Tagesarchiv für den 8. August 2011

Jansen drückt in die Startelf – Skjelbred auch

8. August 2011

****korrigiert 4. Absatz: Spieltag Sonnabend nicht Sonntag******

Michael Oenning spielt auf Zeit. Nicht, weil er gegen Dortmund verloren hat und unangenehme Fragen oder gar persönliche Folgen erwartet. Nein, er macht das schon seitdem klar ist, dass der HSV den großen Umbruch plant. Seitdem wiederholt er gebetsmühlenartig, dass diese Mannschaft nicht von jetzt auf gleich funktionieren kann, dass Rückschläge verkraftet und einkalkuliert werden müssen. Eben solche, wie beim (spielerisch sehr) deutlichen 1:3 gegen Borussia Dortmund am Freitag. „Wir wussten alle, was auf uns zukommt, das darf uns jetzt nicht wundern“, so der Trainer. Und ich finde, er hat recht.

Allerdings gebe ich auch zu, dass ich leider noch Anpassungsprobleme habe. Klar haben wir, wie Heiko Westermann sagte „ganz deutlich an Qualität verloren“. Aber ich kann mich nicht damit anfreunden, deshalb ab sofort so devot zu sein. Erst wird aus dem Spiel gegen Valencia „ein Highlight für unsere jungen Spieler gegen einen internationalen Gegner“ und dann wird gar darüber sinniert, was für eine tolle Erfahrung so ein Spiel vor 80000 Zuschauern in Dortmund für die Mannschaft war. Nicht vergessen: Eben waren wir noch auf einer Stufe mit den deutschen Top-Teams. Dann wurde ein Umbruch geplant, der durchaus auch in den internationalen Rängen enden könnte, wie die HSV-Oberen hoffen. Und jetzt sind wir plötzlich nur noch die Underdogs? Nein, ganz ehrlich: der HSV ist keine unterklassige Mannschaft, der HSV muss nicht zu den Konkurrenten aufblicken. Wo kämen wir da hin? Immerhin spielen Oennings Profis in ein und derselben Liga wie Dortmund und Bayern, sind direkte Konkurrenten und brauchen sich vor niemandem klein zu reden. Deshalb meine Bitte: Lasst uns ab heute darüber reden, wie wir den nächsten Gegner schlagen. Nicht mehr darüber, dass wir noch sooo viel Zeit brauchen. Das wissen alle. Und wer es nicht weiß, der wird es nach den 100000 Beteuerungen auch nicht mehr verstehen…

Aber egal, das nur am Rande. Das wollte ich mal loswerden, weil ich glaube, dass Hamburg bei allen Vorhaben große Ansprüche behalten muss. Umso schöner, dass heute nur darüber gefachsimpelt wurde, wie und vor allem dass Hertha BSC am Sonnabend geschlagen wird. „Ich habe sie live im Stadion gesehen“, sagt Oenning, der Spielbeobachtungen fleißig höchstselbst macht, sich zudem die üblichen Auswertungen der Scouts schicken lässt. Denn was er im Olympiastadion gesehen hat, war – bei aller Liebe und Respekt den Berlinern gegenüber – wirklich schwach. „Am ersten Spieltag ist vieles neu, da leiden auch andere Mannschaften drunter. Man hat bei den Berlinern gesehen, dass sie verkrampft waren“, so Oenning. Auch deshalb lässt sich der ansonsten so übervorsichtige Cheftrainer zumindest ein: „Wir können sie schlagen“ entlocken. Ist ja wenigstens ein Anfang….

Aber ich behaupte, der HSV muss den Anspruch haben, Hertha zu schalgen, wenn man nicht zu früh in schwere Wasser geraten will. Denn bei allem Verständnis dafür, gegen Dortmund und Bayern momentan vielleicht mit Niederlagen rechnen zu müssen, Mannschaften wie Hertha und Köln (unsere nächsten beiden Heimgegner) muss man dann im Gegenzug bezwingen. „Das werden wir auch. Die kommen her, wir gewinnen, und sie fahren wieder nach Hause“, verspricht Torwart Jaroslav Drobny. Der Tscheche trifft am Sonnabend in seinem sechsten Bundesligaspiel für den HSV (fünf Niederlagen, ein Sieg) auf seine ehemaligen Kollegen aus der Hauptstadt, mit denen er 2010 abgestiegen war. Sein bisher persönlicher Tiefpunkt. „Der Abstieg war die härteste Zeit meiner gesamten Karriere“, so der Torwart, der mit einem Lächeln hinterherschiebt: „Ich war bis dahin nur einmal in der Jugend abgestiegen. Mit Budvar. Aber wir hatten einen guten Hauptsponsor“, so Drobny, der auf die in Budvar ansässige Bier-Brauerei von „Budweiser“ anspricht. „Da stand immer genug Bier in der Kabine“, sagt Drobny mit einem Lächeln und scheint besser drauf als letzten Freitag, wo er noch alle Kommentare verweigert hatte…

