Tagesarchiv für den 7. August 2011

Fußball soll ja ein Laufspiel sein

7. August 2011

Laufen, laufen, laufen. Ist in spätestens seit diesem Wochenende in aller Munde. Und dazu das Wort „Kilometer“. Tennis soll ja ein Laufspiel sein, obwohl der Ball auch ein wenig gespielt werden soll und muss. Und Fußball soll ja angeblich auch ein Laufspiel sein. Ist sicher auch so. Allerdings ist es im Fußball auch hilfreich, wenn einer mit dem Ball umgehen kann. Oder am besten alle. In Dortmund können es offenbar alle. Das ist aber in der Bundesliga sicher eine rühmliche Ausnahme. Bei Bayern dürfte es auch noch ähnlich gut klappen, aber dann dürften nur noch Mannschaften kommen, in denen auch der eine oder andere Rumpelfüßler mitspielen darf. Motto: „Unsere Spieler stoppen den Ball weiter, als der Gegner schießen kann . . .“

Und nun wird über Dortmund gegen den HSV vor allem in Sachen Laufbereitschaft gesprochen. Der Meister soll 125 Kilometer zurückgelegt haben, der HSV nur 114 Kilometer. Dadurch lässt sich natürlich die Niederlage erklären. Der HSV ist ein lauffauler Haufen. Oder? Wenn ich mir vorstelle, und ich habe das Spiel auch gesehen, dass der HSV zumeist in die Defensive gedrängt war, dort auch oft wie „festgenagelt“ wirkte, dann läuft ein HSV-Spieler auch naturgemäß weniger als ein Dortmunder. Oder liege ich da falsch? Dortmund hat doch nicht deshalb gewonnne, weil dort meisterlich elf Lilometer mehr gelaufen wurden. Der BVB hat deswegen gewonnen, weil er erstens schneller, zweitens raffinierter, drittens technisch einwandfrei gespielt hat. Da lagen (jedenfalls über eine Stunde lang) die Unterschiede zwischen beiden Mannschaften. Dass es beim HSV den einen oder anderen Spieler gibt, der eher den Standfußball als den Kick voller Leidenschaft und Engagement bevorzugt, das sei ja zugegeben, aber das ist ein Grundübel, das den HSV schon über Jahrzehnte begleitet. Damit soll sich ja auch in erster Linie der Trainer befassen, das ist ganz allein sein Ding.

Ich sage dazu nur eines: Wahrscheinlich muss der HSV mal mit 24 oder 25 neuen Spielern in eine Saison starten, um diesen HSV-Virus abschütteln zu können. Und wenn ich beim Schreiben dieser Zeilen so auf den Bildschirm sehe, den Bildschirm des Fernsehers, und so Mainz gegen Leverkusen betrachte, so fällt mir auf, dass diese No-name-Mannschaft von Mainz 05 (die auch noch 2:0 gewinnt!), die viele Experten (und auch Nicht-Experten) als Absteiger tippen, auf jeden Fall eines macht: Die Spieler rasen, sie brennen, sie wollen, sie rennen, sie kämpfen, sie ackern – sie stehen nicht still. Da praktiziert nicht ein Mainzer Standfußball in Vollendung, nicht einer! Aber auch das ist natürlich ganz allein die Sache des Trainers. Und sei auch nur am Rande bemerkt.

Apropos laufen.

Da gibt es einen Spieler beim HSV, dem man nachsagt, er sei ein Dauerläufer. David Jarolim heißt er. Und dieser David Jarolim fehlte im Spiel des HSV gegen Dortmund. Das, so gebe ich zu, ist natürlich auch Sache des Trainers, keine Frage – aber wundern darf ich mich doch trotz allem ein bisschen. Oder? Michael Oenning hatte während der Vorbereitung auf den „alten Knaben“ gebaut, gesetzt, er hatte ihn gelobt („Eine Stütze“) und ließ ihn nun fallen, fast bin ich geneigt zu schreiben, wie ein „heiße Kartoffel“ fallen. Warum? Ich habe dafür keine Erklärung. Noch keine.

Wobei ich eines noch anmerken möchte, bevor ich weiter schreibe: Michael Oenning ist um sein Amt als HSV-Trainer nicht zu beneiden. Ich jedenfalls beneide ihn nicht. Ich werfe ihn aber auch nicht den Fans zum Fraß vor. Oenning ist in einer neuen Zeit Trainer des HSV geworden, in einer Zeit, in der nur noch ein paar Knöpfe in der ansonsten leeren Vereinskasse liegen. Er kann nicht fordern, dass der Star, der Star und der Star geholt werden soll, damit die Ziele des HSV im oberen Bereich der Tabelle anzusiedeln sind. Er musste nehmen, was machbar ist – und das waren auch vier Nachwuchsspieler vom FC Chelsea.
Und nun mach mal, Trainer!
Oenning konnte sich keinen Marcus Berg für elf Millionen kaufen, keine sechs Millionen für einen David Rozehnal ausgeben, und, und, und. Er konnte mal gerade versuchen, einem nackten Mann in die Tasche zu fassen – und stellte fest, dass es dort nichts zu holen gibt.
Carl-Edgar Jarchow hat Oenning zugesagt, auch dann zu ihm zu stehen, wenn der HSV einmal vier Spiel in Folge verloren hat. Abgesehen davon, dass der neue HSV-Boss noch gar nicht weiß, wie es sich in Hamburg lebt, wenn der HSV nur zweimal in Folge verloren hat – es ist eine ehrbare Absicht. Hoffentlich hält Jarchow sein Gelübde durch. Ich habe mir vorgenommen, zu Jarchow zu halten – und damit zu Oenning, So lange es geht. Dennoch werde ich weiterhin das schreiben, was mir auffällt, was ich sachlich kritisieren kann. Sachlich.

