Tagesarchiv für den 19. August 2011

Petric liegt flach – mit Bubi-Sturm zum Rekordmeister

19. August 2011

Wer den Schaden hat… Im Moment kann sich der HSV sicherlich nicht darüber beschweren, zu wenig belächelt zu werden. Im Gegenteil: als Uli Hoeneß mit einem Vergleich zwischen Dortmunds Pass- und Aufbauspiel und dem seiner Bayern konfrontiert wurde, schickte er einen Gruß der weniger netten Sorte nach Hamburg. Denn, während die Dortmunder gegen den HSV nur wenige Sekunden vom Torwartabwurf bis zum Torabschluss brauchten, wurde eine Bayern-Szene aus dem Spiel gegen Wolfsburg gezeigt. Der FCB hatte zwar mehr als 20 Ballkontakte ohne Unterbrechung, war aber am Ende immer noch kein Stück vorwärts gekommen. „Ja gut“, relativierte Hoeneß und meinte, seine Bayern hätten mit dem VfL den deutlich schwereren Gegner: „Die Dortmunder spielen ja auch nur gegen den HSV. Und der spielt ja noch ‚Such’s Balli’“, so der Bayern-Manager. Der HSV sucht noch den Ball? Und das von dem Mann, dem ich im deutschen Fußball die größten Manager-Fähigkeiten einräume, der eigentlich über jeden Zweifel erhaben sein sollte. Bitter! Mein Interview mit Hoeneß 2009 zähle ich sogar noch immer als mein persönliches, journalistisches Highlight. Und jetzt das…

Aber gut, so sind die Bayern halt. Zumindest ein Teil von ihnen. Wenn ich schon wieder höre, was der Robben von sich gibt, wünsche ich mir, einmal gegen ihn spielen zu dürfen, auch wenn ich sicherlich nicht lange auf dem Platz stehen würde… Robben hat Rückenschmerzen, hat nur unter Schmerzen gegen Zürich spielen können. Dass er dabei ein Tor erzielt hat und keinerlei körperliche Defizite zu erkennen waren, spielt plötzlich keine Rolle mehr. Stattdessen sagt der Niederländer jetzt, unmittelbar vor dem Duell mit dem HSV am Sonnabend (15.30 Uhr, Allianz-Arena), auch noch, dass er physisch gerade mal bei 60 bis 70 Prozent sei und starke Rückenschmerzen habe. Trotzdem will er seinen Einsatz gegen den HSV nicht ausschließen, hofft sogar darauf. Ergo: Auch 70 Prozent reichen für diesen HSV. In Robbens Augen…

Nun gut, was rege ich mich auf. Wichtig ist, was die Spieler denken und sagen. Und wenn ich Dennis Aogo, den direkten Gegenspieler von Robben in München, heute richtig interpretiert habe, ist der mächtig sauer über die Verbalergüsse Robbens. Aogo legte heute sehr zur Freude meiner Boulevard-Kollegen richtig los: „Das ist doch totaler Schwachsinn! Ich weiß gar nicht, warum der so etwas erzählt. Wenn er spielt, ist er auch fit. Und am Mittwoch war er der entscheidende Mann, er hat 90 Minuten durchgespielt, ein Tor geschossen und ein Tor vorbereitet. Und dabei hat er keinerlei Probleme gehabt. Ich bin mir sicher, dass er nur gesund aufläuft. Alles andere ist doch Quatsch.“ Info: Im Abschlusstraining konnte Robben vollständig mittrainieren…

Auch deshalb bereitet sich Aogo auch normal vor. Anders als im letzten Jahr, wo Robben drei der sechs Tore gegen den HSV erzielte, soll er diesmal wirkungslos bleiben. Dafür setzt Trainer Michael Oenning auf Aogo und Jansen links, sowie Diekmeier und Rincon rechts, während zentral die beiden erfahrenen Westermann und Jarolim für Sicherheit sorgen sollen.

Wie genau Robben in den Griff zu kriegen ist? „Schwer“, sagt Aogo, „im Eins-gegen-Eins geht es sicher auch, aber es ist sehr schwer.“ Dass der Niederländer eigentlich immer den gleichen Trick macht – außen in hohem Tempo bis Höhe Sechzehner und dann nach innen ziehen und zum Torabschluss/Flanke kommen -, macht es nicht leichter. „Dass as immer noch funktioniert zeigt doch seine Extraklasse, und dass er es perfektioniert hat. Nein, wir müssen als Mannschaft eng zusammen stehen und die Räume eng halten. Dann kriegen wir auch das in den Griff.“

Dabei soll Jansen helfen, der im Gegensatz zum primär offensiv veranlagten Eljero Elia auch defensiv Qualitäten hat. Immerhin sieht sich der Linksfuß ja selbst als Linksverteidiger. „Ich habe mit Marcell schon häufiger gespielt und es hat funktioniert“, sagt Aogo, „und es ist mit Sicherheit auch gut, dass Marcell wenigstens ein bisschen Defensivverständnis hat.“

