Tagesarchiv für den 31. August 2011

Arnesen attackiert Magath – Ben-Hatira wechselt zur Hertha *8:0-Sieg in Bremerhaven***

31. August 2011

Es ist der vielleicht verrückteste Tag in der Bundesligasaison: der 31. August. Und das gilt für jedes Jahr, für jeden Klub und wahrscheinlich auch für jeden Fußballreporter. Denn Saison um Saison geht es an diesem ominösen letzten Tag im August noch mal ganz hoch her. Das beginnt schon mit der Transferliste, auf der alle Spieler stehen müssen, die innerhalb oder in die Bundesliga wechseln wollen und endet erst mit Transferschluss um 18 Uhr, bzw. mit dem Schluss der Transferlisten im Ausland bis 24 Uhr. Jede Sekunde kann etwas passieren. Wie beim HSV. Da standen heute morgen gleich vier Hamburger auf der Transferliste: Eljero Elia, Änis Ben-Hatira, Sören Bertram (ich nehme es vorweg: Bertram bleibt!) und Guy Demel. Wobei, genau genommen standen fünf Hamburger drauf, nämlich auch noch Zugang Ivo Ilicevic.

Und der war um 16 Uhr endlich da. Der Kroate hatte zuvor den Medizincheck bestanden und unterschrieb im Büro von Frank Arnesen einen Vierjahresvertrag bis 2015. „Wir sind sehr, sehr zufrieden mit der Verpflichtung“, freute sich Sportchef Frank Arnesen anschließend, „wir hatten schon seit drei, vier Wochen Kontakt und mussten nur warten, bis wir einen Spieler verkaufen.“ Das ist mit Eljero Elia geschehen. Neun Million zuzüglich einer Erfolgsprämie kassieren die Hamburger in drei Raten: Vier Millionen sofort und jeweils zum 31. Januar 2012 und 2013 noch mal 2,5 Millionen Euro. Die hier im Blog geäußerte Vermutung, dass der HSV die sofort erhaltenen vier Millionen Euro gleich wieder ausgegeben hat, ist wohl falsch. Stattdessen wird auch Ilicevic vom HSV in Raten bezahlt. Branchenüblich.

Aber warum wechselt man zum Tabellenletzten? „Weil der HSV ein Riesenverein ist mit einer großen Tradition“, antwortet Ilicevic. Der Kroate war heute morgen um 8.05 Uhr aus Zagreb gekommen und reist am Mittwochabend wieder zur Nationalmannschaft zurück. Dort trifft er auf Mladen Petric, der auch ein Grund für seinen Wechsel an die Elbe war. Wie er sagt: „Ich kenne Mladen von der Nationalmannschaft, er ist ein überragender Fußballer. Ich freue mich darauf, mit einem so großen Fußballer zusammenspielen zu können.“ Zudem fügt Ilicevic als Wechselgrund hinzu: „Der HSV steht momentan vielleicht nicht fantastisch in der Tabelle. Aber das wird sich noch drehen.“ Ilicevics Worte in des Fußballgottes Ohr.

Aber gut, was soll er auch sagen?

Zumal er entgegen der Vorwürfe aus Kaiserslautern, wo man ihn als undisziplinierten Heißsporn titulierte, eher gesetzt wirkt. „Ich bin außerhalb des Fußballplatzes eher ein ruhiger Typ“, so der Mittelfeldspieler. Auf die Vorwürfe aus Kaiserslautern angesprochen, funkte sein Berater Volker Struth plötzlich dazwischen. Ein ungewöhnlicher Vorgang, den ich so noch nicht erlebt habe. Struth sagte: „Lasst das Thema doch endlich ruhen. Ivo wird sich auf jeden fall nicht mehr dazu äußern.“ Dass der 24 Jahre alt ist und uns das auch selbst hätte sagen können, verwunderte mich dann zwar ein wenig, es beunruhigt mich aber nicht.

Denn ansonsten machte Ivo einen aufgeschlossenen, guten Eindruck. Es werde nach dem Rot gegen Bayern keine dritte Rote Karte geben. Und er selbst würde sich umso mehr ärgern, noch vier Spiele aussetzen zu müssen und so nicht sofort für den HSV spielen zu können. Allerdings suchte er auch gleich den positiven Aspekt: Immerhin würde er dadurch mehr Zeit haben, sich an alle und alles Neue zu gewöhnen. „Ich werde dann auch von keinem ersten Spiel an helfen können.“ Wo er das machen will? „Ich spiele am liebsten auf der linken Seite, weil ich von dort zum Tor ziehen und zum Torabschluss kommen kann.“

Ilicevic tritt damit eins zu eins in Elias Fußstapfen, der auch immer betonte, sich auf links am wohlsten zu fühlen. Allerdings bin ich mir sicher, dass wir mit Ilicevic einen Spieler haben, der in den letzten Monaten mehr Leistung abliefern konnte als der Niederländer, der im Übrigen einen fragwürdigen Einstand in Italien hatte. Dort wurde Elia von den Journalisten gefragt, ob er den HSV mit Juve wirklich auf einer Stufe sehen würde. Denn genau das hatte er uns vor versammelter Journalistenschaft in die Blöcke und Mikrofone gesagt. Seine heutige Antwort: „Italiener, glaubt nicht, was in den Zeitungen steht.“ Eine Lüge, für die ich mich bei Eljero gern bedanken würde, macht sie mir seinen Abgang doch langsam schmackhafter…