Und da bin ich dann auch wieder bei David Jarolim. Ihn hätte ich gerne in der HSV-Startformation von Dortmund gesehen. Nicht, weil der Tscheche mein Liebling ist, sondern deshalb, weil ich eines weiß: Dieser David Jarolim, das schreibe ich so krass wie ich es denke, reißt sich den Arsch au für den HSV. Mag sein, dass er sich oftmals zu spät vom Ball trennt, mag sein, dass er das eine oder andere Defizit mehr hat, aber eines ist ganz sicher: Jarolim gibt alles. Alles für die Raute. So ist er vom Herzen her eingestellt.

Und wenn ich dann lese, dass Gojko Kacar (nur ein Beispiel) auf der Sechs so um die 31 Ballkontakte in Dortmund gehabt hat, dann fällt mir nichts mehr ein. Kacar hat in der vergangenen Saison ganz stark als Innenverteidiger gespielt, ganz, ganz stark. Da war er aus dieser Mannschaft nicht mehr wegzudenken. In der Vorbereitung aber war er nicht besonders gut (oder auffällig), in Dortmund war er nun grottig. Ich empfand es als mutig, dass Michael Oenning Gojko Kacar gebracht hat, und der Mut des Trainers wurde nicht belohnt. Ich hätte mir vorher ein Mittelfeld mit Jarolim und Tomas Rincon (auch er nach einer Woche Urlaub ein Wagnis, aber das wäre ich eingegangen) gewünscht. Weil beide Spieler wie um ihr Leben rennen, weil Jarolim in dem Hexenkessel, in dem Dortmund „Hochgeschwindigkeits-Fußball“ spielte, auch mal auf den Ball getreten wäre, um Ruhe ins eigene Spiel zu bringen. Auch wenn das einige „Experten“ hier eventuell als unangebracht ansehen, es wäre meiner Meinung nach ganz wichtig gewesen. Zumal er auch einiges an Erfahrung mit in die Partie gebracht hätte, was vielleicht auch nicht so unwichtig gewesen wäre.

Nun gut, der Trainer hat sich anders entschieden, und das ist natürlich auch sein Recht. Er allein, so hat es auch vorher Sportchef Frank Arnesen bei „Sky“ gesagt, hat beim HSV das Sagen. Und das ist auch gut so. Ich bin nur gespannt, welche Lehren der Trainer aus dieser Vorstellung ziehen wird. Und ob David Jarolim auch weiter im Abseits wird stehen (bzw. wird sitzen) müssen. Wobei ich mir gut vorstellen könnte, dass es in dem tschechischen Laufwunder schon ganz schön brodelt . . . Mal abwarten, wie sich die ganz Geschichte entwickelt.

Das trifft natürlich auch auf die Geschichte des Mladen Petric zu. Wie geht es mit ihm weiter? Geht er noch in diesem August? Verlängert er beizeiten mit dem HSV? Geht er im Sommere 2012 ablösefrei? Ich gebe zu, dass ich ein kleiner Petric-Fan bin, denn keiner ist beim HSV vor dem Tor des Gegners so abgezockt, wie der Kroate. Was hat Petric nicht schon für herrliche Treffer erzielt? Fallrückzieher, Flugkopfbälle, Volleyschüsse. Aber, und das ist der Punkt, immer dann, wenn er auch gut – oder jedenfalls brauchbar – bedient wurde. Petric ist kein Spieler, wird auch keiner, der sich die Bälle aus der eigenen Hälfte holt, losmarschiert und dann draufhämmert. Petric wird nie so “wirbelig”, wie zum Beispiel auf der Gegenseite (am Freitag) ein Mario Götze. Und weil das so ist, werden sich auch immer die Geister an Mladen Petric scheitern. Er muss bedient werden, und wenn er nicht bedient wird, dann ist er in den meisten Fällen auch nicht zu sehen – wie diesmal in Dortmund.

Aber auch das ist ein Problem, mit dem sich Michael Oenning nun konfrontiert sieht. Er allein muss es lösen. Indem er den Torjäger beizeiten zur Seite nimmt, um ihn zu mehr Aktionismus zu bewegen? Oder um ihn zu erklären, dass er eventuell demnächst mal neben David Jarolim wird Platz nehmen müssen, wenn sich die läuferischen Leistungen nicht ein wenig verbessern lassen?

