Tagesarchiv für den 28. Juli 2011

Arnesen: “. . . dann sind wir komplett”

28. Juli 2011

Hochbetrieb im Volkspark. Was war da wieder los! Unglaublich. Na gut, es sind Ferien, und dazu ist das Wetter gut (gewesen?), dann füllt es sich schon mal. Aber irgendwie schon beängstigend, wenn sich die Massen (an Fans) wie auf Kommando so durch dieses ganz, ganz kleine Tor zum Trainingsplatz pressen. Aber was tut man nicht alles für den HSV, da nimmt man wohl auch solche körperlichen Strapazen in Kauf. Ist ja für die Raute. Und man sieht ja auch allerhand. Heute zum Beispiel erst einmal nichts, denn die Mannschaft kam erst eine halbe Stunde nach zehn Uhr auf den Trainingsrasen. Dafür ging das Programm dann aber auch bis 12.20 Uhr – für nichts. Niemand muss auch nur einen Cent dazubezahlen, außer beim Eismann.

Zum Trainingsprogramm: Laufschule a la Günter Kern, dann ein Spiel ohne Tore (Direktspiel), auf einem Areal von 30 mal 30 Metern, dann wurden die Gruppe getrennt. Talente rechts, Stammspieler links. Die Jünglingen flankten, schossen und köpfte, die „Erwachsenen“ übten Standards, die vorzugsweise von Eljero Elia und Gökhan Töre in die Mitte gebracht wurden. Wobei ich mir dachte (ganz leise!): „Mensch, der gute Eljero, der wird heute, am Ende dieser Einheit, auch wissen, woran er noch zu üben hat.“ Wie gesagt, ganz, ganz leise gedacht, hat niemand gehört. Zum Abschluss gab es dann noch ein Spielchen (zwölf gegen zwölf!) über 20 Minuten. Sören Bertram schoss, nachdem zuvor Hanno Behrens aus einem Meter nur die Torlatte getroffen hatte, das 1:0 für die Talente (die mit Romeo Castelen spielten), aber die „Herren“ drehten das Spiel noch und gewann durch Tore von Marcell Jansen (wunderbarer Heber mit rechts!), Änis Ben-Hatira und Mladen Petric noch mit 3:1. Und Ende. Am Rande trainierte Jeffrey Bruma mit Reha-Coach Markus Günther (und auch schon wieder mit Ball!), und Marcus Berg, der zuerst mit der Mannschaft gelaufen war, drehte noch einige Runde für sich allein – bevor er früher in die Kabine ging.
Noch ein Satz zu Bruma, weil es viele nicht abwarten können, ihn wieder bei der Mannschaft zu sehen: Für das Spiel in Oldenburg wird der Niederländer, das steht fest, noch keine Rolle spielen, aber es ist geplant, dass er nächste Woche wieder ins Mannschaftstraining einsteigt.

Und noch einmal zurück an den Spielfeldrand: Dort gab heute Sportchef Frank Arnesen das wohl längste Fernsehinterview seines Lebens. Und wenn es nicht seines Lebens gewesen sein sollte (was ich mir nicht vorstellen kann), dann war es auf jeden Fall meines Lebens. Gefühlte 30 Minuten wurde der Däne befragt. Und er hielt eisern durch, behielt die Nerven und die Contenance. Kompliment. Zumal der Sportchef auch anschließend noch bei uns Halt machte – obwohl ein Mann mit Aktentasche unter dem Arm schon an der nächsten Ecke auf ihn wartete . . .

„Vor dreieinhalb Monaten bin ich beim HSV angefangen, nun geht es am Sonnabend mit dem Pokalspiel los. Ein sehr wichtiges Spiel für uns, und ich freue mich, dass es nun beginnt. Ich habe Vertrauen in die Mannschaft, es wurde gut trainiert, wir haben eine gute Atmosphäre – ich hoffe, dass wir das auch in diesem Spiel rüberbringen können“, sagt Frank Arnesen. Und wenn nicht? Hat er schon die eine oder andere Pokal-Überraschung der negativen Art erlebt? „Nein, ich nicht, aber das passiert. Man muss nur mal nach Frankreich blicken, das standen schon Klubs aus der fünften und vierten Liga im Pokalfinale. Im Fußball darf man niemanden unterschätzen, das ist die erste Pflicht.“

Es gibt auch heute nichts Neues von der Ein- und Verkaufs-Front. Guy Demel muss warten, der HSV muss warten. Und Mickael Tavares muss warten, der HSV ebenfalls. Bitter, bitter. Aber es gibt auch Erfreuliches: Am Dienstag werden Tomas Rincon und Paolo Guerrero wieder mit der HSV-Mannschaft trainieren, und am Donnerstag kommt dann Per Ciljan Skjelbred nach Hamburg. Arnesen: „Und dann sind wir komplett.“ Stand heute. Vielleicht gibt es ja aber doch noch Millionenden für Demel . . .

