Tagesarchiv für den 18. Juli 2011

Das erste große Etappenziel steht kurz bevor

18. Juli 2011

Eine Woche Urlaub – und man ist raus. Zumindest dann, wenn man nach Belgien in einen Center Parc fährt und dort nicht mal auf eine aktuelle „Bild“ zurückgreifen kann und die Alternative Internet Roaming-Kosten in unvorstellbarer Größenordnung auslöst. Aber gut, dafür erholt man sich ein wenig intensiver – und so soll es ja eigentlich sein.

Ich bin erholt. Gut sogar. Und ich freue mich, in dem einen oder anderen Punkt inzwischen eines Besseren belehrt zu werden. Genauer gesagt, im Fall Gökhan Töre. Meine Kollegen Kai Schiller und Blogvater Dieter waren mit in Österreich und konnten mir bislang nur Gutes über den Deutsch-Türken berichten. Zwei Urteile, denen ich sehr viel Kompetenz beimesse und die mich optimistisch stimmen. Schließlich hilft es dem HSV. Ebenso wie die Tatsache, dass bei der Copa America aktuell nicht wie gewohnt Argentinien und Brasilien von Runde zu Runde marschieren, sondern Peru und Venezuela mit Paolo Guerrero und Tomas Rincon. Zwei Spieler, die dem HSV gehören, aktuell zwar deshalb auch noch fehlen, dafür aber mit Positiverlebnissen zum Team stoßen werden. Eine Woche Urlaub erhalten beide nach ihrem jeweiligen Turnierende – nicht ausgeschlossen, dass sie also beim Saisonauftakt am 5. August in Dortmund schon dabei sind. „Sie werden eine Menge Rückenwind haben“, freut sich auch HSV-Trainer Michael Oenning, „und das wird uns helfen.“.

Dass Rincon sich im Viertelfinale in der dritten Minute der Nachspielzeit zu einer (hart formuliert:) Tätlichkeit hinreißen ließ, ist bitter für den Defensivallrounder, der für Venezuela bislang überragende Auftritte als Sechser hingelegt hat. „So kurz vor einem so großen Ziel ist das sicher hart“, misst Oenning der bevorstehenden Sperre einen bitteren Beigeschmack. Dass Rincon dadurch – sollte er für den Rest des Turnieres gesperrte werden – schon jetzt seinen Urlaub antreten könnte wischt Oenning mit einem Lächeln weg. „Er soll beim Team bleiben. Es ist seine Mannschaft und sein Turnier.“ Und wer Rincon kennt, der weiß, dass sich der 23-Jährige auch von außerhalb voll mit seiner Mannschaft identifiziert und alles gibt…

Das Verständnis Oennings für die beiden Nachzügler ist für mich zwar selten, aber andererseits auch nur die Fortsetzung dessen, was ich mir vom Trainingslager in Österreich habe berichten lassen: Es wächst endlich wieder eine Mannschaft heran, die Eigenleben hat. Keine Ansammlung von Stars und Qualität, die mal funktioniert und mal eben nicht. Nein, es soll (ich muss leider noch bis zur eigenen Überzeugung im Konjunktiv sprechen) ein richtig homogener Haufen sein, der es sogar mal krachen lässt. Ja, die Mannschaft hat einen Mannschaftsabend hingelegt, der diese Beschreibung auch rechtfertigt. Ganz die alte Schule. Eben so, wie ich es in den letzten ein, zwei Jahren vermisst hatte. Da hatte ich immer gehofft, dass sich die Mannschaft mal in einen Bierkeller oder dergleichen einschließt und richtig die Sau rauslässt. Dass die Mannschaft mal als geschlossene Einheit ohne Rücksicht auf etwaige Verluste etwas zusammen durchzieht. Durch solche Aktionen entwickelt die Mannschaft Gemeinsamkeiten. Ich kann nur aus eigener Erfahrung berichten, dass zumeist ausgerechnet die grauesten Mäuse der Mannschaft groß aufgezogen sowie positiv überrascht haben. Das waren Abende (manchmal auch Ausfahrten), von denen wir noch lange zehren konnten.

Einen solchen Abend hat nun also der neue, der junge HSV hinter sich. Sauber! Zudem hat sich Töre gefangen und super eingebracht. Perfekt. Denn eines ist klar: Fußball kann der Junge. Und auch wenn Oenning in Sachen taktischer Disziplin noch Mängel sieht, Töre hat etwas, was andere eben nicht haben, Eljero Elia, Mladen Petric und in meinen Augen auch Guerrero mal ausgenommen. Gökhan Töre kann Fußball, er hat Technik, Kraft, Schnelligkeit, Zweikampfstärke, einen super linken Fuß (Schussstärke) und eben den Schuss Genialität, der ihn auf Sylt hadern und in Österreich so positiv überraschen ließ. Kurzum: er ist eine kleine Wundertüte, auf die wir alle zusammen hoffen können und dürfen.

Gleiches galt lange für Heung Min Son. Wobei ich die Vergangenheitsform bewusst für den jungen Südkoreaner gewählt habe, weil ich glaube, dass er schon weiter ist als das eine oder andere Talent. Und dass er endlich den Durchbruch schafft. Den Durchbruch, den er schon letztes Jahr in der Sommer-Vorbereitung angedeutet hatte und der ihm nur deshalb verwehrt blieb, weil ihn ein zuvor massiv gehörnter Chelsea-Spieler ebenso übermotiviert wie unbeabsichtigt den Mittelfuß brach. Anschließend kam Son nicht mehr so richtig auf die Beine, spielte extrem schwankend und fiel nach den Asien-Meisterschaften im Januar sogar in ein Leistungsloch. Eins, aus dem er sich mittels harter Trainingsarbeit (Son trainiert nach den HSV-Einheiten allein weiter, legte im Urlaub sogar regelmäßige Trainingseinheiten mit seinem Vater hin) inzwischen selbst herausgeholt hat. Jetzt trifft der 18-Jährige, wie er will. Jetzt haut der Teenie sogar Freistöße unter die Latte, wie es nur wenige können.

