Tagesarchiv für den 7. September 2011

Jarolim vor seinem 300. Bundesliga-Spiel

7. September 2011

Das ist heute eine zähe und späte Geschichte. Ist es immer dann, wenn, so wie an diesem Mittwoch, um 16 Uhr trainiert wird. Danach erst die Fahrt über die stets und ständig krisengeschüttelte A 7 nach Hause – das zieht sich. Morgen, darauf möchte ich schon hinweisen, ist wieder um 16 Uhr im Volkspark Training . . . Heute, weil es sich gerade so schön anbietet, waren wieder einige „Matz abber“ unter den Kiebitzen, und die gesellen sich meistens zu Benno Hafas und zu mir. Da wird dann mitunter lebhaft diskutiert. Das ist normal. Und völlig normal, deswegen schreibe ich es hier, war folgende Szene: Der Herr neben mir sagte: „Ihr müsst viel härter werden, das ist noch alles viel zu weich – für den Mist, der beim HSV verzapft wird.“ Und der Herr links von mir sagte: „Nein, da gehören so viele Sachen, die geschrieben werden, gar nicht in die Öffentlichkeit. Warum macht man solche Dinge öffentlich, die schaden nur dem HSV . . .“

Natürlich. Selbstverständlich. 50 Prozent sagen wir sind zu weich, 50 Prozent sagen, wir sind zu hart. Und 100 Prozent können wir es eben nicht recht machen – logisch. Und vielleicht doch einmal nachdenkenswert. Ich wollte es eigentlich erst am Ende schreiben, aber wo ich gerade einmal dabei bin: Der Name Jürgen Hunke steht noch immer auf dem Index. Obwohl ich ihn unlängst ja schon freigeben wollte. Es kamen aber so viele diffamierende Zuschriften über den ehemaligen HSV-Boss, so dass ich mich gezwungen sah, den Namen weiter zu sperren. Ich sage es deswegen, weil es auch jetzt wieder viele Zuschriften gibt, die einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Und bevor ich (der Axel-Springer-Verlag) verklagt werde, veröffentliche ich diese Dinge gar nicht erst.
Wohl wissend, dass nun auch wieder gepöbelt wird. Aber das gehört dazu, damit kann ich, können wir, inzwischen sehr gut leben . . .

So, zum Wesentlichen. Zum HSV. „Ist das ein Training eines Erstliga-Klubs?“, wurde ich nett, aber provokant gefragt. Aber ja. So lautete meine Antwort. Und das war es in der Tat. Aufwärmen, Passspiel, Flanken und Kopfbälle als Abschlüsse, ein „Spielchen“, in dem der Aufbau (und Abschlüsse) geübt wurden. Das war es – noch nicht ganz. Am Ende gab es noch Diagonalläufe über den halben Platz. Das war sehr gut. Und, um noch einmal auf unseren „Benno“ zurück zu kommen, er fragte mich: „Wie lange wurde so etwas hier nicht mehr gemacht? Endlich wird hier mal Gas gegeben.“ So ist es. Das sah nach Training aus. Nach Erstliga-Training.

Es muss aber festgehalten werden, dass vor den abschließenden Läufen Heiko Westermann und Mladen Petric in die Kabine gingen. Schonung? Ich weiß es nicht, nehme es aber an. Geschont wurde offenbar auch Jaroslav Drobny, der am Dienstag beim Länderspiel gegen die Ukraine 90 Minuten lang im der Tor Tschechen stand. Und die Partie mit einem Erfolgserlebnis beendete, denn die Tschechen gewannen 4:0. Zu null! Das muss dem HSV-Keeper doch wieder eine Portion Selbstvertrauen geben.

