Tagesarchiv für den 5. August 2011

1:3 beim BVB – da war nichts zu holen

5. August 2011

Ich hätte die Saison nur zu gern mit einer Sensation begonnen. Denn das wäre es gewesen, wenn diese HSV-mannschaft in Dortmund gewonnen hätte. Leider wurde daraus nichts, der BVB gewann nach einer mehr als überzeugenden Leistung verdient mit 3:1. „Das war schon mit das Beste, was man erwarten konnte“, zeigte sich Franz Beckenbauer begeistert von den Dortmundern. Und ich schließe mich da neidlos an: das war ganz großer Sport der Dortmunder.

Schon das, was vor dem Spiel abging, hatte was von großem Kino. Auf dem Platz tummelten sich in den verschiedenen TV-Shows Fußballgrößen wie Franz Beckenbauer, Mehmet Scholl, Uli Hoeneß, Oliver Bierhoff, Matthias Sammer oder auch Steffen Freund. Der Hamburger Bass-Bariton Wilhelm Schwinghammer eröffnete wie schon 2008 (oder war es 2009?) die Saison mit der von 82000 Zuschauern im ausverkauften Westfalenstadion (ich bleibe dabei…) mitgesungenen Nationalhymne. Eine nette Stadionshow mit Hunderten weißen Männ- und Weiblein in weiß – dazu ein Blick auf die größte (und wahrscheinlich lauteste) Fan-Tribüne der Welt und den HSV im Stadion – mehr brauchst Du als Fußball-Fan nicht. Zumindest ich nicht – vor dem Spiel…

Und um 20.34 Uhr war es dann soweit. Reinhard Rauball eröffnete die 49. Bundesligasaison. Um Punkt 20.40 Uhr ertönte dann endlich der Anpfiff, um 20.41 gab Mladen Petric den ersten HSV-Torschuss ab in einer Saison, die aus HSV-Sicht noch so gar nicht abzuschätzen ist. Das von den Fans vorgegebene Motto „Leidenschaft und Kampf – statt Erfolg auf Krampf“ – es wurde umgesetzt. Zumindest anfänglich. Sehr anfänglich leider nur, denn der amtierende Deutsche Meister zeigte ab der 10. Minute, weshalb er in der vergangenen Saison die Schale geholt hat – und weshalb auch dieses Jahr wieder mit ihm gerechnet werden muss.

„Tempofußball in Perfektion“ (Marcel Reif über Dortmund) gegen „viel zu wenig Bewegung im Spiel“ (Franz Beckenbauer über den HSV – da war das 1:0 für Dortmund in der 17. Minute nur logisch. Mario Götze steckte einen Pass flach auf Großkreutz durch, der auf der rechten HSV-Seite völlig ungedeckt auf Drobny zulaufen und zum 1:0 vollenden konnte. Kagawa, der sowohl Tomas Rincon als auch dem seit Wochen formschwachen Gojko Kacar ihre Grenzen in fast jeder Szene aufzeigte, hätte in der 25. Minute fast das 2:0 erzielt – allein der Pfosten hielt den HSV im Spiel – wenn man das überhaupt so nennen darf. Und nachdem Kagawa in der 28. Minute erneut knapp scheiterte, sorgte Götze für das 2:0. Nach einem schönen Doppelpass mit Robert Lewandowski, der den Ball per Hacke zurückspielte, war die HSV-Verteidigung ausgespielt und der deutsche Nationalspieler hatte keine Probleme, zu vollenden.

Aber es kam noch schlimmer. In der 41. Minute humpelte mit Paolo der aktive(re) von zwei Stürmern vom Platz – mit Verdacht auf Muskelfaserriss. Der GAU. Nicht ganz. Die schlimmste Nachricht für die Mannschaft war sicher die, nach gerade mal 15 Minuten Ruhe noch mal auf den Platz zu müssen, der auch für die anderen 16 Bundesligamannschaften heute nicht einzunehmen gewesen wäre. Das, was der BVB hier ablieferte, sucht seinesgleichen.

