Tagesarchiv für den 20. Juli 2011

0:2 – Mickel verhinderte Schlimmeres

20. Juli 2011

Der HSV hat es nicht geschafft, mit einem Titelgewinn in die Saison zu starten. Das Endspiel um den T-Home-Cup ging in Mainz mit 0:2 gegen den Meister Borussia Dortmund verloren – klar und verdient. Bis auf eine gute Möglichkeit hatten die Hamburger keine Chance, einen Treffer zu erzielen, Dortmund bestimmte über die meiste Spielzeit eindeutig das Geschehen. Zwei solche Spiele auf höchstem Niveau, also gegen den FC Bayern und gegen Dortmund, kamen in dieser Phase der Saison noch zu früh für den HSV, denn die ungewöhnlich harte Vorbereitung hat ganz sciher allen viel, viel Kraft gekostet. Dennoch: Es ging in Mainz um nicht viel, der HSV hat sich in beiden Auftritten nicht schlecht verkauft – nun muss der Feinschliff erfolgen, so dass es dann in der Bundesliga besser klappt. Und wer weiß, wofür diese Niederlage auch im Hinblick auf den 6. August gut war, wenn der HSV in Dortmund um Punkte kämpfen muss? Vielleicht sind die Borussen dann ja ein wenig überheblich – weil sie den HSV ja schon einmal in 60 Minuten 2:0 besiegt haben? Wer weiß?


Der mit Abstand beste Mann der ersten Halbzeit stand beim HSV im Tor: Tom Mickel. Wie der Keeper den Santana-Kopfball in der 6. Minute noch aus dem oberen Torwinkel fischte, das war schon sensationell. Danach parierte Mickel noch zweimal in höchster Not, und er lenkte einen Kagawa-Schuss noch mit viel Mühe über die Querlatte. Dem Torwart hatte es der HSV zu verdanken, dass es zur Pause noch 0:0 hieß. Die Dortmunder waren spielbestimmend, der HSV war nicht in der Lage, seine Linie so durchzuziehen, wie er es tags zuvor gegen die Bayern geschafft hatte.

Der BVB hatte sein Team gegenüber dem 1:0-Sieg gegen Mainz auf fünf Positionen verändert, der HSV begann in jener Formation, die auch schon in den ersten 45 Minuten gegen die Bayern begonnen hatte. Aber ich hatte den Eindruck, dass der HSV mit dem Meister mitspielen wollte. Was auch in den ersten fünf Minuten gut gelang, aber dann wurde Dortmund besser. Und der HSV stand lange nicht so geordnet und gestaffelt in den Räumen, wie 24 Stunden zuvor. Die Borussia war schneller, spritziger, beweglicher, engagierter, druckvoller und ideenreicher. Und der HSV leistete sich enorm viele, viele Fehlpässe. Aus solchen Fehlern sind Niederlagen gestrickt, aber Tom Mickel hatte etwas dagegen.

Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn Schiedsrichter Dr. Drees schon in Erstliga-Form gewesen wäre? Als Löwe in der neunten Minute Änis Ben-Hatira brutal umsenste, hätte es nur eine Karte geben müssen: rot! Aber der Unparteiische zog nur Gelb. Bitter.

Tormöglichkeiten für den HSV gab es im ersten Durchgang nicht, Heung Min Son stand meistens gegen drei, vier oder fünf Borussen total auf weiter Flur – und hatte natürlich keine Chance, sich da zu behaupten. Nur ein einziges mal „drohte“ ein HSV-Treffer, doch Son, der in der halblinken Position allein auf das BVB-Tor zulief, scheiterte an Keeper Langerak. Der HSV-Stürmer hatte seinen Schuss, den Ball in die lange Ecke zirkeln zu wollen, zu offensichtlich „angezeigt“ (11.).