Besser drauf gilt ganz sicher nicht für David Jarolim. Der Landsmann Drobnys saß gegen Dortmund 90 Minuten auf der Bank, weil Oennning „mit Kacar und Rincon dachte, dass wir das Mittelfeld besser zumachen können“. Oennings Vorhaben gelang nicht. Besser sah dagegen das Gespräch zwischen ihm und seinem Führungsspieler auf dem Trainingsplatz aus. Oenning und Jarolim unterhielten sich, während die Mannschaft schon trainierte. Knapp 25 Minuten diskutierten und erklärten sich die beiden ihre jeweiligen Beweggründe und Gefühlslagen. „Es hat sich einfach so ergeben“, versuchte Oenning eine Frage nach dem Gesprächsinhalt simpel abzuschmettern, „er lief mir vor die Flinte und ich hatte das Bedürfnis mich mit ihm auszutauschen. Das mache ich im Übrigen häufiger. Jaro ist mein erfahrenster Spieler, er ist wichtig.“ Auf jeden Fall scheint Oenning erkannt zu haben, dass er sich mit der Nichtberücksichtigung Jarolims in Dortmund zumindest nicht geholfen hat.

Und wie ich den wirklich tadellosen Sportsmann Jarolim kenne, wird der bis zum Hertha-Spiel weiter sauer sein und dann auf dem Platz alles geben, was in ihm steckt. Und er wird damit die Frage eines Kollegen von mir an Oenning beantworten. Der Kollege hatte den HSV-Trainer gefragt, ob Jarolim denn noch eine Zukunft beim HSV habe. „Das hoffe ich doch ganz stark“, so Oenning, der ob einer Muskelverhärtung im Oberschenkel bei Gojko Kacar noch um dessen Einsetzbarkeit bangen muss. „Wir hoffen, dass es bei ihm doch noch bis zum Hertha-Spiel reicht.“

Gleiches gilt für Jeffrey Bruma, auch auf ihn hofft Oenning. Und darauf, dass er sich beim unnötigen Länderspiel mit den Niederlanden nicht wieder neu verletzt. „Wir hätten ihn lieber hier behalten“, so Oenning, der sich mit dem Bondscoach auch nicht abgesprochen hat. „Das bringt eh nie was. Ich kann nur hoffen, dass Jeffrey gesund bleibt. Denn er ist auf einem sehr guten Weg und kann für uns eine echte Verstärkung sein.“ Schon am Sonnabend gegen Hertha BSC? „Auch er ist ein Kandidat“, so Oenning, der das „auch“ auf Per Skjelbred bezog, dem er kurz zuvor in unserer Runde gute Chancen auf einen Platz in der Startelf gegen Hertha eingeräumt hatte. „Ich spiele auf jeden Fall mit dem Gedanken. Per wirkt sehr spritzig, sehr agil. Er macht einen richtig guten Eindruck auf mich.“

Gleiches gelte übrigens für Marcell Jansen. Der hatte sich, das wurde ja hier im Blog schon lang und breit anerkannt, in der zweiten Halbzeit in Dortmund für weitere Einsätze empfohlen. „Er drängt sich auf. Er fordert es ein und drängt stark ins Team.“ Auf der linken Seite wohlgemerkt. Dort, wo Eljero Elia in der Vorbereitung gute Ansätze gezeigt hatte – und wo sich der Niederländer gegen Dortmund disqualifizierte. Zumindest sieht Oenning das so: „Er hat in der Vorbereitung gute Spiele gezeigt und war jetzt ganz schlecht. Deshalb habe ich ihn auch ausgewechselt.“ Ob Oenning auch Jansen links und Elia rechts als Lösung in Betracht zieht? „Ich sehe Elli dann noch eher in der Mitte oder ganz vorn. Rechts hat er mir bislang in noch keinem Spiel gefallen.“ Klingt irgendwie nach Reserve für den Offensivmann, dem weiterhin Kontakte zu Juventus Turin nachgesagt werden. „Da war glaube ich noch nie etwas dran“, dementiert Oenning Wechselgerüchte.

Um den ganzen Tag mit positiven Dingen abzurunden, hier noch ein paar kurze Personalien:

Änis Ben-Hatira leidet an Rückenproblemen und pausierte heute zwar, will aber nach eigener Aussage, „schon sehr bald wieder mittrainieren.“ Und Marcus Berg rückt der ersten Kadernominierung seit seiner Verletzung (Hüft-OP) immer näher. „Er hat zumindest keine Angst mehr und macht gute Fortschritte. Wir tauschen uns nach jedem Training aus. Etwas Zeit wird er zwar noch brauchen, aber er kommt“, so Oenning. Gleiches gelte für Tolgay Arslan, der heute bereits Runden um den Platz lief und in den nächsten Tagen wieder ins Mannschaftstraining einsteigen soll.

In diesem Sinne, lasst uns bei unseren Forderungen bescheidener bleiben als in den letzten Jahren. Aber kleinmachen müssen wir uns deshalb bitte nicht. Im Gegenteil. Wir wollen wachsen. Gern auch schnell. Reden wir lieber weniger darüber, wie groß andere sind und mehr darüber, wie wir möglichst schnell wachsen…

Scholle (18.45 Uhr)

P.S.: Training ist am Dienstag um 10 Uhr an der Arena.