Tagesarchiv für den 27. August 2011

3:4 gegen Köln – eine bittere Niederlage, die Fragen aufwirft

27. August 2011

Von der ersten Minute zeigen, wer Herr im Haus ist. Das war die Maßgabe vor dem Spiel. Ausgegeben vom kritisierten Trainer Michael Oenning – und von seinen Spielern. Da gab es keinen, der etwas anderes sagte. Jarolim hatte Offensivfußball gefordert, Dennis Diekmeier ein Feuerwerk und Kapitän Heiko Westermann hatte davon gesprochen, dass es ein richtungweisendes Spiel wird, in dem man den Kölnern keine Luft zum Atmen lasen dürfe.

Und genau so begann das Spiel auch. Der HSV übernahm vor 51289 Zuschauern die Initiative, war aggressiv und. Im Mittelfeld gewann der überraschend ins Team gerutschte Robert Tesche die Zweikämpfe ebenso wie Jarolim, davor wirkte Skjelbred sehr aktiv. Gleich in der ersten Minute hatte Mladen Petric plötzlich und überraschend frei Bahn, nachdem ein Kölner Abwehrspieler den Ball unter dem Fuß durchrutschen ließ. Und hätte Petric nicht den einen kurzen Moment gezögert, es hätte die Blitzführung sein können. Aber so dauerte es bis zur achten Minute, ehe der HSV erneut gefährlich vor das Kölner Tor kam. Allerdings das dann gewaltig, mit einem strammen Schuss des Kapitäns Heiko Westermann aus rund 30 Metern – FC-Keeper Varvodic konnte nur zur Ecke klären. Keine 60 Sekunden später war es wieder Westermann, der einen Freistoß von Dennis Aogo an die Latte köpfte. Chancen im Minutentakt – ein Tempo, das belohnt wurde. Wenn auch etwas fraglich, denn das Foulspiel Geromels an Aogo wertete Schiedsrichter Meyer als fair und ließ weiterspielen. Allerdings nur, bis er die Fahne seines Assistenten Osmers sah, der ein Foulspiel erkannt haben wollte. Eine mehr als fragliche Entscheidung. Aber, wie hatten wir es gestern schon gesagt: Drei Punkte müssen her, egal wie. Und genau nach dem Motto erledigte Mladen Petric seine Aufgabe und verwandelte den Elfer sicher flach links unten zum 1:0.

Eine verdiente Führung für die fleißigeren, willigen Hamburger gegen spielerisch allemal gute Kölner, die sich ihrerseits nicht versteckten. Im Gegenteil, es war ein munteres, ein teilweise sogar richtig gutes Spiel des 17. Gegen den 18. der Tabelle. Die Kölner wussten insbesondere über ihre rechte Seite zu gefallen, wo der ehemalige Hamburger Miso Brecko und Adil Chihi das eine oder andere Mal die HSV-Linken Dennis Aogo und Marcell Jansen überlaufen konnten und beim HSV eine Schwachstelle offenlegten.

Dennoch fiel das Tor durch eine starke Aktion über die andere Seite. Slawomir Peszko überlief den starken aber hier chancen- und schuldlosen Westermann, setzte sich bis zur Torauslinie durch und legte quer au Chihi, der nur noch einzuschieben brauchten – das 1:1 (20.). Bis auf einen Schuss von Son (27.) und eine schöne Aktion Jansen, der sich per Hacke gegen Lanig durchsetzte und drüber schoss, war es das in der ersten Hälfte. Bis auf Son, der nicht ins Spiel finden wollte und die Defensivarbeit auf der linken Seite gab es tatsächlich nichts auszusetzen in einem dem Tabellenstand entsprechend überraschend guten Spiel, in dem sich auch Slobodan Rajkovic schnell eingefunden zu haben schien. Der Serbe schmiss sich in die Bälle und ließ seinen Ankündigungen („Ich gebe immer 100 Prozent“) auf rustikale, kompromisslose Art Taten folgen.

Und während ich mich auf der Tribüne noch darüber wunderte, dass Kölns Trainer Solbakken den bis dahin starken Kölner Peszko für Lukas Podolski vom Platz genommen hatte, bewies Letztgenannter in der 48. Minute die Sinnhaftigkeit seiner Einwechslung. Nach einer verpatzten Abseitsfalle war Podolski links durch und konnte ungehindert in die Mitte passen, wo Milivoje Novakovic am zweiten Pfosten ungehindert einschieben konnte. Wobei die Frage erlaubt sein muss, ob Drobny nicht besser hätte antizipieren können. Oder zumindest schneller reagieren können. Ich meine ja.

