Tagesarchiv für den 14. August 2011

Bitte die Ruhe bewahren – aber nicht einschlafen!!

14. August 2011

Oha, da kann auch ein Meister seines Faches wie Tim Mälzer nicht helfen, die Gemüter kochen doch früher hoch als erhofft. Zumindest früher, als von HSV-Seiten erhofft. „Schulhof-Fußball unter Anleitung eines Pädagogen“ fand ich dabei irgendwie sehr kreativ – allerdings auch böse. Denn zum einen, was habt Ihr gegen Schulhoffußball? Ich glaube, viele Fußballer wären vom Kopf her weiter, wenn sie sich auf dem Pausenhof und nicht in hochmodernen Leistungszentren auf ihre Profikarriere vorbereitet hätten. Und zum zweiten ist es hart, Oenning für sein Pädagogik-Studium zu kritisieren. Denn das kann sehr hilfreich sein.

Allerdings, und das ist im Profifußball nun mal so, der Trainer wird gern als erster kritisiert, wenn es nicht so läuft. „Das weiß ich auch“, hatte Oenning zuletzt immer wieder betont und gesagt, diese Bürde würde er gern auf sich nehmen. Aber ob er auch so früh damit klarkommt?

Wie ich Oenning kenne, wird er diese Kröte schlucken ohne zu meckern. Allerdings muss ich zu bedenken geben, dass es für alles, was Oenning macht, einen positiven un enben einen negativen Ansatz gibt. Hätte der HSV Hertha geschlagen, hätten alle die Entscheidungen des HSV-Trainers gelobt. Allerdings muss sich ein Trainer auch Kritik gefallen lassen, wenn eben gerade diese etwas überraschenderen Entscheidungen (oft mit „Bauchgefühl“ begründet) nicht so greifen.

So geschehen gegen Hertha. Da gab es durchaus Punkte, die zu kritisieren sind. Und damit meine ich nicht nur Entscheidungen, die nicht aufgingen und wo wir uns im Nachhinein hinstellen können und Klugscheißen. Nein, ich meine auch Ansagen und Personalentscheidungen, die schon vor dem 2:2 diskutiert wurden und die für Ärger sorgen könnten. Angefangen mit Marcell Jansen, der schon bei Oennings Vorgänger Armin Veh einen besonders schweren Stand hatte. Da hatte Oenning zuletzt immer wieder gesagt, wie gut der Linksfuß drauf ist. Trotzdem brachte der HSV-Trainer gegen Hertha den zuletzt schwachen Eljero Elia. Er begründete diese Entscheidung damit, den Niederländer nicht nach nur einem schwachen Spiel gleich rausnehmen, sondern ihm etwas mehr Vertrauen schenken zu wollen. Allerdings ging dieser Schachzug absolut nicht auf, womit sich Oenning gleich zwei Kritikpunkte gefallen lassen muss. Zum einen den, den falschen Spieler aufgestellt zu haben. Zum anderen aber auch den, sein eigens immer wieder proklamiertes „Leistungsprinzip, dem sich ausnahmslos alle unterzuordnen haben“ ausgehebelt zu haben. Dass er es gestern in der zweiten Halbzeit trotz einer fatalen ersten Spielhälfte noch mal mit Elia versuchte, ehrt Oenning in den Augen Elias. Aber betrachtet man den Profifußball als reines Tagesgeschäft und Ergebnissport, war das sicher ein Fehler.

Gleiches gilt für David Jarolim. Der Tscheche galt im Vorfeld zusammen mit Heiko Westermann als DER Führungsspieler. Am längsten beim HSV und von Engagement und Willen immer vorbildlich, lobte Oenning Jarolim auch im Verlauf der Vorbereitung immer wieder. Dennoch setzte er ihn auf die Bank. Nicht nur in Dortmund, wo sich Gojko Kacar und Tomas Rincon von zweifellos überragenden Dortmundern bloßstellen ließen. Nein, auch nachdem der HSV ohne ihn beim BVB untergegangen war. Dabei war der nicht nur hier im Blog immer wieder sehr kontrovers diskutierte Mittelfeldspieler in der Vorbereitung mit Sicherheit – und da lege ich mich fest – noch der beste „Sechser“ – egal wer neben ihm spielte. Gegen Hertha wurde ihm zunächst Skjelbred vorgezogen, der im Training bislang allenfalls gut mitmachte und sich im Spiel trotz hohen Engagements nicht zurechtfand. Zudem wurde Kapitän Heiko Westermann vorgezogen, bei dem man den Eindruck haben könnte, der sportlich taumelt, aber als Typ sicher ein Vorbild für alle jungen Spieler sein kann. Der Kapitän ackert für zwei, schont sich in keinem Zweikampf und gibt nie auf. Attribute, die angesichts seiner hohen Fehlerquote im Moment allerdings irgendwie nach „stets bemüht“ klingen. Und wer schon mal ein Arbeitszeugnis mit diesem Wortlaut erhalten hat, der weiß, was das bedeutet…

Nein, dieser HSV mag stets bemüht sein, ebenso wie das Umfeld beim Dämpfen der Erwartungshaltungen. Aber um den eigenen Ansprüchen zu genügen, fehlt im Moment einfach zu viel. Da reichen auch nicht die üblichen Durchhalteparolen wie von Arnesen gestern wiederholt: „Wir brauchen Zeit. Michael und die Mannschaft werden diese Zeit bekommen.“ Allerdings bin ich mir hundertprozentig sicher, dass Arnesen und auch Oenning sowie die Klubspitze erkannt haben, dass das Potenzial dieses Jahr überschaubar ist.

Wobei, eine Anmerkung habe ich dann doch noch. Hier wird – wie auch in der Klubspitze – immer wieder Dortmund als Beispiel dafür genannt, wie es funktionieren kann. Oder auch der FSV Mainz aus der vergangenen Saison. Allerdings sind diese beiden Klubs mit dem HSV nicht vergleichbar. Schon personell nicht. Denn bei beiden Klubs wurde der Umbruch mit jungen Spielern von einem Trainer begleitet, der an der Linie mehr Meter macht als der eine oder andere HSVer über die gesamten 90 Minuten. Und es sind feurige Trainer, die ihre jungen Leute mit Leben füllen, wenn diese mal einen Hänger haben.

Nicht wenige sagen, dass es nur so geht. Allerdings gehe ich nicht über diese Brücke. Denn auch Oenning, der als Pädagoge auf die ruhige Art setzt, hat einen vernünftigen Zugang zur Mannschaft gefunden. Jetzt geht es nur noch darum, dass auch die Mannschaft punktet. Denn nur das entscheidet, ob Oenning Recht hat oder nicht. Dennoch, eine dringende Bitte: lasst uns weiter ruhig bleiben und sachlich die Dinge diskutieren. So, wie es hoffentlich auch die Klubführung samt Trainerstab macht. Mit allem, was dazu gehört.

So, und nun will ich Euch nach einem harten Wochenende endlich entlassen. Ich hoffe, Ihr hattet einen weniger verregneten Sonntag als ich. Und ich hoffe, dass wir uns schon bald zusammen mit der Mannschaft über Siege freuen und uns darüber unterhalten, weshalb wir plötzlich so gut sind…

In diesem Sinne,

Scholle (18.15 Uhr)