Das hat auch Tomas Rincon. Der Mann aus Venezuela, der sich in den letzten Jahren schon allein mit seiner beispielhaften Einstellung in die Herzen nahezu aller Beobachter gespielt hat, soll auf der rechten Seite im Mittelfeld die defensive Variante geben, somit den eher offensiv ausgerichteten Gökhan Töre ersetzen. Ob er trotz des Frusts gegen Hertha, wo er wider Erwarten nur Ersatz war, etwas von seinem Optimismus nach der starken Copa América hat rüberretten können? „Absolut! Ich spüre 100 Prozent Freude. Ich habe einen Schritt nach vorn gemacht, das hat mir Selbstvertrauen gebracht. Und jetzt will ich der Mannschaft helfen. Ich fühle mich absolut fit.“

Sein Gegenspieler wird aller Voraussicht nach Philipp Lahm sein. „Einer der besten Spieler auf der Position“, lobt Rincon und sieht Lahm in Kombination mit Franck Ribery als Optimum: „Das ist wahrscheinlich die beste linke Seite der ganzen Liga. Aber auch das ist zu schaffen.“ Mit Leidenschaft. Und Härte. „Ich will niemanden kaputt machen. Aber ich muss aggressiv sein – und immer nah am Mann. Von der ersten bis zur 90. Minute“, erklärt der Venezolaner seine Taktik. Dass gerade er mit seiner harten Spielart da einer erhöhten Gefahr ausgesetzt ist, vom Platz zu fliegen, weiß er. „Das Risiko ist teil meines Spiels. Das ist das Gleiche wie bei Gegnern wie Messi oder Kaka – nur so kann man gegen Ribery und Co. bestehen. Die müssen immer wissen, dass ich da bin.“

Und ganz ehrlich, auch wenn hier jetzt wieder die Walddörfer mit mir in Verbindung gebracht werden: ich bin geneigt, Rincon zu folgen. Weil er einfach ein guter Typ ist. Ich habe nur wenige Leute in der Mannschaft, denen ich den persönlichen Erfolg noch mehr gönne als ihm. Zumal er selbst nach zweieinhalb Jahren auf seinen Durchbruch hofft. Angebote nach der guten Copa habe er kategorisch abgelehnt, „weil ich hier noch nicht zeigen konnte, was ich wirklich kann. Das will ich dieses Jahr nachholen.“ Starke Worte. Und das Beste daran: Rincon klingt authentisch.

Eine starke Leistung gegen Bayern wäre auch für den 23-Jährigen ein Anker, ein Ausrufezeichen. Als einer von insgesamt neun Defensivspezialisten auf dem Platz (die beiden Viererketten und Drobny), die den Bayern die Spielfreude nehmen wollen. Zumindest haben sie heute so trainiert. Leider (weil es vorher nicht angekündigt worden war und so sicher einige Fans umsonst gekommen waren) im Stadion. Dort ließ Oenning beide Viererketten gegen die Offensiv- und Reserve-Spieler üben. Überraschung dabei: Mladen Petric fehlte. Der Kroate, der auch beim 2:1-Sieg beim Liga-Total-Cup fehlte, der am Mittwoch bereits mit einem leichten Infekt ausgesetzt hatte und gestern wieder mittrainierte, fehlt wegen eines grippalen Infektes. Der Angreifer trat die Reise nach München gar nicht erst an.

Quantitativ ersetzte Romeo Castelen den frei gewordenen Kaderplatz, die Position als einzige Spitze nahm indes Töre ein. Der Deutsch-Türke versuchte sich im Abschlusstraining als Eckenschütze und im Zusammenspiel mit Heung Min Son, während auch Marcus Berg mit einer guten Trainingsleistung im Abschlussspiel (der Rest war Warmlaufen und fünf gegen zwei) auf ich aufmerksam machte. Keine Rolle im Sturmzentrum oder direkt dahinter scheint Elia zu spielen. Einen Umstand, den der Niederländer kopfschüttelnd registrierte.

Bliebe also folgende Startformation: Drobny – Diekmeier, Bruma, Mancienne, Aogo – Rincon, Westermann, Jarolim, Jansen – Son, Töre.

Mit Mauertaktik und sprintstarkem Bubi-Sturm – Son und Töre sind beide gerade mal 19 Jahre alt – zum Deutschen Rekordmeister FC Bayern München – na dann…

In diesem Sinne, auf den ersten Dreier der Saison 2011/2012.

Bis morgen,
Scholle (17.17 Uhr)

Kurz notiert:

Jaroslav Drobny wurde für die Länderspiele gegen Schottland und die Ukraine am 3. Und 6. September in den vorläufigen Kader der tschechischen Nationalelf berufen. Der 31-Jährige rückt für den verletzten Stammtorwart Petr Cech wieder ins Team und fällt so voraussichtlich für die beiden Testspiele des HSV gegen Luzern (3. September) und am 6. September in Bremerhaven aus.

Dort mitwirken könnte indes Änis Ben-Hatira, nachdem sich sein Wechsel in die Hauptstadt nun wohl doch endgültig zerschlagen hat. Zumindest sagt das Hertha-BSC-Manager Michael Preetz: „Unsere Planungen sind abgeschlossen.“

Und dann noch eine Meldung, die man sich mit etwas Fantasie zurechtdrehen kann: Schiedsrichter in München ist Michael Weiner. Der Referee aus Giesen pfiff den HSV auch letzte Saison in München beim 0:6 – demnach hat er wie die Mannschaft diesmal einiges wieder gutzumachen…