Tagesarchiv für den 4. August 2011

Skjelbred ist pünktlich zum Auftakt da – ebenso wie die Anspannung

4. August 2011

Schon in der Nacht hatte ich auf meinem Facebook-Account die Nachricht „Julia Papke… Ist sich jetzt ziemlich sicher, wer beim HSV in dieser Saison der Frauenschwarm ist“. Hintergrund: Julia Papke ist die Leiterin des neuen Online-TV-Magazins „HSV-Total“ und hatte am Dienstagabend den neuen HSV-Spieler Per Skjelbred in Empfang genommen. Und sie wohl hat nicht übertrieben. Denn als sich der norwegische Zugang heute offiziell in der Presserunde vorstellte, konnte es sich ein Kollege von mir nicht verkneifen: „Oha, der ist mal n Schuss für die Frauen.“

Stimmt. Aber viel wichtiger ist, dass er auch eine Verstärkung für den HSV ist oder zumindest noch wird. Menschlich macht der Rechtsfuß schon einen super Eindruck. „Ich freue mich auf die neue Aufgabe und fühle mich schon jetzt sehr wohl“, so Skjelbred, der zum ersten Mal in seiner Karriere außerhalb Norwegens einen Spielervertrag unterschrieben hat. Zusammen mit seiner Freundin Christin und seinem Sohn Jonathan hat der Rechtsfuß in Hamburg die neue Wohnung bezogen. „Hamburg ist so schön grün, hat sehr viele Bäume und Parks. Das gefällt nicht nur mir, sondern ist auch toll für meine Familie.“

Skjelbred scheint „ein netter, ehrlicher, teamorientierter Fußballer“ zu sein, wie es Frank Arnesen angekündigt hat. Vor dem Abschlusstraining plauderte der 24-Jährige über seine Beweggründe, nach Hamburg zu gehen. Und über seinen nicht ganz gewöhnlichen Werdegang. „Ich habe sieben Jahre lang getanzt“, so der Norweger, „und zwar im Ballett.“ Er war sogar so gut, dass er Förderkurse nehmen sollte, sich dann allerdings für den Fußball entschied. Dass er auch dort über die Castingshow „Proffdrommen“ das erste Mal für richtig Aufmerksamkeit sorgte, es passt irgendwie. „Das war damals wirklich verrückt. Ich war noch sehr jung und spielte bei einem kleinen Verein. Dann klingelte das Telefon und ich wurde zu der Show eingeladen. Wir wurden von 20 Kameras rund um die Uhr gefilmt – beim Training, beim Schlafen, immer.“ Er gewann und der FC Liverpool wollte ihn verpflichten. Aber Skjelbred lehnte ab: „Das wäre viel zu früh gewesen.“

Skjelbred hat Prinzipien. Beigebracht hat ihm das sein erster Profiklub, Rosenborg Trondheim, für den er die letzten acht Jahre in der ersten Liga auflief. Mit 16 debütiert, zum norwegischen Nationalspieler berufen kamen schnell auch internationale Angebote. Doch Rosenborg lehnte ab. „Die wollten damals richtig viel Geld für mich. Teilweise bekam ich von den Angeboten gar nichts zu hören. Die hatten ihre Prinzipien.“ So geschehen übrigens bei einer Offerte Tottenhams, damals federführend überbracht vom heutigen HSV-Sportchef Frank Arnesen, an dem es auch letztlich war, Skjelbred endgültig von einem Wechsel ins Ausland zu überzeugen. Skjelbred unterschrieb bis 2015. „Als sich der HSV gemeldet hat, habe ich sofort zugesagt“, sagt Skjelbred, der am Freitag in Dortmund dabei sein wird – als Zuschauer. „Ich muss mich erst noch an alles gewöhnen. Das Tempo kennenlernen, meine Kollegen kennenlernen und mich einleben. Ich werde etwas Zeit brauchen, aber ich bin überzeugt davon, dass meine Entscheidung für den HSV richtig ist.“

Und nachdem er fußballerisch beim Abschlusstraining weder ab noch auffiel, blieb nur noch die Frage, wie er auf die Idee kam, Ballett zu tanzen? Eine Frage, die Skjelbred mit einem Lächeln und einer guten Begründung beantwortete: „Ganz ehrlich, allein unter 24 Mädchen – das war auch nicht schlecht…“

