Tagesarchiv für den 22. August 2011

Arnesen sieht Handlungsbedarf – Rajkovic soll kommen

22. August 2011

Frank Arnesen geriet ins Schwitzen. Allerdings weniger, weil er um Antworten verlegen war, als wegen der fehlenden Klimaanlage im 5. Stock der Imtech-Arena, wo der Däne sich zuerst meinen Kollegen vom Fernsehen und anschließend uns Schreiberlingen stellte. Und das sehr ausführlich. Tenor: er würde weiter fest hinter dem Trainer stehen, die Diskussion nicht mitmachen. Die Mannschaft und der Trainer bräuchten Zeit – und die bekämen sie von ihm auch garantiert. Zudem wird binnen der nächsten zehn Tage personell nachgelegt. Und obwohl der Name Slobodan Rajkovic bereits durch alle Medien geisterte, umging Arnesen eine direkte Bestätigung. Er werde erst dann etwas zu einem Spieler sagen, wenn derjenige beim HSV auch unterschrieben habe. Und das ist auch gut so. Denn wie bei Matthias „Ich-habe-den-HSV-verarscht-und-mache-auch-so-weiter“ Sammer gesehen, können selbst bis ins letzte Detail abgeklärte Verträge plötzlich platzen.

Apropos Sammer – den ehemaligen Weltklassefußballer habe ich früher al Nationalspieler geliebt – und bin seit der Geschichte mit dem HSV enttäuscht von ihm. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen habe ich mich bis heute immer wieder gefragt, ob nicht entgegen aller Beteuerungen da der HSV zu naiv war oder gar falsche Dinge kommuniziert hat. Aber seit der Doppelpass-Sendung am Sonntag aber weiß ich, dass Sammer häufiger mal schneller redet als nachdenkt. Denn selbst wenn er damit witzig sein wollte, der Spruch „Mit mir hätte es kein 0:5 gegeben“ war daneben. So weit, dass ich Sammers Intelligenz infrage stellen muss. Es gibt nur ganz wenige Menschen, denen ich derlei Aussagen über den HSV verbieten würde. Aber Sammer ist einer von denen. Gerade er sollte nach seinem Wortbruch lieber ruhig sein und den HSV meiden.

Und wo wir gerade bei Spott sind, über zu wenig davon kann sich der HSV derzeit leider nicht beschweren. Zunächst hatte Hoeneß dem HSV „Hol’s Balli“-Fußball attestiert, jetzt legte Franz Beckenbauer nach. „Man hat die Situation unterschätzt, und die Spieler, die man geholt hat, überschätzt“, so der Kaiser via „Sky 90“. „Bei solchen Stellungsfehlern und Schwächen im Zweikampf: ich weiß nicht, wie das besser werden soll.“ Harter Tobak. Auch für Arnesen, der sich verantwortlich für die Auswahl der Neuen zeichnet. Der allerdings mit Rajkovic gerade diese vom „Kaiser“ angesprochene Schwäche ausbügeln will.

Immerhin gilt der 191 Zentimeter große Serbe als erfahrener Spieler. Rajkovic war zuletzt von Chelsea an den niederländischen Erstligisten Vitesse Arnheim ausgeliehen. Er galt bereits in jungen Jahren als Riesentalent. Chelsea holte ihn 2005 als 16-Jährigen für knapp fünf Millionen Euro von OFK Belgrad, für die er bereits 26 Ligaspiele in Serbien absolviert hatte. Anschließend wurde er vom Abramowitsch-Klub an den PSV Eindhoven und Twente Enschede verliehen. Rajkovic ist seit 2009 serbischer A-Nationalmannschaft. Zuvor war er ein Jahr lang für alle internationalen Spiele gesperrt worden, nachdem er bei den Olympischen Spielen einen Gegenspieler angespuckt hatte. Die niederländische Zeitung „Voetbal international“ hatte geschrieben, Rajkovic würde drei Millionen Euro Ablösesumme kosten und für vier Jahre unterschreiben. Zwei Zahlen, die etwas zu hoch angesetzt sind. Der Abwehrmann, der schon heute in Hamburg sein soll, soll für drei Jahre unterschreiben und rund zwei Millionen Euro kosten.