Die Hauptlast hatte die HSV-Abwehr in diesem Spiel zu tragen. Und da gefiel mir besonders Michael Mancienne. Abgesehen davon, dass der Engländer das eine oder andere Mal zu viel zu Mickel zurückspielte, erledigte er seinen Defensiv-Job erstklassig. Für mich der beste Hamburger Feldspieler. Rechts ließ Dennis Diekmeier oftmals eine zu große Lücke, weil er sein Spiel in meinen Augen einen Tick zu offensiv ausgelegt hatte. Heiko Westermann war gegen Bayern München besser als diesmal, hatte auch einige Abspielfehler, die er sich tags zuvor nicht geleistet hatte. Dennoch, an seinem Engagement gibt es nach wie vor nichts auszusetzen, er kämpft, er rackert, er stellt sich total in den Dienst der Mannschaft – für die er auch diesmal als Kapitän auflief.

Links spielte Dennis Aogo einen souveränen Part, er beschränkte sich zumeist auf die Defensive und lag genau richtig damit. Zudem habe ich den Verdacht, dass Aogo dabei ist, sich eine „internationale Härte“ auch für die Spiele in Deutschland zuzulegen – gut so.

Vor der Abwehr verrichteten wieder Gojko Kacar und David Jarolim ihre Arbeit – mit Licht und Schatten. „Jaro“ eroberte so viele Bälle wie kein anderer Hamburger, aber er brachte nur jeden dritten dann auch an den eigenen Mann. Ähnlich sah es bei Kacar aus. Das geht ganz sicher effektiver, aber die Vorbereitung hat eben Kraft gekostet.

Vorne rechts begann Ben-Hatira unternehmungslustig – und viel besser als gegen die Bayern. Allerdings konnte er das von ihm vorgelegte Tempo nicht halten, er ließ stetig nach. Eljero Elia links konnte sich im Dribbling kaum einmal Richtung BVB-Tor durchsetzen, deswegen beschränkte er sich auch vornehmlich damit, sich im Mittelfeld aufzuhalten, um dort die Bälle zu halten und zu verteilen. Aber auch das gelang nicht so, wie es der Niederländer eigentlich könnte. Und wenn er nach hinten ging, dann offenbarte er doch einige Mängel, ein „defensives Auge“ wird Elia wohl nie bekommen. Siehe der verlorene Zweikampf vor dem 0:1, als er von Perisic ausgetanzt wurde (51.) – Santana köpfte unhaltbar ein (50.). Nur Sekunden später traf Zidan zum 0:2. Der ehemalige Hamburger, schoss, nachdem Mickel zuvor noch groß gehalten hatte, den Ball ins verwaiste Tor.

Zurück zu den Hamburgern: In der Mitte, zwischen Ben-Hatira und Elia, da versuchte sich auch diesmal Gökhan Töre – und er machte seine Sache in meinen Augen wiederum gut. Der Deutsch-Türke wurde zur Pause zwar ausgewechselt, für ihn kam Marcell Jansen, aber das hatte in meinen Augen nichts mit einer schlechten Leistung Töres zu tun. Im Gegenteil, so konnten alle sehen, wozu er in der Lage ist – und wozu Jansen. Bei dem deutschen Nationalspieler fehlt noch einiges.

Der HSV kehrt am Donnerstag aus Mainz zurück, das Training an der Arena ist für 12 Uhr geplant. Am Freitag geht es dann in die Niederlande, wo am Sonnabend in Zwolle ein Kurzturnier auf dem Programm steht. Gegner sind der VV Berkum und der FC Zwolle. Tags darauf steht dann um 14.30 Uhr das Testspiel beim FC Groningen an.

22.02 Uhr

Uwe Seeler: Ball ganz flach halten

20. Juli 2011

Heute werden sie wieder vor dem Fernseher sitzen, die HSV-Fans, und ihrem Klub im Finale des T-Home-Cups gegen Borussia Dortmund die Daumen drücken. Normal. Aber dieses Spiel wird erst um 20.30 Uhr angestoßen. Wo ich aber gerade bei Fernsehen und Fußball bin: Die Deutsche Presse-Agentur hat folgenden Meldung veröffentlicht:

Die Live-Übertragungen von der Fußball-WM der Frauen in Deutschland haben auch ausländischen Fernsehsendern Top-Quoten beschert. Am meisten Zuschauer fand das Turnier im Gastgeberland Deutschland, wo bis zu 17 Millionen Zuschauer die Spiele verfolgten – mehr als je zuvor bei einer Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Aber auch in den Heimatländern der Finalisten Japan und USA sowie in Frankreich, das im Halbfinale scheiterte, wurden Rekordeinschaltquoten erzielt, wie der Welt-Fußballverband FIFA mitteilte.