Und wo wir gerade bei Tschechen sind: David Jarolim absolviert am Sonnabend, so er sich nicht verletzt oder er erkrankt, seine 300. Bundesliga-Begegnung. Eine stolze Zahl. Herzlichen Glückwunsch, Jaro! Er war auch heute in Sachen Trainingsleistungen einer der auffälligen HSV-Profis, denn er tankte sich einige Male durch die dichtgestaffelte Abwehr und schoss sogar Tore. Wobei ich zum Beispiel bei der Flanken-Übung zwei ebenfalls auffällige Spieler ausmachte. Jeffrey Bruma und Gojko Kacar zeigten ihre Klasse im Kopfballspiel. Apropos Kacar: Es ist mir ja nach wie vor rätselhaft, dass er in ein so tiefes Loch gefallen ist. Liegt es nur daran, dass er lange in der Innenverteidigung gespielt hat, dadurch verlernt hat, wie man im Mittelfeld zu spielen hat? Das wäre mir zu einfach. Auf jeden Fall, das möchte ich hier einmal festhalten, sahen seine heutigen Trainingsleistungen schon wieder wesentlich besser aus, als zuletzt. Ein (kleiner) Hoffnungsschimmer? Er hat uns doch schon allen oftmals bewiesen, dass er es kann . . .

Zurück zu David Jarolim. Er ist nun wieder gefragt, er ist (wohl) wieder Stammspieler, nachdem er zu Beginn noch auf die Bank gesetzt worden war. „Auch dieses Derby wird sicherlich sehr turbulent, wie immer, wenn es gegen Werder Bremen geht. Da sind mir viele heiße Kämpfe in Erinnerung, auch internationale Begegnungen, die gehen einem nicht so schnell mehr aus dem Kopf – ein Derby ist immer etwas Besonderes“, sagt der Mittelfelddauerrenner über die bevorstehenden 90 Minuten.

Es geht jetzt nicht mehr um Rasse und Klasse, erst recht nicht um Schönheit im Fußball, der HSV steht mit dem Rücken zur Wand, steht auf Platz 18 – es geht nicht mehr tiefer. Es muss damit begonnen werden, sich auf die eigene Leistungsfähigkeit zu besinnen. Jarolim bringt es auf den Punkt: „Egal, gegen wen wir spielen, wir müssen endlich einmal gewinnen. Egal, wie der Gegner auch heißt, ob es ein Derby ist oder nicht, wir müssen Punkte holen.“ Leichter gesagt, als getan. Aber „Jaro“ weiß: „Zwischen beiden Städten liegen nur 100 Kilometer, das sagt alles. Da müssen die Zweikämpfe angenommen werden, da wird es zur Sache gehen, ein Derby hat eigene Gesetze – darauf müssen wir uns alle einstellen. Es wird heiß.“ Und er ergänzt: „Wir müssen anknüpfen an die Leistung aus dem Köln-Spiel, nur mit einem anderen Ergebnis.“

Wir alle bitten darum.

An das Köln-Spiel anknüpfen. Hat David Jarolim gesagt, habe ich in dieser Woche so oft gehört. Hoffentlich ist das kein falscher Gedanke. Hoffentlich, denn: Wir erinnern uns alle, was auch hier von jedem zweiten User zu lesen war: „Wenn wir gegen Köln nicht gewinnen, dann können wir doch gleich einpacken. Köln muss ganz einfach geschlagen werden . . .“
Richtig? Erinnert Ihr Euch? Und was hat es gegeben? Richtig. Deswegen halte ich es für verkehrt, dass die HSV-Leistung aus dem Köln-Spiel im Nachhinein noch glorifiziert wird. Es stand am Ende 3:4. Und dass es durchaus gute Passagen des HSV gab, das lag doch bestimmt auch an den Kölner, gegen die „ganz einfach gewonnen werden muss, ansonsten könne man einpacken“. Also, Ball flach halten, 100 Prozent Konzentration auf Werder, nicht schon wieder denken, dass man ja gegen Köln auf jeden Fall „moralischer Sieger“ war. Motto: „Es wird schon.“

Bei David Jarolim bin ich mir sicher, dass er diese Partie so anpacken wird, wie es sich für einen Muster-Profi – wie ihn – gehört. „Jaro“ wird brennen. Und er ist auch schon ein wenig optimistischer geworden: „Die Länderspielwoche hat uns gut getan. Vom Training her, auch weil wir beim 2:2 in Luzern, mal abgesehen von einer verschlafenen halben Stunde, ein ganz gutes Spiel gezeigt haben. Und wenn ich da mal die letzten fünf Minuten gegen Köln ausklammere, dann habe ich schon ein wesentlich besseres Gefühl, als nach den ersten drei Spielen, in denen wir wirklich nicht gut waren. Das weiß jeder von uns. Wir sind jetzt aber stabiler, wir haben uns schon besser gefunden, sind auch spielerisch besser geworden.“