Apropos: Wenn jetzt Jonathan Pitroipa nach tritt, dann, so muss ich zugeben, kommt das für mich schon überraschend. Von jedem hatte ich es erwartet, aber nicht von dieser zarten Person. Und irgendwie hatte ich doch gehofft, dass er sich besser einschätzen kann, doch das ist wohl ein tragischer Irrglauben. Selbstkritik ist zwar schön und gut, Kritik an anderen ist besser. Dass der gute „Piet“ jetzt die Schuld für sein Scheitern in Hamburg und bei Michael Oenning sucht, ist fernab jeglicher Realität. Er selbst hat sich in diesem Jahr einen solchen Mist zusammengekickt, dass man beim HSV kaum noch um ihn kämpfen konnte.

Themenwechsel. Hier bei „Matz ab“ wurde nach dem Fan-Fest in Hippach (Video rechts) viel getuschelt – über Konditionstrainer Günter Kern. Der soll einigen „Matz-abbern“ gesagt haben, dass die „Engländer schlecht trainiert, nicht austrainiert sind“. Deshalb haben sich hier schon einige gefragt, wie er das gemeint haben könnte, denn Manchester United, Chelsea und Arsenal spielen doch ganz oben in Europa mit. Und dann schlecht trainiert? Nicht austrainiert? Wie kann Günter Kern das gemeint haben?

Ich habe ihn heute gefragt. Und er ist natürlich falsch verstanden worden. Er hatte nicht den englischen Fußball gemeint – natürlich nicht. Er hatte speziell Bruma und Töre gemeint, die in der letzten Saison einige Zeit verletzt waren, die deshalb um den Anschluss im konditionellen Bereich kämpfen müssen. Nur darum ging es. Ansonsten hat Kern eine ganz, ganz hohe Meinung vom englischen „Tempo-Fußball“ – und er sagte mir: „Wie die auf der Insel trainieren, das kann ich gar nicht beurteilen, weil ich dort noch kein Training gesehen habe. Aber die werden schon sehr gut trainieren, denn sonst könnten die nicht so einen Power-Fußball spielen.“ So ist es. Und ich hoffe: Thema erledigt. Oder nicht?

Und noch eines gibt es aufzuklären. Mich erreichte während des Trainings ein „Matz-abber“ (per Telefon), der sich besorgt darüber erkundigte, warum Fran Arnesen „so auf den Platz stürmte, um dann mit Michael Oenning wild gestikulierend zu sprechen“? Der Anrufer: „Da muss doch etwas im Busch sein. Wird Guerrero doch noch verkauft? Oder was ist da los?“

Ich habe den Trainer danach befragt, hier seine (gebührenfreie) Auskunft: „Alles ganz harmlos. Er hatte Sehnsucht und ist deshalb zu mir gekommen. Nein, im Ernst, es gab viele kleine Sachen zu besprechen, aber es war nichts Hektisches dabei, im Gegenteil, es war ein ganz positives Gespräch, und ich habe ihn, da er gestern frei hatten, schnell noch einmal auf den neuesten Stand gebracht.“ Also, alles ganz harmlos. Und auch das wurde jetzt nebenbei schnell aufgeklärt.

Zum Spiel am Sonnabend in Oldenburg. Heiko Westermann wird, das verriet Oenning schon einmal, die Mannschaft auf das Feld führen. Was nicht bedeutet, dass er auch in Dortmund der HSV-Kapitän sein wird. Die Entscheidung darüber fällt in der kommenden Woche – Mladen Petric hat also noch einige Tage Zeit, seinen Vertrag zu verlängern. Macht er es, hat der Kroate wohl beste Chancen auf die Binde . . .

Ich freue mich, das gebe ich zu, auf Tomas Rincon. Der soll ja eine ausgezeichnete Copa gespielt haben – vielleicht hat er sich ja mit diesem Turnier „freigeschwommen“. Was ich ihm wünschen würde. Und wenn hier zuletzt ein kleiner (großer?) Kampf um die Sechs oder Doppel-Sechs entstanden ist, so tauchte sein Name dabei eigentlich nie auf. Hat ihn Michael Oenning auf dem Zettel? Der Coach: „Warum sollte ich ihn nicht auf dem Zettel haben? Ich finde es ja toll, dass mit Peru und Venezuela zwei Mannschaften im Fokus standen, die vorher niemand auf der Rechnung hatte. Und dass die beiden HSV-Spieler so im Blickpunkt standen, ist doch höchst erfreulich. Und nun gucken wir mal, wie sie die ganzen Eindrücke verarbeitet haben, und dann bin ich von beiden überzeugt, dass sie sicherlich Ansprüche haben, in der ersten Formation zu stehen. Die Möglichkeiten sehe ich für beide durchaus gegeben, aber ob es dann auch so kommt, das werden wir sehen.“

Und wo ich gerade beim Kampf um die Sechs bin: Da mischt ja auch in diesen Tagen „Robert Tesche Fußballgott“ mit. Michael Oenning über den „Spätstarter“: „Robert ist ein junger deutscher Spieler, der sich hier durchgebissen hat, der jetzt in einem Alter ist, wo er sehr wertvoll werden kann. Ich erhoffe mir von ihm, dass er nun den Durchbruch schafft, dass er nun der Mannschaft weiterhelfen kann.“ Der Trainer weiter: Er hat jetzt einen großen Sprung nach vorne gemacht, seine größte Qualität ist sein Kopfballspiel. Er hat eine enorme Sprungkraft, da ist er von allen wohl der Beste, da kann er uns sehr helfen, sowohl offensiv als auch defensiv. Er ist zudem grundsolide ausgebildet, er ist beidfüßig, hat einen präzisen Schuss, er ist groß – er hat alles, was ein Fußballer braucht.“

