Tagesarchiv für den 17. August 2011

Westermann macht Druck – und Berg will spielen

17. August 2011

Es ist schon fast beeindruckend, mit welcher Überzeugung Heiko Westermann agiert. Auf dem Platz ackert der Kapitän bis nichts mehr geht. Und drumherum gibt er sich unbeirrt optimistisch. Die Pfiffe gegen ihn, die Kritik, die Misserfolge gegen Dortmund und Hertha, zudem die letzte Nichtberücksichtigung für das Brasilien-Länderspiel – nichts kann den 28-Jährigen erschüttern, geschweige denn von seiner Meinung abbringen, dass mit diesem HSV noch einiges zu holen ist. „Wir haben sicher noch nicht die perfekte Abstimmung gefunden – aber wir denken nicht mehr zurück sondern freuen uns auf das Bayern-Spiel. Wir müssen einfach das besser machen, was wir in den ersten beiden Spielen nicht so gut gemacht haben.“

Logisch. Aber was genau war falsch? Und wie wird es besser? „Wir haben zu viele Räume zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Uns fehlt die Abstimmung. Der Wille ist zwar da, aber das sieht dann manchmal komisch aus, weil da noch zu wenig ineinander greift. Das hat uns die ersten zwei Spiele die Punkte gekostet.“ Insbesondere, weil das zentral-defensive Mittelfeld (gegen Dortmund mit Kacar/Rincon, gegen Hertha mit Westermann zunächst als einzige Sechs) nicht funktionierte. „Gegen Berlin hatten wir einfach zu große Abstände zwischen den Mannschaftsteilen“, phrasiert Westermann, „dadurch habe wir keinen Druck auf den Ball gekriegt – und dann sieht man schon mal nicht so gut aus. Dann wird es schwer, überhaupt in den Zweikampf zu kommen.“ Doch anstatt wieder um Geduld und Zeit zu bitten, macht der Kapitän Druck: „Das müssen wir lernen, ganz schnell. Sonst wird es schwer.“ In München soll aller Voraussicht nach der zuletzt erst gegen Hertha eingewechselte David Jarolim wieder im Mittelfeld ab- und aufräumen. Eine Entscheidung, die Westermann nachdrücklich befürwortet. „Seine Erfahrung wird uns helfen, er wird das schnell umsetzen können.“

Eine gute Erfahrung hatte der HSV bereits beim 2:1-Sieg im Liga-Total-Cup gemacht. „Das war sicher nur Vorgeplänkel. Aber wir haben im Hinterkopf, wie es funktionieren kann.“ Und zwar aus einer kompakten defensive mit schnellen Kontern. „Wir haben es damals gut gemacht. Wir haben auf Konter gespielt und wenig bis nichts zugelassen.“ Eine Methode, die funktionieren könnte. Glaubt Westermann. „Nur so geht es. Denn die Bayern werden auch diesmal wieder 70 Prozent und mehr Ballbesitz haben.“ 70 Prozent? „Na ja“, sagt Westermann, „so viel haben die doch immer. Stimmt zwar nicht ganz. Aber sinngemäß ist es nicht falsch, da die Bayern natürlich in fast jedem Spiel dominant agieren.

Auch deshalb frage ich mich, ob der HSV mit dem sicher nicht sprintstärksten Mladen Petric hierbei am besten besetzt ist. Zumal der Kroate heute mit einem leichten grippalen Infekt nur im Trainingstrakt blieb und sich behandeln ließ. Nein, die Frage ist doch, sollte es tatsächlich – wie in Mainz – besser sein, mit den schnellsten Offensivkräften zu beginnen. Und: nur weil Jansen derzeit auf links die beste Figur macht, kann man dann ganz auf Eljero Elia, dem laut italienischen Online-Medien ein Angebot von Real Madrid vorliegen soll, komplett verzichten? Oder muss man sich von dem Gedanken lösen, dass er nur links spielen kann und den Niederländer auf der rechten Außenbahn oder gar hinter der Spitze aufbieten? Ich denke schon. Denn wenn Elia eines hat, dann Tempo…

Offensiv ebenfalls eine Option ist auch wieder Marcus Berg. Bislang zwar nur für Teileinsätze, aber er ist eben wieder da. „Ich bin fit, kann spielen“, sagt der introvertierte Schwede, den man am liebsten immer wieder in den Arm nehmen würde. Nicht, weil er heute Geburtstag hat – Herzlichen Glückwunsch zum 25. Geburtstag noch mal von dieser Stelle! – nein, auch, weil der teuerste Einkauf der 124 Jahre alten Vereinsgeschichte immer so zurückhaltend und scheinbar schüchtern antwortet.

