Tagesarchiv für den 5. September 2011

Hat der HSV ein Torwart-Problem?

5. September 2011

In der Ruhe liegt die Kraft. Und da der HSV heute, an diesem noch schönen Montag, einen Frei-Tag genießen konnte, war wohl auch Kraft tanken angesagt. Muss ja nichts Schlechtes im Hinblick auf das Werder-Spiel bedeuten . . . Für alle, die sich über diesen freien Tag aufregen sei gesagt, es ist der einzige freie Tag in dieser Woche. Und einen Tag mit der Familie sei den Jungs ja wohl zu gönnen. Obwohl ich, das gebe ich zu, auch eher einer bin, der bei einer besonderen Situation auch besondere Maßnahmen ergreifen würde. Okay, ich habe nur einmal die B-Lizenz des Deutschen Fußball-Bundes erworben (gemacht, nicht gekauft), aber wenn ich jetzt Trainer des HSV wäre, dann würde ich alle Register ziehen, damit der Klub aus der Misere kommt. Ich habe es kürzlich schon in einem Interview mit HH1 gesagt, ich würde es so machen: „Trainieren, trainieren, trainieren, trainieren.“ Felix Magath würde es wohl auch so machen, aber da ist eben jeder Trainer anders. Und bevor es hier wieder heißt, dass ich auf Michael Oenning losgehe: Der jetzige HSV-Coach lässt nicht mehr und nicht weniger trainieren, als alle seine Vorgänger in diesem Jahrtausend. Und auch als fast alle im alte Jahrtausend.

Themawechsel. Noch immer beschäftigt die angespannte Lage des Tabellenletzten die HSV-Fans. Ich bekomme täglich viele Anrufe und Mails, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Eine Mail möchte ich – auszugsweise – einmal veröffentlichen. Sie dreht sich um ein ganz spezielles Thema:

„Nach den letzten Ergebnissen werden meine Sorgen immer größer. Zumal
der HSV offenbar nun ein massives Torwartproblem hat.
Ich bin ja sehr von dem australischen Torwart angetan, der bei Dortmund auf
der Bank sitzt. Der hat letzte Saison seine Sache beim Spiel gegen die
Bayern in München sehr gut gemacht. Mitchell Langerak. Wer von der Bank
kommt und in der Allianz Arena gegen die Bayern so die Nerven behält, der
kann auch was.“

Nun ist es ja so, dass die Transferliste geschlossen ist. Es ist also müßig, über Langerak nachzudenken. Was mich bei diesem Thema aber bewegt: Ich kann es immer noch nicht fassen, warum sich der HSV von Wolfgang Hesl getrennt hat. Aber das ist wohl ein ganz anderes Thema.

Die Frage aber, ob der HSV nun ein Torwart-Problem hat oder auch nicht, die stellen sich in diesen Tagen viele Fans. Und nicht nur sie. Ich habe deshalb mit drei „Altmeistern“ gesprochen: Horst Schnoor (77), Jupp Koitka (59) und Rudi Kargus (59). Sie alle verfolgen den HSV, ihren HSV noch immer ganz genau, und sie achten dabei naturgemäß auch immer (ganz besonders) auf ihre Nach-Nachfolger.

Und? Hat der HSV nun ein Torwart-Problem, Horst Schnoor? Der Mann, der über 15 Jahre (!) die Nummer eins des HSV war, der 1960 mithalf, den Meistertitel nach Hamburg zu holen (und den Pokalsieg 1963), sagt: „Wenn man das betrachtet, was bisher passiert ist, dann muss man feststellen, dass das nicht allzu gut aussieht. Ob sich das aber zu einem Problem entwickeln wird, das weiß ich noch nicht, das will ich erst noch abwarten.“ Schnoor, ein großer Befürworter von Frank Rost, sagt aber auch: „Ich will gar nichts gegen Torhüter sagen, denn die haben es besonders schwer. Beim HSV zum Beispiel kann es doch nicht angehen, dass man gegen den 1. FC Köln vier Gegentreffer in einem Heimspiel kassiert. Das liegt auch an der Abwehr, das liegt gewiss nicht nur an Jaroslav Drobny.“

