Tagesarchiv für den 3. August 2011

Die Pfiffe im Volkspark – Demels Abrechnung

3. August 2011

„Schön ist es nicht, aber Pfiffe wird es immer mal wieder geben. Da muss er jetzt durch.“ Sagt Uwe Seeler. Deutschlands Ehrenspielführer, einst jahrelang auch HSV-Kapitän, bezog Stellung zu den Pfiffen, die ein Nach-Nach-Nachfolger von ihm kassierte. Pfiffe gegen Westermann bei jeder Ballberührung des alten und neuen HSV-Kapitäns – eine neue Dimension ist erreicht. Ich habe es seit dem August 1959, als ich mein erstes HSV-Spiel am Rothenbaum erlebte, noch nie erlebt, dass der HSV-Kapitän von den HSV-Fans ausgepfiffen wurde. Aber nichts ist anscheinend unmöglich. Es ist aber nur noch beschämend, ich bin entsetzt und schockiert. Zumal ich mich frage, was diese „Pfeifer“ erreichen wollen? Westermann raus? Das hieße, dass der HSV ein weiteres Mal Millionen verschenkt. Westermann auf die Bank? Das hieße, dass dort hinten fortan an eine „Bubi“-Abwehr gegen gestandene Bundesliga-Stürmer ankämpfen muss. Eine wahnsinnig tolle Vorstellung.

Es wäre ja auch ein Novum, dass der HSV einen Spieler, der gerade als Kapitän bestätigt wurde, mit Nichtachtung straft. Aber keine Bange, das wird nicht passieren. Trainer Michael Oenning bezog zu diesem Thema heute noch einmal Stellung und sagte: „Ich bin froh, dass Heiko unser Kapitän ist, weil ich glaube, dass es der Wunsch der Mannschaft war. Das zog sich auch durch, schon in der vergangenen Saison war er ein geschätzter Teamplayer. Was sehr wichtig ist, denn er schiebt sich nie selbst in den Vordergrund, und er versucht trotzdem, mit seinen Möglichkeiten immer wieder vorne weg zu gehen.“ Oenning weiter: „Natürlich ist es einfacher, wenn ich mich selbst in einer guten Phase befinde, selber tadellos Fußball spiele – dann ist es leicht. Aber ich finde es viel bewundernswerter, dass er es in einer Phase macht, in der er weiß, dass ihm nicht alles so gelingt.“

Und zu den Pfiffen gegen Westermann sagt der Coach: „Ich habe das nicht so dramatisch gesehen. Das war wieder nur einmal aus einer typischen Laune heraus, es waren auch nicht viele. Da kann man natürlich ein Thema draus machen, aber das wird den Heiko je begleiten. Es wird in insofern begleiten, als dass er sich sagt: ‚Okay, ich habe das gehört, aber ich nehme das als Motivation.’ Jeder der Heiko in der vergangenen Saison erlebt hat, der wird wissen, dass er mit der zweikampfstärkste Spieler der Bundesliga war. Er hat seine Qualität, und er hat auch seine Berechtigung. Und ich glaube auch, dass wir uns als HSVer uns es nicht leisten können, plötzlich unsere Spieler auszupfeifen, um sie so dann in Frage zu stellen – das wäre der völlig, völlig falsche Weg. Dafür ist Heiko auch gar nicht geeignet.“

Das sagt der Trainer zu diesem unliebsamen Thema. Natürlich, es ist nur EIN Trainer, und es pfeifen ein paar mehr Fans, aber – dieser Trainer hat das Sagen beim HSV. Nicht diese Pfeifer. Es sei denn, die Pfeifer werden diesen Laden bald übernehmen, dann können sie natürlich weiter pfeifen – und alles rausschmeißen, was sie rausschmeißen wollen. Klar. Unmöglich ist das ja nicht. Siehe Bayern. Wo die Fans ja schon Verhaltensmaßregelungen für die Profis (oder erst einmal nur für einen) vorschreiben. Vielleicht wäre es ja auch angebracht, für Westermann eine Art Verhaltens-Katalog aufzustellen:

1.) Keine Pässe mehr über sechs Meter – und mehr.
2.) Niemals weiter entfernt vom Gegenspieler stehen als ein Meter.
3.) Jeden Zweikampf gewinnen.
4.) Jedes Kopfballduell gewinnen.
5.) In jedem zweiten Spiel ein Kopfballtor nach einem HSV-Eckstoß.
6.) Nur noch ein Stockfehler pro Spiel.
7.) Nach jedem HSV-Tor auf die Raute klopfend zurücklaufen.
8.) Jeden Kollegen nett und höflich auf die 90 Minuten vorbereiten.
9.) Stets die Seitenwahl gewinnen.
10.) Stets sauber und adrett auf den Rasen laufen – auch zur zweiten Halbzeit.
11.) Ohne Gelbe Karte durch alle 34 Spiele gehen.