„Das sind schon für sich selbst genommen solide Zahlen“, sagte FIFA-TV-Direktor Niclas Ericson, „aber wenn man sie in Vergleich zu anderen großen Sportereignissen setzt, dann zeigt sich, dass die WM ein außergewöhnlich populäres Ereignis für die TV-Zuschauer war.“
Den Finalsieg ihrer „Nadeshiko“ (Prachtnelke) verfolgten in Japan trotz der Übertragung in den frühen Morgenstunden zeitweise bis zu 15 Millionen Zuschauer. Das sind 50 Prozent mehr als beim Finale der Fußballweltmeisterschaft der Männer 2010 in Südafrika.
In den USA erzielte der Sportsender ESPN mit 14,1 Millionen Finalzuschauern die höchste Quote seiner Geschichte für ein Fußballspiel. Während des Elfmeterschießens drückten zeitweise sogar mehr als 21 Millionen Amerikaner ihrem Team – vergebens – die Daumen. Durchschnittlich 2,3 Millionen Menschen verfolgten in Frankreich das Halbfinale zwischen dem französischen Team und den USA – mehr als je zuvor bei einem Frauenfußball-Spiel.

Ich möchte zu dieser Frauen-WM eigentlich nichts mehr sagen. Nur so viel: Ich frage mich, wieso es bei den Frauen dann, wenn es eine Verlängerung gab, keine (oder kaum) Wadenkrämpfe gegeben hat? Gelaufen sind die Frauen, das steht fest, enorm viel und lange, es kann also nicht daran liegen, dass sie sich während der 90 Minuten zuvor „geschont“ haben. Werden sie besser trainiert? Weiß jemand eine Antwort darauf?

Zum HSV. Und zum 2:1-Erfolg über die Bayern. Zum Überraschungssieg. Schon nach dem Schlusspfiff wurde ich mit den Ängsten eines HSV-Fans konfrontiert – das setzte sich an diesem Vormittag nahtlos fort. Alle fragten mich (oder verliehen ihrer Besorgnis Ausdruck): „Wenn nun Mladen Petric wieder fit ist, und wenn Paolo Guerrero von der Copa America zurück ist – was wird dann aus Heung Min Son?“

Gemach, gemach. Erstens ist Mladen Petric noch nicht restlos fit, zweites dauert es mit Paolo Guerrero noch, und auch Marcus Berg ist noch lange, lange nicht so weit. Und dann müsste Son ja auch seine tolle Frühform konservieren und noch lange halten. Es gibt also noch einige Fragezeichen.

Die grundsätzliche Frage aber, was mit Son wird, wenn die „Altmeister“ wieder an Bord sind, die hat Trainer Michael Oenning schon in meinem Interview beantwortet. Das Interview ist hier nebenan noch abrufbar, da hat der Coach schon über diese Problematik gesprochen – und Auswege aus dem „Dilemma“ aufgezeichnet.

Ich habe heute ganz kurz mit Uwe Seeler über den „neuen HSV“ gesprochen, und im Gegensatz zu früher, als „uns Uwe“ immer gern in die Luft stieg, um eine Dörfel-Flanke aus höchster Höhe mit dem Kopf ins gegnerische Netz zu befördern, bemüht er sich jetzt darum, den Ball flach, aber so etwas von flach zu halten.

Herr Seeler, Sie haben das Spiel gegen die Bayern sicher gesehen, was sagen Sie zur HSV-Leistung?