Von HSV-Torhüter Nummer zwei, Tom Mickel, war Horst Schnoor in der Vorbereitungsphase begeistert: „Da hat er mir gefallen, gar keine Frage. Da habe ich auch gedacht, dass das ein junger Mann ist, den man bedenkenlos zwischen die Pfosten stellen kann. Wenn ich aber nun lese, dass er beide Gegentore in Luzern verursacht hat, dann werde ich vorsichtig.“

Wobei Schnoor von der heutigen Torwart-Generation beeindruckt ist, tief beeindruckt sogar: „Der Neuer ist inzwischen ja schon ein alter Hase, aber es kommen ja schon viele gute Leute nach. Hannovers Zieler zum Beispiel, ter Stegen aus Mönchengladbach, Stuttgarts Ulreich, Kaiserslauterns Trapp, der Leno aus Leverkusen – super Leute. Die spielen mit, die stehen weit vor ihrem Tor, sind fußballerisch stark, gehen mutig raus bei Flanken – Hut ab.“

Ähnlich sieht das Rudi Kargus, der von 1971 bis 1980 HSV-Keeper war: „Die jungen Leute von heute sind schon stark, die interpretieren das Torwartspiel völlig neu, sind damit aufgewachsen, das ist schon gut anzusehen. Nur das hilft dem HSV nicht großartig weiter, wenn man die jungen Leute der anderen Klubs hervorhebt.“ Und? Hat der HSV ein Torwart-Problem? Kargus windet sich, möchte nichts Schlechtes sagen. Dann aber entfährt es ihm: „Ich sage das aus weiter Entfernung, denn ich sehe ja auch kein Training. Das aber, was da bislang in den Spielen gelaufen ist, hat nicht gerade gut ausgesehen.“ Der frühere Nationaltorwart weiter: „Da kann man nur – auch für den HSV – hoffen, dass sich Jaroslav Drobny schnell findet und die Kurve kriegt. Es liegt wohl auch daran, dass er ein Jahr nicht gespielt hat. Wenn er nun immer eingesetzt wird, dann wird er sich wohl fangen. Ich hoffe es jedenfalls für ihn, denn ich habe ihn kürzlich kennen gelernt, er ist ein sehr netter Kerl.“

Dass Drobny „schon“ 31 Jahre alt ist, das spielt für Rudi Kargus keine Rolle: „31 ist ja kein Alter für einen Torwart, da hat man genügend Erfahrungen gesammelt, dafür gibt es doch auch in der Bundesliga genügend gute Beispiele.“

Macht sich Rudi Kargus generell Sorgen um den HSV? „Ja, das kann man schon sagen. Dieser Start gibt Anlass zur Sorge, keine Frage. Die Situation ist sehr schwierig, für mich entscheiden die nächsten Wochen darüber, wohin es mit dem HSV gehen wird. Es müssen jetzt Punkte her, dafür muss alles getan werden.“ Um den erstmaligen Abstieg zu vermeiden.

Es wäre der Super-GAU. Obwohl es den, ich weiß, gar nicht gibt. Aber mit diesem GAU beschäftigt sich auch Jupp Koitka, der zweimal (1980 – 82 und 1987 bis 90) HSV-Torwart war. Macht er sich Sorgen um seinen HSV? „Ich habe neulich, als meine Frau und ich den HSV im Fernsehen verlieren sahen, zu ihr gesagt: Diesmal schaffen sie es, diesmal gehen sie runter . . .“ Obwohl er es sich wünschen würde, dass er Unrecht hat.