Bei allem Optimismus, dass es mit Gökhan Töre und Marcell Jansen auch zwei Spieler beim HSV gab (und gibt), die mit ihren Leistungen und auch mit ihren Einstellungen einige Freude verbreiteten – es gibt beim neuen HSV auch – natürlich – noch reichlich Baustellen. Wie sollte es auch anders sein:
Ist “Umbruch-Time”.
Die Heimspiele gegen Hertha BSC und den 1. FC Köln werden zeigen, wie schnell in Hamburg reagiert wird. Reagiert werden kann. Nach diesen beiden Vorstellungen im Volkspark werden die HSV-Verantwortlichen – und natürlich auch die Fans – dann wohl wissen, wohin der Hase in dieser Saison laufen könnte.

So, auch wenn es noch nicht so ganz in die Geburtstagsstimmung passt, so möchte ich doch noch eine der zahlreichen Mails veröffentlichen, die mich dieser Tage erreicht haben. Vielleicht doch eine kleine Anregung, einmal kurz nachzudenken:

“Lieber Dieter,

ich finde es ein bisschen schade, dass in deinem Forum die Unfreundlichkeiten unter den Schreibern zunehmen.

Die Freude an der Sache ist doch, sich mit anderen über den HSV auseinander zu setzen. Verschiedene Meinungen zu lesen, sie anzunehmen oder ihnen etwas entgegen zu bringen.
Das ist eine ganz andere Situation als im Stadion! Da darf man meiner Ansicht nach, weil sie es nicht im Detail verstehen werden, aus großer Entfernung den Schiri anbrüllen oder sich über die Schwalbe des gegnerischen Stürmers, vielleicht auch mal über einen eigenen Spieler lauthals echauffieren. Aber nur dort! Und auch dort nur im Rahmen (nicht rassistisch, nicht gewalttätig etc.).

Ich fände es wünschenswert, wenn Dein Blog nicht als Grube missbraucht wird, in der sich erwachsene Menschen mit Dreck bewerfen und einige Teilnehmer ständig und permanent andere beleidigen. Man muss nur mal die Reaktionen zu Deinem gestrigen Text verfolgen.

So habe ich eigentlich keine Lust mehr, mich am Blog zu beteiligen.

Ich bedaure das, weil ich deine und Scholle’s Texte grundsätzlich gut und im besten Sinne des Wortes diskussionswürdig finde – auch wenn ich manchmal eine andere Meinung vertrete. Aber gerade das macht doch Spaß.

Die Saison hat noch nicht begonnen – wäre es nicht schön, wenn wir die kommenden Spieltage wie vernünftige Menschen kontrovers aber fair diskutieren könnten?

Herzliche Grüße,
BertlHorst

PS: Ich persönlich werde in Zukunft nicht mehr in Großbuchstaben schreiben. Insider (ein Vernünftiger) hatte einfach mal die Statuten zum Verfassen von Beiträgen aufgeführt. Das war mal ganz interessant, auch für die eigene Nase . . .”

PS: Bei Paolo Guerrero wird morgen eine Kernspin-Tomographie zeigen, wie schwer seine Oberschenkel-Verletzung ist; befürchtet wird ein Muskelfaserriss- was einige Wochen Pause bedeuten würde.

Und: Im DFB-Pokal muss der HSV in der zweiten Runde beim St.-Pauli-Bezwinger Eintracht Trier antreten.

Und auch das noch: Am Montag wird zweimal (10 und 15 Uhr) im Volkspark trainiert.

Und jetzt ist Schluss: Wer es noch nicht gelesen hat: Mein ehemaliger “Matz-ab”-Mitkämpfer Christian Pletz hat anlässlich des zweiten “matz-ab”-Geburtstages einen Gastbeitrag geschrieben, er ist vor diesem Bericht veröffentlicht worden – wer Interesse hat.

17.59 Uhr

Und, einen habe ich noch: Ihr werdet nun bis zum Ende des Monats auf mich verzichten müssen, denn ich habe Urlaub. Mein und Euer netter Kollege “Scholle” wird das “Matz-ab”-Ding aber schon schaukeln, da bin ich mir absolut sicher.
Wenn jemand fragen sollte, warum ich jetzt, während der Saison, in Urlaub gehe: weil ich kollegial bin. Ich wollte den guten “Scholle” nicht während der vielen, vielen Wochen der Sommerpause nicht durchackern lassen, denn jeden Tag etwas zu veröffentlichen, wenn nichts passiert, das kann durchaus weh tun. Ich habe Euch mit so manchem Nähkästchen “über die Runden” gebracht, “Scholle” hätte es da ein wenig schwieriger gehabt – weil es in der Neuzeit des Fußballs nicht mehr allzu viele Nähkästchen gibt. So spielt das Leben. Eben.

Nächste Einträge »