Tagesarchiv für den 31. Juli 2011

HSV-Fans für HSV-Stars?

31. Juli 2011

Nun ja. Der HSV hat nicht verloren. Der HSV ist immer noch im Pokal. Also ist ja noch gar nichts passiert. Was sollen denn Wolfsburger, Freiburger, Bremer und die Jungs aus Leverkusen sagen? Die sind arm dran. Oder ärmer auf jeden Fall. Und ich sehe diesen Sieg in Oldenburg auch nicht als eine Art Niederlage an. Gewonnen ist gewonnen. Vor ein paar Tagen erst 2:1 gegen die Bayern, nun 2:1 gegen den VfB Oldenburg. Zwei Erfolge. Und zwei HSV-Siege, mit denen man so, in dieser Form, nicht unbedingt rechnen konnte. Der erste Sieg wurde mit einer defensiven Marschroute, mit Engagement und viel Disziplin errungen, den zweiten Sieg gab es, weil sich letztlich die fußballerische Klasse gegenüber einem Fünftliga-Vertreter durchgesetzt hat. Beim zweiten 2:1 war der HSV gezwungen, das Spiel zu machen, nach vorne zu spielen – und damit hatten schon die HSV-Mannschaften der jüngsten Vergangenheit stets so ihre Schwierigkeiten.

Und am nächsten Wochenende ist ja nicht DFB-Pokal angesagt, sondern Bundesliga. Ich jedenfalls werde diesen neuen HSV nicht deshalb verdammen, weil er sich in Oldenburg zu einem 2:1-Sieg gequält hat. Und meine Zurückhaltung liegt nicht (nur) daran, dass ich mir mit meinem „Angst-und-bange“-Artikel kürzlich blauen Augen und rote Ohren abgeholt habe. Jeder Trainer, nicht nur der des HSV, verweist immer darauf, dass man erst nach den ersten zehn Saisonspielen einen Trend erkennen kann, dass man erst dann erkennt, wohin der HSV-Hase hoppeln wird – lasst uns also in aller Ruhe abwarten. Das wäre jedenfalls mein Vorschlag zur Güte. Spielt der HSV am Freitag in Dortmund so, wie er es in Mainz gegen die Bayern tat, so ist alles möglich. Alles.

„Wir sind zufrieden. So ist der Pokalfußball“, sagte Sportchef Frank Arnesen in Oldenburg. Und Michael Oenning befand: „Es war vielleicht ganz gut so, dass wir hier so richtig was auf die Socken gekriegt haben, obwohl ich schon dachte, dass wir das hier souveräner hinbekommen würden. Der Klassenunterschied hätte eigentlich viel deutlicher zu erkennen sein müssen.“ Und: „Die Abwehr muss stabiler werden, ruhiger und abgeklärter. Aber dieses Spiel war auch wie Steine klopfen . . .“ Mladen Petric gab zu: „Wir haben uns dieses Spiel viel zu schwer gemacht. Und man kann sagen, dass noch einiges nicht passte, da hat noch einiges gefehlt.“

Michael Oenning sagte auch noch einen sehr wahren Satz: „Nicht zufrieden sein kann ich mit der Grundeinstellung einige Spieler.“ Sehr richtig. Aber so etwas in diese Richtung sagen jetzt wahrscheinlich auch die Trainer in Wolfsburg, Bremen und Leverkusen. Und auch in Cottbus zum Beispiel. So ist das im Pokal. Jeder zweite Profi unterschätzt den „kleineren Gegenspieler“, nimmt ihn erst gar nicht für voll. Und wenn dann festgestellt wird, dass dieser „Kleine“ über sich hinauswächst, dass dieser „Kleine“ nicht nur zutritt wie ein Kesselflicker, sondern dass dieser „Kleine“ auch noch zutreten darf, weil er einen gewissen „Amateur-Bonus“ genießt, dann ist es meistens schon zu spät, an der „Grundeinstellung“ noch etwas zu ändern. Wobei sich dabei eine Frage fast von allein stellt: Wieso gelingt es Amateuren so häufig, den Profis durch Härte und einer gewissen Portion Unfairness (einige Oldenburger traten mehrfach nach, ohne dass es geahndet wurde) so dermaßen den Schneid abzukaufen? Das wird mir immer ein Rätsel bleiben. Liegt es wirklich nur daran, dass der Unparteiische gewisse Tretereien einfach durchgehen lässt? Motto: „Das sind kleine Amateure, so etwas müssen die Profis abkönnen, sonst sollten sie ihren Beruf wechseln.“

Fest steht, dass es solche Auftritte im Pokal immer wieder geben wird. Nicht nur vom HSV. Ganz klar. Und wenn ich gerade bei „Beruf wechseln“ war: Ich wurde gestern und auch schon heute von Freunden und Bekannten gefragt: „Was macht Heiko Westermann eigentlich beruflich?“ Wie unfair. Echt. Und wie böse, wie gemein, wie niederträchtig?

