Tagesarchiv für den 13. August 2011

Glückliches 2:2 gegen Hertha – so geht das (noch) nicht

13. August 2011

Da hab ich gleich doppelt und dreifach verloren. Zunächst zehn Euro an meinen Kollegen Matthias Linnenbrügger, weil tatsächlich Elia auflief und nicht der unter der Woche deutlich stärker wirkende Marcell Jansen. Dann war mein Spieltagstipp 2:1 – und bis zur 88. Minute konnte ich mich darüber freuen, dass zumindest das Ergebnis stimmte. Und drittens hatte ich gesagt, Westermann würde das Ding schon drehen, wenn es mal nicht so läuft. Nichts von alledem ist eingetreten. Im Gegenteil: es gab ein 2:2 nach einem schwachen HSV-Auftritt gegen einen potenziellen Abstiegskandidaten, das aus HSV-Sicht trotz des späten Gegentreffers als glücklich zu bezeichnen ist.

Die Partie begann extrem ereignislos. Außer Fehlpässen und maximal-c-klassigen Torchancen passierte nichts. Die hatte allerdings ausnahmslos die Hertha. Denn die Berliner verlegten sich auf Per Skjelbred wirbelte im Mittelfeld – allerdings mehr ohne als mit ball und somit größtenteils ohne Wirkung. Aber er versuchte es. Und der HSV hatte Mladen Petric. Den Mann, der von Trainer Michael Oenning einen Persilschein erhalten hatte. „Er ist nicht dafür da, die Laufarbeit von links nach rechts zu verrichten. Er soll sich auf die entscheidenden Aktionen beschränken.“

Gesagt, getan. Oder besser: Petric machte nichts, hatte bis zur 24 Minute gefühlt keinen einzigen Ballkontakt – und besorgte dennoch das 1:0. Heung Min Son, Petrics „Laufjunge“, hatte sich halblinks durchgesetzt und zum Torschuss angesetzt, der allerdings misslang. Dennoch hatte der HSV Glück im Unglück, denn der verirrte Ball landete bei Petric, der sich das Kunstleder rund elf Meter vor dem Tor zurechtlegte und von Herthas Kapitän Mijatovic nur durch Festhalten vom Torabschluss abgehalten werden konnte. Den vom guten Schiedsrichter Stark verhängten Elfer verwandelte Petric sicher zum 1:0 (25.).

Eine Führung, die vom werten Sky-Reporter als schmeichelhaft bezeichnet wurde, womit der Herr absolut richtig lag. Denn Chancen hatte bis dahin nur Hertha, die vielleicht größte sogar unmittelbar nach der HSV-Führung. Da hatte sich Michael Mancienne darauf verlassen, dass sein Kompagnon in der Innenverteidigung, Jeffrey Bruma, klärt – und war damit verlassen. Denn der Niederländer kam einen Tick zu spät, den Pass nahm Manciennes Gegenspieler Lell auf und lief allein auf Drobny zu. Glück für den HSV: der Heber des ehemaligen Bayern-Profis landete an der Latte, den Nachschuss von Berlins Raffael konnte der in der ersten Halbzeit beste HSVer, Jaroslav Drobny, mit einem starken Reflex an den Pfosten lenken (42.).

Allerdings wackelte die HSV-Defensive weiter – und musste in der 43. Minute den dann doch hochverdienten Ausgleich hinnehmen. Höhe Mittellinie leistete sich Gökhan Töre einen folgenschweren Fehlpass. Den daraus resultierenden Konter schloss zunächst Ottl mit einem platzierten Fernschuss ab, den Drobny erneu stark parierte. Allerdings war auch der Tscheche beim Nachschuss des Ex-HSVers Tunay Torun machtlos. Das 1:1 in der 43. Minute. Ein Treffer, der verdeutlichte, dass beim HSV noch nicht viel besser geworden ist. Denn im Mittelfeld waren selbst die schwachen Berliner dem HSV deutlich überlegen und dominierten. Westermann und auch Skjelbred wirkten zentral ganz sicher engagiert – allerdings kein bisschen mehr. Ein Zeugnis, das kein Spieler gern ausgestellt bekommt…

Und auch in der Abwehr gab es altbekannte Unzulänglichkeiten. Bruma wirkte zunächst kompromisslos und umsichtig. Allerdings agierte der Niederländer in seinen Zweikämpfen immer wieder mit sehr hohem Risiko. Was nicht immer gutging (wie bei der Doppelchance in der 42. Minute). Die Zahl der ersten Hälfte: 17. So viele Torschüsse hatte Hertha, während es der HSV auf zarte vier Torversuche brachte. Und das in einem Heimspiel…

