Tagesarchiv für den 20. August 2011

0:5 in München – eine Demütigung und die Frage: was jetzt?

20. August 2011

Dieser Tag hatte außer Sonnenschein für keinen HSV-Fan etwas zu bieten. Mit 0:5 ging der HSV bei den Bayern unter. Ein Spiel, das allen Verantwortlichen noch mal deutlich vor Augen geführt hat, dass es mit dieser Mannschaft in der Verfassung einzig um den Klassenerhalt gehen kann. Eine Erkenntnis, die ebenso bitter wie realistisch ist. Wie ein Sparringspartner wirkten die Hamburger beim Rekordmeister. Komplett chancenlos wurde der schwächste Start in der Bundesliga seit knapp 30 Jahren für den HSV hingelegt. Für Michael Oenning das elfte Spiel als HSV-Trainer, das zehnte ohne Sieg. „Wir haben zu ängstlich gespielt“, resümierte David Jarolim anschließend, „und die Art und Weise ist nicht gut. Wir können noch froh sein, dass wir nur fünf Tore bekommen haben. „ Und dann kam das, was sich auch dem geneigten Zuschauer aufdrängte: „Wir müssen jetzt aufpassen, dass der Zug nicht ohne uns wegfährt.“

Ehrliche, alarmierende und richtige Worte. Passend dazu hatte mein Tag eh schon das Motto „Sturzflug“. Zum Geburtstag hatte ich von meiner Freundin einen Kunstflug geschenkt bekommen. Ihr wisst schon, Schrauben fliegen, Looping – und eben Sturzflug. Um 11.30 Uhr sollte es losgehen, ich hatte mir extra nur leichte Kost gekauft, um nicht zu viel im später arg strapazierten Magen herumzutragen. Und dann das: die Sonne schien, blauer Himmel, aber fürs Fliegen sollte es nicht reichen. Mein Pilot Herr M. sagte mir, die Hitze habe die Regenmassen im Erdboden derart erwärmt, dass über Hamburg eine Dunstglocke hängt. Das würde meine Sicht (hab ich die bei den ganzen G, die auf mich wirken, wirklich??) so stark einschränken, dass er eine Absage vorschlagen würde. Ich schlug ein. Damit war der Sturzflug verschoben. Etwas, was ich mir von der Mannschaft in München auch erhofft hatte. Und was mir leider nicht gewährt wurde. Im Gegenteil.

Doch leider hatten die Münchener etwas dagegen. Zwölf Minuten gaben sie dem anfänglich kämpferisch guten Hamburgern, dann war es soweit. Ein unnötiges Foulspiel von David Jarolim gegen Thomas Müller, halbrechte Position (aus Bayern-Sicht). Arjen Robben, der bis hierhin mit allen Mitteln von Aogo bearbeitet worden war, schlug die Flanke rein und Daniel van Buyten traf per Kopf zum 1:0. Wobei ich mir die Frage stelle, inwieweit es Sinn macht, mit einer relativ uneingespielten Abwehr mit Raumdeckung zu agieren. Aber egal wie, van Buyten eröffnete den Torreigen, der keine vier Minuten später von Franck Ribery fortgesetzt wurde. Eine Flanke von Müller nahm der Franzose an. Und weder Rincon noch Diekmeier wussten den Münchener vom Torschuss abzuhalten – das 2:0 (17.). Ein Zwischenergebnis, das Bösestes erahnen ließ. Und eines, das in der 34. Minute weiter in die Höhe geschraubt wurde. Robben, der überragende Mann trotz seiner 70-Prozent-Fitness, setzte sich gegen Jansen und Aogo über außen locker durch und krönte seine bloßstellende Aktion mit einem fast schon arroganten Lupfer – das 3:0.

Jetzt fing es an, peinlich zu werden. Auf der Tribüne lachten Hoeneß und Co. über die Leichtigkeit, mit der der Rekordmeister den völlig chancenlosen HSV auseinandernahm. Auf der anderen Seite mussten die HSV-Vorstände Jarchow, Scheel, Hilke und Arnesen erst einmal tief durchatmen, ehe sie fassungslos mitansahen, wie bundesliga-untauglich sich ihr junges Team präsentierte. Michael Oenning auf der Bank wusste gar nichts mehr entgegenzusetzen und blieb nur noch auf seiner Bank sitzen – immer mit dem Blick zur Uhr, die wohl jeder HSVer am heutigen Tag nur zu gern um ne Stunde vorgedreht hätte.

