Tagesarchiv für den 25. Juli 2011

Oenning: „Ich glaube, Mladen verlängert”

25. Juli 2011

Stimmungslagen sind bei ihm nicht immer leicht erkennbar. Michael Oenning zählt zur ruhigen Sorte, er ist einfach schwer aus der Ruhe zu bringen. Zumal dann, wenn es wie im letzten Test gegen den FC Groningen sportlich vernünftig läuft. Mit 4:0 hatten Rückkehrer Mladen Petric und Co. die Niederländer im Ablösespiel für Marcus Berg bezwungen. Und dabei ausreichend Ansätze zur Verbesserung, aber eben noch mehr positive Erkenntnisse geliefert. Insbesondere auf der Torwartposition kam dank einer starken Leistung von Jaroslav Drobny nach dessen langer Verletzungspause endlich Entwarnung. „Allerdings habe ich mir nie Sorgen gemacht“, lässt sich Oenning auch diesmal nicht aus der Reserve locken, „und ich finde, Jaro hat das gezeigt, was wir uns alle erhofft hatten. Wer den Beweis brauchte, der hat ihn gestern geliefert bekommen.“

Drobny agierte dabei sicher. Er beherrschte den Strafraum – sogar bei einem zweifelhaften Foulelfmeter, den er entschärfte – und gefiel mit lauten Ansagen. Die er ansonsten auch tätigt, wie er betont: „Jetzt habt ihr es nur endlich mal selbst gehört, weil da nur ein paar Tausend waren. In Dortmund vor 80000 heißt es dann wieder: ‚Der Drobny ist zu ruhig’. Dabei bin ich immer der gleiche Jaro.“

Einer, der in die neue junge Mannschaft passt. Der Tscheche mit der Schuhgröße jenseits menschlicher Maße ist ein Mann des trockenen Humors fernab von Allüren. Im Gegenteil: Drobny bringt sich ein, nimmt sich selbst nicht zu wichtig und stellt die Mannschaft vor sein Ego. Als Indiz dafür ist das hervorragende Verhältnis zu seinen beiden Torwartkonkurrenten Tom Mickel und Wolfgang Hesl ebenso zu sehen wie die Tatsache, dass der als neue Nummer eins geholte Torwart zuletzt eine ganze Saison lang ruhig blieb und loyal als Nummer zwei hinter Frank Rost agierte. „Drobo ist ein Typ, wie ihn jede Mannschaft braucht“, lobt Drobnys Freund und Landsmann David Jarolim, „er hat übermäßig sportliche wie menschliche Qualität.“

Klingt gut. Genau so, wie Drobny gegen Groningen gehalten hat. „Wenn ich dazu addiere, dass Tom Mickel und Wolfgang Hesl in der Vorbereitung ihre Sache ebenfalls gut bis sehr gut gemacht haben, kann ich konstatieren, dass wir auf der Torwartposition kein Problem haben“, freut sich Oenning, der auf die Frage nach der Nummer zwei ausweichend reagiert, allerdings einmal mehr Mickel lobt. So sei die vor Wochen angekündigte Suche nach „einem jungen, deutschen Torhüter mit Perspektive“ mit dem 21-jährigen Mickel abgeschlossen: „Er hat das sehr gut gemacht.“ Zudem sei diese Personalie auch „eine Sache der Möglichkeiten“, wie Oenning ergänzt. Und da heißt es: sparen, wo es geht. Deshalb ist Mickel ab sofort die Nummer zwei. Auch wenn Oenning das nicht direkt bestätigen will, kündigt er an, es Mickel und Hesl in diesen Tagen selbst sagen zu wollen. Oenning: „Die Torhüter brauchen Klarheit.“