Wenn das stimmt, dann könnte es ja losgehen. Der Wille dazu scheint bei jedem vorhanden zu sein. Sagt auch Jarolim: „Ich denke, dass niemand von uns das Bremen-Spiel auf die leichte Schulter nehmen wird, dazu gibt es auch keinerlei Grund. Wir werden Gas geben. Und wir wollen uns dort nicht nur gut verkaufen, wir wollen in Bremen auch ein gutes Spiel machen. Mit der Unterstützung unserer tollen Fans. Da ist das beste Beispiel für mich auch das Köln-Spiel, denn da waren unsere Fans fantastisch. Wir hatten drei Spiele zuvor nicht gut gespielt, dennoch haben sie uns vorbehaltlos unterstützt, das war einfach nur klasse – und mit diesem Gefühl müssen wir auch in Bremen in das Spiel gehen.“

Jarolim macht, wie erwähnt, sein 300. Bundesliga-Spiel. Für ihn ganz besondere 90 Minuten? „Es ist zwar schön, aber wichtiger ist, dass wir dort gewinnen. Es hilft mir nicht, wenn wir ohne Punkt nach Hause fahren. Es ist ein schönes Jubiläum, keine Frage, aber es wäre mir am liebsten, wenn ich am Sonntag zu Hause sitze, an ein gutes Spiel und drei Punkte für uns denke – und mich daran erinnere, was in den 300 Spielen alles so passiert ist, wie es war, die ganze Zeit. Das wäre das schönste Gefühl für mich“, sagt der tschechische Jubilar.

Was nachvollziehbar ist. Jedenfalls für mich. David Jarolim gehört ganz einfach in diese HSV-Mannschaft, und er ist ja auch wieder mittendrin statt nur dabei. Fühlt er sich schon wieder als Stammspieler? Er sagt: „Das kann man im Fußball nie sagen. Ich bin erfahren genug, um das selber einschätzen zu können, man muss immer seine Leistung bringen, zeigen, dass man wichtig für die Mannschaft ist. Das allein ist wichtig.“

Er war ganz sicher „leicht“ in Frage gestellt worden, zu Saisonbeginn, aber er ist Diplomat: „Ich weiß nicht, wer mich in Frage gestellt hat? Das ist aber so im Fußball, damit muss ein Spieler leben und umgehen können. Natürlich war ich unzufrieden, habe mit dem Trainer darüber gesprochen, habe ihm meine Meinung gesagt – aber es ist jetzt nicht die Zeit, darüber zu sprechen. Ich war damit nicht einverstanden, ganz klar, aber man muss es respektieren, das habe ich getan. Und es war ja eigentlich wie in jedem Jahr, fast in jeder Saison wurde ich irgendwie in Frage gestellt, diesmal war es nur anders, weil ich zu Saisonbeginn nicht in der Mannschaft war. Das hatte ich in den Jahren davor immer geschafft.“ Zum Abschluss sagt er noch: „Das aber ist jetzt alles unwichtig, ich will nicht auf mich selbst gucken, wichtig ist, ganz wichtig sogar ist, dass wir nun endlich Punkte machen.“

Wo er Recht hat, hat er Recht. David Jarolim ist auf jeden Fall einer der wenigen Führungsspieler, die dem HSV noch verblieben sind. Obwohl er da für sich nichts beanspruchen will: „Erfahrung hin, Führungsspieler her, man muss das jeden Tag vorleben, die Leistung muss im Spiel immer stimmen, nur das allein zählt.“

Zu diesem Punkt sind in den vergangenen Tagen und Wochen ja genügend Statements abgegeben worden, auch im Fernsehen (zuletzt zweimal der Sport 1- Doppelpass). Eine Diskussion, die Oliver Kahn angestoßen hatte. Um das schnell noch einmal zum Abschluss zu bringen: Kahn war in seiner aktiven Zeit ein erbitterter Gegner der (meisten) Journalisten. Gab er Interviews, dann waren es Spiegel, Stern, Kicker – aber dann hörte es meistens auch schon auf. Über den Doppelpass zum Beispiel hat er sich mehrfach abfällig geäußert. Ich sage das nur, weil er nun ja auch eine Art „Doppelpass“ spielt, im ZDF. Wenn ich ihn so nach Länderspielen höre, so denke ich immer mehr, dass Kahn dem Ralf Rangnick schon längst den Rang als Deutschlands Fußball-Professor Nummer eins abgelaufen hat.