Keine echte Torchance, nur ein Schuss von Diekmeier, dazu hinten komplett überfordert und im Mittelfeld vorgeführt – es war hart für alle, mitanzusehen, wie der HSV sein zehntes Spiel in Folge nicht in der Bundesliga gewinnen konnte.

Es war mehr als ein Klassenunterschied, der verbietet, hier zu loben. Und das hätte neben dem bemitleidenswerten Torwart Jaroslav Drobny einzig der für Petric aufgestellte Töre verdient gehabt. Denn es wurde nicht besser. In der zweiten Halbzeit spielte weiter nur ein Team: der FC Bayern. Gomez legte quer auf Müller, der volley verzog (51.). Drei Minuten später die gleichen Spieler, die Kombination umgekehrt – und erfolgreich. Müller lupft auf Gomez, der Mancienne stehen ließ und aus spitzem Winkel zum 4:0 einschieben konnte.

Und nachdem die Bayern durch Gomez (59.) und Müller (64.) eine höhere Führung vergaben, versuchte Oenning zu retten, was nicht mehr zu retten war. Er brachte Tesche und Kacar, zog Westermann nach hinten in die Innenverteidigung und Mancienne dafür auf die Rechtsverteidigerposition. Zudem musste der beste HSVer, Gökhan Töre, für Tesche weichen und Son spielte fortan als einzige Spitze. Defensiver geht es nicht. Der HSV ergab sich in sein Schicksal. Die Bayern nahmen zudem mit den Auswechslungen von Robben, Ribery und Gomez einen Gang raus und demonstrierten, dass ihre 65 bis 70 Prozent für diesen HSV tatsächlich reichen. Denn Ivica Olic legte in der 80. Minute sogar noch mal nach. Nachdem Drobny einen 100-POrozentigen des ehemaligen HSVers parieren konnte, traf Olic unmittelbar im Anschluss per Kopf zum 5:0. Dass Oenning in der 87. Minute auch noch den eh schon gefrusteten Eljero Elia einwechselte muss ich mir von ihm erklären lassen. Aber mein erster Impuls war: warum jetzt noch? Warum noch das Risiko eingehen, damit einen eh schon frustrierten Spieler noch zusätzlich zu provozieren?

Nein, heute passte nichts. Gar nichts. Und bei aller Geduld, bei allem Verständnis für fehlende Eingespieltheit – niemand kann jetzt noch sagen, dass der HSV personell nicht reagieren muss. Es sei denn, er will sehenden Auges den einzigartigen Dinostatus der Bundesliga verspielen.

Und ganz ehrlich, ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass Fachleute wie insbesondere Arnesen das auch wissen und nur zu gern etwas machen würden. Auch wenn er nach dem Spiel die Stärke der Bayern als Hauptargument nannte und Oenning stärkte (“Er kriegt die Zeit, die er braucht”), würde er nur zu gern jetzt das Risiko eingehen können, was in den letzten beiden Jahren jeweils eingegangen wurde, um den internationalen Wettbewerb zu erreichen. Nein, da ich weiß, wie gern Arnesen in letzter Sekunde noch mal 15 Millionen (wie einst für Berg und Rozehnal) in letzter Sekunde ausgeben würde, wie gern er personell nachlegen würde und wie partout ihm die Hände gebunden sind, appelliere ich hier an diejenigen, die immer noch glauben, in den letzten Jahren habe der HSV vernünftig gehaushaltet.

Auch diejenigen sollten jetzt endlich erkennen, dass da nichts – aber auch gar nichts mehr in der Kasse ist. So wenig, dass noch nicht einmal ins Risiko gegangen werden kann. Und woran das liegt, wissen wir alle. Auch die, die sich hier immer wieder aufschwingen und die Vergangenheit schönreden. Auch die müssen jetzt endgültig einsehen, dass diese aktuelle Chancenlosigkeit das Ergebnis der letzten Jahre ist. Insbesondere der letzten zwei Jahre. Denn im Gegensatz zu den Vorjahren konnte der HSV sein dabei jeweils eingegangenes finanzielles Risiko nicht per Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb nachträglich rechtfertigen – geschweige denn finanziell decken. Es entstanden Altlasten, die die neue Führung noch immer nicht zu bewältigen weiß und die die Bundesliga-Zugehörigkeit des HSV gefährdet.

Soviel Ehrlichkeit muss sein.

In diesem Sinne, die letzte Meldung lasse ich unkommentiert: am Sonntag ist trainingsfrei.

Scholle (17.45 Uhr)

HSV: Drobny – Diekmeier (68. Kacar) , Mancienne, Bruma, Aogo – Rincon, Westermann, Jarolim, Jansen – Son (87. Elia), Töre (68. Tesche).