Aber gut, nicht umsonst wählte ihn auch der HSV als neues Symbol für den Aufbruch. In der neuen Imagekampagne „Nur der HSV“ zieren Oenning (Text: „Nur die Ruhe“) und ein brüllender Son („Nur der Sturm) den Titel eines inhaltlich gehaltvollen Versuches, dem Fan den HSV näher zu bringen. Dafür wird mit der bildhübschen Moderatorin Maike Sidka sowie der zudem erfahrenen ehemaligen Aufnahmeleiterin von HH1, Julia Papke, nichts dem Zufall überlassen. Via Telekom-Pay-TV können die Fans künftig exklusive Einblicke in alle Geschehnisse rund um den HS haben. Jeden Tag produziert das neue HSV-Medien-Team (auch Mediendirektor Jörn Wolf moderiert einen Tag die Woche) 45 Minuten über den HSV, zeigt dabei von Kabinengesprächen bis hin zu Reportagen alles, was das Fan-Herz begehrt.

Ich weiß, das klingt jetzt, als würde ich Werbung machen wollen. Und ganz ehrlich: das will ich auch. Denn ebenso wie ich von Son überzeugt bin, hat mich die heutige Präsentation begeistert. Da wurden uns Videos aus dem Trainingslager vorgespielt, die Spieler (oder in diesem Fall: den Trainer) mal von einer anderen, privaten Seite zeigen. Ein Format, das bislang nur der BVB durchzieht – aber ganz sicher eins, das Zukunft hat. „Das gesamte Projekt symbolisiert den Aufbruch, den wir starten wollen und teilweise schon starten konnten“, freut sich auch Klubboss Carl-Edgar Jarchow.

Der Vollständigkeit halber hier auch die Kosten: 14,95 Euro kostet das Monatsabo. Genau so viel wie Liga-Total! Ansonsten monatlich. Kombiniert Ihr beide Pakete zahlt Ihr 19,95 Euro.

Und wo wir gerade bei Liga Total sind, der gleichnamige Cup beginnt am Dienstag in der neuen Coface-Arena des FSV Mainz 05. Zu Beginn muss der HSV gegen niemand geringeres als den FC Bayern antreten, der sich, wie eigentlich jedes Jahr, hochkarätig verstärkt hat und momentan nach eigener Aussage richtig gut drauf ist. „Das werden die ersten Spiele unter anderen Voraussetzungen“, sagt Oenning, „jetzt wird es darum gehen, richtig stabil zu sein. Jetzt können wir gucken, wie weit wir sind.“ Dass mit Petric (trainiert zusammen mit Castelen in Hamburg weiter), Guerrero und Per Skjelbred wichtige Spieler fehlen, will Oenning nur bedingt als mildernde Umstände gelten lassen. „Wir werden schon ein Team aufstellen, dass Paroli bieten kann und soll. Ich hänge das Turnier nicht zu hoch, aber wir wollen schon versuchen, unsere eigenen Qualitäten zu zeigen.“ Ob Jeffrey Bruma (Achillessehnenprobleme) schon dabei ist, hängt von der medizinischen Abteilung ab. „Kriegen wir grünes Licht, nehme ich ihn in meine Planungen auf“, so Oenning. Eine endgültige Entscheidung soll erst am Dienstag nach der Morgeneinheit (8 Uhr) fallen, kurz bevor es um 11 Uhr per Flieger gen Mainz geht.

Relativ klar ist dabei allerdings, dass Son im Angriff auflaufen wird. Zum einen mangels Alternativen, aber noch mehr ob seiner aktuellen Form nach nunmehr 15 Treffern in der Vorbereitung. Der Südkoreaner bekommt also weiter die Möglichkeit, sich im Angriff zu positionieren. Dort, wo ihm schon ab dem Wochenende Mladen Petric den einen Platz im Sturmzentrum streitig machen will und wo auch Guerrero seine Stärken sieht. Eben dort, wo ich am meisten gespannt bin, wofür (System und dessen Besetzung) sich Oenning schlussendlich entscheiden wird.

Allerdings ist es eine Spannung, die ich sehr gut ertragen kann, denn genau so soll es sein: Junge Spieler mit überdurchschnittlichem Leistungsniveau machen den arrivierten Stars mächtig Druck. Sollte das auch mit Skjelbred (der 24-jährige Norweger ist ja zumindest ein „junger Bundesligaspieler“) und Töre fürs Mittelfeld sowie Bruma und Michael Mancienne für die Abwehr funktionieren, hätte der HSV in meinen Augen sein erstes großes Ziel der diesjährigen Vorbereitung erreicht.

In diesem Sinne,: Nur die Ruhe! Nur der HSV!

PS: Videos vom Trainingslager im Zillertal sind in den vorherigen Bericht: “Oenning: Das hat sehr viel Spaß gebracht” zu sehen. Interviews mit David Jarolim, Teammanager Marinus Bester und mit Trainer Michael Oenning, dazu auch ein Video vom großen HSV-Fans-Fest in Hippach. Viel Spaß beim Ansehen!

Scholle
(19.33 Uhr)