Aber zurück zum Tagesgeschäft. Immerhin sind es rund 24 Stunden, bis der HSV seine erste Prüfung in Punktspielform abliefern muss. Und das beim Deutschen Meister Borussia Dortmund, der bis auf Schmelzer wohl alle Stars an Bord haben dürfte. „Wir werden die Festung Dortmund sicher nicht mit Hurra stürmen können, kündigte Oenning bereits gestern eine stark defensiver orientierte Ausrichtung seiner Mannschaft an. Auch deshalb hat er Jeffrey Bruma trotz Trainingsrückstandes mitgenommen – aus Mangel an Alternativen. Hinten steht die Viererkette mit Diekmeier, Mancienne, Westermann und Aogo fest. Das größte Sorgenkind ist in Oennings Augen das defensive Mittelfeld. Für die Doppel-Sechs hat sich bisher lediglich Tomas Rincon in seinem 45-Minuten-Auftritt empfehlen könne. Alle andere, von Robert Tesche über Gojko Kacar bis hin zu David Jarolim wussten nicht zu überzeugen. „Dann muss er nach dem Ausschlussverfahren vorgehen“, hat mir heute ein weises Mitglied unseres herrlichen Blogs zugeflüstert – und ich finde er hat recht. Demnach würde das Los nicht auf den völlig neben der Kappe agierenden Gojko Kacar und noch weniger auf Tesche fallen, der in seinen Kurzeinsätzen fast schon Fußball verweigerte. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass Oenning mit Rincon und Jarolim „zwei Kleine“ aufstellt. Das wiederum würde für Kacar sprechen. Allerdings spricht diese ganze Diskussion dafür, dass der HSV auf dieser Position noch Handlungsbedarf hat. Es sei denn, Skjelbred übernimmt…

Wer von Euch – und das waren einige – gestern und heute die Trainingseinheiten verfolgt hat, der wird gesehen haben, dass wir offensiv mit Paolo Guerrero mehr als eine echte Alternative haben. Der Peruaner ist noch immer in der Form, die ihn zum Torschützenkönig bei der Copa America machte. Er trifft aus allen Lagen, behauptet den Ball und legt auf. Allerdings ist fraglich, ob Oenning ihn auch von Beginn an spielen lässt, nachdem Heung Min Son in der Vorbereitung größtenteils (Oldenburg und Valencia mal ausgenommen) überzeugt hatte und Mladen Petric als gesetzt gilt. Aber was beschwere ich mich? Immerhin kann Oenning so explizit und qualitativ hochwertig reagieren, wenn es in der Offensive nötig sein sollte.
Auf den Außenbahnen ist Elia nach zuletzt ansprechenden Auftritten gesetzt. Und während ich persönlich die Kombination Marcell Jansen links und Elia rechts am besten fand, muss ich zugeben, dass Gökhan Töre im Gegensatz zu Änis Ben-Hatira mächtig Werbung für sich gemacht hat. Hier wird es Oennings Aufgabe sein, die richtige Entscheidung im richtigen Moment zu treffen. Und ich bin mir sicher, dass er das schafft.

199 Länder werden am Freitagabend via TV Zeuge sein, wenn der HSV in Dortmund beim Meister die Saison einläutet. Und Ihr, oder besser: wir. Denn jetzt beginnt das, worüber wir die letzten sechs bis acht Wochen mehr oder weniger gehaltvoll diskutiert haben. Jetzt zeigt sich, wie wettbewerbsfähig dieser HSV ist. Und jetzt wird sich auch zeigen, wie geduldig das Umfeld ist.

Denn: Wie man es nicht machen sollte, haben wir am Dienstag im Stadion erlebt. Auf den Rängen – und auf dem Platz.

In diesem Sinne: es kann nur noch besser werden.

Bis morgen. Da melde ich mich mit Schlusspfiff aus dem Westfalenstadion (klingt besser als Signal-Iduna-Park).

Scholle (18.39 Uhr)

Der Kader: Drobny, Mickel, Diekmeier, Westermann, Mancienne, Aogo, Bruma, Jarolim, Jansen, Eli, Tesche, Rincon, Kacar, Guerrero, Petric, Son, Töre, Ben-Hatira.