Tagesarchiv für den 16. August 2011

“Wir müssen endlich mutiger spielen”

16. August 2011

Den Satz musste er zumindest noch mal erklären. „Ich würde unseren Start nicht als misslungen bezeichnen“, hatte Trainer Michael Oenning in die Kameras gesprochen. Bei einem glücklichen Punkt aus zwei Spielen eine zumindest diskutable Aussage. „Ich will damit nur sagen, dass es niemandem etwas bringt, jetzt derartige Bewertungen abzugeben“, so der HSV-Trainer, der auch rückblickende Bewertungen ablehnt. „Saisonübergreifend zu bewerten halte ich für nicht sinnvoll“, so der Trainer, der es in seinen zehn Spielen als HSV-Trainer auf insgesamt neun Punkte bringt. Davon bislang einen in der neuen Saison. „Uns fehlten theoretisch nur drei Minuten für drei Punkte. Hätten wir die eingefahren, wären die Diskussionen nicht aufgekommen – und trotzdem hätten wir das Ergebnis intern sehr vorsichtig bewertet, weil wir das Zustandekommen als Maßstab nehmen. Nein, das alles kommt zu früh, weil wir wussten, dass wir Dinge erst noch entwickeln müssen. Und das kann bis tief in die Saison gehen.“

Okay, das war anzunehmen. Dennoch muss sich auch der HSV trotz seines zeitaufwendigen Umbruches dem Regelwerk stellen und Punkte einfahren. „Aus der Nummer kommen wir natürlich nicht raus. Wir wissen auch alle, dass wir Ergebnisse liefern müssen“, sagt Oenning. Vor dem Auswärtsspiel beim FC Bayern ein nicht gerade leichtes Vorhaben. Wie es dennoch funktionieren soll? „Die Partie in München wird wie in Dortmund. Wir müssen in erster Linie kompakt stehen.“ Zudem sieht Oenning das 2:1 aus dem „Liga-Total-Cup“ als Pluspunkt. „Es ist sicher ein Vorteil, dass wir schon gegen sie gespielt haben als sie fast komplett waren.“ Das gelte sowohl für die Vorbereitung auf den schier übermächtigen Gegner als auch fürs eigene Selbstvertrauen, so Oenning weiter.

Und genau da sollte der HSV(-Trainer) ansetzen. Wir hatten es hier schon in der vergangenen Woche breit diskutiert, dass sich der HSV nicht kleinreden sollte. Hinzufügen muss man sicherlich, dass das Gerede über viel Zeit, die für den Umbruch nötig ist, nicht nur förderlich ist. Es bietet der jungen Mannschaft ein Alibi, es verführt zudem zum Gedanken, dass man das aktuell Verpasste ja später nachholen könne, wenn es besser läuft. Die Gefahr dabei ist, dass der Moment aus den Augen verloren wird – und so unnötig viele Punkte liegengelassen werden. „Wir dürfen nicht denken, dass wir ewig Zeit bekommen“, warnt auch Marcell Jansen, der am Sonnabend in München Eljero Elia – und da nehme ich jede Wette an – auf links ersetzen wird. Und der redselige Linksfuß legte noch nach: „Wir müssen davon wegkommen, zu viel vom Umbruch zu sprechen und endlich Dinge umsetzen. Spiele wie gegen Hertha, das wir eigentlich nie hätten gewinnen dürfen, dürfen nicht mehr sein.“

Auch Jansen sieht die Bayern-Partie als große Chance. Zum einen, weil der HSV (das 0:6 unter Veh mal ausgenommen) in München immer recht gut aussah in den letzten Jahren. Und natürlich auch, weil es beim Rekordmeister kaum etwas zu verlieren gibt. „Gerade dann spielt man oft am besten“, so Jansen, „wir müssen da auch was mitnehmen. Wenn wir das Gefühl entwickeln, dass was geht und dass jeder dem anderen hilft, dann geht für uns was bei den Bayern.“

Zumindest theoretisch. Denn mehr ist das alles noch nicht. Auch wenn es praktisch heute im Training schon wieder gut aussah. „Richtig gut“ sogar, wie Oenning erkannt haben wollte. Allerdings, um eine hier bereits zitierte Aussage ein wenig zu korrigieren, dabei muss man stets auch bedenken, dass die HSV-Stürmer gegen die HSV-Abwehrspieler und andersrum gut aussehen. Als optimaler Maßstab dürfen Trainingsleistungen daher nicht genommen werden. Sehr wohl aber als Indiz für bessere Leistungen. So, wie es sich Oenning auch von Mladen Petric erhofft. Der Kroate hatte einen großen Teil der Vorbereitung verpasst und daher noch einen Trainingsrückstand, dem man ihm auf dem Platz ansah. „Er ist besser drauf, als wir erwarten konnten, hat sich gerade durch ein kleines Tal gekämpft“, bestätigt Oenning, „der kommt jetzt wieder und ist besser drauf als vorher.“