Die wird es auch in Sachen Kapitänsfrage geben. Allerdings noch nicht in dieser Woche. Erst wenn alle Spieler zusammengekommen sind, soll hier eine Entscheidung gefällt werden. Im Lostopf sind neben dem aktuellen Kapitän Heiko Westermann auch Führungsspieler wie Dennis Aogo und Mladen Petric. Allerdings dürfte bei dem Kroaten entscheidend sein, ob er beim HSV verlängert. Hierüber soll noch bis Saisonbeginn am 5. August eine Entscheidung fallen. „Ich habe mich nach dem Spiel gegen Groningen lange mit ihm unterhalten. Ich habe den Eindruck, dass er ich hier sehr wohlfühlt“, wagt sich Oenning weit vor: „Und ich glaube, dass er verlängern wird. Auch wenn das nur eine Wasserstandsmeldung ist.“ Und: Sollte dem nicht so sein, würde Mladen keine große Rolle in POennings Kapitänsüberlegungen spielen.

Allein fürs Sportliche ist Petric weiter das Maß der Dinge beim HSV. „Er hat den letzten Pass, die letzte Aktion“, lobt Oenning die Qualitäten des Kroaten, der ggen Groningen sein erstes Spiel in der Sommervorbereitung absolvierte und noch Rückstand hat. „Bis er die komplette Wettkampfhärte hat, wird es noch dauern.“ Dennoch spielt Petric eine zentrale Rolle: „Er ist clever. Er ist so klug, dass er seine Stärken ausspielen wird.“ Und die beschränkeb sich weitgehend auf die letzte Aktion vor dem gegnerischen Tor. Oenning: „Mladen soll nicht links und rechts rumlaufen, dafür haben wir andere.“

Die Laufarbeit soll stattdessen Heung Min Son übernehmen, der in der Vorbereitung neben Dennis Diekmeier auffälligste Spieler. Ob Oenning sich auch vorstellen kann, mit Petric, Son sowie dem zurückkehrenden Paolo Guerrero zu spielen? „Klar.“ Ob er dafür Son auch außen spielöen lassen würde? „Theoretisch möglich. Aber die 18 Tore in der Vorbereitung sprechen eine deutliche Sprache und man muss überlegen, ob Sonni außen nicht verschenkt wäre.“ Deshalb ist Oenning auch in Sachen Spielsystem noch nicht hundertprozentig festgelegt.

Festgelegt hat sich der neue HSV allerdings taktisch. Wie in den Tests zu sehen, machen nicht mehr die Oenning-Männer das Spiel, sondern überlassen dies zumeist dem Gegner. Dafür funktioniert allerdings das schnelle Umschalten immer besser, wie gegen den FC Bayern und zuletzt Groningen deutlich zu sehen. Einzig die Defensive bereitet noch etwas Sorgen. Jeffrey Bruma, der als Sofortverstärkung für die Innenverteidigung gedacht war, ist durch seine andauernde Verletzungspause noch nicht voll integriert. Michael Mancienne macht seine Sache bislang sehr ordentlich, während Heiko Westermann daneben noch etwas wackelig wirkt.

Das wiederum ganz im Gegenteil zu den beiden Außenverteidigern Dennis Aogo und Dennis Diekmeier. Insbesondere Diekmeier wusste in der Vorbereitung positiv zu überraschen und gilt neben Son – wie oben bereits erwähnt – als einer der großen Gewinner der Vorbereitung. „Dennis hat hervorragend gearbeitet“, lobt Oenning seinen Filius, den er schon seit dessen 17. Lebensjahr unter seinen Fittichen hat. „Den hab ich mir von klein auf ausgesucht“, freut sich Oenning, „und er ist inzwischen ein Rechtsverteidiger modernster Prägung. Er hat den unbändigen Willen, ist ein ganz sympathischer, bescheidener Kerl, der sich immer voll in den Dienst der Mannschaft stellt. Dazu ist er sehr reif und mutig geworden. Er hat eine Schnelligkeit, mit der nur wenige Gegenspieler etwas anfangen können und eine sehr gute Flanke“, lobt Oenning und sieht seine Entdeckung auf dem Weg gar auf dem Weg zur A-Nationalmannschaft: „Wenn er eine konstante Saison spielen kann, wird er sich auch für höhere Aufgaben empfehlen können.“

