hier automatisch von Meisterschaft und Champions League. Das hat ja auch einen gewissen Reiz, denn dann sind alle Augen auf uns gerichtet. Viele Leute, außer natürlich unsere Fans, hoffen vielleicht auch darauf, dass es irgendwann mal passiert – und wir können diesen Reiz dann mitnehmen und auch zeigen, dass diese Zeit doch noch nicht gekommen ist.“ Das Wort Abstieg hat er bis dahin vermieden, aber dann fügt er es doch noch an, obwohl er es eigentlich wohl nicht so richtig sagen wollte: „. . .Dass diese Zeit noch nicht gekommen ist, dass der Dino absteigt.“

Spürt er den Druck, der nun überall herbeizitiert wird – weil der HSV das Schlusslicht der Liga ist? Petric: „Druck hat man immer. Wenn wir Vierter sind, dann müssen wir, weil wir die Champions League vor Augen haben. Wenn wir Siebter sind, dann müssen wir, weil wir die Europa League vor Augen haben, und wenn wir Letzter sind, dann müssen wir, weil wir nicht absteigen wollen. Also müssen wir immer. Das ist nichts Neues. Druck haben wir immer, den Druck müssen wir mit auf den Platz nehmen.“

Der Kroate hat nicht viel Verständnis dafür, dass in Hamburg schon der Abstieg des HSV thematisiert wird. Er sagt nämlich: „Als wir vor drei Jahren mit Martin Jol super starteten, oder auch bei dem besten Start des HSV unter Labbadia, dann spricht man von der Champions League. Wir haben die Champions League aber nicht erreicht. Deswegen glaube ich jetzt auch nicht, dass wir schlussendlich absteigen werden.“ Obwohl es ja diesmal eine etwas andere Vorgeschichte gibt. Damals wollte der HSV stets oben angreifen, diesmal verwies jeder HSV-Verantwortliche auf den Umbruch, auf die neue, jugendliche Mannschaft. Petric: „Trotz allem verändert sich für uns nicht viel. Es gab immer einen neuen Anlauf, nur diesmal ist der Schnitt etwas größer. Und damit müssen wir nun klarkommen.“

Was bislang nicht gerade gut klappte, aber nun scheint der HSV ja wieder auf dem Wege der Besserung. Optimismus vor Bremen ist jedenfalls genügend versprüht worden – nun folgt das, was Otto Rehhagel immer wieder so gern sagte: „Die Wahrheit liegt auf dem Platz.“ Wir werden sehen.

Übrigens: Das ist hier heute der 1000. Bericht von „Matz ab“. Für mich sind es schon „gefühlte 10 000 Berichte, aber ich will auch nicht so groß feiern, denn: In diesen 1000 (in zwei Jahren, einem Monat und zwei Tagen) schlichen sich auch solche „Berichte“ ein wie: „Der nächste Blog folgt gegen 20 Uhr“. Oder es gab einen Halbzeitbericht, wie zuletzt in Luzern. Also halte ich den Ball mal ganz schön flach, bin aber trotz allem sehr optimistisch, dass wir auch die „richtigen“ 1000 demnächst erreichen werden.

Allen „Matz abbern“ einen wunderschönen und entspannten Feierabend.

19.27 Uhr