Nur weil der Noch-HSV-Kapitän den 1:1-Gegentreffer durch einen groben Schnitzer begünstigt hatte? Ich verstehe diese Hetzjagd nicht. Es muss aber wohl immer einen „schlimmen Finger“ geben, der niedergemacht werden muss. Zuletzt war es der „kleine Dribbelkünstler“, gelegentlich auch David Jarolim, und nun muss wohl Heiko Westermann in die „Bresche“ springen. Fürchterlich.

Natürlich war die HSV-Defensive nicht immer sattelfest, natürlich hat sich auch Westermann den einen oder anderen Klops erlaubt – aber wer nicht? Westermann macht Fehler, die Kollegen ebenfalls. Und selbst dann, wenn er nur dieses eine Tor verschuldet hätte, wäre er wohl wie die ärmste Sau durch das Dorf getrieben worden. Weil es zurzeit eben mal „in“ ist. Ein Wahnsinn.

Der HSV bekommt von den meisten seiner Fans jede Menge Chancen. Abwarten, geduldig sein, Ruhe bewahren – das wird schon. So habe ich es in diesen Tagen und Wochen gelesen. Und gehört. Gerade auch nach meinem „Angst-und-bange“-Artikel. Was gab es da für einen Aufstand! Aber bei Heiko Westermann, bei dem wird jetzt schon mal wieder so richtig Maß genommen. Der muss raus, weg, Ende, aus. Weil der HSV ja auch so viele Alternativen hat. Genug auf der Bank, genug auf der anderen Bank – nämlich die Finanzen. Dann holt man eben kurzerhand mal einen neuen Innenverteidiger. Basta. Nur weg mit Westermann. Wie billig ist das denn? Kritik ist ja erlaubt, Kritik soll auch sein – ber muss es gleich so radikal sein, dass man einen HSV-Spieler so restlos verdammt? Und, Eure Frage an mich, meine Frage an Euch: wem hilft das?

Es wäre schon toll, wenn HSV-Fans auch zu ihren HSV-Spielern stehen würden. Erst recht zu Beginn einer Saison. Auch das wurde mir ja vorgeworfen: Warum muss ich den HSV so schlecht schreiben und sehen – wem hilft das? So der immer wiederkehrende Vorwurf. Und? Was wird jetzt mit Westermann gemacht? Ist das besser? Hilft ihm das, die kommenden Aufgaben besser zu bewältigen? Es wäre wunderbar, wenn man hier irgendwann auch mal feststellen könnte: „HSV-Fans für HSV-Stars“!
Uneingeschränkt. Fast jedenfalls. Und gerade in der jetzigen Situation, wo es nicht einen Cent für neuen Spieler gibt. Nicht einen. Aber wenn ich zum Beispiel genau darüber schreibe und den Finger in die Wunde lege, dann gibt es hier ja auch den einen oder anderen kleineren Aufstand. Gut so.

Mir wurde ja verschiedentlich die Frage gestellt, warum ich Heiko Westermann in Oldenburg gut gesehen habe? Ich will das gerne erklären, obwohl ich durchaus weiß, dass ich damit nicht auf Verständnis stoßen werde. Egal: Habt Ihr HSV-Spieler gesehen, die während dieser 90 Minuten mal den Mund aufgemacht haben? Ich habe kaum mal einen gesehen. Außer Westermann. Der war bemüht, „Leben in die Bude“ zu bekommen. Ansonsten „Jupiter Jones“: „Still“. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, keiner ruft mal zur Ordnung auf, keiner stachelt an, muntert auf, sortiert di eigenen Reihen. Das war in Oldenburg auch wieder einmal so herrlich zu sehen. Nur Westermann war in diesem Punkt wirklich bemüht. Und, weshalb ich ihn auch gut finde: Er macht zwar (immer wieder) einige Fehler, aber er gibt nicht nur nicht auf, er lässt sich nie hängen, er gibt 90 Minuten lang auch alles. Der Mann reißt sich den Hintern auf. Machen das in dieser Form wirklich alle HSV-Spieler? Wer oft am Ball ist, wer sich bemüht, immer Einfluss zu nehmen, der macht zwangsläufig auch den einen oder anderen Fehler (mehr). Ganz normal. Ist übrigens auch bei David Jarolim so. „Jaro“ und Westermann wollen stets Verantwortung übernehmen, sie übernehmen auch tatsächlich Verantwortung, aber wenn es dann mal nach hinten losgeht, dann wird über sie hergefallen. Schon bitter.

