Tagesarchiv für den 26. Juli 2011

Die Mannschaft findet sich – Chapeau, Herr Töre!

26. Juli 2011

Ich bin also ein Fan von Dennis Diekmeier. Sagt zumindest „alnipe“ hier im Blog. Und ich widerspreche dem nicht einmal, weil ich den Jungen tatsächlich richtig gut finde. „Er ist ein super ehrlicher, geradliniger, mannschaftsdienlicher und mit einem unbändigen Willen ausgestatteter Spieler. Und er bringt sportlich alles mit. Er ist eben ein Rechtsverteidiger modernster Prägung.“ Worte, denen ich mich anschließe. Dennis ist ein extrem sympathischer, mannschaftsdienlicher Spieler mit enormem Potenzial. Hatte ich bei seinen ersten Auftritten vor einem Jahr in Österreich noch meine Befürchtungen, dass es fußballerisch bei dem pfeilschnelle Außenverteidiger reicht, sind diese Bedenken inzwischen großer Zuversicht gewichen.

So sah es Oenning mit deutlich mehr Weitblick schon in der vergangenen Saison. Und auch heute lobt er seinen Filius nach einer starken Vorbereitung in den höchsten Tönen. Selbst der Schritt in die A-Nationalmannschaft sei nicht mehr weit, so Oenning gestern. Worte, die der Gehuldigte sicherlich gern hört, die ihm aber fast ein wenig peinlich sind. Zumindest wirkte er darauf angesprochen leicht verlegen. „Oha, von der Nationalmannschaft zu sprechen ist sehr früh. Ich habe eine Saison lang fast nur pausiert. Jetzt muss ich erst mal die Vorbereitungstendenz in die Bundesliga retten und dort konstant bringen, bevor ich über irgendwas anderes rede.“ Dabei betonte Diekmeier aber auch, dass er natürlich die Nationalmannschaft als ein großes Ziel betrachte.

Dass auf dem Weg dahin Oenning eine besondere Person für ihn darstellt, daraus macht Diekmeier keinen Hehl. Im Gegenteil, er sieht in Oenning so etwas wie seinen fußballerischen Entdecker, seinen sportlichen Ziehvater. „Der Trainer kennt mich von klein auf, hat mich damals von Werder Bremen weggeholt und in Nürnberg in den Profibereich eingeführt. Und er hat mich nach meiner langen Verletzung in der letzten Saison gleich wieder reingeschmissen. Das ist auch nicht selbstverständlich. Aber wir kennen und vertrauen uns.“

Und sie pushen sich. So hat Diekmeier mit dem Cheftrainer eine Wette laufen. Er muss demnach bei seinem ersten Bundesligator einen Mannschaftsabend springen lassen. Auf der anderen Seite muss Oenning beim direkten Torjubel bis auf den Platz laufen. Eine für den eigentlich fast immer sehr gefassten Trainer nicht unbedingt einfache Sache… Und sollte zudem der ebenfalls nicht für seine Torgefahr bekannte linke Außenverteidiger Dennis Aogo zusammen mit dem rechten verteidiger, Diekmeier, in einem Spiel treffen, dürfen beide sofort im Anschluss an den Torjubel zur Belohnung den Platz gemeinsam verlassen. „Da traut uns jemand wohl nicht so viel zu“, scherzte Diekmeier heute und der vorbeigehende Aogo ergänzte: „Der wird sich noch wundern.“

Es ist diese Stimmung, die mich positiv in die Saison blicken läst. Sportlich gibt es noch nicht den großen Anlass, auf große Erfolge zu setzen, hier ist es bislang eben „nur“ Hoffnung. Aber wenn man sich ansieht, wie selbst der anfänglich auf Sylt divenhaft auftretene und von uns (mir inklusive) sehr hart dafür kritisierte Gökhan Töre inzwischen auftritt, zeigt das, dass diese Mannschaft einen Teamgeist hat, den wir schon lange nicht mehr hatten. „Wir haben eine überragende Harmonie im Team“, freut sich Diekmeier, der – so sagen es zumindest seine Kollegen – seinen Teil dazu beiträgt, „und das stimmt mich wie alle anderen sehr positiv für die neue Saison.“