Grund für großes Selbstvertrauen hat der Angreifer in Hamburg nicht sammeln können. Allerdings glaubt er selbst daran, dass es jetzt besser wird. „Als ich hergekommen bin, hatte wir hier viele große Namen und viele ältere Spieler. Da war es nicht so leicht für mich als jungen und neuen Spieler.“ Das sei jetzt anders. „Ich bin nicht nur plötzlich der sechst- oder siebtälteste Spieler, sondern wir haben auch eine bessere Gemeinschaft, agieren als Team. Das hat es leicht gemacht, wieder reinzufinden.“

Nun muss ich zugeben, mich damals beim Kauf Bergs geärgert zu haben. Für mich war es der panische Aktionismus von Bruno Labbadia und vor allem Bernd Hoffmann, der sich damals die Bürde des Sportchefs quasi mitauferlegt hatte und mit allen Mitteln Erfolg haben wollte (musste). Und obwohl es bislang nicht wirklich viel Anlass gibt, meine Meinung über Bergs fußballerische Qualitäten zu ändern, ist es zumindest nur fair, ihm die gleiche Anlaufzeit wie allen anderen innerhalb dieses Umbruchs zu gewähren. Zumal er im Training vor dem Tor eiskalt ist und selbst über sich sagt, in der Leihsaison beim PSV Eindhoven seinen bislang größten Schritt nach vorn gemacht zu haben. „Es war hart, aber lehrreich, weil ich dort das erste Mal als einzige Spitze gespielt habe, nachdem ich immer einer von zwei Angreifern war – was ich auch lieber spiele. Ich habe gelernt, mich auf andere Situationen einzustellen, mich auch mit dem Rücken zum Tor zu behaupten. Trotzdem war es für mich immer klar, nach dem Jahr in Eindhoven zurück nach Hamburg zu gehen. Hier habe ich drei Jahre Vertrag, hier will ich was erreichen.“

Allerdings nicht um jeden Preis. Noch hat Berg leichte Probleme, weil seine Rückenmuskulatur noch nicht wieder vollständig hergestellt ist nach rund einem Monat Pause. „Ich fühle mich grundsätzlich gut, auch wenn ich noch nicht bei 100 Prozent bin. Es wird sicher noch etwas dauern, aber ich mache mir keinen Stress.“ Über Teileinsätze in der Bundesliga oder auch Spiel für die Regionalliga-Mannschaft will Berg seine Wettkampffitness erreichen. Was sein Eindruck von der Mannschaft ist? Auch im vergleich zu der Mannschaft vor einem Jahr? „Wir sind jünger, haben Erfahrung verloren aber noch immer sehr viel Qualität. Es wird alles noch ein wenig dauern, aber wir haben das Potenzial.“ Sätze, die ich echt nicht mehr hören mag – von denen ich aber hoffe, dass sie sich irgendwann bewahrheiten. Und zum Glück legte Berg noch nach: „Wir haben dieses Jahr große Ziele. Wir wollen besser abschneiden als in der vergangenen Saison. Das klingt nach dem viel kritisierten Start vielleicht etwas verrückt – aber dafür haben wir die Qualität. Und wir kommen als Team immer mehr zusammen. Schaffen wir eine Einheit, haben wir eine große Chance.“

Auch in München.

In diesem Sinne, lasst uns wachsen. Schnell.

Scholle (18.26 Uhr)

P.S.: Ein Wechsel von Änis Ben-Hatira zu Hertha BSC Berlin scheint immer wahrscheinlicher. Beim HSV aktuell nur Reservist, drängt der in Berlin aufgewachsene Offensivspieler jetzt offenbar selbst auf einen Wechsel in die Hauptstadt. Zumindest behauptet das Ex-HSV-Profi Tunay Torun: „Änis will zu uns, das hat er mir gesagt“, so Herthas Torschütze zum 1:1 am vergangenen Sonnabend. Rund zwei Millionen Euro beträgt der Marktwert Ben-Hatiras. Ein Betrag, den Hertha stemmen könnte, wenn sie ihren Angreifer Rob Friend loswerden. Und ich bin mir sicher, dass der HSV auf eine ebenso hohe Ablösesumme pochen wird, damit man selbst noch mal auf dem Transfermarkt reagieren kann.

P.P.S.: Das wiederum bringt mich zu einer häufiger gestellten Frage danach, warum der HSV für Wolfgang Hesl keine Ablösesumme verlangt hat. Ich glaube, dass dies aus zwei Gründen passiert ist. Zum einen, weil man dem 25-Jährigen Spielpraxis ermöglichen wollte, die er bei Oenning nicht bekommen hätte. Zudem, und das ist sicher deutlich entscheidender gewesen, soll es ein Missverständnis zwischen Arnesen und Oenning gegeben haben, das sie dem Spieler gegenüber auch eingeräumt haben. Demnach soll Arnesen bei seinen Überredungsversuchen, Hesl nach Hamburg zu locken, nicht gewusst haben, dass Oenning nicht wirklich mit dem damals an den SV Ried verliehenen Keeper plant. Sollte dem so gewesen sein, wäre es ein Gebot der Fairness, Hesl bei einem Wechsel keine Steine in den Weg zu legen. Und eine Ablösesumme von mehreren Hunderttausend bei einem Gesamtmarkwert von gerade 300000 Euro wäre in diesem Zusammenhang nicht nur ein Stein, sondern gleich ein ganzer Berg gewesen…

P.P.P.S.: Per Skjelbred ist wieder fit. Der Norweger, der gegen Hertha von beginn an auflief, obwohl Trainer Michael Oenning bei dem Norweger ein Formtief entdeckt hatte, trainierte heute voll mit und soll auch am Donnerstag, wenn um zehn Uhr an der Imtech-Arena Training ist, wieder dabei sein.