Bislang aber hat sich Robert Tesche in meinen Augen ein wenig „versteckt“. Angst vor großen Namen? Oenning: „Er braucht Erfahrung und Selbstvertrauen, das ist etwas, was ihm vielleicht gefehlt hat, aber das kommt nun immer mehr zur Geltung. Er kann für uns ganz wichtig werden, es liegt nun an ihm, denn er steht in einem harten Konkurrenzkampf.“

Eines aber steht fest: Tesche ist einer der Gewinner der Vorbereitung. Er blüht in diesen Wochen auf, er mischt sich ein, er mischt mit, er zeigt seine fußballerischen Qualitäten. Und sagt über seine derzeitige Situation: „Der Trainerwechsel tat mir gut, der war wichtig. Und es sind viele alte Spieler gegangen, es wird auf die jungen Spieler gesetzt – das ist auch gut für mich.“ Er hat wohl unter dem einen oder anderen „Alten“ gelitten. Ich selbst habe es gesehen, wie Tesche im Training von einem „Arrivierten“ nicht gerade freundlich behandelt wurde, im Gegenteil, regelrecht „untergebuttert“ wurde. Joris Mathjsen trat ihn einige Mal um, und als Tesche endlich am Boden lag, da gab es für ihn auch noch die folgende Drohung zu hören: „Pass bloß auf, dich erwische ich auch noch mal . . .“ Obwohl er in schon schwer erwischt hatte.

Robert Tesche kann sich daran erinnern, sagt dazu rückblickend: „Ich weiß nicht, warum das damals geschah, aber es war so. Aber du hast Joris doch auch gekannt . . .“
Ja, habe ich.

Jetzt aber ist die Situation eine andere geworden. Tesche selbstbewusst: „Die Noch-Erfahreneren sind noch weniger geworden, ich habe jetzt ein bisschen mehr in dieser Mannschaft zu sagen. Die Stimmung in der Mannschaft ist besser geworden, und nun müssen wir eine neue Hierarchie finden. Wir müssen natürlich auch als Mannschaft besser arbeiten, als in der vergangenen Saison. Der HSV ist ein großer Klub, hat große Zeiten erlebt, ich will dazu beitragen, dass wir auf jeden Fall wieder bessere Zeiten erleben, als im letzten Jahr.“ Und er sagt weiter: „Wir haben jetzt weniger Individualisten, wir müssen mehr als Team arbeiten, und da bin ich ganz zuversichtlich, dass das auch klappen wird.“ Über das „jetzt“, über seine neue Situation sagt er nur: „Ich fühle mich wohl. Ich habe auch gemerkt, dass ich in der Vorbereitung gut gearbeitet habe, dass mir viel gelungen ist – es wäre schön, wenn es so weitergehen würde. Ich hoffe das natürlich, das muss auch so sein. Ich werde mich auf jeden Fall durchsetzen.“
Ja, so klingt er, der neue Tesche, der andere Tesche.
Ihr werdet es erleben, wie er in dieser Saison aufblühen wird.
Er will auch daran arbeiten, auf dem Platz lauter zu werden. Auch wenn er sagt: „Man kann das sicher lernen, aber das geht nicht von jetzt auf gleich. Das wird eine Umstellung für mich. Aber ich will das machen. Wenn man acht Spieler hat, die jünger sind als ich, dann muss man vorangehen. Dann muss ich sie auch führen. Das ist auch ein Ziel von mir.“

Kurz noch einmal zurück zum VfB Oldenburg. Die Niedersachsen waren früher auch mal ein unangenehmer Gegner für den HSV. Ganz früher. Und heute? Oenning: „Man kann in einem solchen Spiel nicht viel gewinnen, und dem musst du Sorge tragen. Aber ich glaube, dass da immer noch ein Bundesliga-Klub gegen einen Fünftliga-Vertreter spielt.“ Soll wohl heißen, dass nur der HSV diese Partie gewinnen kann. Oder auf jeden Fall sollte. Michael Oenning hat auf jeden Fall auch schon ein negatives Pokal-Erlebnis zu verkraften. Das war als Co-Trainer von Borussia Mönchengladbach: „Pokal-Halbfinale in Aachen. Wir stellten die Mauer falsch und kassierten so das entscheidende Tor. Aber zuvor hätte es zwei Handelfmeter für uns geben müssen, doch der Schiedsrichter pfiff sie nicht. Das werde ich nie vergessen, das war ganz bitter.“ Der Unparteiische war Edgar Steinborn, er pfiff dieses Spiel im März 2004 – es war das Ende (s)einer großen Karriere.

Am Freitag wird um 12 Uhr im Volkspark trainiert. Danach geht es per Bus nach (zuerst) Bad Zwischenahn.

19.02 Uhr