Hätte doch was. Obwohl ich nicht so recht weiß, ob ihm das noch helfen würde, die Gunst der HSV-Fans zurück zu gewinnen. Der Karren scheint irgendwie schon restlos verfahren.

Der HSV-Vorstandsvorsitzenden Carl-Edgar Jarchow hat auch seine Meinung zu dem „Fall Westermann“: „Die Pfiffe sind, gerade in dieser Phase, nicht schön. Das sind Pfiffe gegen den HSV-Kapitän, das darf nicht sein. Obwohl ich auch sagen muss, dass Heiko Westermann gelegentlich Fehler macht, die nicht ganz nachvollziehbar sind. Dennoch sage ich, dass er ein Spieler ist, der immer will, der vorbildlichen Einsatz zeigt. Ich möchte um Verständnis bitten, und auch um Geduld. Heiko Westermann ist in meinen Augen auch genau der richtige Kapitän des HSV.“ Jarchow sagt speziell zu den Pfiffen gegen den Kapitän: „Vielleicht war das Publikum, das gegen Valencia dabei war, auch ein anderes Publikum als das bei den Bundesliga Spielen. Das würde die Pfiffe auch erklären.“

Und was sagt eigentlich Heiko Westermann selbst zu den Pfiffen gegen seine Person? Er ist, so scheint mir, obergenervt. Aber ist das ein Wunder? Er sagt: „Das waren ja nur vereinzelte Leute, die da gepfiffen haben. Darüber lohnt es sich gar nicht zu sprechen. Wir haben das letzte Vorbereitungsspiel, wir spielen gegen einen Champions-League-Starter, da dann die eigenen Spieler auszupfeifen, das gehört sich einfach nicht und ist völlig unpassend.“ Taten ihm diese Pfiffe weh? Westermann: „Was heißt wehtun? Ich war ein bisschen erbost, das muss ich schon sagen. Aber es geht weiter. Diese Leute, die da gepfiffen haben, das sind dann die ersten die feiern, wenn es gut läuft.“

Wenn es gut läuft. Aber was ist, wenn es nicht gut läuft? Befürchtet der Spielführer dann, dass die Fans noch schlimmer reagieren werden? Westermann: „Wir haben einen guten Draht zu unseren Fans, sie unterstützten uns auch prima – jedenfalls sind es die Leute, mit denen ich gesprochen habe.“ Westermann weiter: „Klar geht es immer darum, dass wir gewinnen, ganz klar, aber was ich sagen möchte ist das, dass keiner von uns jetzt Traumfußball erwarten kann. Jedenfalls nicht im ersten halben Jahr, oder auch während der gesamten Saison nicht. Es wird sehr schwer werden für uns, aber wir wollen uns natürlich von Woche zu Woche verbessern.“ Und: „Wir haben eine junge Mannschaft, wir haben eine schnelle Mannschaft, aber wir müssen auch vor Rückschlägen gewappnet sein. Wir sind noch lange nicht am Ende, wir müssen noch viel, viel arbeiten, sind erst am Anfang – ich denke es ist wichtig, das wir die Zeit zur Entwicklung bekommen. Und diese Zeit werden wir auch bekommen.“

Der Kapitän sagt dann auch noch etwas ganz Wichtiges: „Wir haben ein sehr gutes Klima in der Mannschaft, das ist mit Sicherheit so. Aber wir haben auch enorm an Qualität verloren, keine Frage. Wir haben viele junge Spieler bekommen, die noch keine Erfahrung in der Bundesliga gesammelt haben, aber ich sage trotzdem, dass wir eine gut aufgestellte Truppe haben.“ Wobei Heiko Westermann mit der verlorenen Qualität wohl eher die Erfahrung meint, die dem HSV verloren ging.