Um auch das noch einmal zu sagen: Natürlich war der Fehler, den Westermann vor dem 1:1 beging, ein ganz schwerer Patzer, keine Frage. Darf eigentlich nicht passieren, passiert aber. Er war gedanklich nicht darauf eingestellt, dass der VfB-Spieler Ferrulli hinter ihm lauerte – und dann nach vorne preschte. Aber ein solches Ding passiert. Auch deshalb, weil man die Situation scheinbar völlig im Griff zu haben scheint. Das aber passiert ja nicht nur Westermann. Viel schlimmer fand ich in diesem Spiel, dass der Fünftliga-Klub in Halbzeit zwei gleich zwei riesige Kopfballmöglichkeiten hatte. Dortmund nutzt solche Dinger, ganz sicher. Da hätte der HSV dann zurückliegen können, und ob es dann noch zu einem Sieg gereicht hätte? Da habe ich meine Zweifel. Und wenn jetzt einige sagen, dass ja auch an diesen Kopfball-Chancen des VfB Heiko Westermann beteiligt war, so mag das ebenfalls stimmen – nur gibt es auch außen Spieler, die solche Flanken verhindern sollten. Über die aber spricht hier niemand.

So, Thema Westermann ist abgehakt. Es gab ja aber auch Erfreuliches in Oldenburg. Gökhan Töre zum Beispiel. Der größte Gewinner der Vorbereitung. Klassemann, der wird in meinen Augen nicht so schnell aus der Mannschaft verdrängt werden können. Und das ist auch gut so. Töre ist ein echter Vollblut-Fußballer, der will, der ist heiß – und der kann auch. Weil er die nötige Entschlossenheit hat, seine gedanklichen Vorhaben auf dem Rasen in die Tat umzusetzen.

Und ein positiver Posten beim HSV war auch Dennis Aogo. Der Nationalspieler hatet ja einen Tag vor dem Spiel von sich gesagt, hundertprozentig konzentriert in dieses Spiel gehen zu wollen – und er tat es auch tatsächlich. Nur habe ich so während des Kicks gedacht: Was nützt es ihm, wenn er hundertprozentig konzentriert in dieses Spiel geht, wenn andere Kollegen diese Einstellung vermissen lassen? Dann kann Aogo noch so viel „röteln“, wenn er auf zu wenig Gegenliebe in den eigenen Reihen stößt, ist auch er machtlos. Immerhin hatte er viele, viele gute Szenen vor allem in der Offensive. Er schoss auch wie ein „Wilddieb“, nur traf er nicht so recht was. Das könnte, das darf, das muss besser werden. Wenn Aogo seinen Trainer auf das Spielfeld sprinten sehen will. Und Michael Oenning hat das ja versprochen. Er will auf den Platz stürmen, wenn Aogo mal ein Tor schießt. Hatte der Coach ja auch für einen Treffer von Dennis Diekmeier angekündigt – aber der traf inzwischen ja schon mal (Groningen). Und da Testspiel-Tore auch zählen, war Oenning auch auf dem Platz . . .

So, an diesem Montag ist trainingsfrei. Und am Dienstag soll morgens noch Training sein (10 Uhr), und am Abend findet dann die offizielle Saisoneröffnung im Volkspark statt. Gegen den FC Valencia. Mir, nur mir ganz persönlich, passt dieser Termin gar nicht – im Sinne des HSV, denn am Freitag steht dann ja schon wieder kein ganz so unwichtiges Spiel auf dem Programm. Aber gut, damit müssen wohl Profis auch umgehen können. Und ich denke einmal, dass sich am Dienstag dann auch jeder HSV-Spieler dem Publikum präsentieren darf. Auf dem Rasen, während des Spieles gegen den Champions-League-Starter. So dass dann auch nicht die ganze Kraft in dieses Freundschaftsspiel gesteckt werden muss.

PS: An diese Montag wird der HSV-Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow in der TV-Sportsendung Rasant (HH1, 20.15 Uhr) Auskunft über den neuen HSV geben – Uli Pingel (Sportchef HH1) und ich werden die Fragen an den HSV-Boss richten.

16.34 Uhr