Uwe Seeler: Ich halte generell nichts davon, Ergebnisse der Vorbereitungsspiel zu bewerten, diese Spiele, diese Resultate haben noch überhaupt keine Aussagekraft. Dennoch muss ich sagen, dass mir dieses Spiel großen Spaß und Freude bereitet hat, denn der HSV trat erstmals seit langer. langer Zeit als Mannschaft, als echte Einheit auf. Weiter so, möchte ich sagen, aber ich bleibe auch dabei: nicht überbewerten, wir sind ja noch vor dem Beginn der Saison. Und ich bleibe trotz dieses schönen Sieges auch weiterhin dabei, dass der HSV vor einer schwierigen Spielzeit steht.

Herr Seeler, Sie haben ja aber auch sicherlich mitbekommen oder gelesen, dass beim HSV 2011 wesentlich härter trainiert wurde und wird, als in den Jahren zuvor?

Uwe Seeler: Das habe ich mitbekommen, natürlich, aber ein härteres Training halte ich im Profi-Sport für etwas absolut Selbstverständliches. Eine Mannschaft, die Erfolge feiern will, die muss über eine gesunde Fitness verfügen, denn das weiß doch jeder: ohne geht gar nichts.

Die Fitness scheint da zu sein, auch deswegen konnte die HSV-Mannschaft die Bayern besiegen. Was hat Sie am meisten dabei erfreut?

Uwe Seeler: Es war mir eine große Freude, die Spieler kämpfen zu sehen. Diesmal hat nicht einer allein für sich gekämpft, es haben alle für ihr Team gekämpft, das war wichtig. Es lief ein jeder für den Nebenmann, ich hatte das Gefühl, dass dort schon ein Rad ins nächste griff – und das war für mich absolut erfreulich zu sehen. Dennoch warne ich, daraus schon Rückschlüsse für die ganze Saison zu ziehen. Sicher gibt dieser Erfolg neues Selbstvertrauen, aber man darf nicht vergessen, dass bei den Bayern ja auch noch einige Spieler gefehlt haben. Und was wäre gewesen, wenn die Münchner ein, zwei Chancen, die sie in der ersten Halbzeit hatten, genutzt hätten? Ich sage das nur, weil ich damit nur verhindern möchte, dass der HSV nun schon wieder von vielen hochgejubelt wird. Ich habe einfach nur die Angst, dass man einen solchen Sieg überbewertet. Und: Lasst uns doch erst einmal das Finale gegen Dortmund abwarten . . .

Grundsätzlich ist es doch aber so, Herr Seeler, dass man nicht mit einem HSV-Sieg über den Rekordmeister rechnen konnte. Das müsste doch aber auch dazu führen, dass einige Skeptiker, die den HSV in diesem Sommer schon in Abstiegsgefahr versinken sahen, doch ein ganz klein wenig umdenken können, oder?

Uwe Seeler: Es wäre auch für mich ganz toll, wenn es in dieser Saison besser laufen würde, als viele Fans es nach der vergangenen Saison erwarteten – denn dann wird unser Herz nicht so sehr strapaziert.

So, kurz noch zum Sportlichen: Heung Min Son, der kurz vor Ende des Bayern-Spiel so übel von Holger Badstuber gefoult worden war, hat zwar eine Fußprellung erlitten, die am Abend auch noch Schmerzen verursacht hatte, aber am heutigen Vormittag konnte der Südkoreaner (der übrigens von Münchens Trainer Jupp Heynckes ehr gelobt wurde!) schon wieder ohne Einschränkung mit der Mannschaft trainieren. Also wird er (wohl) auch gegen Dortmund zum Einsatz kommen.

Wer im Tor stehen wird, das ließ Michael Oenning noch offen, die Entscheidung fällt zwischen Wolfgang Hesl und Tom Mickel, Jaroslav Drobny steht noch nicht zur Diskussion.

Ich melde mich nach dem Finale wieder.

PS: Im vorherigen Beitrag ist ein Video vom HSV-Ausflug (und -“Training”) während des Trainingslagers in Österreich auf den Hintertuxer Gletscher zu sehen.

16.16 Uhr