Es passte auch heute irgendwie noch nicht viel zusammen. Auch nicht zu Beginn der zweiten Halbzeit. Zunächst kam Tesche für Skjelbred – warum auch immer. Schon als Michael Oenning den Satz „Bei uns entscheidet sich alles nach dem Leistungsprinzip – dem müssen sich alle unterordnen“ hatte ich ein schlechtes Gefühl. Damit hatte sich der Trainer unnötig eingeschränkt – und eben angreifbar gemacht für den Fall, dass er sich mit seinem „Bauchgefühl“ in Sachen Aufstellung irrt. So wie heute, wo er Skjelbred von Beginn an brachte und den erneut völlig wirkungslosen Elia (zwei von 13 Zweikämpfen gewonnen, null Torschüsse) trotz schon zuvor schwacher Leistungen 56. Minuten Minuten auf dem Platz ließ und letztlich sogar noch Tesche vor dem in der Vorbereitung (relativ gesehen ist das tatsächlich so) mit Abstand besten Sechser, David Jarolim, brachte.

Auch deshalb ging es so weiter, wie es in der ersten Hälfte aufgehört hatte. Da war nicht mal eine Minute gespielt, ehe Ramos sich sieben Meter vor Drobny freispielte und den Ball an die Latte zirkelte. Eine Hundertprozentige, wie es im Fußballdeutsch heißt. Die HSV-Offensive? Gab es nicht. Entweder die Pässe kamen erst gar nicht bis zu den Angreifern. Oder wenn doch, waren die beiden HSV-Stürmer abwesend. Insbesondere Son schien seinen angekündigten persönlichen Saisonstart doch noch mal um eine Woche mindestens verschoben zu haben.

Dachte ich jedenfalls (und hatte es hier sogar schon geschrieben….), bis der Südkoreaner aus dem Nichts das 2:1 machte. Aus knapp 20 Metern mit einem trockenen, harten Flachschuss traf der beste Vorbereitungsschütze erstmals in der Bundesliga im eigenen Stadion.

Aber, egal wie unverdient die Führung auch gewesen sein mag, heute ging es nur um den Sieg. So schien es auch Oenning zu sehen, der in der 66. Minute dann doch noch Jarolim brachte – überraschenderweise für Petric. Die defensive Variante. Tesche rückte auf die Zehn vor, während Son als einzige Spitze agierte und Jarolim zusammen mit Westermann die Mittelfeldmitte bearbeitete. Umstellungen, die das HSV-Spiel nicht schwächten. Im Gegenteil, der HSV wirkte plötzlich giftiger, versuchte das Spiel an sich zu reißen. Dabei übernahm Jansen über links mit dem ebenfalls besser werdenden Aogo das Kommando und sorgte für Gefahr und Jarolim schleppte wie von ihm gewohnt die Bälle und Westermann verteidigte in der zweiten Hälfte ordentlich – wenn auch mit ein, zwei Stockfehlern. Auch Son blühte für drei, vier Minuten auf, legte Töre einen Ball flach in den Sechzehner. Den guten Flachschuss konnte Kraft gerade noch parieren (79.). In der 84. Minute erzielte dann zunächst Töre ein Tor, das zurecht abgepfiffen wurde und auf der anderen Seite hatte der HSV Glück, als Stark einen Trikotzupfer von Bruma an Lell nach Westermann-Fehler nicht mit Strafstoß ahndete.

Es schien, als würde der HSV einen so genannten „dreckigen Sieg“ einfahren. Bis der bis dahin beste HSVer patzte: Jaroslav Drobny. In der 88. Minute unterlief er einen lang auf den zweiten Pfosten geschlagen Eckball und Mijatovic konnte per Kopf zum 2:2 ausgleichen. Ein Endergebnis, das allen HSV-Offiziellen klar machen sollte, dass sich noch sehr viel verändern muss. Dieses 2:2 gegen einen potenziellen Abstiegskandidaten war glücklich. „Phasenweise haben wir guten Fußball gezeigt – aber nur das. Wir haben zu viel zugelassen, da passt noch nicht alles zusammen“, so Mladen Petric unmittelbar nach Spielschluss. Und der Kroate hatte recht. Sollte der HSV personell nicht mehr nachrüsten können, müssen sich alle Spieler um eine Klasse steigern, sofern man nichts mit den unangenehmen unteren Tabellengefilden zu tun bekommen möchte.

Scholle (17.45 Uhr)