Muss er auch, denn ansonsten ist im Angriff nicht viel los. Son ist seit seinen 18 Vorbereitungstreffern in einem Formtief, Paolo Guerrero verletzt und Marcus Berg gerade erst wieder auf dem Weg, ins Team zu rutschen. „Marcus macht sich sehr gut“, hofft Oenning, „er trainiert gut, trifft und quält sich in jeder Einheit. Für Kurzeinsätze reicht das“, so der HSV-Trainer, der aber einen Einsatz von Beginn an bei dem Schweden ausschließt: „Er hat noch Rückstände in der Grundlagenausdauer.“ Die soll sich Berg via Spiele für die U23 in der Regionalliga holen, wo zuletzt auch Romeo Castelen mit Toren und straken Leistungen auf sich aufmerksam machen konnte. Ob der Niederländer für die rechte Mittelfeldseite schon eine Alternative sei? Oenning: „Romeo kommt. Aber wir müssen auch vorsichtig sein. Bei den Amateuren spielt er super, aber nach 60 Minuten hat er seine Probleme. Er hat jetzt so lange daraufhin gearbeitet, da werden wir jetzt nicht hektisch. Er kriegt seine Zeit und soll sich über Spielpraxis fitmachen.“ Ergo: noch geht es nur für die Regionalliga-Elf auf Torejagd.

Gestern hatte ich hier gefragt, wen Ihr Euch für den HSV als Verstärkung vorstellen könnt. Eine Frage, die wir heute auch Michael Oenning stellten. Der allerdings wich aus. Zwangsläufig. „Es ist nicht immer eine Frage des Willens, sondern, was können wir noch machen, was ist möglich“, so der HSV-Trainer. Und anstatt erneut darüber zu philosophieren, wer kommen und wer dafür gehen müsste, setzt Oenning auf das vorhandene Spielermaterial. „Wir haben uns personell ergänzt und kriegen die Wettbewerbsfähigkeit ganz sicher auf den Platz. Und auch wenn es sicher einfacher und wünschenswert wäre, wenn wir bereits jetzt eine funktionierende Achse hätten, müssen wir gerade da noch ein wenig suchen.“ In München sollen dafür Heiko Westermann und David Jarolim im zentralen Mittelfeld ab- und aufräumen.

Am wichtigsten aber ist für den HSV-Trainer, dass die Mannschaft Automatismen einstudiert. „Uns fehlt da einfach noch die Sicherheit. Wir müssen einmal mit einer Formation ein paar Spiele in Folge Dafür verzichtete der Sky-Experte auch auf eine Einladung für das Champions-League-Spiel der Bayern morgen gegen Zürich. Oenning: „Es gibt im Moment einfach wichtigere Aufgaben zu erledigen.“

Das stimmt sicherlich. Und während Schweizer Medien erneut davon berichten, dass der HSV in Person von Frank Arnesen um die Dienste des Toptalentes Xherdan Shaqiri wirbt, es dafür vom HSV allerdings keine Bestätigung gibt, wird Oenning die Woche nutzen, um gerade die fehlenden Automatismen einzustudieren. Wobei es mir vorerst schon reichen würde, wenn es bei Analysen nach Spielen nicht der erste Automatismus bei den Verantwortlichen ist, um Zeit und Geduld zu bitten. Das wissen inzwischen alle. Und das scheint inzwischen ja sogar schon den einen oder anderen Spieler zu nerven, wie das Beispiel Marcell Jansen zeigt…

Nein, auch wenn es vermessen wäre, gerade vor dem Spiel bei den Bayern den ersten Saisonsieg einzufordern, sollte eine Entwicklung der Mannschaft erkennbar werden. Die Mannschaft sollte eine eigene Wahrnehmung entwickeln, die nach sich zieht, Spiele wie gegen Hertha und demnächst auch Köln zuhause gewinnen zu müssen. Denn das darf beim vorhandenen Potenzial sehr wohl der Anspruch sein. Auch jetzt schon.

In diesem Sinne, ich halte es mal so, wie es Jansen sieht: „Auch wenn Geduld immer wichtig sein wird – langsam dürfen wir mutiger spielen.“

Scholle (18.15 Uhr)

P.S.: Heute tauchte an der Imtech-Arena tauchte ein Spieler auf, den nur die größten Experten auf den ersten Blick erkannten. Sven Neuhaus, ehemaliger Stammkeeper bei Greuther Fürth und dem FC Augsburg in der Zweiten Bundesliga und zuletzt bei Red Bull Leipzig in der Regionalliga aktiv, wird von den Verantwortlichen der Hamburger getestet. Neuhaus ist derzeit vereinslos, sein Vertrag in Leipzig wurde zur neuen Spielzeit nicht verlängert. „Wir testen ihn eine Woche und fällen anschließend gemeinsam eine Entscheidung“, so Oenning, der im gleichen Atemzug betont, dass der HSV unabhängig von Neuhaus weiter auf der Suche nach einem jungen, deutschen Torwarttalent sei.