Auch Töre. Der junge Deutsch-Türke hatte sich zuletzt öffentlich bewusst rar gemacht, weil er nach Sylt ziemlich verrissen wurde und sich attackiert fühlte. Diese Sensibilität rührt aus einer schlechten Erfahrung, die er als damaliges Riesentalent bei Bayer Leverkusen schon mal mit Medien machen musste. Dennoch stellte er sich heute und beantwortete unsere Fragen. Zurückhaltend zwar. Aber ehrlich.

Er deutete dabei auch an, selbst einen Fehler gemacht und daraus gelernt zu haben. „Wir haben in der Vorbereitung sehr hart an uns gearbeitet. Und ich auch an mir“, so der technisch versierte Zugang vom FC Chelsea, ehe er sich auf das Sportliche bezieht. „Die Mannschaft hat sich technisch, taktisch, konditionell und spielerisch stark verbessert. Wir sind deutlich stärker als zu Beginn der Vorbereitung“, so der 19-Jährige, der intern sogar eine Art Führungspersönlichkeit für die neuen vom FC Chelsea darstellt. Denn sowohl der weiter angeschlagene Jeffrey Bruma als auch Jacopo Sala und Michael Mancienne orientieren sich nicht selten an dem kantigen Mittelfeldspieler. „Ich weiß nicht genau“, antwortet Töre auf die Frage nach dem Warum, „wir kennen uns eben schon sehr lange.“ So schnell kann das eben manchmal gehen: Von der jungen Diva zum Hoffnungsträger mit Führungsqualitäten binnen weniger Wochen.

Chapeau, Herr Töre!

Dennoch schießt auch das noch keine Tore, werden die Kritiker unter Euch jetzt wahrscheinlich sagen. Und damit haben sie Recht. Aber sowohl der letzte Test gegen Groningen sowie das Turnier in Mainz waren sicher Gratmesser, die Aufschluss geben über die momentane Leistungsstärke der Mannschaft. „Unsere letzten Test waren sehr ordentlich“, befindet Diekmeier, der ob seiner Achillessehnenprobleme der Vorsaison noch immer mit Watte-Polsterung in den Schuhen spielt und der im DFB-Pokalspiel am Sonnabend in Oldenburg den nächsten Prüfstein sieht. „Das ist das erste Mal richtiger Wettkampf“, so der 21-Jährige, der selbst noch nie bei einem Pokalendspiel in Berlin war. Weder als Zuschauer noch als Spieler. „Den zu gewinnen ist unser nächstes Ziel“, so Diekmeier forsch. Es wäre immerhin der erste richtige Titel (ohne Uefa-Cup-Quali und Liga-Cup etc.) seit dem Pokalsieg 1987. Und damit auch der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Und eine ähnlich große Überraschung wie der Meistertitel Borussia Dortmunds 2010/2011.

Gefeiert wird unterdessen schon Paolo Guerrero. Der ebenso talentierte wie eigenwillige Angreifer konnte mit drei Treffern für Peru im Spiel um den dritten Platz der Copa America noch mal ein riesiges Ausrufungszeichen setzen. Und er rief angebliche Interessenten auf den Plan. So soll sich zuletzt auch Atletico Madrid um den 27-Jährigen bemüht haben. Allerdings weiß beim HSV noch niemand etwas davon. Bislang ist – wie in den bisherigen fünf Jahren in Hamburg – beim HSV kein Angebot für Guerrero eingegangen. Und auch wenn es hier einige gern hätten: die Wahrscheinlichkeit, dass ein Klub kommt, der für Guerrero nicht nur vier Millionen Euro Jahresgage raushaut sondern zudem auch dem HSV noch eine ordentliche Ablösesumme anbietet, ist mehr als gering.

Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass der bei der Copa ähnlich auffällige Tomas Rincon noch verkauft wird. Der gilt als äußerst günstiger Spieler. Und ganz entgegen der Bewertung von „Transfermarkt.de“ glaube ich, dass sich sein Marktwert nicht gesenkt hat, sondern weiter ansteigt. Immerhin war der defensive Mittelfeldspieler mit großem Kämpferherz stark an dem Halbfinaleinzug Venezuelas beteiligt. Und er wurde von den Fans zum besten Spieler des Turniers gewählt. „Beide kommen mit ordentlich Rückenwind zurück“, freut sich Oenning über die beiden Akteure, die am kommenden Montag zum Team stoßen sollen, während Neuzugang Per Skjelbred erst am 4. August, einen Tag vor dem ersten Saisonspiel in Dortmund, in Hamburg erwartet wird.

Egal wie, ich habe es im beruflichen wie auch im privaten Kreis schon des Öfteren gesagt: diese Mannschaft dieses Jahr ist vorher so schwer einzuschätzen wie lange kein HSV-Team mehr. Da ist von Platz sechs (Bayern, Dortmund und Leverkusen sind nicht zu holen, Schalke und ich glaube dieses Jahr auch wieder Wolfsburg auch nur sehr schwer) bis hin zum Abstiegskampf alles drin. „Es hängt sehr viel an einem guten Start“, warnen die HSV-Profis samt Trainer unisono. Seit Wochen. Und auch dem stimme ich zu 100 Prozent zu. Es ist ein schmaler Grat zwischen der proklamierten und offenbar auch gelebten Aufbruchstimmung sowie dem Frust, sollte es gleich zu Beginn nicht so laufen sollte), wenn sich eine Mannschaft derart neu formiert. Deshalb sind sowohl die Optimisten als auch die Pessimisten mit genügend Argumenten für ihre Thesen ausgestattet.

Und wer sich hier auch übers Wochenende im Blog aufgehalten hat, der weiß, was ich damit sagen will. Denn ohne hier eine Diskussion neu aufmachen zu wollen – bitte, bleibt kritisch. Das ist gut, sehr gut sogar. Davon lebt der Blog, das ist für uns alle fruchtbar. Aber bleibt dabei immer auch sachlich, nicht beleidigend. Schon gar nicht persönlich. Denn nur dann ist es konstruktiv. Und wenn wir von der Mannschaft erwarten, dass sie als Team sportlich wie menschlich harmoniert und folglich auch funktioniert, dann sollten wir das von unserer insgesamt noch immer überdurchschnittlich harmonischen Blog-Gemeinde allemal verlangen dürfen. Dazu zählt eben auch, Meinungen gelten zu lassen, die einem nicht oder auch mal überhaupt nicht gefallen. Jeder kann und darf sich doch irren. Der HSV, Ihr, Dieter und ich. Wir alle. Und: Wie sehr man sich irren kann, hat mir persönlich Dennis Diekmeier gerade bewiesen.

In diesem Sinne, machen wir einfach weiter und hoffen wir auf einen guten Saisonstart. Denn, und das könnt Ihr mir glauben, den wollen wir alle. Der Verein, Ihr Blogger, die restlichen Fans und wir Blogschreiber.

Scholle (19.28 Uhr)

Kurz notiert:

- Am Mittwoch ist trainingsfrei.

- Neben Mladen Petric (mit Kroatien am 8. August zum Freundschaftsspiel ggen Irland) wurden auch Heung Min Son und Muhamed Besic für ihre Nationalmannschaften nominiert. Besic für das Testspiel von Bosnien und Herzegowina gegen Griechenland und Son für die Partie Südkoreas gegen Japan (beide Spiele finden am 10. August statt). Allerdings hatte Son schon vor Tagen bei Michael Oenning angesagt, dass er für einen optimalen Bundesligastart seiner Nationalelf absagen wolle.