Nicht besonders erfreut hat Oenning indes David Jarolims beleidigte Reaktion, nachdem er mit den Jungspielern zunächst das Kurzturnier spielte und am, Sonntag gegen Groningen erst in der 65. Minute für Robert Tesche eingewechselt wurde. Zudem gefällt Oenning die Zentrale im Mittelfeld defensiv noch nicht. „Wir haben insgesamt noch immer zu viel zugelassen“, fasst er Abwehr und Mittelfeld zusammen und signalisiert, dass sich personell auf der Sechserposition noch nichts entschieden hat. Auch nicht für arrivierte Spieler wie Jarolim. „Ich bin kein Freund von Stammplätzen“, so Oenning, „brauche ich zentral zwei Offensive oder zwei Defensive – bei mir hängt die Aufstellung am jeweiligen Schwerpunkt.“ Dass Jarolim leicht angesäuert reagierte, beeindruckt Oenning indes wenig: „Heute war er schon wieder ganz normal. Es ist mir lieber, er grummelt ein bisschen, als dass er sich verweigert. Auch Jaro wird das lernen. Da bin ich mir sicher.“ Zumal die Auswahl auf der Sechs groß ist. Mit Kacar, Tesche, dem zurückkehrenden Rincon sowie natürlich dem Zugang Per Skjelbred stehen inklusive Jaro gleich fünf potenzielle Kandidaten parat. Muhamed Besic, der sich selbst gern auf der Sechs sieht, mal als reinen Verteidiger gerechnet…

Gerechnet werden müsste auch für den Fall, dass es ein gutes Angebot für Paolo Guerrero geben sollte, der sich nicht zuletzt dank seiner drei Treffer im Spiel um Platz drei bei der Copa America empfohlen hat. Trotzdem sagt Oenning: „Im Moment gibt’s da gar nichts zu diskutieren.“ Dennoch schränkt auch er ein: „Kommen plötzlich 20 Millionen, müssen wir darüber nachdenken. Das ist im Fußball ja immer so. Aber selbst dann würde das für mich nicht automatisch bedeuten, dass wir ihn gehen lassen.“

Gerade erst richtig angekommen ist – und damit schließt der Blog – Drobny. Der setzte sich heute zu uns, beantwortete in aller Geduld unsere Fragen. Er wirkte so ruhig, wie man es sich von einem Torwart erhofft. Er lobte seine Torwartkollegen und ließ sich nicht aus der Reserve locken – stattdessen umschiffte er geschickt die von uns angefragte Saisonprognose. „Es ist hier nichts mit dem letzten Jahr zu vergleichen“, so seine überlegte Antwort, „und darüber zu sprechen, was wir erreichen, bringt auch nichts. Wir schauen von Spiel zu Spiel – und wollen den maximalen Erfolg. Und ich bin von der neuen Mannschaft überzeugt.“

Eben so wie wir – zumindest meine Kollegen und ich – von ihm.

In diesem Sinne, morgen wird um 10 und voraussichtlich 16 Uhr (je nachdem wie die Fototermine verlaufen) trainiert.

Bis morgen,

Scholle (18.50 Uhr)

P.S.: Für die nächsten drei Wochen absolvierte der ehemalige Dortmund-Profi Jörg Heinrich beim HSV sein Praktikum, das er für den Lehrgang zum Fußballlehrer benötigt. „Ich wollte in meiner Heimatstadt Berlin bleiben, aber dort war bei Hertha kein Platz“, so der ehemalige Nationalspieler, „deshalb war Hamburg für mich am nächsten.“ Zumal er zum HSV eine besondere Beziehung hat: „Als Kind war ich HSV-Fan. Das relativierte sich zwar ein wenig, als ich selbst als Profi für andere Klubs spielte. Aber ganz wird man so etwas eben nie los…“