Der HSV lag plötzlich zurück und ich fragte mich, warum Oenning nicht sofort personell reagierte. Statt weiter mit einer Spitze (Petric) und dahinter mit Skjelbred zu agieren, hätte ich Paolo Guerrero als zweite Spitze erwartet. Zudem bewarb sich Son bis zu diesem Zeitpunkt seit nunmehr 55 Minuten um seine Auswechslung, während sich mit Töre und Elia eine Menge Potenzial nur am Rand warmlaufen durfte.

Aber, schöner irren kann man sich nicht. Nach einem Freistoß von Aogo aus halbrechter Position schraubte sich ausgerechnet der Südkoreaner am höchsten, köpfte an den Pfosten und den Abpraller machte – welch ein Geschenk zum Debüt – Rajkovic rein. Das 2:2. Aber damit nicht genug. Nach einem starken Pass des bärenstarken Tesche nimmt Son den Ball geschickt runter, umkurvt Andrezinho und schiebt dann auch noch perfekt ins lange Eck ein. Ein wunderschöner Treffer! Anschließend traf Westermann per Kopf sogar zum 4:2 – wobei Assistent Bornhorst hier zurecht auf Abseits entschied.

In der 73. kam Eljero Elia für Son, der unglücklich umgeknickt war und verletzt raus musste. Dem guten Spiel tat das kein Abbruch, denn in der 76. Minute erkämpfte sich der sehr agile Petric an der Mittellinie den Ball, Jarolim schleppte ihn gen Köln-Tor und bediente den mitgelaufenen Skjelbred, der mit links aus 18 Metern einfach mal draufhielt und FC-Keeper Vardovic keine Chance ließ – allein die Latte verhinderte das nächste Traumtor!

Und dann das. Eine gar nicht besonders gut getretene Ecke kommt acht meter vor dem Tor flach bei dem völlig ungedeckten (Raumdeckung? Was machte Skjelbred in dieser Szene??) Clemens (Skjelbred orientierte sich zu Podolski, der frei am Sechzehner stand) freian, der den Ball ebenfalls nicht besonders gut trifft – allerdings schlägt der Ball trotzdem ein. Das 3:3. Und damit der bereits 13. Gegentreffer im vierten Spiel, der die bekannte Problemzone des HSV verdeutlicht.

Zumal es noch schlimmer kam. Einen harmlosen Flankenball will Drobny kurz vor dem Elfmeterpunkt rausfausten und kann sich (gegen den eigenen Mann, Tesche) nicht ausreichend durchsetzen. Der dadurch viel zu kurze Faustabwehr fällt dem gerade erst eingewechselten Kevin McKenna direkt vor die Füße – ein Geschenk, das der Kölner annimmt und zum 4:3 für die Rheinländer einschiebt. Ein Schock, von dem sich die Mannschaft nicht mehr erholte. Es blieb beim 3:4.

Ein Ergebnis, das Fragen aufwerfen wird. Auch personelle. Und eines, das im allerhöchsten Maße alarmieren sollte. Denn was stehen bleibt ist ein Punkt aus vier Spielen. Und das ist ohne jeden Zweifel zu wenig, will man nicht absteigen.

In diesem Sinne, ich muss mich erstmal beruhigen. Denn, ganz ehrlich: diese Niederlage tut weh. Richtig weh sogar. Und sie macht mir Angst.

Bis morgen,

Scholle

Das Spiel im Stenogramm:
Hamburger SV: Drobny – Diekmeier, Westermann, Rajkovic, Aogo – Jarolim, Tesche – Son (75.Elia), Skjelbred, Jansen – Petric (81.Guerrero)
1. FC Köln: Varvodic – Brecko, Sereno, Geromel, Andezinho (68.Clemens) – Peszko (46.Podolski), Lanig – Riether, Chihi – Jajalo (85.McKenna), Novakovic

Tore: 1:0 Petric (FE., 11.), 1:1 Chihi (21.), 1:2 Novakovic (48.), 2:2 Rajkovic (59.), 3:2 Son (62.), 3:3 Clemens (84.), 3:4 McKenna (88.)

Zuschauer: 51.289

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf)

Gelbe Karten:
Aogo / Brecko, Novakovic, Riether