Und? Hat der HSV ein Torwart-Problem? Jupp Koitka diplomatisch: „Dazu sage ich nichts.“ Dann beurteilt er Jaroslav Drobny doch: „Er war in Bochum und bei Hertha BSC ja ein erstklassiger Mann zwischen den Pfosten, er kann es doch nicht verlernt haben . . .“ Es liegt wohl auch an der einjährigen (Zwangs-)Pause, die Drobny hinter Frank Rost verbringen musste. Koitka: „Ohne Spielpraxis verliert ein jeder seine hundertprozentige Stärke. Wer das nicht wahrhaben will, wer das nicht sehen will, der hat keine Ahnung vom Torwartspiel.“ Für Koitka steht fest, dass Drobny auch deswegen in der Kritik steht, weil der HSV eine völlig neue Mannschaft aufbauen muss: „Da ist ja nicht nur die Abwehr neu, sondern gleich alles. Das muss sich erst noch finden. Dann wird auch Drobny wieder besser. Obwohl ich sagen muss: Es passt beim HSV im Moment vieles nicht, das gesamte Drumherum stimmt einfach nicht.“

Auf jeden Fall aber rät Koitka Trainer Michael Oenning, jetzt weiter an Jaroslav Drobny festzuhalten: „Der Coach hat sich für ihn als Nummer eins entschieden, da kann er sich nicht nach vier Spieltagen schon wieder anders entscheiden, dann muss er das auch durchziehen. Alles andere wäre falsch. Es sei denn, Drobny leistet sich nun in den nächsten Spielen Klops auf Klops.“

Das aber will niemand hoffen.

Übrigens: Jupp Koitka war lange Jahre DFB-Trainer für alle Nachwuchstorhüter. Er kennt sie alle, die Schlussleute in Liga eins und zwei, denn alle sind durch seine Hände gegangen. Und er ist HSVer. Zwar nicht in Hamburg lebend, aber immer noch mit der Raute im Herzen. Wenn nun alles schieflaufen sollte, dann dürfte sich der HSV ruhig einmal an Koitka halten, er könnte nicht nur entsprechende Tipps geben, er hätte sicherlich auch die eine oder andere Telefonnummer . . . Wie gesagt, wenn es nicht nach Wunsch laufen sollte. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute ist so nah? Mit Horst Hrubesch verhält es sich ja ähnlich. Auch er HSVer durch und durch, auch er kennt jeden jungen Knaben, der in diesen Monaten und Jahren von unten nach oben will. Und die Telefonnummern von diesen beiden HSV-Urgesteinen hat zwar nicht jeder im HSV, aber einer ganz sicher: Bernd Wehmeyer. Wäre mal ein Versuch wert.

Übrigens: Nicht nur mit Horst Schnoor, Jupp Koitka und Rudi Kargus sprach ich heute, sondern auch mit Radio-Supermann und –Legende Manfred „Manni“ Breuckmann. Nicht nur über die Bundesliga allgemein, sondern auch speziell über den HSV. Der gute „Manni“ sagte zum Abschluss: „Macht in Hamburg keinen Mist, entlasst den Michael Oenning bloß jetzt nicht. Gebt ihm Zeit, denn die gesamte Mannschaft ist im Umbruch, da hätte es jeder Trainer schwer. Und wer sollte es dann, wenn Oenning gehen müsste, richten? Funkel? Stevens? Ich kann nur jedem in Hamburg raten: haltet durch.“ Und er hat auch gleich ein Beispiel aus seiner näheren Umgebung parat: „Vor einem Jahr hatte Fortuna Düsseldorf sechs Spiele in Folge verloren. Sechs Spiele. Trotz allem hielt der Klub an Trainer Norbert Meier fest. Und nun? Wo steht die Fortuna heute? Genau. Die schicken sich an, in die Erste Bundesliga aufzusteigen. Mit Meier. Als ist meine Empfehlung: Haltet länger an euren Trainern fest, denn wer weiß, wie es mit einem neuen Mann laufen wird?“

Richtig, „Manni“. Der HSV hat ja auch versprochen, Geduld zu bewahren.

So, ich bin am Ende. Am Dienstag wird im Volkspark zweimal (10 und 15 Uhr) geübt – alles für Bremen. In diesem Sinne, ich wünsche allen einen wunderschönen Feierabend. Mit viiiiiiiiiiiiiel Geduld.

18.06 Uhr