Tagesarchiv für den 9. August 2011

Jansen gibt Vollgas – nicht nur verbal

9. August 2011

Nicht immer bedarf es vieler Fragen, um auch viele Antworten zu erhalten. Wie bei Marcell Jansen. Der Links-Allrounder zählt zu der Sorte Mensch, die sich gern mitteilt, die dabei immer freundlich und ausführlich auf Fragen antwortet. Kurzum: Marcell Jansen ist ein angenehmer Gesprächspartner, der sich auch über den Fußball hinaus seine Gedanken macht. „Wenn ich nicht weiß, wie ich mich in meinem Umfeld einzustufen habe, weiß ich auch nicht, was ich verbessern muss“, so Jansen, der fußballerisch derzeit zu alter Höchstform aufläuft und deshalb bereits am Montag vom Trainer Michael Oenning gesagt bekam, dass er am Sonnabend (hab noch mal genauer recherchiert…;-)) beim ersten Heimspiel der Saison gegen Hertha BSC in der Startelf stehen wird.

„Ich habe mich mit dem Trainer in den letzten Wochen häufiger und immer sehr gut ausgetauscht. Er hat gesehen, dass es besser wird. Und ich habe in den Spielen wieder richtig Bock gehabt. Ich merke seit einigen Wochen, dass mit der Fitness und den daraus folgenden guten Leistungen richtig Aufbruchstimmung in mir wächst. Ich will mit dieser Mannschaft in den nächsten Wochen und Monaten hier etwas bewegen, etwas entwickeln.“ Und zwar aktiv auf dem Platz – so, wie es Oenning gestern bereits andeutete. Jansen: „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ich von Anfang an dabei bin. Aber letztlich entscheidet natürlich der Trainer.“ Und der entscheidet nach dem Leistungsprinzip. Nach jenem Maßstab, den Oenning in dieser Saison auch über schmerzhafte Entscheidungen hinweg durchziehen will.

Am Sonnabend könnte das Eljero Elia treffen. Denn nachdem sich der Niederländer beim Saisonauftakt gegen Dortmund kaum bis gar nicht empfehlen konnte, kam Marcell Jansen und absolvierte eine gute zweite Halbzeit. Ein Tor vorbereitet, ein reguläres abgepfiffen bekommen und ein paar gute Aktionen nach vorn – ich glaube schon, dass ich was bewegen konnte.“ Stimmt, das konnte er tatsächlich. Und er will, gerade weil er für das morgige Länderspiel gegen Brasilien nicht berufen wurde, nur zu gern noch mehr. „Ich habe einen kleinen Anfang gemacht und fühle mich sehr gut. Wenn ich gesund bleibe, meine Leistung bringe und das Quäntchen Glück habe, kommt auch die Nationalmannschaft wieder. Womit ich meinen Ansprüchen gerecht würde.“

Dafür hat Jansen hart gearbeitet. Erstmals seit Jahren („Das letzte Mal liegt lange zurück“) konnte der 25-Jährige eine Vorbereitung voll durchziehen. Weil er sich sogar auf die Vorbereitung vorbereitet hat. In den USA bei Nationalmannschaftsphysio Shad Forsythe. „Ich habe dort nicht Kondition gebolzt, sondern gezielt Schwachstellen am Körper ausgemerzt, um die Vorbereitung topfit mitmachen zu können. Und es ist gelungen. In den letzten 14 Tagen habe ich gemerkt, dass ich fit bin. Ich habe wirklich immer richtig Bock auf Fußball – aber manchmal eben noch ein bisschen mehr…“

Dass für ihn Eljero Elia, der nach dem abgesagten Länderspiel der Niederländer in England wie auch Jeffrey Bruma heute wieder mit der Mannschaft trainieren soll, auf der Strecke bleiben könnte – für Jansen okay. Aber nicht zwingend. „Bei uns herrscht das Leistungsprinzip und dem müssen sich alle unterordnen. Der Bessere, der Effektivere spielt. Aber dass ich spiele, muss ja auch nicht heißen, dass Elli draußen ist. Ich bin links flexibel einsetzbar, er kann auch noch andere Positionen spielen. Ich bin mir ganz sicher, dass wir auch beide zusammen spielen, wenn wir besser sind als andere.“

Aber egal mit wem, Jansen weiß auch um die Wichtigkeit der Heimspiele in dieser Saison, insbesondere in den Duellen gegen vermeintlich schwächere Mannschaften. Er weiß, dass gegen Hertha ein Sieg her muss. „Klar. Wir haben in Dortmund gelernt. Und das müssen wir jetzt zeigen. In diesem ersten Heimspiel wird man sehen können, wie weit wir sind und wie wir mit dem Druck umgehen.“ Wie weit er die Mannschaft schon unter dem Druck der Außenstehenden sieht? „Nach Niederlagen und in der Bundesliga im Generellen herrscht immer Druck. Ich glaube nicht, dass wir schon einen Ergebniszwang haben, aber der ist schnell da, wenn wir nach fünf, sechs Spielen erst ein oder zwei Punkte haben. Insofern muss unser eigener Maßstab sein, Hertha zu schlagen.“ Die Heimspiele als Anti-Sorgen-Paket? Jansen: „So in etwa.“

