Tagesarchiv für den 2. August 2011

1:2 – Pfiffe für den HSV-Kapitän

2. August 2011

Ein bisschen Einlaufen, ein bisschen Schaulaufen, und dann auch noch ein bisschen Auslaufen. Das war die Saisoneröffnung des HSV. Garniert mit einem Spielchen gegen den FC Valencia. Ein Hauch von „Europapokal, Europapokal, Europapokal“ wehte durch den Volkspark. Fehlten nur noch die Nationalhymnen oder die Hymne der Uefa. Was aber auch fehlte, das waren HSV-Tore. 1:2 hieß es nach 90 Minuten, Valencia gewann hochverdient, auch deshalb, verdient weil der HSV mit angezogener Handbremse spielte. Was absolut verständlich war. Nicht gegen Valencia musste gewonnen werden, nein, am Freitag in Dortmund muss gut ausgesehen werden. Nur das zählt. Logisch, dass sich niemand verletzten, logisch auch, dass sich niemand verausgaben wollte – oder sollte. Als dieses Spiel aber abgeschlossen wurde, da wusste noch niemand von einem Eröffnungsspiel am Freitag beim Meister in Dortmund. . .

War das die erste Elf für Dortmund? Drobny; Diekmeier, Mancienne, Westermann; Aogo; Ben-Hatira, Kacar, Tesche, Elia; Son, Petric.

Hoffentlich nicht.

Wenn es sich Michael Oenning so gedacht hat, dann wird er in dieser Woche wohl noch einmal umdenken (müssen). Da fehlte einfach noch zu viel. Trotz der (vorgegebenen) angezogenen Handbremse. Meine Wackelkandidaten wären – mindestens diese vier: Gojko Kacar, Robert Tesche, Änis Ben-Hatira, Heung Min Son.

Aber dazu komme ich später. Erst einmal die Vorgeschichten dieser Partie. Es ist raus, Heiko Westermann bleibt der HSV-Kapitän. Seine Stellvertreter sind Mladen Petric und Dennis Aogo. Ein Mannschaftsrat ist noch nicht bneannt, gewählt oder berufen worden.

Ja, und wenn es einen Hauch von Europapokal gab, dann müssen auch Uwe Seeler und Gert „Charly“ Dörfel genannt werden. Der Entertainer und Maler Kurt Schulzke hat ein Ölbild von diesem Traum-Duo angefertigt, und dieses Werk wurde vor dem Spiel enthüllt. Beide Protagonisten waren dabei, es wurde gescherzt, geflachst und herzhaft gelacht. Wie in großen Hamburger Tagen – zu großen HSV-Zeiten. „Charly“ stellte, als er neben „uns Uwe“ stand, fest: „Mensch, Dicker, ich bin ja jetzt größer als du – bist du in der Schrumpfphase?“ Dörfel neckt Seeler ja auch regelmäßig mit folgendem Satz: „Ich hätte damals man meine Flanken ein paar Zentimeter höher zur Mitte geben sollen . . .“ Damit Uwe sie nicht bekommen hätte. Aber der konterte – und hatte die Lacher auf seiner Seite: „Du hättest ruhig noch höher flanken können, die Bälle hätte ich auch noch spielend erreicht . . .“
Ja damals, da war alles noch ganz anders. Besser? Besser! Als heute jedenfalls.

Vor dem Anpfiff standen Mladen Petric, David Jarolim, Heiko Westermann, Dennis Aogo, Gojko Kacar und? Und wer am Mittelkreis? Robert Tesche. Ja, Tesche gehört jetzt auch zu den Älteren, zu den „Erwachsenen“ beim HSV. So ändert sich das Leben eines Fußballers. Und so weit ich das aus der Ferne betrachten konnte, stand Tesche nicht nur schweigend in der Runde, sondern sagte auch etwas. Er, der Schweiger. Er kommt jetzt mehr und mehr aus sich heraus. Gut so.

Allerdings war das diesmal nur vor dem Spiel so. Während der Partie blieb Tesche ein wenig zu reserviert, zu verhalten, zu unauffällig. Das hatte wohl auch Michael Oenning schnell erkannt, denn in der 12. Minute stand er Coach am Rande und beschied seinem Schützling eindringlich (indem er einen Handrücken die flache Hand schlug), endlich mehr Leben zu zeigen. Es fruchtete – zehn Minuten. Höchstens. Ich wünschte mir schon, dass Tesche jetzt, wo er die Chance von diesem HSV-Trainer erhält, diese Chance auch nutzt. Dann aber muss er sich mehr zeigen, mehr fordern, mehr geben. Er muss versuchen, dominanter zu werden – klingt einfach, ist wahrscheinlich nicht ganz so einfach. Aber wenn einer seine Chance wittert, dann muss da ganz einfach mehr kommen.

Gilt auch für Änis Ben-Hatira. Diese 45 Minuten waren zu wenig. Zwei, drei Aktionen nach vorne, oft aber nur Rückpässe. Wann nimmt dieses Talent mal wieder sein Herz in beide Hände und zieht unwiderstehlich auf? Er kann es doch. Er hat es doch schon bewiesen. Aber in dieser Verfassung? Nein.