Wenn kann damit beginnt, zu dozieren, dann spitzen alle die Ohren. Der Erich Rutemöller müsste ihn nach solchen Vorträgen eigentlich die Doktorwürde verleihen: Fußball-Dr. hc. Olli Kahn (der Erste). Ich denke dann immer, wenn er es doch damals schon gewusst hätte, dass er einmal solche Vorträge halten darf und muss, dann hätte er sich wohl die eine oder andere abfällige Bemerkung über den Fußball-Journalismus verkniffen. Haben ja einige schon bereut, die einen ähnlichen Weg gegangen sind. Udo Lattek zum Beispiel, oder auch zuletzt Stefan Effenberg (in einem Mopo-Interview mit Buttje Rosenfeld).
Wobei ich eines aber noch zu Kahn sagen will: In vielen Dingen liegt er absolut richtig (in meinen Augen), er bringt es nur so rüber, als spiele er eine Rolle im Schauspielhaus. Getragen von der Schwere des Stoffes (Fußball.).

So, das war es aber auch, es ist spät geworden Mist. Entschuldigung, ich wollte niemanden den Feierabend versauen.

Wobei, einen habe ich noch. Von Oliver Kahn zu Mario Basler. Der hatte ja, als Experte von Bild, David Jarolim zum schlimmsten Finger erklärt. Ich wollte, da ich zu jener Zeit im Urlaub war, von Jarolim wissen, wie er dazu steht? „Jaro“ antwortete: „Ich kenne Mario ja noch vom FC Bayern, ich weiß nicht, ob er das wirklich denkt. Ich nehme ihm das nicht übel, ich habe kein Problem damit. Obwohl es mich schon wundert, dass er so etwas sagt, denn er kennt mich ja noch von der gemeinsamen Zeit in München . . .“ Ich sagte aber, dass es für manchen Schiedsrichter eventuell eine Bestätigung sein könnte, weil er ebenfalls schon immer so gedacht hat. David Jarolim zu diesem Punkt: „Wenn man erfahrene Schiedsrichter hat, und in der Bundesliga gibt es viele sehr gute Schiedsrichter, dann lassen die sich nicht von so etwas beeinflussen. Auch damit habe ich kein Problem.“

Alle Probleme also gelöst, und Schluss.

Nein, doch noch nicht ganz. Mein lieber Kollege Axel Juckenack konnte ja das Wasser nicht halten, er hat es ja hier schon gpostet, aber ich möchte das vollenden, was ich mir ohnehin vorgenommen hatte. Hiermit möchte ich dem SC Concordia, der ja einen mächtigen Sturz hinter sich hat, ein wenig unter die Arme greifen:

“Hallo liebe HSV-Freunde,

ich möchte hier gerne einmal darauf hinweisen, dass die Bundesliga-Mannschaft des HSV am Dienstag, den 13. Sept. 2011 um 19 Uhr bei Concordia (Landesliga-Hansa) spielt.

Spielort: Sportpark Hinschenfelde, Walddörferstr. 247, 22047 Hamburg (Wandsbek) – Achtung: Keine Parkplätze. Mit Bus bis Ölmühlenweg oder Am Stadtrand!

Karten: Sitzplatz (überdacht) – 20 EUR=, Stehplatz zwölf EURO, ermässigt acht EURO

Da könnt Ihr die Spieler hautnah erleben, ohne Zaun und Schnickschnack!

Vorverkauf: bei Cordi im Clubhaus täglich ab 14 Uhr im Osterkamp 59, 22043 Hamburg

Ende.
20.06 Uhr