Und wie es beim Schreiben eines Blogs unmittelbar vor dem Schließen der Transferperiode so ist, passiert doch noch Unerwartetes: Änis Ben-Hatira ist nun doch noch weg. Obwohl der HSV das gestern eher ausschließen wollte, einigten sich beide Parteien heute unmittelbar vor Toresschluss auf eine Ablöse von rund 600000 Euro zuzüglich einer Beteiligung von 20 Prozent, sollte die Hertha den Spieler weiterverkaufen. Der talentierte aber irgendwie nie wirklich angekommene Offensivspieler unterschrieb in der Hauptstadt einen Vierjahresvertrag bis 30.6.2015.

Schlechter sieht es da bei Guy Demel aus. Der Ivorer weilte gestern und heute in England und stellte sich bei verschiedenen Klubs vor. Und das mit besten Voraussetzungen: einer netten Fußballer-Vita als aktueller Nationalspieler und dazu noch ablösefrei – das hatte ihm der HSV inzwischen zugesichert. Dennoch, bei Aston Villa holte sich der Rechtsverteidiger einen Korb einhandelte, weil er von seinen Gehaltsforderungen nicht abgehen wollte. Und bis jetzt, ich habe um 18.55 Uhr das letzte Mal mit seinem Berater gesprochen, schien sich das auch bei der zweiten Station, bei West Ham United, nicht anders darzustellen.

Demels letzte Hoffnung: Die Frist läuft in England bis 23 Uhr MESZ. Zudem sollen sich zwei türkische Klubs für ihn interessieren. Und bei den Türken wurde die Wechselfrist gerade um eine Woche nach hinten verschoben.

Und dann war da noch der Auftritt des Frank Arnesen. Angesprochen auf den geplatzten Wechsel des Wolfsburger Talentes Koo legte der Däne in für seine Verhältnisse beachtlich bitterem Ton los. „Wir hätten ihn sehr gern als zweiten Transfer gehabt“, so der Sportchef, „aber das ist leider an schlechtem Verhalten gescheitert.“ Womit Arnesen Felix Magaths Veto meinte. „Mein Deutsch ist nicht das Beste, aber es geht. Und meine Ohren funktionieren einwandfrei. Deshalb kann ich das nicht akzeptieren. Ich hatte mit Magath gesprochen und er hatte mir gesagt, er hätte zu viele Mittelfeldspieler. Er sagte, wenn wir uns mit dem Spieler einigen können, würde er dem Wechsel zustimmen. Wir haben uns daraufhin am Donnerstag mit Wolfsburg und am Sonnabend mit dem Spieler geeinigt. Koos Berater rief mich dann am Sonntag an, dass er es Magath mitgeteilt habe und der gesagt hätte, Koo darf nicht wechseln“, schimpfte Arnesen, „und das ist nicht die Art Umgang, die ich gewohnt bin. Das hat keine Klasse. Felix hätte mir sagen können, dass sie ihn vielleicht nicht gehen lassen wollen, dann hätte ich mich parallel umgesehen. Aber so mit Kollegen umzugehen ist klasselos.“

Harte Worte, die ich – wenn sich alles so zugetragen hat – zu 100 Prozent unterstütze. Zumal dem HSV so die Chance auf einen zweiten Neuen mehr oder weniger genommen wurde. Und den hätte ich nur zu gern in Hamburg gesehen.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle auch schon mit einer kleinen Statistik vom Testspiel in Bremerhaven kommen. Allerdings konnte ich ob der Ilicevic-Vorstellung in der Imtech-Arena um 16 Uhr nicht mehr rechtzeitig gen Bremerhaven reisen. Ebenso wenig wie der HSV im Bus, weshalb das Spiel erst um 18.36 Uhr angepfiffen werden konnte. Und um Euch hier nicht ewig warten zu lassen, werde ich Euch die Statistik nachliefern. Nur so viel_ Zur Halbzeit führt der HSV durch Guerrero (10.) und Petric (22.) per Freistoß mit 2:0.

In diesem Sinne, bis gleich.

Scholle
(19.35 Uhr)

Das Testspiel in Bremerhaven konnte der HSV nach anfänglichen Schwierigkeiten auf kniehohem Rasen mit 8:0 gewinnen. Zugang Sven Neuhaus parierte in der zweiten Hälfte die einzig nennenswerte Chance der Bremerhavener (Bremen-Liga), während Marcell Jansen mit leichten Knieproblemen geschont wurde.
Die Statistik:

HSV: Mickel (46. Neuhaus) – Mancienne (79. Labus), Westermann, Behrens (79. Lam), Aogo – Jarolim, Tesche (46. Kacar) – Castelen (58. Sternberg), Guerrero (54. Berg), Skjelbred (79. Nyarko) – Petric.
Tore: 1:0 Petric (10., Freistoß), 2:0 Guerrero (22.), 3:0 Petric (54., FE), 4:0, 5:0 Berg (62., 64.), 6:0 Behrens (67.), 7:0 Lam (83.), 8:0 Petric (87.). Zuschauer: 3250.