Gojko Kacar blieb wieder einmal viel zu verhalten. Warum? Das frage ich mich seit Wochen. An der Verletzung am Knöchel (Kalkablagerungen) kann es doch nicht liegen – denn es sollte, wenn es zu schlimm wird, ja eigentlich (längst) operiert werden. Egal warum, da muss mehr kommen, Kacar muss sich mehr, viel, viel mehr ins Spiel einbringen. Er überlässt meistens seinen Nebenleuten die Verantwortung – und das ist Alibi-Fußball.

Heung Min Son, der Vorbereitungs-Bomber, hat sein Pulver wahrscheinlich in den Testspielen verschossen. Er wollte, das ist sicher, er lief viel, bot sich an, versuchte in die Spitze zu gehen, mit und ohne Ball, aber in den entscheidenden Momente, da fehlt ihm ganz einfach Erstliga-Tempo. Er spielt zu zögerlich, wie in der A-Jugend. Da ging das vielleicht noch, es ging auch gegen eine Nordfriesen-Auswahl und gegen die Hamburger Polizei, aber dann, wenn schnell gespielt wird, dann fällt Son noch ab. Er ist dann ganz einfach zu leicht ausrechenbar. Schade für ihn, schade für den HSV. Aber da wird er noch einiges an Lehrgeld bezahlen müssen.

„Hey, Hey, hey, hier kommt Hamburg.“ Es begann ja alles so schön, stimmungsvoll und nett im Volkspark. Doch mitten in diesen „Hey, hey, hey“ fiel das 0:1. Mata traf per Hacke in der fünften Minute. Und schon gab es Pfiffe. Von einer Sekunden zur anderen. Auch das war schade. Dabei hatte der HSV durchaus engagiert begonnen. Pech nur, dass die erste Offensiv-Aktion der Spanier gleich den Rückstand bescherte. Aber dieser Schock musste wohl erst einmal – mit einem Pfeifkonzert – verdaut werden. Zum Glück erholten sich die Fans noch. Es gab zur Pause zwar neben einigem Beifall auch Pfiffe, aber es wurde später doch lebhafter. Besonders im Norden. Gut so!

Drei Tormöglichkeiten hatte der HSV im ersten Durchgang. Zu wenig. Aber die waren hochkarätig. Eljero Elia schoss aus 16 Metern, Torwart Alves hielt super (13.). Sechs Minuten später stand Son allein vor Alves, hätte den Keeper eigentlich überlisten müssen, zögerte aber einmal mehr zu lange, der Ball wurde ihm noch vom Fuß gegrätscht. Und nach einer großartigen Flanke von Dennis Diekmeier kam Petric aus acht Metern frei zum Kopfball, normal sitzen dann diese „Dinger“, diesmal aber parierte Alves ein weiteres Mal prächtig (23.).

In der zweiten Halbzeit spielte der HSV mit: Drobny; Besic, Mancienne, Westermann, Jansen; Töre (87. Götz), Rincon, Jarolim, Behrens; Castelen, Nagy (81. Guerrero).

Besser wurde es vor 33 920 Zuschauern auch nicht. Wieso auch? Obwohl ich schon das Gefühl hatte, dass der zweite Anzug mehr hätte geben dürfen, auch mehr geben wollte – und auch ein wenig mehr gegeben hat. Es reichte nur nicht zum Ausgleich. Obwohl Valencia in der 66. Minute gleich sieben Spieler ein- und auswechselte – und später noch einmal zwei Neue brachte.

„Wir woll’n euch kämpfen seh’n“, schallte es nach dem 0:2 (Bernat, 70.) aus dem Norden. Wenn es doch nur mit kämpfen getan wäre. Es fehlt doch viel mehr . . .
Immerhin gab es noch das Anschlusstor. Nach einem Guerrero-Kopfball reagierte Alves noch super, aber Hanno Behrens staubte ab (88.). Zu spät, um dem Spiel noch eine Wende zu geben.

Lichtblicke beim HSV waren für mich Jaroslav Drobny, der nur einmal bei einem hohen Ball ins Trudeln kam. Dazu hatte Diekmeier im Vorwärtsgang etliche gute Szenen, Dennis Aogo war engagiert wie immer, auch wenn er defensiv nicht gerade stabil stand, und Heiko Westermann war zum Beispiel in der ersten Halbzeit fehlerlos, ließ sich später aber von der Verunsicherung der B-Mannschaft anstecken. Gut auch Gökhan Töre, der HSV-Mann des zweiten Durchgangs. Leider musste er kurz vor dem Ende verletzt raus. Hoffentlich keine langwierige Verletzung. Bester Mann war auf Hamburger Seite aber eindeutig Elia, der beherzt aufspielte, viel versuchte – aber auf wenig Gegenliebe bei seinen Kollegen stieß´. Schade für ihn. Schade für den HSV. Schade für die Fans.

Dass diese zum Schluss Heiko Westermann bei jeder Ballberührung auspfiffen (nicht im Norden), das war peinlich. Wann, wann hat es das bitteschön in Hamburg einmal gegeben, dass der eigene Kapitän bei jeder Ballberührung ausgepfiffen wird, niedergemacht wird? Armes Hamburg.
Aber wer bezahlt, der darf eben auch den Affen tanzen lassen . . .
Wie schön, dass wenigstens Paolo Guerrero bei seiner Einwechslung viel Beifall erhielt. Er hatte ja auch schon ganz andere Zeiten in Hamburg zu erleben.

21.15 Uhr

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