Apropos verloren ging. Guy Demel ist dem HSV ja verlustig gegangen. Oder gegangen worden. Und der Abwehrspieler, der seit Saisonbeginn bei der Regionalliga-Truppe von Rodolfo Cardoso trainiert, rechnete heute (einmal mehr?) mit dem HSV ab. Der Mann, unser aller „Guiiiiiiiiiiiiiiiiiii“, oder Euer „Guiiiiiiiiiiiiiiiiii“, ist total verbittert. Er sieht gut aus, scheint topfit zu sein, aber er ist auch fertig mit dem HSV. Absolut fix und fertig. „Wenn das der HSV ist, dann kann ich mich damit nicht mehr identifizieren. Ich muss noch ein Jahr durchhalten, dann hat sich das Thema erledigt. Ich wollte weg, die wollten mich nicht halten, aber ie lassen mich nicht ohne Ablöse gehen, obwohl ich einst ohne Ablöse zum HSV gekommen bin. Andere Spieler haben vier Millionen gekostet und durften für 500 000 Euro gehen . . .“

Demel, einmal in fahrt, sagte weiter: „Das erste Training bei Rodolfo Cardoso war schwer, da tat noch weh, aber jetzt bin ich durch mit dem Thema. Ich fühle mich wohl bei der U 23, das sind alles nette Kerle. Heute ist es nicht mehr schwer für mich, dort zu trainieren, denn ich weiß, dass es nichts mit meiner Qualität zu tun hat. Ich weiß zwar nicht, was ich falsch gemacht habe, um so etwas mitmachen zu müssen – doch wahrscheinlich liegt es daran, dass ich meinen Mund aufgemacht habe, dass ich immer die Wahrheit gesagt habe. Das passt nicht jedem. Der HSV spricht nach außen so und handelt nach innen so. Das ist nicht ehrlich.“

Während Demel das sagte, kamen viele Kollegen aus der Profi-Mannschaft vorbei, sie alle umarmten ihn, sie alle lagen in den Armen mit ihm – da gab es eine unheimliche Herzlichkeit zu registrieren. Er sagt: „Ich habe kein Problem mit nur einem Spieler hier, auch kein Problem mit den Fans, ich genieße noch immer die schönen Zeiten, die ich hier hatte – auch wenn es im Moment sehr schwer ist für mich. Ich wünsche dem HSV alles Gute, ich habe nur ein Problem mit dem Trainer und dem Präsidenten, mit Leuten, die nicht die Wahrheit sagen. Aber für mich ist die Sache erledigt, ich schließe jetzt auch einen sofortigen Wechsel aus, denn ich habe Familie, da muss ich langfristiger planen.“

Am Freitag, wenn die Regionalliga startet, spielt der HSV gegen Meuselwitz. Wahrscheinlich mit Guy Demel. Er sagt: „Rodolfo Cardoso plant jedenfalls mit mir, aber wer weiß, was sich die Herren da oben noch einfallen lassen, damit ich nicht spielen kann. . . Vielleicht werden mir dann doch wieder andere Spieler vorgezogen, aber das werde ich ja sehen.“ Ob er ein Spiel in der Regionalliga als Strafe empfinde? Guy sagt: „Nein, ich habe dann ja Spielpraxis. Und Strafe? Was kann der HSV denn noch Schlimmeres machen mit mir, als das, was bisher passiert ist? Das Schlimmste haben sie ja schon geschafft, sie haben meinen Ruf kaputt gemacht. Sie haben mich zur zweiten Mannschaft geschickt, ich sehe nichts, was sie noch schlimmer machen könnten.“

So, kurz noch zu den Personalien – bezüglich des Dortmund-Spiels. Dennis Diekmeier hatte beim Training einen Schlag (von Paolo Guerrero) auf den Fuß bekommen und humpelte in die Kabine, aber er wird am Freitag spielen können. Gökhan Töre, der gegen Valencia verletzt vom Platz musste, hat heuet schon wieder voll mittrainiert – Entwarnung also. Und alle anderen sind fit. Auch die beiden Copa-America-Teilnehmer. Von denen ich ausgehen, dass sie am Freitag dabei sind – in der Startelf. Aber dazu dann am Donnerstag mehr. Dann von Scholle, der auch in Dortmund vor Ort sein wird.

Einen Punkt habe ich zum Schluss noch abzuhandeln: die Uhr!

Die Uhr ist weg!

Habt Ihr es gesehen? Die Bundesliga-Uhr des HSV tickte beim Valencia-Spiel nicht mehr, sie war fort, weg. Ende, aus? Ich habe darüber mit HSV-Boss Carl-Edgar Jarchow gesprochen: „Nein die Uhr ist nur kurzzeitig weg gewesen. Gegen Hertha BSC wird sie wieder da sein. Sie ist deswegen weg, weil dort renoviert wurde, und diese Arbeiten waren bis zum Valencia-Spiel noch nicht abgeschlossen. Ich kann alle beruhigen, wir sind noch nicht abgestiegen – die Uhr kommt wieder!“

Okay. Hoffentlich war es – trotz allem – kein schlechtes Omen, dass die Uhr auch nur kurzzeitig weg war. Hoffentlich.

18.09 Uhr