Viel Geld für den HSV, da bislang kein weiterer Spieler verkauft wurde. Guy Demel ebenso wenig wie Mickael Tavares. „Und für Elia gibt es auch kein neues Angebot“, so Arnesen, der sich nach dem Bayern-Spiel noch mal länger mit dem Niederländer unterhalten hatte. „Bei ihm ist es wie bei vielen Profis: Spielt er, scheint die Sonne. Spielt er nicht, regnet es und er ist sauer. Und auch wenn ein Verkauf des Außenstürmers nicht gänzlich ausgeschlossen ist, betonte Arnesen, dass man sich derzeit keine Gedanken darüber mache. Ob die Schmerzgrenze noch nicht erreicht sei? Arnesen kurz: „Nein.“

Stattdessen bat Arnesen seinen Vorstandsboss Carl-Edgar Jarchow und den Aufsichtsrat um Hilfe, nachdem auch er erkannt hatte, dass defensiv Handlungsbedarf besteht. „Ich habe gefragt. Unsere finanziellen Möglichkeiten sind nicht groß “, so Arnesen, „aber ich bin froh, dass alle sehen, dass wir was tun müssen.“ Damit wollte er jedoch nicht klagen, wie er gleich nachschob. „Ich bin hergekommen und wusste, dass wir finanziell Probleme haben, dass wir nicht mal eben 20 Millionen ausgeben können. Aber ich sehe das als Herausforderung und bin ehrlich gesagt nicht unzufrieden mit dem Kader. Ich gebe den Spielern noch Zeit, weil ich weiß, dass sie gut sind. Unsere Neuen sind zum Teil erst 19, da erwarte ich nicht nach drei Spielen eine Führungsrolle. Das sind nicht die Schlüsselspieler – nicht mal nach einer ganzen Saison.“

So eine Rolle gebe es beim HSV derzeit eh nur einmal, sagt Arnesen: und zwar lediglich mit Heiko Westermann. Der Mannschaftskapitän ist für den Sportchef der einzige Spieler, der eine echte Führungskraft darstellt. „Der lässt sich nicht unterkriegen“, lobt Arnesen, „der spielt weiter, auch wenn er ausgepfiffen wird. Der steht seinen Mann und wird in solchen Momenten sogar noch besser. Heiko ist ein sehr guter Kapitän. Wenn wir hier über Führung sprechen, dann möchte ich nur über Heiko sprechen. Er kann schlecht spielen, ausgepfiffen werden – aber er ist immer weiter ein Vorbild auf dem Platz und im Training.“ Gerade diese unerschütterliche Mentalität Westermanns scheint Arnesen zu imponieren, der sich von der Sorte Spieler offensichtlich mehr wünscht.
Mehr wünscht sich Arnesen auch für Oenning. Der Trainer sei einer Situation ausgesetzt, die mehr Zeit bedarf, sagt der HSV-Sportchef. „Ich habe es von Anfang an gewusst, dass es dauert. Ich habe hier einen Dreijahresvertrag abgeschlossen und hoffe, dass ich den komplett mit Michael als Trainer erfüllen kann.“ Für ihn spiele dabei auch keine Rolle, dass Oenning in elf Spielen beim HSV (saisonübergreifend) nur einen Sieg feiern konnte. Im Gegenteil, Arnesen schiebt die Problematik in den nicht mehr greifbaren Raum. „Nach dem Spiel habe ich in der Kabine gemerkt, dass die Spieler sauer waren. Richtig sauer auf sich selbst. Und jetzt müssen wir Eier haben und den Ärger umformen in Vertrauen und Willen. Jetzt muss jeder Spieler Stolz und Ehre entwickeln, weil er weiß, dass er es besser kann.“

Denn bislang sei der Leistungsstand noch nicht abrufbar, „wir wissen noch immer nicht, wo wir stehen“, so Arnesen. „Aber wir wissen, dass wir besser sind. Und wir wissen auch, dass wir schon bald besser werden.“

Viele Worte, viele Durchhalteparolen und noch mehr Konjunktive. Ich kann nur hoffen, dass Arnesen mit seiner Prognose Recht hat. Alles andere wäre allerdings auch fatal.

In diesem Sinne,
bis morgen!

Scholle (18.45 Uhr)

Kurz notiert:

Während die Stammelf einen knapp 60-Minuten langen Lauf im Volkspark absolvierte, trainierten die Reservisten auf dem Platz. Mladen Petric absolvierte zusammen mit der Startelf aus dem Bayern-Spiel die Laufeinheit und soll am Dienstag um 10 und 15 Uhr aber ebenso wieder mit der Mannschaft trainieren, wie Änis Ben-Hatira heute schon. Weiter ausfallen wird Tolgay Arslan, der seine hartnäckige Knochenprellung im Knöchel am Rande des Bayern-Spiels von FC-Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt untersuchen ließ. Ohne neuen Befund. Wann der Offensivmann wieder voll mittrainieren kann, ist offen.