Dennoch, auch Jansen, der für seine offene, ehrliche und ausführliche Art intern gern auch mal sehr kritisch betrachtet wird, schlägt im gleichen Moment in die Kerbe „Geduld einfordern“. Und, das freut mich besonders, er denkt dabei nur nach vorn, sieht den HSV nicht als Teenie unter Erwachsenen sondern als ernst zu nehmenden Konkurrenten, auch für die Großen: „Was hier aufgebaut wird, braucht natürlich Zeit, um sich zu entwickeln. Wir wissen alle, dass wir hier ein gewisses Risiko eingehen. Allerdings hat Stärke auch damit zu tun, Risiken zu meistern und einen eigenen Glauben zu entfachen.“ Sollte Jansen diesen starken Aussagen halbwegs gleichwertige Leistungen auf dem Platz folgen lassen, werden wir ihn ganz sicher bald wieder im DFB-Dress sehen…

Darauf hatte auch Dennis Diekmeier gehofft. Besser gesagt, Oenning hatte es dem Rechtsverteidiger prognostiziert, sollte er seine Leistungen aus der Vorbereitung konservieren können. In Dortmund misslang dieses Vorhaben. Insbesondere beim 0:1 sah der Rechtsverteidiger nicht gut aus. „Ich war weit aufgerückt und hatte mich darauf verlassen, dass ich abgesichert werde.“ Wurde er nicht – der HSV lag zurück und verlor. Jetzt sinnt Diekmeier auf Wiedergutmachung. Gegen Berlin. „Ich hab‘ Hertha am Sontag gesehen und fand sie wirklich nicht berauschend. Sie werden sich hinten reinstellen und wir müssen das Spiel machen – und gewinnen.“ Denn in seiner Rechnung vor der Saison hatte Diekmeier auch das Heimspiel gegen den Aufsteiger als Sieg eingeplant. „Ich empfinde noch keinen Druck – aber jeder bei uns weiß, dass wir dieses Spiel besser gewinnen sollten, damit es auch so bleibt.“ So viel verriet er. Mehr allerdings nicht. „Ich habe letzte Saison gesagt, was ich von der Saison erwarte und es wurde eine scheiß Saison. Deshalb lasse ich es diesmal lieber…“

Einverstanden. Auch damit, dass Jansen seine Serien fortsetzt. Denn in seinen letzten beiden Heimspielen gegen Hertha (1:1 und 1:0) war jeweils er der HSV-Torschütze. Ebenso wie ein seinen letzten beiden Spielen von Beginn an vergangene Serie gegen Kaiserslautern (1:1) und bei der 2:4-Pleite in der Rückrunde gegen den FSV Mainz. „Anschließend war ich raus“, so Jansen verständnislos. Auch weil der damalige Trainer Armin Veh sicher nicht zu seinen besten Freunden zu zählen war und ist. „Er hat mir nie etwas gesagt“, so Jansen, der selbst lieber den direkten Weg wählt: „Ich sage es lieber jemandem direkt ins Gesicht und gut, ehe da pausenlos hintenrum Sachen zu hören sind.“ Wie mit dem inzwischen in New York spielenden ehemaligen Torwart Frank Rost, mit dem er in einer Trainingseinheit sogar schon Nase an Nase stand. „Wir haben uns angepöbelt und fast geprügelt – aber nur auf dem Platz und in der Sache. Das war okay für uns, weil wir die Mannschaft über uns gestellt haben. Und deshalb respektieren wir uns heute und telefonieren noch immer.“

Dennoch musste sich auch Jansen mit dem (auch von Veh) Vorwurf auseinandersetzen, sehr verletzungsanfällig zu sein. „Ich habe viele Unfälle gehabt, aber ich habe sicher auch Verletzungen gehabt, die entstanden sind, weil ich mit meinem Körper zu unachtsam war und zu wenig darauf geachtet habe, in allen Bereichen topfit zu sein.“ Ein Lernprozess, der bei Jansen inzwischen offenbar kurz vor dem Abschluss steht. Auch deshalb der geduldige Umgang mit Rückschlägen: „Ich bin ruhig geblieben, habe hart gearbeitet und merke jetzt, dass es wieder geht. An Einstellung hat es mir nie gemangelt. Ich wusste, dass ich auch mal Dreck fressen und kämpfen muss. Und ab sofort geht es wieder richtig los. Ich habe sowas von Bock!“

Jansen in Topform, Skjelbred in der Startelf und Bruma verletzungsfrei von der niederländischen Natio zurück – das klingt doch so, als können wir gegen Hertha am Sonnabend so einiges erwarten.

In diesem Sinne, ich hoffe, dass Jansen ab sofort auf dem Platz eine ebenso tadellose Performance abliefert wie heute in unserer Runde. Denn das war großer Sport!

Bis morgen,

Scholle (18.38 Uhr)

P.S.: Am Mittwoch ist um zehn Uhr Training an der Imtech-Arena. Dabei werden Paolo Guerrero (drei Wochen Pause nach Muskelfaserriss) und Gojko Kacar (Muskelverhärtung im Oberschenkel) fehlen. Der Serbe wird auch gegen Hertha BSC voraussichtlich ausfallen.