Dass ausgerechnet der HSV diesen Spielrausch der Extraklasse ertragen musste – bitter. Dennoch, auch wenn hier nicht zu gewinnen war, das, was der HSV defensiv abliefert, ist nicht erst seit heute bedenklich. Am Donnerstag noch hatte Trainer Michael Oenning davon gesprochen, das Leistungsprinzip knallhart anwenden zu wollen. Wie er dann aber auf die Idee kam, Kacar aufzustellen, nachdem der ebenso sympathische und zweifellos gewillte wie derzeit formschwache Serbe in den letzten Wochen wirklich gar nichts zustande bringt – schwer nachvollziehbar. Dass der HSV gegen Extraklasse wie Kagawa, Götze, Großkreutz im Mittelfeld unterlegen ist – nachvollziehbar. Allerdings nicht SO. Denn während die Außen Töre und Elia bei jedem HSV-Angriff auf die Höhe der eigenen Stürmer vorrückten, verdingten sich Rincon und Kacar fast als Manndecker. Und nachdem sie ihre Zweikämpfe zu 80 Prozent (zumindest gefühlt) verloren und der BVB mit eben jenen bereits erwähnten Akteuren schnell aufrückte, war klar, dass das nicht gut gehen kann.

Und so kam es, dass der HSV gerade drei Minuten nach Wiederanpfiff erneut einen Gegentreffer kassierte. Götze hatte sich über außen durchgesetzt, Doppelpass mit Pisczek, Rückpass auf Großkreutz (und das alles per Kurzpassspiel im Sechzehner) – das 3:0. Und die endgültige Vorentscheidung in einem aus Hamburger Sicht leider einseitigen Spiel.

Um eines hier klarzustellen, ich breche hier nicht den Stab über der Mannschaft. Dafür war nicht nur der Gegner zu stark, sondern dafür ist es auch noch zu früh. „Nach zehn Spielen werden wir wissen, wozu wir in dieser Saison in der Lage sind“, hatte Kapitän Heiko Westermann vorher angekündigt und damit Geduld eingefordert, die nötig sein wird. Zumal es auch positive Aspekte gab. So brachte Marcell Jansen in der zweiten Hälfte etwas Schwung über die linke Seite und bot sich für weitere Einsätze an. Auch Michael Mancienne bot bis auf zwei, drei Stock- und einen Stellungsfehler eine zumindest solide erste Vorstellung auf Bundesliga-Ebene. Zudem gab die junge HSV-Mannschaft (in der Heung Min Son wegen Fiebers fehlte) nie auf und kam durch den eingewechselten Robert Tesche aus dem Gewühl nach einer Ecke noch zum Anschlusstreffer.

Und – das muss ebenso erwähnt werden – die 8000 mitgereisten HSV-Fans feierten ihre Mannschaft 90 Minuten ohne Unterbrechung. Kein Pfiff – nur Unterstützung. Respekt! Wenn die Mannschaft bis zum Hertha-Spiel am kommenden Sonnabend ebenso aus ihren Fehlern lernt, wird es gegen den Aufsteiger deutlich mehr zu holen geben als heute.

In diesem Sinne, analysieren, aufstehen, besser machen! Nicht jeder Gegner heißt Borussia Dortmund…

Scholle (22.32 Uhr)

Statistik: HSV: Drobny – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Aogo – Töre, Rincon, Kacar (73. Tesche), Elia (45. Jansen) – Guerrero (43. Ben-Hatira), Petric.
Tore: 1:0 Großkreutz (17.), 2:0 Götze (29.), 3:0 Großkreutz (48.), 3:1 Tesche (79.). – SR.: Felix Brych (München). – Zuschauer: 80720.

P.S.: Klar verneint wurde dagegen ein seit Donnerstag kursierender Wechsel von Eljero Elia gen Juventus Turin. „Tuttosport“ hatte vermeldet, der HSV habe bereits seine Bereitschaft erklärt, den Niederländer ziehen zu lassen. Zudem soll Eljeros Berater Frank Schouten gesagt haben, Spieler und Verein seien sich bereits einig. „Da ist absolut nichts dran“, so Schouten am heutigen Nachmittag, „es gab und gibt absolut keinen Kontakt zu Juventus. Das ist unglaublich…“ Zumindest, wenn man bedenkt, dass Tuttosport pro Wechselperiode gefühlt 100000 Spieler als Neuzugänge vermelden.